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Syrische Gegenwartsbewältigung

6 Min
Dokumentation des syrischen Foltergefaengnis Sednaya
© Illustration: WZ

In einer innovativen Ausstellung in der Berliner Gedenkstätte Hohenschönhausen kann man den Horror des syrischen Foltergefängnisses „Sednaya“ erfahren. Und begreifen, wie akribische Dokumentation eine Gesellschaft heilen kann. Ein Besuch.


    • Amer Matar dokumentiert mit dem Prisons Museum systematisch syrische und irakische Gefängnisse als Beweissammlung für Gerichtsprozesse.
    • Die Ausstellung in Berlin rekonstruiert das Foltergefängnis Sednaya und thematisiert syrische Gegenwartsbewältigung.
    • Viele Familien in Syrien vermissen Angehörige, darunter auch Amer Matars Bruder Mohammad Nour Matar.
    • Sednaya-Gefängnis bis Dezember 2024 in Betrieb, als „Schlachthaus“ bekannt
    • 160 Gefängnisse/Lager identifiziert, 72 mit 3D-Kameras dokumentiert
    • Bis zu 300.000 Menschen seit Assad-Herrschaft in Syrien vermisst
    • Al-Khatib-Prozess in Koblenz: erster Strafprozess zu syrischer Folter
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Die Träume waren das Wichtigste im Gefängnis. Die einzige Verbindung zu den Liebsten, wenn sich ihre Gesichter, die über Jahre und Jahrzehnte in Gefangenschaft verblassten, plötzlich in den Schlaf schlichen. Jeden Morgen nach dem Aufwachen erzählten die Gefangenen einander, was sie geträumt hatten. Und dann ging das Interpretieren los, was es wohl heißen mochte, wenn einer mit einem Kamel spazieren ging und es zu einer Tränke brachte. „Es hieß: Du wirst bald frei sein“, erzählt Amer Matar. „Wir haben alles verwendet, um einander Hoffnung zu geben.“

Der 39-Jährige führt eine Gruppe junger Studierender durch eine Ausstellung in der Gedenkstätte Hohenschönhausen in Berlin. Wenige Besucher:innen verirren sich an diesem heißen Dienstagnachmittag in die zwei Räume. Lieber schauen sie sich an, was die Stasi auf diesem Gelände 44 Jahre lang getrieben hat, lassen sich von ehemaligen Insass:innen durch die Räumlichkeiten führen und von den Verhören und der politischen Verfolgung in der DDR erzählen. Wollen so Deutschlands Vergangenheit ein bisschen besser bewältigen.

Amer Matar tut das auch. Mit der Geschichte seines Heimatlands Syrien. Und es geht dabei nicht nur um die Vergangenheit, sondern vielmehr auch noch um die Gegenwart – und zwar in der Sonderausstellung „Sednaya – die Architektur von Repression und Tod in Syrien“.

Sednaya gehörte zu Syriens berüchtigtsten Foltergefängnissen. Es wurde 1987 im Norden von Damaskus im Auftrag des damaligen Diktators Hafez al-Assad, dem Vater des späteren syrischen Diktators Bashar, als modernes Militärgefängnis erbaut und hatte den Beinamen „das Schlachthaus“. Wie viele Menschen dort getötet wurden, ist unklar. Menschenrechtsorganisationen sprechen von Abertausenden. Bis Dezember 2024 war Sednaya in Betrieb. Erst mit dem Sturz Assads wurden die letzten Gefangenen befreit.

„Wir sind stärker als die Generäle“

In der Berliner Ausstellung kann das Publikum erfahren, was der Horror von Sednaya bedeutete. Mit Virtual-Reality-Brillen kann man durch die Gänge des Gefängnisses streifen, durch die Zellen und die Verhörzimmer und sich von Zeitzeug:innen in Videoaufnahmen erzählen lassen, wie sie mit Schlägen im Gefängnis „willkommen“ geheißen wurden, und wie das genau war mit dem Überleben und dem Träumen.

Innovativ ist die Ausstellung, weil sie eben mehr ist als eine Ausstellung: Sie ist eine akribische Rekonstruktion des Grauens, ermöglicht durch das Team des Projekts „Prisons Museum“, das gemeinsam mit UMAM Documentation & Research die Ausstellung zu verantworten hat.


