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Schulreform: Ein Orden für Otto Glöckels Erben

5 Min
WZ-Redakteur Michael Schmölzer blickt alle zwei Wochen zurück und zeigt auf, warum Historisches auch heute relevant ist.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Wiki Commons.

Gymnasium und Neue Mittelschule: Die NEOS wollen ein Ende der Gabelung der Schullaufbahnen im Alter von zehn Jahren versuchsweise austesten. Das wollten ganz andere politische Kaliber in Österreich schon vor über 100 Jahren.


Die NEOS haben sich eine Reform des Bildungswesens auf die Fahne geheftet. Jetzt soll die Volksschule versuchsweise von vier auf sechs Jahre verlängert werden. Im Raum steht sogar eine gemeinsame Schule bis zum Alter von vierzehn Jahren. Das Argument lautet, dass die Trennung von Zehnjährigen in „gute“ und „schlechte“ Schüler „nicht förderlich“ sei, wie die pinke Wiener Bildungsstadträtin Bettina Emmerling sagt. Ginge es nach den NEOS, soll Wien erste Modellregion für den Versuch werden. Bildungsminister Christoph Wiederkehr, ebenfalls NEOS, unterstützt das,; die Vorarbeiten für Pilotprojekte laufen.

Die SPÖ ist für derartige Ideen zu haben. Sie fordert eine Gesamtschule, hält das bestehende System, in dem eine Selektion mit zehn Jahren stattfindet, für unfair und verweist darauf, dass oft der Bildungshintergrund der Eltern entscheidet, nicht die Fähigkeiten des Kindes. Die ÖVP ist dagegen und der Ansicht, dass organisatorische Veränderungen pädagogische Probleme nicht lösen könnten. Generell pocht man hier auf das Prinzip Leistung und will, dass „die Begabteren“ weiterhin rasch ins Gymnasium kommen und „die weniger Begabten“ ohne Umschweife in die Neue Mittelschule.

Ein Streit seit Kaisers Zeiten

Das Spannende ist, dass diese Gesamtschuldebatte älter ist als die Republik Österreich selbst und dass sich die jeweiligen Argumente seit Kaisers Zeiten nicht wesentlich verändert haben:

Als der 1918 abdankte, gab es im Anschluss an vierjährige Volksschulen dreijährige Bürgerschulen. In diese schickten die „einfachen Leute“ aus der Stadt ihre Kinder, am Land besuchten Jungen und Mädchen eine Volksschul-Oberstufe. Das achtjährige Gymnasium war wenigen Erwählten, meist aus dem Bildungsbürgertum, vorbehalten.

Dieses System war nach Ende der Monarchie nicht mehr zeitgemäß. Über die Reform didaktischer Grundsätze (keine Prügelstrafen mehr, weniger Frontalunterricht, spielerisches Lernen) waren sich Christlichsoziale (Vorläufer der ÖVP) und Sozialdemokraten zumindest teilweise einig, über den äußeren Aufbau des Schulwesens nicht. Der führende rote Schulreformer Otto Glöckel (1874 - 1935) wollte, dass alle Kinder von zehn- bis vierzehn Jahren einen einheitlichen Schultyp besuchen. Das, meinte er, sei die einzig vertretbare Lösung in einer Demokratie. Christlich-konservative Politiker und ebensolche Experten liefen Sturm, sahen die Unterschiede in der „natürlichen Begabung der Jugend“ ignoriert, sprachen von „Schulbolschewismus“ und verlangten ein getrenntes Gymnasium für die scheinbar schlaueren Schüler:innen. Glöckel war das Hassobjekt der Konservativen.

Trotzdem konnte er sich teilweise durchsetzen. Die dreijährige Bürgerschule und die Volksschul-Oberstufe wurden 1927 zur vierjährigen Hauptschule, wo die Lehrpläne mehr oder weniger denen des Gymnasiums angeglichen wurden. Wechsel von der Hauptschule in ein Gymnasium kamen in den folgenden Jahrzehnten allerdings selten vor. In den ursprünglichen Plänen war die Hauptschule eine Schule für alle Zehn- bis Vierzehnährigen gewesen, davon blieb nichts übrig.

Der Pisa-Schock 2004

Zeitsprung nach vorne: Als 2004 die Pisa-Studie, die das Leistungsniveau der Fünfzehnjährigen misst, aufzeigte, dass Österreichs Schüler:innen im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich abschnitten, war Feuer am Dach. Zumal führende Bildungsexpert:innen die Ansicht kundtaten, dass ein wichtiger Grund für die peinliche Misere in der frühen Trennung der Schulkinder im Alter von zehn Jahren zu finden sei.

„Keine Tabus bei Reformdiskussion“ titelte damals die Kronen Zeitung und: „Schule wird an Haupt und Gliedern reformiert!", „Pisa-Chef fordert Gesamtschule“, schrieb der Standard, die Wiener Zeitung stellte fest: „Soziale Herkunft definiert Leistung“. Auch die Industriellenvereinigung pochte auf eine Gesamtschule und erhöhte den Druck auf die ÖVP. Es wurde vielfach darauf hingewiesen, dass eine Aufteilung der Kinder im Alter von zehn Jahren zwar im deutschsprachigen Raum Usus, sonst aber in Europa kaum anzutreffen sei.

