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Schon jetzt ist die Erde zu heiß. Wie leben wir künftig?

4 Min
"Wissen wissen" ist eine Kolumne von Eva Stanzl. Darin ordnet sie aktuelle Themen aus Wissenschaft und Gesundheit ein.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Adobe Stock

Die Welt erreicht ihre Klimaziele nicht. Es ist Zeit, sich Gedanken zu machen, wie wir mit den höheren Temperaturen leben werden.


    • Die Erde steuert auf eine dauerhafte Überschreitung der 1,5-Grad-Grenze zu, was irreversible Schäden verursacht.
    • In Österreich ist die Erwärmung besonders stark, Wälder werden zur CO2-Quelle und Gletscher verschwinden rapide.
    • Anpassungen an die Folgen des Klimawandels sind dringend nötig, da Klimaziele verfehlt werden und die Auswirkungen bereits spürbar sind.
    • Globale Erwärmung um 1,5 Grad gilt als kritische Grenze laut Weltklimarat.
    • 2024 stiegen die weltweiten CO₂-Emissionen um 0,8 % gegenüber dem Vorjahr.
    • In Österreich beträgt die Erwärmung +3,1 Grad seit dem vorindustriellen Zeitalter.
    • Heimische Gletscherflächen werden in den nächsten Jahrzehnten fast vollständig verschwinden.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Eine dauerhafte globale Erwärmung um 1,5 Grad wäre laut Berechnungen des Weltklimarats die Grenze. Dieses Limit dürfen wir nicht überschreiten, wenn wir auch in Zukunft in etwa so leben wollen wie jetzt. Doch wir bewegen und immer weiter davon weg und nähern uns einem Punkt, an dem es über längere Zeiträume wärmer als plus 1,5 Grad sein wird.

Das heißt derzeit schon konkret: Die Warmwasser-Korallenriffe, von denen fast eine Milliarde Menschen und ein Viertel aller Meereslebewesen abhängig sind, gehen irreversibel verloren. Und mit ihnen die Meerestiere und Fische, die sie bewohnen. Das ewige Eis an den Polkappen schmilzt und das lässt den Meeresspiegel steigen, der ganze Inselketten versenkt. Der Regenwald stirbt, wodurch weniger CO2 aus der Atmosphäre abgebaut wird. Vor diesen Effekten warnen „Global Tipping Points Report 2025“ warnen Forscher:innen unter Federführung der britischen Universität Exeter.

Alltag muss anders organisiert werden

In dem Bericht ist von einer „neuen Realität“ die Rede, in der das globale Klima nach und nach kippt. Wie wir dann leben werden, ist eine offene Frage, die alle interessiert, aber derzeit noch niemand beantworten kann, weil djede Entwicklung von jeder anderen abhängt. Fest steht nur eines: „Die 1,5 Grad Celsius sind bereits tot, 2 Grad quälen uns und 3 Grad sind eine echte Bedrohung", sagte Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg, kürzlich bei der „Overshoot Conference“ in seinem Haus. Das englische Wort für „Überschuss“ steht in der Klimaforschung für das Scheitern an den Klimazielen und den Umgang mit den Folgen.

Schätzungen zufolge sterben jährlich 60.000 Menschen durch Hitze. Mit jedem Grad der Erwärmung werden es mehr. Mit jedem Grad mehr versiegen auch immer mehr Wasserressourcen, wodurch Ernten ausfallen und wir weniger Trinkwasser haben, hieß es bei der Konferenz. Steigende Meere überfluten auf Inselstaaten mittlerweile selbst höher gelegene Siedlungen. „Kein Geld der Welt kann den Meeresspiegel in unserer Lebensspanne oder der unserer Kinder wieder absenken“, sagte Ralph Regenvanu, Klimaminister des südpazifischen Inselgebiets Vanuatu, das auf Platz 1 der Liste der durch Katastrophen gefährdeten Staaten steht, bei der Konferenz Der Bau von Infrastrukturen müsste neu gedacht, Häuser in anderen Lagen gebaut und die Welternährung neuartig organisiert werden.

Österreich besonders stark betroffen

Denn obwohl Fortschritte beim Anteil erneuerbarer Energien gemacht werden, die das Problem lindern, steigen die weltweiten CO2-Emissionen durch fossile Energieträger wie Kohle, Erdöl und Erdgas nach wie vor. 2024 waren sie laut der internationalen Forschungsinitiative Global Carbon Budget um 0,8 Prozent höher als im Jahr davor. Die USA als größte Emittentin kratzt das aber nicht. US-Präsident Donald Trump glaubt der Mensch sei nicht daran schuld, streicht der Klimaforschung Förderungen und boykottiert internationale Abkommen zur Senkung von Treibhausgasen. Auch andere Länder und selbst Europa fahren beim Klimaschutz zurück oder setzen aus Kostengründen bestehende Vorhaben nicht um.

