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Südafrika: Wenn Laufen zum Sicherheitsrisiko wird

7 Min
Südafrika ist eines der gefährlichsten Länder der Welt für Frauen. Seit Mitte Juli wurden allein in der Metropolregion Ekurhuleni neun Frauen ermordet aufgefunden.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock, Sophie Alena

In Südafrika sind Femizide so alltäglich, dass über die meisten Fälle nicht berichtet wird. Doch der Fund von mittlerweile neun Frauenleichen seit Mitte Juli in der Gegend östlich von Johannesburg hat einen Aufschrei in der Bevölkerung ausgelöst.


    • In Südafrika ist die Femizidrate extrem hoch, durchschnittlich werden sechs Frauen pro Tag getötet.
    • Frauen wie Sakane Mokoena und Nikitha Sihlobo kritisieren mangelnden Polizeischutz und fordern mehr staatliche Maßnahmen.
    • Trotz Angst und Unsicherheit nutzen Laufgruppen wie ReidLee das gemeinsame Laufen als Protest gegen geschlechtsspezifische Gewalt.
    • Femizidrate in Südafrika: 12,3 pro 100.000 Einwohnerinnen
    • Zwischen April und Juni 2026 wurden 569 Frauen getötet
    • Nur 22 % der Bevölkerung vertrauen der Polizei
    • Präsident Ramaphosa erklärte am 20.11.2025 Femizide zum Katastrophenfall
    Mehr dazu in den Infos & Quellen


Dieser Artikel behandelt Femizide. Der Inhalt kann belastend oder retraumatisierend wirken. Bitte lies nur weiter, wenn du dich emotional sicher fühlst.

Es ist noch dämmrig, als sich nach und nach eine Gruppe von Läufer:innen in Linbro Park im Nordosten von Johannesburg einfindet. Sie alle gehören zur ReidLee Community, einer Laufgruppe, die sich hier mehrmals pro Woche zum Trainieren trifft. Doch an diesem Samstag fehlt eine Läuferin in der Runde: Elizabeth „Tsontso” Moselakgomo. Die 38-Jährige war am 9. September wenige Kilometer von hier laufen gegangen – und nie wieder zu Hause angekommen. Ihr Leichnam wurde wenige Tage später neben der Autobahn in der Johannesburger Vorstadt Kempton Park gefunden.

Tsontsos Tod ist kein Einzelfall: Seit Mitte Juli wurden allein in der Metropolregion Ekurhuleni, in der auch Tsontsos Wohnort Kempton Park liegt, neun Frauen ermordet aufgefunden. Die Polizei ermittelt derzeit, ob zwischen den Taten ein Zusammenhang besteht. Alle getöteten Frauen wurden halb nackt zurückgelassen und wiesen Misshandlungsspuren auf.

Um kurz vor sechs Uhr stößt Sakane Mokoena zur Gruppe, sie ist eine der Organisatorinnen und eine Freundin von Tsontso. Rund 30 Läufer:innen sind gekommen, um im Gedenken an sie zu laufen. Gemeinsam erinnern sie sich an ihr charismatisches Lächeln. Ihre Hilfsbereitschaft. Und daran, welch ambitionierte Läuferin sie war.

Sakane eröffnet das Treffen mit einem Gebet: „Wir beten für Tsontso und alle anderen Frauen, die Opfer von Gewaltverbrechen wurden. Und wir beten auch für unsere eigene Sicherheit und die aller anderen Frauen in Südafrika.”

Durchschnittlich sechs Femizide pro Tag

Südafrika ist eines der gefährlichsten Länder der Welt für Frauen. Mit einer Femizidrate von 12,3 je 100.000 Einwohnerinnen ist die Wahrscheinlichkeit, als Frau getötet zu werden, rund sechsmal höher als im globalen Durchschnitt. Vergleichbar ist das nur mit Ländern, die sich im Krieg befinden. Zwischen April und Juni 2026 wurden laut der South African Human Rights Commission 569 Frauen getötet, das sind durchschnittlich sechs Frauen pro Tag. Eine Studie des South African Medical Research Councils, die Femizide aus dem Jahr 2021 untersuchte, zeigte, dass die Täter meist aus dem direkten Umfeld der Frauen kamen. 60 % der Täter waren Partner, 20% Freunde oder Bekannte und 10 % stammten aus ihrer Familie. Nur 10 % der Täter waren den Frauen unbekannt.