Mehr zum Thema Sednaya kannst du hier nachlesen:


Amer Matar ist Mitbegründer und Direktor des „Prisons Museum“. In Syrien hat sich der Journalist gemeinsam mit Kolleg:innen, Dokumentarfilmer:innen, Fotograf:innen und Künstler:innen für ein demokratisches Syrien eingesetzt. Amer Matar selbst war zwar nicht in Sednaya eingesperrt, aber er war zweimal inhaftiert, einmal im März 2011, unmittelbar nach dem Ausbruch der syrischen Revolution, und einmal im September desselben Jahres im Al-Khatib-Gefängnis, der sogenannten „Abteilung 251“ in Damaskus. „Dass ich überlebt habe, war reines Glück“, sagt er im Gespräch. Jedes Mal, wenn die Wärter einen zur Toilette schleppten, gab es Schläge auf den Kopf. Das hätte böse enden können. Dass er heute so arbeiten und erzählen kann, ist also nicht selbstverständlich. Einige hätten durch all die Folter den Verstand verloren, diesen leeren Blick in den Augen bekommen oder fantasiert, dass sie am nächsten Tag ihre Mutter besuchen würden. Es gibt Dinge von damals, die Amer Matar noch heute schwer aushalten kann: etwa gekochte Eier und Kartoffeln. Das war das bisschen, das es im Gefängnis zu essen gab. Nie wieder will er Eier und Kartoffeln essen.

Amer Mater
Amer Matar ist Journalist und Mitbegründer des „Prisons Museum“.
© Solmaz Khorsand

Als er das zweite Mal für seine journalistische Arbeit eingesperrt wurde, war er weniger ängstlich als beim ersten Mal, obwohl diese Haft länger dauerte. Er glaubte an den Sieg der syrischen Revolution und daran, dass die Assad-Herrschaft ein Ende haben würde, egal wie viele Opfer es fordern würde – inklusive ihn selbst. „Ich spürte: Wir werden gewinnen. Und wir sind stärker als diese Generäle“, erzählt er. 2012 floh er dann über Jordanien nach Deutschland.

Wertvolle Beweissammlung

Die Idee für die „Prisons Museum“-Initiative entstand 2017. Was als Suche nach vermissten Kolleg:innen, Freund:innen und Angehörigen nach der Niederlage des IS begann, entwickelte sich zu einer systematischen Initiative, alle Gefängnisse des IS in Syrien und im Irak mithilfe moderner 3D-Technologie zu dokumentieren. Die erste Version des virtuellen Museums, das „ISIS Prisons Museum“, ging im Herbst 2024 online, kurz darauf folgte im Sommer 2025 das „Syria Prisons Museum“.

Jedes Gefängnis offenbare eine andere Kultur, meint Amer Matar, und erzähle sehr viel über den Hintergrund jener, die es betrieben: Waren die Wärter und Direktoren etwa Iraker, die selbst einst in Saddam Husseins Gefängnissen eingesperrt waren, zeigte sich das in der Sprache der Bürokratie. Waren sie ehemalige Gefangene der Amerikaner in Guantánamo oder Abu Ghraib, zeigte sich das an der orangefarbenen Kleidung der Insassen. Man habe jenes Maß an Gewalt weitergegeben, das man selbst erlebt hatte. Der Hauptunterschied zwischen den Gefängnissen des syrischen Staates und denen des IS war wohl die Sichtbarkeit. Während das Assad-Regime mit seinen Bauten faktisch prahlte, versteckte der IS seine Lager, etwa in Schulen, Moscheen, Kirchen, Spitälern, ganz normalen Wohnhäusern, was die Dokumentation so schwierig macht.

160 Gefängnisse und Lager konnte das „Prisons Museum“-Projekt bislang identifizieren, 72 davon sind mit 3D-Kameras vollständig dokumentiert. Es ist eine wertvolle Beweissammlung, die nicht nur von Überlebenden und von Angehörigen zurate gezogen wird, sondern auch von Gerichten und Anwält:innen, die Amer Matar um Unterstützung in den Prozessen gegen einstige Folterer bitten.

Hinrichtungspodest
Ein Raum mit Hinrichtungspodest.
© Solmaz Khorsand

Erste Prozesse gegen einstige Folterer

Amer Matar war selbst Zeuge in einem dieser Prozesse: Im berühmten Al-Khatib-Prozess im deutschen Koblenz, dem weltweit ersten Strafprozess wegen staatlich angeordneter Folter in Syrien, ermöglicht durch das Völkerstrafrecht und das Universalitätsprinzip (Weltrechtsprinzip), sagte er gegen den ehemaligen syrischen Geheimdienstoffizier Anwar R. aus.

Auch in Wien war Matar im Juni dieses Jahres bei einem Prozess zugegen. Dieses Mal als Begleitung für seinen Vater, der in Rakka, seiner Heimatstadt, gefoltert worden war. Seinen Peinigern wurde nun in Wien nach demselben Prinzip der Prozess gemacht.

