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Peter Schöttel wurde vom ÖFB als Sportchef hinausgeworfen, nachdem die Kritik verbandsintern immer größer wurde. Einblick in eine Entfremdung zwischen Schöttel, dem Fußballbund und Teamchef Ralf Rangnick.
Seinen letzten Tag als ÖFB-Sportchef absolvierte Peter Schöttel ähnlich stoisch wie seine neunjährige Amtszeit. Obwohl er am Vorabend durch Medienberichte von seiner geplanten Entlassung erfuhr, erschien der 59-Jährige pünktlich zur Aufsichtsratssitzung letzten Freitag, hielt eine kurze Analyse und nahm danach seine Ablöse „zur Kenntnis“. Von den Entscheidungsträgern wurden ihm Passivität und fehlendes Leadership vorgeworfen. Schöttel, so wird der WZ von Entscheidungsträgern berichtet, entgegnete, „dass er eben so ist, wie er ist“.
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Die Amtszeit des Wieners war von Kritik begleitet – trotz zweier EM-Teilnahmen, der ersten WM seit 28 Jahren und dem Trainerengagement des Kapazunders Ralf Rangnick. Trägheit und fehlende Visionen wurden Schöttel innerhalb des Verbandes regelmäßig vorgeworfen. Aber warum kam es ausgerechnet jetzt zur Trennung? Die WZ gibt Einblick in eine schleichende Entfremdung und die Hintergründe für das überraschende Ende.
Die Ablöse von Schöttel wurde vergangenen Freitag einstimmig – mit drei Enthaltungen – beschlossen. Man wünsche sich künftig „einen aktiveren Sportdirektor“, heißt es aus dem ÖFB-Aufsichtsrat auf WZ-Nachfrage.
Dabei war Schöttel 2017 gerade wegen seines devoten Naturells zum höchsten Fußballmanager des Landes ernannt worden. Die ÖFB-Bosse wollten damals den erfolgreichen, aber zu dominanten Sportdirektor Willi Ruttensteiner absägen – und ernannten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den ÖFB-Nachwuchscoach Schöttel zum Nachfolger, obwohl der nach eigener Aussage „kein Konzept“ parat hatte. Landespräsident Johann Gartner erklärte: Man habe jemanden gesucht, der sich „auch etwas einreden lässt“.
Stöger, Freund und Rangnick
Schöttel präsentierte sich tatsächlich nachgiebig. Anfangs wollten die ÖFB-Bosse selbst den Teamchef aussuchen und verlangten von Schöttel in Gutsherrenart drei Kandidaten zur Auswahl. Das Ergebnis: Franco Foda, der mit einer zur Offensive neigenden Mannschaft defensiven Fußball spielte. Schöttel sah dem Dilemma trotz großer mannschaftsinterner Kritik viereinhalb Jahre zu. Als Foda 2022 entlassen wurde, nachdem er die WM-Qualifikation auf dem vierten Platz beendet hatte, wollte Schöttel seinen Freund Peter Stöger als Nachfolger – einen ähnlich defensiv denkenden Trainer. Doch dann wurde er einfach übergangen. Der damalige ÖFB-Präsident Gerhard Milletich holte den Rat von Ex-Salzburg-Sportchef Christoph Freund ein – und der empfahl ihm den Offensivapostel Ralf Rangnick. Schöttel glaubte anfangs nicht recht an die Sache und verwies auf hohe Gehaltsforderungen des Deutschen. „Seine erste Reaktion war: Was soll ich mit dem? Der will so viel Geld“, erzählte Milletich dem Standard. Der Präsident aber forderte von Schöttel, an Rangnick dranzubleiben, der kurz darauf prompt auf viel Gehalt verzichtete. Schöttel musste Stöger in letzter Sekunde absagen und umdisponieren. Eigentlich hatte er lange darauf beharrt, dass ein offensiver Pressing-Stil im Nationalteam aus Zeitgründen schwer umzusetzen sei, ehe Rangnick ins Amt kam und die These schnell und eindrucksvoll widerlegte.
Der ÖFB hatte Glück im Unglück. Rangnick riss das Ruder an sich – und Schöttel ließ ihn gewähren. Darin lag auch sein größter Verdienst. Schöttel ist kein eitler Machtmensch, der Ideen nur deshalb verhindert, weil sie nicht auf seinem Mist gewachsen sind. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Ruttensteiner, der wegen seiner herrischen Art gefürchtet war, einte Schöttel sein Team und genoss hohe Beliebtheitswerte. Er stattete seine Mitarbeiter mit Freiheiten aus, verteilte Lob, spielte sich anders als sein Vorgänger nicht in den Vordergrund, förderte Talentierte und delegierte viel. Während Ruttensteiner alles an sich riss und oft nur seine Meinung gelten ließ, gab Schöttel viele Bereiche ab. Auch aus Eigeninteresse. Schöttel wird von vielen auch ihm wohl gesonnenen Weggefährten als einer beschrieben, der einen gemütlichen Posten der großen Vision vorzieht.