Als Reaktion auf die Fälle in Ekurhuleni gab die Polizei eine Warnung heraus: Frauen in und um Kempton Park seien dazu angehalten, wachsam zu bleiben und sich in Gruppen fortzubewegen oder zu trainieren. Landesweit reagierten Frauen darauf mit Wut und Empörung, so auch die ReidLee-Läuferinnen.

Sie sagen nichts darüber, dass man aufhören sollte, Frauen zu töten
Nikitha Sihlobo

„Sie wälzen die Problematik immer auf uns ab. Wir sollen dies oder jenes tun, um sicher zu bleiben: nicht alleine laufen, nicht alleine auf die Straße gehen, auf uns aufpassen. Aber sie sagen nichts darüber, dass man aufhören sollte, Frauen zu töten”, fasst es Nikitha Sihlobo, eine der Läuferinnen, zusammen. Das Vertrauen in die südafrikanische Polizei ist auf einem historischen Tiefpunkt: Laut einer Studie des Human Sciences Research Council gaben nur 22 % der Bevölkerung an, der Polizei zu vertrauen. Als Folge davon werden weniger Verbrechen angezeigt, bei Sexualverbrechen seien es laut Polizeistatistik etwa nur Fünftel.

„In diesem Land sind wir Frauen Freiwild. Man sagt uns, dass wir aufpassen und Sicherheitsvorkehrungen treffen sollen, damit uns nichts passiert. Aber die Angreifer dürfen einfach frei herumlaufen”, stimmt auch Sakane zu. Sie fordert mehr Polizeipräsenz auf den Straßen; seit dem Mord an ihrer Freundin fühlt sie sich nicht mehr sicher genug, alleine laufen zu gehen. Die anderen Läuferinnen sehen es ähnlich. „Dass so etwas eine von uns getroffen hat, hat meine persönliche Paranoia, die ich als südafrikanische Frau ohnehin schon immer hatte, verstärkt. Ich gehe nicht mehr ohne Pfefferspray und Taser außer Haus“, erzählt Bontle Bokaba.

Geschlechtsspezifische Gewalt als nationaler Katastrophenfall

Dass sich Frauen aus allen Bevölkerungsgruppen in Südafrika bewaffnen – immer häufiger auch mit Schusswaffen – sei eine neue Entwicklung, sagt Merlize Jogiat von der Frauenrechtsorganisation Women for Change: „Die Polizei muss bessere Arbeit leisten. Dass sich Frauen jetzt selbst vor ihrer Ermordung schützen sollen, ist absoluter Wahnsinn.“

Die Polizei muss bessere Arbeit leisten.
Merlize Jogiat

Ihre Organisation setzt sich seit 2016 gegen Gewalt an Frauen und Femizide ein und erlangte im November 2025 internationale Bekanntheit durch den „Shutdown“-Protest während des G20-Gipfeltreffens in Südafrika. Landesweit legten Frauen ihre Arbeit nieder und setzten damit die Regierung vor den Augen der internationalen Öffentlichkeit unter Druck. Präsident Cyril Ramaphosa erklärte schließlich geschlechtsspezifische Gewalt und Femizide am 20. November 2025 zum nationalen Katastrophenfall. „Wir haben es geschafft”, jubilierte Women for Change damals.

Im September 2026 sieht Merlize Jogiat den Erfolg nüchterner:

„Wir hatten gehofft, dass der Präsident in der Budgetrede Mittel für den Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt ankündigt. Es gibt zwar einen nationalen Strategieplan, jedoch keine finanziellen Mittel für die Umsetzung. Zehn Monate später hat sich noch immer nichts getan.“

„Lasst uns nicht emotional werden“

Auch in Ekurhuleni warten die Bewohner:innen auf mehr Schutz. Lumka Maqubela ist in Kempton Park aufgewachsen und wohnt nur wenige Kilometer entfernt von den Fundorten von fünf der ermordeten Frauen, unter denen sich auch Tsontso befand. Die Stimmung sei hier äußerst angespannt, so Lumka: „Wir sind verängstigt, trauen niemandem und laufen los, sobald sich ein Mann nähert.“

Sie ist Gründerin der lokalen Organisation Girl2Woman, die sich gegen geschlechtsspezifische Gewalt einsetzt. Gemeinsam mit anderen Anrainer:innen organisierte sie in den letzten Tagen Protestmärsche, um mehr Polizeipräsenz zu fordern. „Es heißt immer wieder, es gebe nicht genug Kapazitäten. Aber gleich nebenan ist der internationale Flughafen von Johannesburg – dort sind massenhaft Sicherheitskräfte im Einsatz. Und hier hat die lokale Polizeistation nicht genug Personal oder Fahrzeuge? Das ergibt keinen Sinn“, so Lumka.