Auch hier wurden die Angeklagten, von denen einer sich mittlerweile nach Syrien absetzen konnte (dort aber gefasst und eingesperrt wurde), zu Haftstrafen verurteilt. Für Amer Matar und seinen Vater eine Genugtuung. „Mein Vater war glücklich“, erzählt der Sohn, „dass er die Möglichkeit bekommen hat, zu erzählen, was ihm passiert ist, und seinen Peiniger persönlich konfrontieren zu können.“ Und dass er ein Stück weit Gerechtigkeit erfahren hat.

Sednaya
Sednaya von innen.
© SPM

Es ist ein Schritt von vielen, die noch folgen müssen. Ein Puzzlestein. Wie auch die Ausstellung in Berlin. „Für uns ist das nicht die Vergangenheit“, stellt Amer Matar klar, „es ist die Gegenwart.“ Jede Familie in Syrien vermisse jemanden. Bis zu 300.000 Menschen gelten seit der Zeit der Assad-Herrschaft als vermisst. Auch Amers jüngerer Bruder Mohammad Nour Matar, Journalist und Fotograf, wird vermisst. Am 13. August jährte sich sein Verschwinden zum 13. Mal.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner

Amer Matar ist investigativer Journalist, Dokumentarfilmer und Menschenrechtsaktivist. Er gründete die „Prisons Museum“-Initiative und leitet sie – eine zivilgesellschaftliche Organisation mit Sitz in Berlin und Damaskus, die investigativen Journalismus, Dokumentenarchive, Zeugenaussagen von Überlebenden, räumliche Dokumentation und 3D-Rekonstruktionen miteinander verbindet. Zu ihren Projekten gehören das ISIS Prisons Museum, das Syria Prisons Museum und „Jawab“, eine Plattform, die Angehörigen von Vermissten einen geschützten Zugang zur Suche nach Unterlagen über ihre Verwandten ermöglicht. Zuvor gründete Matar 2010 die AlShare Media Foundation und 2013 das Syria Mobile Film Festival. Er studierte Journalismus an der Universität Damaskus, wurde 2011 wegen seiner journalistischen Tätigkeit zweimal verhaftet und während der Haft gefoltert. Nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 kehrte Matar nach Syrien zurück und beteiligte sich gemeinsam mit dem Team des Prisons Museum an einer umfassenden Dokumentation von Haftanstalten.

Daten und Fakten

  • 1970 putschte sich Hafez al-Assad in Syrien an die Macht und baute einen autoritär regierten Staat auf, in dem die brutale Unterdrückung jeglicher politischen Opposition von Anfang an eine zentrale Rolle spielte, insbesondere durch einen ausgeklügelten Geheimdienst und Überwachungsapparat. Nachdem sein ältester Sohn Basil 1994 bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, rückte Hafez al-Assads zweitältester Sohn Bashar im Jahr 2000 als Staatspräsident nach. Nach anfänglichen Reformen regierte auch er rasch autoritär.
  • Im Zuge des Arabischen Frühlings 2011 schlug Bashar al-Assad friedliche Proteste der Bevölkerung mit äußerster Härte nieder. Dies führte zum syrischen Bürgerkrieg. Mit Unterstützung von Verbündeten wie Russland und dem Iran hielt sich das syrische Regime jahrelang an der Macht. Der Konflikt kostete Hunderttausende Menschen das Leben, zerstörte das Land und trieb Millionen in die Flucht. Im Dezember 2024 brach das Regime nach einer überraschenden Offensive einer von der islamistischen Miliz Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) angeführten Rebellenallianz rasch in sich zusammen. Seit Jänner 2025 ist der ehemalige Islamist und international gesuchte Terrorist Ahmed al-Scharaa Übergangspräsident. Unter ihm kam es nicht nur zu Menschenrechtsverletzungen, sondern auch zu Massakern an Minderheiten.
  • Der weltweit erste Prozess wegen staatlich angeordneter Folter in Syrien fand vor dem Oberlandesgericht Koblenz statt. Er begann 2020 und endete im Jänner 2022. Der ehemalige syrische Geheimdienstoffizier Anwar R. wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.
  • Das Landesgericht für Strafsachen Wien hat im Juli 2026 zwei ehemalige Funktionäre des syrischen Assad-Regimes wegen Folter und schwerer Gewalttaten an Zivilisten in der syrischen Stadt Rakka zu jeweils acht Jahren Haft verurteilt.

Quellen

Das Thema in der WZ

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