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Die Debatte rund um ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann wirft Fragen auf, was Auslandsberichterstattung 2025 leisten muss – und womit man ins Fadenkreuz gerät, schreibt stv. Chefredakteurin Aleksandra Tulej in diesem Meinungskommentar.
Zu emotional, zu nahbar, zu wenig „trockener“ Tonfall, zu viele palästinensische Stimmen: ARD-Nahost-Korrespondentin Sophie von der Tann sieht sich seit Wochen mit Vorwürfen konfrontiert – bis hin zum gern benutzten Schlagwort „Aktivismus“. Unter anderem äußerte der deutsch-israelische Militärsprecher Arye Sharuz Shalicar in Talkshows und auf Social Media, ihre Berichterstattung sei unausgewogen; auf X schaukeln sich aus mehreren Ecken ähnliche Vorwürfe hoch. Doch genau diese Kritik wirft für mich ganz andere Fragen auf: Was kann und muss Krisenberichterstattung im Jahr 2025 überhaupt leisten?
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„Sagen, was ist" zieht nicht mehr
Fest steht: Der alte Leitsatz „Sagen, was ist“ greift heute zu kurz. Durch Social Media und KI verbreiten sich Informationen, Bilder und Eindrücke längst schneller, als klassische Medien reagieren können. Reporter:innen sind nicht mehr die ersten, die etwas zeigen, das haben alle schon längst auf Social Media in einem Livestream gesehen – nur eben ohne Kontext.
Deshalb müssen Reporter:innen heute mehr denn je einordnen, filtern, verknüpfen. Und die Zuschauer:innen eben mitnehmen, so gut wie es geht, so wie man es mitterweile von Social Media und Youtube gewohnt ist: Man fühlt sich als Zuschauer:in so, als wäre man auch dabei. So funktioniert das 2025 eben. Das mach nicht nur Sophie von der Tann so, das machen zig andere internationale Kriegsberichterstatter:innen auch. In Berichten aus der Ukraine passiert oft nichts anderes. Und das ist gut so.
Weil: wer auf diese Art aus Extremsituationen berichtet, kann unmöglich gleichzeitig alle Erwartungen erfüllen: absolute Neutralität, maximale Distanz, umfassende Perspektiven und totale emotionale Kälte – das alles zur selben Zeit funktioniert schlicht nicht.
Aus eigener Erfahrung: Wer über den Nahostkonflikt berichtet, wird angegriffen. Je nach Beitrag kommt entweder das eine oder das andere „Lager" und es geht in den Kommentaren und Nachrichten los. In einem Kurzvideo im Social Media-Format kann man nicht alle Stimmen, das Leid und Aspekte eines Konflikts, der seit Jahrzehnten andauert unterbringen. Aber länger als 60 Sekunden wollen wir ja dann auch nicht mehr zuschauen, unserer frittierten Tik-Tok-Gehirne sei Dank.
Kaum ein Thema emotionalisiert und polarisiert momentan mehr als der Nahost-Konflikt. Jeder hat seinen Senf dazu abzugeben, am besten und leichtesten von der eigenen Couch. Deshalb ist es umso wichtiger, vor Ort nahbar, transparent und zu zeigen, warum bestimmte Szenen so gezeigt werden, wie sie gezeigt werden, welche Kräfte im Hintergrund wirken, was wir nicht sehen dürfen. Persönliche Eindrücke gehören auch dazu. Je nach Gebiet und geführten Gesprächen werden die auch niemals zu hundert Prozent objektiv sein. Das ist kein Aktivismus. Das ist der Job. Wer nahbar ist, macht sich angreifbar.
Bei einem Mann würden es alle feiern
Und weiter: Die Erwartung, Reporter:innen müssten in Kriegsgebieten sprechen wie Roboter, verkennt die Realität komplett. Frontberichterstattung ist kein Studiojob und keine Pressereise nach Brüssel. Sie passiert unter Druck, in Gefahr, begleitet von Militär, Milizen oder Behörden, die sehr genau darauf achten, was gezeigt werden darf und was nicht. Wer fordert, dass man in solchen Situationen völlig frei von Emotionen und situationsbedingten Einflüssen berichten müsse, hat diesen Beruf nie wirklich verstanden.
Dabei macht Sophie von der Tann genau das, was öffentlich-rechtlicher Journalismus leisten soll: Sie zeigt mehrere Perspektiven – auch jene, die unbequem, chaotisch oder emotional sind. Oder nicht in das Narrativ passen, das wir uns bequem zurechtgelegt haben. Sie zeigt Menschen, nicht anonyme Zahlen. Und das scheint für manche bereits der Auslöser zu sein, sie zu diffamieren.
Dazu kommt ein Aspekt, über den viele ungern reden: Junge weibliche Reporterinnen geraten deutlich schneller ins Fadenkreuz. Besonders dann, wenn sie sichtbar sind, präsent, und mitten in einem polarisierenden Krieg stehen. Unter dem Deckmantel angeblicher „Objektivitätskritik“ werden ihre Emotionen gegen sie verwendet, ihre Kompetenz infrage gestellt – während männliche Kollegen für denselben Stil gern als „authentisch“ oder „nah dran“ gefeiert werden. Wie auch immer man jetzt zu der Berichterstattung von der Tanns stehen mag, ob man sie als einseitig oder nicht einseitig, als gut oder nicht gut bewertet:
Die aktuelle Debatte geht längst nicht mehr nur um journalistische Standards, sondern um Macht und Wahrnehmung. Organisationen wie Reporter ohne Grenzen melden sich jetzt zu Wort und warnen vor den gezielten Einschüchterungsversuchen gegen von der Tann. Denn diese Angriffe treffen nicht nur eine einzelne Korrespondentin, sie treffen das Fundament seriöser Auslandsberichterstattung, wie sie 2025 einfach funktioniert - und auch weiter funktionieren wird, ob es gefällt oder nicht.
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Infos und Quellen
Infos & Quellen:
Sophie von der Tann arbeitet seit 2021 als ARD-Korrespondentin in Tel Aviv. Sie berichtet regelmäßig über Israel, Gaza und die Entwicklungen in der Region. Für ihre Arbeit hat sie mehrere Auszeichnungen bekommen, zuletzt den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis.
In einem Hintergrundgespräch soll sie gesagt haben, der Hamas-Angriff vom 7. Oktober habe eine „Vorgeschichte“. Kritiker:innen deuten das als Relativierung des Massakers. Darüber hinaus wird ihr vonKritiker:innen vorgeworfen, in ihrer Berichterstattung zu einseitig oder zu israel-kritisch zu sein.
Mehr als 70 Journalistinnen und Journalisten, die selbst aus dem Nahen Osten berichten, haben sich in einem offenen Brief hinter sie gestellt. Sie sprechen von ungerechtfertigten Angriffen, die darauf abzielten, ihre Arbeit zu beschädigen. Auch Organisationen wie Reporter ohne Grenzen warnen vor Einschüchterungsversuchen. Von der Tann weist die Vorwürfe zurück und sagt, sachliche Kritik sei immer in Ordnung, die aktuellen Anschuldigungen seien aber unbegründet.
Das Thema in anderen Medien:
DerStandard: Nahost-Journalisten solidarisieren sich mit ARD-Korrespondentin
TAZ: Kritik an ARD-Israel-Korrespondentin: Was wir schützen müssen
DER SPIEGEL: Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis: Die Angriffe auf Sophie von der Tann sind wutschäumend, aber substanzlos
Reporter ohne Grenzen: Offener Brief
Das Thema in der WZ:
Inside West Bank: Die Siedler und das besetzte Land I Umlaut Ö
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