Panyaza Lesufi, der Premierminister der Provinz Gauteng, in der auch Ekurhuleni liegt, reagiert auf die Angst der Bewohner:innen wenig verständnisvoll: „Lasst uns nicht emotional werden und lasst die Behörden ihre Arbeit machen.“ Es gäbe genug Kapazitäten, um sich um die Aufklärung der Mordfälle zu kümmern, so der Premier.

Für Lumka ist klar: „Es hat ihn noch nie persönlich betroffen. Es war weder seine Schwester, seine Mutter noch sonst jemand, der ihm nahesteht. Aber wir sind Mütter, die versuchen, unsere Mädchen hier großzuziehen. Das allein ist furchteinflößend.“

Laufen als Protest

Die Laufstrecke der ReidLee-Läufer:innen führt vorbei an Gewerbeparks, neben der Straße wuchern Büsche und Gräser. Vor allem nach Einbruch der Dunkelheit fühle man sich nicht sicher; kaum eine der Straßenlaternen hier funktioniere, erzählen die Frauen. Während des Laufs bleibt die Gruppe immer wieder stehen, um zusammenzuwarten. Die Männer in der Gruppe laufen zwischendurch immer wieder zurück, zum sogenannten „Sweeping“ – sie wollen sichergehen, dass keine Frau alleine zurückbleibt.

Zehn Kilometer später sind alle Läufer:innen wieder am Treffpunkt angekommen. Die Sonne steht mittlerweile hoch am Himmel. Während sich die Gruppe mit Tee, Kaffee und Snacks stärkt, gedenken sie noch einmal ihrer Freundin Tsontso. Trotz allem will hier niemand mit dem Laufen aufhören – es sei schließlich auch eine Form des Protests, sagt Sakane: „Wir laufen für Tsontso, aber auch für unzählige andere. Für die Frau, die einkaufen ging und nicht mehr zurückkam. Für die, die arbeiten ging und nie wieder kam. Für sie alle.“


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

Sakane Mokoena, Organisatorin des ReidLee-Laufclubs

Bontle Bokaba und Nikitha Sihlobo, Läuferinnen

Merlize Jogiat, Operations & Advocacy Coordinator bei Women for Change

Lumka Maqubela, Gründerin von Girl2Woman und Einwohnerin von Kempton Park

Daten und Fakten

  • Südafrika hat eine Femizidrate von 12,3 je 100.000 Einwohnerinnen (2023). Das ist rund sechsmal höher als im globalen Durchschnitt. Im Vergleich: In Österreich liegt diese Rate bei 0,99 je 100.000 Einwohnerinnen.
  • Zwischen April und Juni 2026 wurden laut South African Human Rights Commission 569 Frauen getötet, das sind durchschnittlich sechs Frauen pro Tag. Weitere 1052 überlebten einen Mordversuch.
  • Rund 60 % der ermordeten Frauen wurden von ihrem Partner getötet, knapp 20 % von einem Freund/Bekannten, 10 % von einem Familienmitglied und 10 % von einem der Frau unbekannten Täter. (Quelle)
  • Männer sind in Südafrika noch häufiger von Gewalt betroffen als Frauen. Eine Studie, die Daten aus 2017 analysierte, zeigte, dass knapp 90 % aller Mordopfer Männer sind. Die Mordrate für Männer liegt bei 76,15 je 100.000 Einwohner (2023). (Quelle)
  • Im November 2024 hat der Human Sciences Research Council die erste umfassende Studie zu geschlechtsspezifischer Gewalt veröffentlicht. Laut der Studie hat mehr als ein Drittel (35 %) aller Frauen über 18 in ihrem Leben bereits körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt. Knapp ein Viertel (23,9 %) der Frauen gab an, in einer Partnerschaft misshandelt worden zu sein. (Quelle)

Quellen

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