Die Auswirkungen überhöhter Temperaturen sehen wir schon heute in Österreich. Mit einem Plus von 3,1 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter, das ab Mitte des 18. Jahrhunderts endete, sei hierzulande die durchschnittliche Erwärmung doppelt so hoch wie im globalen Durchschnitt und liege um 40 Prozent über jener Europas, heißt es in dem Mitte Juni erschienen „Zweiten Österreichischen Sachstandsbericht zum Klimawandel“. Laut den Expert:innen verwandeln sich die heimischen Wälder nämlich von einer CO2-Senke zu einer Emissionsquelle, da immer mehr Baumschädlinge sich bei Hitze immer stärker vermehren und immer mehr Schadholz zurücklassen, das auf den Waldböden liegen bleibt und Kohlendioxid abgibt.

Höchste Zeit für Anpassungen

Zudem schreitet der Gletscherverlust in Österreich besonders schnell voran. Von den heimischen Gletscherflächen wird in den kommenden Jahrzehnten kaum mehr etwas übrig sein. „In Österreich ist es schlimmer als im Rest der Alpen, denn hier sind die Gletscher weniger dick als anderswo“, berichtete die Gletscherforscherin Lilian Schuster von der Universität Innsbruck bei der Konferenz. Konkret müssen wir uns an eisfreie Berge und weniger Wasservorräte gewöhnen und möglicherweise an sichtbare Kabel oder Verrohrungen, die derzeit noch unter dem ewigen Eis verlegt sind.

Es ist daher höchste Zeit, sich Gedanken zu machen, wie wir mit den unweigerlichen Folgen nicht erreichter Klimaziele unseren Alltag bewältigen können, anstatt uns der Illusion hinzugeben, dass alles von selbst wieder gut werden wird. Sonst stehen wir irgendwann da mit unseren verfehlten Klimazielen, ohne die Anpassungen im nötigen Ausmaß vorgenommen haben.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Die UN-Klimakonferenz 2025 in Belém (COP 30), auch 30. Weltklimakonferenz, findet statt vom 10. bis 21. November 2025 im brasilianischen Belém, Hauptstadt des Bundesstaats Pará, und damit am Rande des Amazonas-Regenwaldes statt. Die Ausrichtung der COP30 erforderte umfangreiche Bau- und Infrastrukturmaßnahmen in der Stadt aus: Straßen werden erneuert, Gebäude saniert und der Flughafen erweitert.
  • Auch Kriege schaden dem Klima: Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine etwa hat nicht nur Zehntausende Menschen das Leben gekostet, sondern schadet auch der Umwelt. Laut Berechnungen der Initiative zur Treibhausgasbilanzierung von Kriegen liegt der gesamte Ausstoß des Ukraine-Kriegs durch Treibstoffe für Panzer und Jets, Brände an Frontlinien und Grenzgebieten oder Beschüsse von Raffinerien oder Öllagern bei bisher rund 237 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalenten. (In diese Maßeinheit werden Treibhausgase umgerechnet, damit sie vergleichbar werden.) Noch nicht mit einberechnet sind Emissionen, die unweigerlich beim Wiederaufbau entstehen werden.
  • Gletscher kühlt Gletscher: Direkt über Gletschereisflächen in Gebirgsregionen herrscht ein anderes Mikroklima als in der Umgebung. Forscher:innen sprechen davon, dass es eine Art lokale "Entkoppelung" gibt, indem die Gletscher einander abkühlen. Eine Studie im Fachmagazin "Nature Climate Change" zeigt, dass pro Grad Celsius regionaler Lufterwärmung Bereiche direkt über Gletschern im Schnitt nur um 0,83 Grad wärmer werden. Mit dem Eisrückzug verschwindet aber auch dieser leicht schützende Effekt. Ein Team des Institute of Science and Technology Austria geht nun der Frage nach, wie stark sich Gletscher durch ihre eigene Existenz als Eiskörper von der menschgemachten Erderwärmung ein Stück weit entkoppeln. Auf Basis von meteorologischen Daten, die direkt auf Gletschern und knapp daneben genommen wurden, kommen sie zu dem Schluss, dass die Bereiche knapp oberhalb der Eisfläche tatsächlich zu etwas weniger Erwärmung im Vergleich zur erweiterten Umgebung neigen. Der Selbstkühlungseffekt beträgt zur Zeit jedoch weniger als 0,2 Grad Celsius.

Quellen

Das Thema in der WZ

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