Was Rangnick an Schöttel störte
Als ÖFB-Sportchef war das aber genau seine Aufgabe: die visionäre Ausrichtung des heimischen Fußballs. Doch in diese Rolle schlüpfte verstärkt Rangnick. Der Deutsche kümmerte sich um Aufgaben, die niemand ordentlich anpackte, die aber eigentlich in den Bereich von Schöttel fielen. Er stieß eine einheitliche Spielweise für alle ÖFB-Teams an, suchte geeignete Stadien für Nationalspiele, forcierte die Talente-Förderung. Auch die Neuzugänge Paul Wanner und Carney Chukwuemeka lockte er ohne das Zutun von Schöttel zum Verband.
Rangnick konnte im Vakuum, das ihm die Passivität des Sportdirektors eröffnete, nach Lust und Laune werken. Andererseits irritierte ihn Schöttels Arbeitsweise zunehmend. Der Deutsche war lange selbst Sportdirektor – und agierte dabei visionär, immer präsent und nah dran an allen Entwicklungen.
Auf menschlicher Ebene gab es keine Probleme zwischen dem umgänglichen Schöttel und Rangnick. Aber auf fachlicher. Die Unterschiede waren zu groß. Auf der einen Seite Rangnick, der Visionär und Workaholic. Auf der anderen Seite Schöttel, der Verwalter mit Bewusstsein für Work-Life-Balance. Rangnick, das ergeben WZ-Recherchen, hätte sich in Schöttel insgeheim einen starken Mitstreiter gewünscht, der mit ihm den Fußball-Bund erneuert. Und er wunderte sich, wenn der sich wochenlang nicht meldete und abends oder an Wochenenden nur schwer erreichbar war. Der Deutsche will diskutieren und entwickeln, „aber das konnte er mit Schöttel nicht“, erzählt einer aus dem ÖFB.
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Disput zwischen Schöttel und Rangnick-Assistent
Bei der EM 2024 in Deutschland kam es deshalb zu einem Eklat. Während des Turniers krachte Rangnicks Co-Trainer Lars Kornetka mit Schöttel zusammen. Schöttel beklagte, nirgends einbezogen zu werden. Worauf ihm vorgeworfen wurde, dass er an wichtigen Meetings nicht teilnehme und sich auch ansonsten wenig einbringe. Spieler bekamen den Disput mit und hinterfragten ebenso das Tun des Sportdirektors.
Intern forcierte Rangnick einen eigenen Sportchef nur für die Nationalmannschaft. Einen, der mit ihm richtig anpackt. „Wenn wir uns schnell entwickeln wollen, braucht es nicht nur jemanden, der die Lokomotive fährt, sondern auch einen, der hinten ständig Kohlen hineinwirft, damit der Kessel ordentlich dampft“, erklärte er. Also kam der Ex-Teamspieler Sebastian Prödl ins Spiel, den Rangnick bei einer Sitzung, so interpretierte es Landespräsident Gartner, „als Ersatz für Peter Schöttel“ vorschlug. Das wiederum weckte Schöttels Ehrgeiz. Er ließ sich nicht ersetzen, sondern ordnete Prödl das Amt des Nachwuchsleiters zu. Und blieb im Amt.
Was Schöttel nicht bedachte: Er gab immer mehr Aufgabengebiete ab. Das Nationalteam managte im Grunde Rangnick. Den Nachwuchs übernahm Prödl. Für Schöttel blieb der Frauenfußball. Doch auch dort machte er keine perfekte Figur. Sein installierter Frauen-Teamchef, Alexander Schriebl, schlug nicht ein und musste schon nach einem Jahr wegen schlechter Ergebnisse und Unzufriedenheit im Team trotz Vertrages gehen.
Schöttel-Kritik aus den Ländern
Rangnick suchte immer wieder den Kontakt zu ÖFB-Boss Josef Pröll, dem er von Baustellen und Missständen im ÖFB berichtete. Derzeit versucht sich der Fußball-Bund neu aufzustellen. Seit Monaten läuft ein Strategieprozess – unter Einbindung der Landesverbände. Doch auch dort verschaffte sich Schöttel keine gute Nachrede. Immer mehr Funktionäre kritisierten fehlende oder lasche Kommunikation. Bei einer Trainertagung in Saalfelden Anfang August kam es zum Eklat. Der Sportchef des steirischen Landesverbandes, Walter Hörmann, soll Schöttel dort, wie der WZ bestätigt wurde, wenig Strukturiertheit und Pomadigkeit vorgeworfen haben, ehe er nach einem Wortgefecht den Raum verließ. Danach bündelten mehrere Landesverbände ihre Kritik.
