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Silvester, eine Gegenrede

2 Min
"Alle sind froh, dass dieses komische Jahr zu Ende geht."
© Illustration: WZ

Unsere Autorin widerspricht der Hochstimmung: Silvester ist der traurigste Feiertag des Jahres.


Es gibt drei Dinge, auf die man sich konsequent verlassen kann. Erstens: Bei einem feministischen Kommentar wird irgendein Hans-Peter kommentieren, dass man scheiße aussieht. Zweitens: Der Telegram-Gruppe beizutreten, die einem der Großcousin weitergeleitet hat, ist keine gute Idee. Und drittens: Silvester enttäuscht. Auch wenn man schon Mitte Juli angefangen hat, zu überlegen, wo man dieses Jahr überhaupt feiern möchte – vielleicht sogar gerade dann.

Den Versuch, Silvester bedeutungsschwerer zu machen, als es eigentlich ist, kann ich natürlich nachvollziehen. Alle sind froh, dass dieses komische Jahr zu Ende geht. Wir brauchen einen Zeitpunkt, der alle Listen, alle Vorsätze auf null setzt, eine frische, weiße Leinwand. Clean Slate, 2026 ist alles wieder möglich. I see you, René Benko.

Also stellen wir uns zu Mitternacht auf die Straßen. Der Nachbar böllert, obwohl es im Stadtgebiet eigentlich verboten ist, der Hund liegt vollgedröhnt mit Beruhigungstabletten unterm Christbaum und zuerst ist man froh, dann aber irgendwie nicht mehr. Diese erzwungene Euphorie kann einem zu schaffen machen, besonders, wenn aus den vergangenen Silvesterfeiern die Erkenntnis mitschwingt: Das mit dem Clean Slate stimmt überhaupt nicht.

Silvester ist eine Projektionsfläche. Wir feiern einen Neuanfang, den es nicht gibt und die Hoffnung, dass von jetzt an alles besser wird. Daran ist per se nichts auszusetzen. Menschen brauchen ihre Rituale. Den Silvester-Ultras muss ich allerdings klar entgegentreten: Es ist nicht die beste Party des Jahres, sondern einfach nur die erste. Diese vorgegaukelte Umbruchsstimmung hat etwas leicht Verzweifeltes.

Ich weiß, wirklich gesellschaftstauglich ist diese Einstellung nicht. Also wünschen wir uns weiterhin einen guten Rutsch. Schicken verpixelte Minion-Memes in die Familien-WhatsApp-Gruppe. Sagen einander: „2026 wird unser Jahr, Maus!“ Nur, um sich nach 53 Kalenderwochen zu fragen: Was zur Hölle war das eigentlich? Dann wiederholen wir das Ganze. Ein jährliches Theater ohne Publikum.

In diesem Sinne: Einen guten Rutsch. What a weird year.


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