Die Erste Republik lässt grüßen

Nachdem die Ergebnisse besagter Pisa-Studie in Österreich nach 2004 von Kritiker:innen als „nicht aussagekräftig“ in Zweifel gezogen worden waren, gab es im Bildungsbereich dennoch einige Änderungen: Die alte Hauptschule heißt seit 2015/16 überall „Neue Mittelschule“ (NMS). Das Gymnasium blieb bis heute erhalten wer dorthin will, braucht mit zehn Jahren die nötige „Reife“, also einen Einser oder Zweier im Volkschulzeugnis in den Fächern Deutsch und Mathematik. Wobei die Neue Mittelschule nach den ursprünglichen Plänen eine Schule für alle 10- bis 14-Jährigen hätte sein sollen. Davon blieb nichts übrig – ein Szenario, wie wir es schon aus der Ersten Republik kennen.

Sollten sich die NEOS also in den Jahren ab 2026 mit ihren Reformideen in Sachen gemeinsame Schule zumindest bis zum Alter von zwölf Jahren flächendeckend durchsetzen, käme das in Österreich einer bildungspolitischen Revolution gleich. Die SPÖ ist bisher mit allen Versuchen gescheitert, die ÖVP und ihre politischen Vorfahren reagieren seit über hundert Jahren auf alles, was nach Gesamtschule riecht, allergisch. Zugelassen wurden von den Schwarzen nur lokal begrenzte Versuchsprojekte, die verschiedene Namen trugen und dann wieder verschwanden.

Immerhin wird in Wien das Gedenken an den Schulreformer Otto Glöckel hochgehalten: Eine Inschrift zu seinen Ehren ziert die Fassade des Palais Epstein, es gibt eine Otto-Glöckel-Schule und eine Otto-Glöckel Medaille für besondere Verdienste um das Schulwesen. NEOS-Bildungsstadträtin Bettina Emmerling ist in jedem Fall eine Anwärterin für diese Auszeichnung.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Konkret gibt es laut dem Informationsnetz zum Bildungswesen in Europa in 14 Ländern der EU eine sechsjährige Primarstufe (Daten aus 2023/24). Eine Volksschule für die Sechs- bis Zwölfjährigen, wie sie Bildungsminister Christoph Wiederkehr und die Wiener Bildungslandesrätin Bettina Emmerling erproben wollen, findet man aktuell in neun EU-Ländern: Belgien, Griechenland, Irland, Luxemburg, Niederlande, Portugal, Slowenien, Spanien, Zypern. In Malta wird die sechsjährige Volksschule schon ab einem Alter von fünf Jahren besucht, in Estland geht man ab sieben in die Põhikool. Auch in Finnland, Lettland und Schweden beginnt die sechsjährige Primarstufe erst bei den Siebenjährigen.
  • Otto Glöckel war 1918 Unterstaatssekretär für Inneres., in dieser Funktion war er vor allem für die Durchführung der ersten Nationalratswahlen verantwortlich. Von 15. März 1919 bis 24. Oktober 1920 leitete er als Unterstaatssekretär für Unterricht die oberste Schulbehörde Österreichs. In dieser Tätigkeit trieb er eine liberale Schulreform voran und schaffte die vorgeschriebene Teilnahme am Religionsunterricht ab. Nach dem Bruch der Koalition mit den Christlichsozialen wurde Glöckel ab 28. März 1922 Ggeschäftsführender 2. Präsident des Wiener Stadtschulrates und verwirklichte einige Punkte seines Schulreformprogramms. Die Austrofaschisten sperrten den Sozialdemokraten nach dem Februaraufstand 1934 in das Anhaltelager Wöllersdorf.
  • Die PISA-Studie („Programme for International Student Assessment“) umfasst eine Reihe von Untersuchungen zur Schulleistung,. die die OECD seit dem Jahr 2000 alle drei Jahre durchführt. Dabei werden die Fähigkeiten von fünfzehnjährigen Schüler:innen in den Fächern Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften getestet und verglichen.
  • Die Gesamtschule: Im Zusammenhang mit dem jüngsten politischen Vorstoß der NEOS meint die Bildungsforscherin Susanne Schwab von der Universität Wien, eine längere gemeinsame Schulzeit sei ein „wünschenswerter Schritt“: „Wir selektieren zu früh und damit zementieren wir Bildungslaufbahnen einfach bereits nach vier Jahren.“ Zahlreiche andere österreichische Bildungsforscher:innen haben sich in der Vergangenheit ähnlich geäußert. In Wien wurde 1971 der Schulversuch Integrierte Gesamtschule gestartet (IGS), seitdem laufen verschiedene Projekte, die eine gemeinsame Sekundarstufe 1, also eine Schule für Zehn- bis Vierzehnjährige, schaffen soll.

Quellen

  • Schule.at: NMS: Durchwachsene Erfolgsbilanz
  • Achs Oskar, Tesar Eva: Schule damals – Schule heute: Otto Glöckel und die Schulreform, Wien 1985
  • Engelbrecht Helmut: Geschichte des österreichischen Bildungswesens, 1986

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