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Spannend, aber schwach! Österreichs Bundesliga muss umdenken

6 Min
Gerald Gossmann verfasst alle zwei Wochen für die WZ eine kritische Fußballkolumne.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Österreichs Fußball-Bundesliga opferte einen gerechten Wettbewerb für mehr Spannung und TV-Millionen. Nun zeigt sich: Es braucht einen besseren Plan.


Fußball darf heute nicht mehr bloß Fußball sein. Fußball muss unterhalten, um jeden Preis. So sieht das zumindest Österreichs Bundesliga, die kommenden Freitag in die Rückrunde startet. Als junger Bub Ende der Neunzigerjahre sah ich eine Menge langweiliger Spiele, die Mannschaften verteidigten viel, trotzdem schaute ich ohne Murren zu. Heute, in einer von TikTok geprägten Welt, ist das anders: Das Publikum will Amüsement.

Heimische Fans und Fernsehleute sind von großen Ligen und der Königsklasse verwöhnt, die via Pay-TV in die Wohnzimmer flimmern. Österreichs Liga ist da schwerer vermarktbar. Es gibt nur wenige Topteams, viele Partien finden auf Dorfplätzen statt, in Ried, Hartberg, Wolfsberg. Ein Jahrzehnt lang wurde immer Red Bull Salzburg Meister, mit großem Vorsprung. Es war stinklangweilig.

Die Liga wollte mehr Dramatik und führte 2018 ein neues Format ein. Nach zwei Dritteln wird die Meisterschaft seither zweigeteilt. In einer Gruppe: die sechs Besten. In der anderen: die sechs Schlechtesten. Das erinnert an Trash-TV wie Big Brother, wo Erfolgskandidat:innen in ein Luxusloft kamen und Erfolglose in ein Verlies. Die Liga ging aber noch weiter. Den Klubs werden im Endspurt die Hälfte ihrer Punkte gestrichen, was dem Bewerb noch eine Note Dschungelcamp verleiht, wo Teilnehmer:innen zum Gaudium des Publikums mit Schikanen gequält werden.

Unterhaltsam und unfair

Das Ziel der Liga war klar: Die Dominanz der Salzburger brechen, den tristen Bewerb aufpeppen, künstlich Spannung erzeugen – und mit einem attraktiven Produkt mehr TV-Millionen einspielen. Die Reform sei „eine riesige Chance“, erklärte Bundesliga-Boss Christian Ebenbauer, „den österreichischen Fußball sportlich und wirtschaftlich weiterzuentwickeln“.

Der Kampf gegen die heimische Fußball-Fadesse sollte ein Segen sein, aber er ist auch ein Fluch.

Das Filetstück der Reform ist die Meistergruppe, in der die Topteams spielen. Die Folge: ständig Spitzenduelle, Spannung, volle Stadien. Das Problem: Die Abstiegsgruppe wirkt im Vergleich als wäre sie von David Schalko inszeniert – Fußball auf Dorfplätzen in nebeliger Einöde. Schwere Kost für Fans, Finanziers und Fernsehsender.

Fakt ist: Die Liga wurde im neuen Format unterhaltsamer. Aber auch unfairer. Einerseits ist es amüsant, wenn Kaliber wie Rapid Wien zwei Drittel der Saison darum kämpfen müssen, ob sie im Töpfchen oder im Kröpfchen landen – und nach der Punktehalbierung quasi alles von vorne beginnt. Andererseits: So wurde aus Spitzensport oft Situationskomik. Die Scherzregeln beschädigen den sportlichen Wert. Ebenso wie eine Punkteteilung könnte die Liga beschließen, dass Tore in der ersten Halbzeit nur halb so viel zählen und in der Nachspielzeit dreifach. Unterhaltung olé!

Für die Klubs war es weniger lustig. Es entstand ein verschärfter Existenzkampf, der Millionenverluste bedeuten konnte. Einmal musste Admira Wacker absteigen, obwohl Altach nach altem System die wenigsten Punkte gehabt hätte. Dann wurde Sturm Graz Meister, obwohl Salzburg die meisten Zähler gesammelt hatte.

Gestresste Klubs

Die Vereine wirken gestresst und nervös. Zwei Drittel der Saison geht es nun darum, mit aller Gewalt über den Strich zu kommen – in die Meistergruppe. Und jene, die ganz unten landen, rücken durch die Punktehalbierung so eng zusammen, dass auf einmal jeder absteigen könnte – auch jene, die sich bereits in Sicherheit gebracht hatten. Die Folge: Vereine tauschen ihre Trainer immer schneller, verwerfen ständig ihre Konzepte, kaufen ausländische Kicker beinahe wahllos zusammen und vergessen auf den Einbau des eigenen Nachwuchses.

Es wäre unfair, die teils wirren Klubstrategien allein dem Ligaformat umzuhängen. Druck gehört zum Profisport. Dass Klubs aber vermehrt dem schnellen Erfolg hinterherjagen, anstatt Entwicklungen voranzutreiben, hat auch mit den ungewöhnlich häufig gesetzten Stressoren zu tun.