Es war nicht ein Grund, der Schöttel das Amt kostete. Sondern mehrere. Am Ende war sein Ruf verbandsintern schwer beschädigt. Er traf Fehlentscheidungen, agierte im Verwaltungsmodus, konnte mit Rangnick nicht auf Augenhöhe agieren, verscherzte es sich mit den Landesverbänden und brachte sich zu alledem auch beim laufenden Strategieprozess „zu wenig ein“, wie in der Sitzung zuletzt benannt wurde. ÖFB-Vertreter erklärten Schöttel, sich künftig „eine aktivere Interpretation“ seiner Position vorzustellen. „Aber er sah das anders.“
Rauswurf schon länger Thema
Lange tolerierten die ÖFB-Entscheidungsträger den passiven Führungsstil, weil ihnen seine Nachgiebigkeit gefiel. Aber in den letzten Monaten hat sich der Aufsichtsrat des Fußball-Bundes personell und inhaltlich verändert. Nun gibt es neben Polterern auch vermehrt Reformkräfte, die sich tatsächlich mehr Visionen von einer Führungskraft wünschen. Manche aber störten sich bloß daran, dass Schöttel den dominanten Rangnick unwidersprochen schalten und walten ließ. Deshalb stand seine Ablöse von mehreren Seiten schon länger auf der Agenda. Doch vor der WM wollte man keine Unruhe erzeugen, wird der WZ bestätigt. Nun, vor dem Start der weniger bedeutsamen UEFA Nations League, schien ein guter Zeitpunkt gekommen.
Schon vor Wochen sprachen Landesfunktionäre relativ offen darüber. Schöttel selbst erklärte im ORF, dass ihn der Rauswurf „überrascht“ habe. Es gab zwar „das eine oder andere Thema, wo man unterschiedlicher Meinung war. Aber darauf war ich nicht vorbereitet“. Eigentlich hätte Schöttel zuletzt im Aufsichtsrat noch eine WM-Analyse halten sollen. Die aber hielt dann Rangnick, der mit Sitzungsbeginn auftauchte und gleich nach seiner einstündigen Ausführung wieder abrauschte. „Schöttel hat dann nur wiederholt, was Rangnick gesagt hat, und das bestätigt. Es war sehr kurz“, erzählt ein Entscheidungsträger.
Rangnick in Neubesetzung involviert
Rangnick soll laut WZ-Informationen in die bis Jahresende geplante Bestellung des Neuen eingebunden werden. Den einst von ihm forcierten Nachwuchsleiter Prödl, der über einen Sportmanagement-Abschluss verfügt, aber keine Profi-Trainerlizenz innehat, zum logischen Nachfolger zu erklären, halten mehrere Entscheidungsträger nicht für die beste Idee - wenngleich der bereits beim ÖFB unter Vertrag stehende Ex-Teamspieler manchen als kostengünstigste Lösung erscheint. Einigen wäre dennoch ein starker Gegenspieler zum dominanten Rangnick lieber, was wiederum den Teamchef verärgern könnte. Es klingt also wieder einmal nicht nur nach Reformen – sondern auch nach Richtungskämpfen. Zumindest ÖFB-Boss Pröll erklärte bei einer Pressekonferenz am Montagnachmittag, dass er den neuen Sportchef als „Lehre aus der Geschichte“ nicht wie einst bei Schöttel freihändig und aufgrund unterschiedlicher Interessen bestellen wolle - sondern: „anhand von Konzepten“.
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Infos und Quellen
Genese
ÖFB-Insider Gerald Gossmann begleitet und beschreibt die Vorgänge im größten heimischen Sportverband seit vielen Jahren. Für die WZ hat er mit Involvierten gesprochen und dabei die Hintergründe recherchiert, die zur Ablöse von ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel geführt haben.
Daten und Fakten
- Peter Schöttel, 59, spielte einst für den SK Rapid, war Nationalspieler und danach als Trainer und Sportdirektor aktiv: etwa für Wr. Neustadt, Rapid oder den SV Grödig. 2017 stieg er vom ÖFB-U-19-Teamchef überraschend zum Sportdirektor des Österreichischen Fußball-Bundes auf. In seine Amtszeit fallen zwei EM-Teilnahmen des Herren-Nationalteams und die erstmalige Qualifikation für eine Weltmeisterschaft seit 28 Jahren. Bei den Frauen wurde 2022 sogar ein EM-Viertelfinale erreicht. Und das U-17-Nationalteam erreichte im vergangenen Jahr den Vize-Weltmeister-Titel. Schöttel stand dennoch für wenig Gestaltungswillen in der Kritik, andererseits hinterlässt er eine funktionierende Direktion Sport mit guten Mitarbeitern, die er in seiner Amtszeit gefördert hat.
- In Schöttels neunjährige Amtszeit fallen zwei Teamchef-Entscheidungen für das Herren-Nationalteam: Franco Foda betreute die ÖFB-Kicker von 2017 bis 2022, danach übernahm Ralf Rangnick. Bei den Frauen war zuerst Irene Fuhrmann tätig, ehe Schöttel Alexander Schriebl zum Teamchef machte, ihn aber nur ein Jahr später durch den Dänen Lars Söndergaard ersetzte.
- Der ÖFB-Aufsichtsrat, der Schöttels Ablöse vergangenen Freitag beschlossen hat, besteht aus neun Landesverbandspräsidenten, dem ÖFB-Boss Josef Pröll und drei Vertretern der heimischen Bundesliga. Die Entscheidung wurde einstimmig getroffen, jedoch enthielten sich die Landesvertreter aus Salzburg, Steiermark und Niederösterreich ihrer Stimmen.
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