Schönrederei

Vielleicht ist Österreichs Liga sogar fortschrittlich. Sie hat erkannt, dass Fußball in seiner Langatmigkeit – 90 Minuten Spielzeit, ein dröger Tabellenmodus – keiner perfekten Inszenierung unterliegt. Nun wurde der Bewerb tatsächlich spannender, ansehnlicher, immer mehr Fans kommen in die Stadien. Vor der Reform lag der Schnitt bei 6.400 pro Spiel, zuletzt bei knapp 9.000. Doch das muss nicht am neuen Format liegen. Rapid, LASK und Austria haben neue Stadien gebaut und vor allem mit Komfort das Publikumsinteresse verdoppelt. Dazu gibt es seit der Ligareform kaum noch Bundesliga-Livespiele im ORF. Wer kein Pay-TV hat, muss nun ins Stadion. Auch die neue Spannung – derzeit kämpfen mehrere Teams um den Titel – sieht die Liga als Bestätigung dafür, dass das Format ein Goldgriff war. Doch auch damit liegt sie falsch. Die neue Ausgeglichenheit liegt vor allem an schwächelnden Salzburgern, die davor jahrelang trotz neuen Formats und Punkteteilung der Konkurrenz früh und deutlich (oft mit 15 Punkten und mehr) enteilt waren. Nun ist die Liga zwar spannend, aber schwach. Die Klubs unterbieten sich in einer Art Schneckenrennen und stürzen auch international ab.

Weniger Geld

Das Schlimme: Trotz aller Ungerechtigkeiten (oder wahrscheinlich gerade deswegen) macht das Format Spaß. Jedenfalls vor dem TV. Und trotzdem steht es nun in der Kritik. Nicht bei Fans oder Fernsehleuten. Sondern bei den Ligaklubs. Die haben sich von der Reform nämlich mehr TV-Millionen erwartet, was anfangs auch gelang. Sky zahlte erst 30 Millionen, zuletzt 42 Millionen pro Saison. Die Liga erhoffte sich noch mehr. Doch das Gegenteil trat ein. Künftig erhält man – auch wegen Spardrucks bei TV-Anstalten und einem ausgebliebenen Wettbieten – nur noch 34 Millionen. Trotz Inflation und Liga-Show also viel weniger Geld.

Die Klubs, die dem Harakiri-Format einst zähneknirschend zugestimmt hatten, um mehr TV-Gelder zu lukrieren, schauen nun durch die Finger. Eine Reaktion folgte prompt. Ab nächster Saison haben sie den spaßigsten Teil der Reform einstimmig abgeschafft: die Punktehalbierung. Beim Geld hört der Spaß offensichtlich auf.

Die Liga täte gut daran, sich einen besseren Plan zu überlegen. Die Meisterschaft würde dann attraktiver, wenn die Klubs stärker würden. Dafür müssten Liga und Vereine innovative Strategien kreieren, wie man als kleines Land international konkurrenzfähiger wird (abseits einer Stadionneubau-Offensive). Vergleichbare aufstrebende Nationen erwirtschaften höhere Transfergewinne mit eigenen Talenten, legen klare Vereinsphilosophien fest und setzen auf moderne taktische Entwicklungen. Langfristig reicht es für die Wettbewerbsfähigkeit der Liga nicht, in einer Augen-zu-und-durch-Mentalität bloß die Spannung künstlich anzufachen.

Gerald Gossmann verfasst alle zwei Wochen für die WZ eine kritische Fußballkolumne – er analysiert und kommentiert dabei die heißen Eisen der österreichischen Kickeria.


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Infos und Quellen

Zum Autor

Gerald Gossmann schreibt für deutschsprachige Medien wie Die Zeit, Profil und den Spiegel über Sportpolitik und beleuchtet die Problemfelder des Fußballbetriebs regelmäßig in TV-Sendungen, etwa im ORF oder bei Puls4. Er ist bekannt für seine kritischen Analysen und dafür, komplexe Inhalte in einfacher Sprache zu erklären.

Daten und Fakten

  • Ligamodus: 2018 führte die österreichische Bundesliga ein neues Format ein. Der Bewerb wurde auf zwölf Mannschaften aufgestockt – und nach 22 Runden in ein Meister- und Absteiger-Playoff geteilt. Dort spielen die Mannschaften in zehn Runden jeweils zweimal gegeneinander und ermitteln dabei Meister, Absteiger und Europacupstarter.
  • Davor nahmen an der Bundesliga seit 1974 zehn Teams teil, die in 36 Runden viermal gegeneinander antraten.
  • Mannschaften: In der Bundesliga spielen derzeit einige Topteams (was Historie, Erfolge und wirtschaftliche Voraussetzungen betrifft): Sturm Graz, RB Salzburg, Rapid Wien, Austria Wien und LASK. Dazu kommen die Außenseiter TSV Hartberg, WSG Wattens, GAK, BW Linz, SV Ried, Altach und der Wolfsberger AC.
  • TV-Vertrag: Vor der Ligareform erhielt die Bundesliga für ihre TV-Rechte kolportierte 22,5 Millionen Euro. Mit Einführung des neuen Ligaformats stieg das TV-Geld auf 30 Millionen und erhöhte sich die letzten drei Jahre auf 42 Millionen. Bis 2030 erhält die Liga künftig mit kolportierten 34 Millionen erstmals wieder weniger Geld.

Quellen

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