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TeenMom: Zwischen Babyglück und Überforderung

8 Min
Der Trend #TeenMom erreicht auf TikTok Millionen Nutzer:innen.
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner. Bildquelle: Adobe Stock

Ein Baby mit 15, die perfekte Familie mit 18: Auf TikTok wirkt frühe Mutterschaft oft wie ein Lifestyle. Doch hinter den millionenfach geklickten Videos stehen Lebensrealitäten, die deutlich komplexer sind, als es die sozialen Medien zeigen.


    • Der TikTok-Trend #TeenMom romantisiert frühe Mutterschaft. Unter dem Hashtag werden Schwangerschaften und Babys als erstrebenswerter Lifestyle dargestellt.
    • Expertinnen und Betroffene berichten von Zukunftsängsten, finanziellen Fragen und dem Druck, sich als junge Mutter ständig beweisen zu müssen.
    • Während TikTok vor allem die schönen Momente zeigt, weisen Psychologinnen und Hebammen auf die langfristige Verantwortung und die Folgen einer frühen Schwangerschaft hin.
    • Teenagerschwangerschaften werden in Österreich seltener: Der Anteil der Geburten von Müttern zwischen 15 und 19 Jahren sank von rund 3,1 Prozent im Jahr 2010 auf rund 1,1 Prozent im Jahr 2024.
    • 2024 brachten 787 Frauen unter 20 Jahren in Österreich ein Kind zur Welt.
    • Die Beratungsstelle YoungMum begleitet jährlich rund 80 bis 100 schwangere Jugendliche.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Ein positiver Schwangerschaftstest und ein Baby in hellblauem Strampler. Unter dem Hashtag #TeenMom sammeln sich auf TikTok mehr als eine Million Beiträge. In den Videos präsentieren junge Frauen stolz ihren Babybauch und tanzen mit ihren Kindern durchs Wohnzimmer. „When ppl hate on me for being a mom at 16 but at least I’ll be 36 when my kid is 21“, heißt es etwa in einem Beitrag. Eine andere Nutzerin schreibt: „Teen mom at 15 so excited xx“ und filmt sich dabei vor dem Spiegel.

Zwischen den ästhetisierten Bildern auf Social Media und dem Alltag junger Mütter liegen jedoch Welten. „Es wird nur das Positive und Schöne gezeigt“, sagt die Psychologin Karin Flenreiss-Frankl. Was es tatsächlich bedeute, junge Mutter zu sein, bleibe dagegen meist unsichtbar. Die Verantwortung, die Einschränkungen und die langfristigen Folgen einer frühen Mutterschaft kommen in vielen Beiträgen kaum vor.

Sehnsucht nach Zugehörigkeit

Manche Videos reagieren direkt auf Vorurteile gegenüber jungen Müttern. Über Aufnahmen von Teenager-Müttern, die Wäsche sortieren oder das Badezimmer putzen, steht etwa: „She can't do it alone as a teen mom.“ Die Bilder erzählen jedoch eine andere Geschichte und zeigen junge Frauen, die ihren Alltag selbstständig bewältigen. Die Botschaft: Jung Mutter zu sein, bedeutet Stärke, Selbstständigkeit und Verantwortung.

Für Flenreiss-Frankl spielt die Suche nach Identität dabei eine zentrale Rolle. Jugendliche befänden sich in einer Lebensphase, in der grundlegende Fragen verhandelt werden: Wer bin ich? Wie möchte ich leben? Was ist mir wichtig? Familie oder Karriere? Die Online-Community rund um #TeenMom könne zusätzlich das Gefühl vermitteln, Teil einer Gruppe zu sein. „Es sollte kein Trend sein“, sagt Flenreiss-Frankl. Wer in Teenagerjahren Mutter werde, übernehme eine Verantwortung, deren Tragweite oft nur schwer abzuschätzen sei. Entwicklungsphasen, die für andere Jugendliche selbstverständlich sind, könnten dadurch verloren gehen.

Was soziale Medien außerdem kaum vermitteln: Ein Kind verändert nicht nur die nächsten Monate, sondern oft den weiteren Lebensweg. Eva wurde mit 14 Jahren Mutter. Heute ist sie 40 Jahre alt und sieht die damalige Situation kritisch. „Ich wollte mein Baby unbedingt. Aber ich war noch nicht so weit. Ich hatte nicht die Erfahrung und auch nicht das Selbstbewusstsein“, sagt sie im Gespräch mit der WZ. Ohne die Unterstützung ihrer Eltern hätte sie ihren Weg kaum bewältigen können.

Ein Blick nach Österreich

Wer den Hashtag #TeenMom durchscrollt, könnte leicht den Eindruck gewinnen, frühe Mutterschaft sei wieder auf dem Vormarsch. Die österreichischen Zahlen erzählen jedoch eine andere Geschichte.

Der Anteil der Lebendgeburten von Müttern zwischen 15 und 19 Jahren ist in den vergangenen Jahren laut Statistik Austria deutlich gesunken. Während 2010 noch rund 3,1 Prozent aller Geburten auf diese Altersgruppe entfielen, waren es 2024 nur noch rund 1,1 Prozent. Von insgesamt 76.067 Geburten in Österreich brachten im vergangenen Jahr 787 Frauen unter 20 Jahren ein Kind zur Welt.

Teenagerschwangerschaften sind somit deutlich seltener geworden. Verschwunden sind sie deshalb jedoch nicht. Auch wenn viele der #TeenMom-Videos aus den USA stammen, gelangen sie über die Algorithmen sozialer Netzwerke auf die For-You-Pages österreichischer Jugendlicher. Dadurch prägen sie Vorstellungen davon, wie Familie, Mutterschaft und Erwachsenwerden aussehen können.

Gerade in Wien gibt es weiterhin zahlreiche junge Frauen, die ungeplant schwanger werden und Unterstützung benötigen. Die Beratungsstelle YoungMum am St. Josef Krankenhaus begleitet jährlich rund 80 bis 100 schwangere Jugendliche und junge Mütter. Hebammen, Psycholog:innen, eine Sozialarbeiterin und Ärzt:innen begleiten die jungen Frauen bereits während der Schwangerschaft und bis zum vollendeten ersten Lebensjahr des Kindes. In dieser Zeit wird über die Geburt und Babypflege, aber auch über Ausbildung oder finanzielle Fragen gesprochen.

Wie konnte das passieren?

Wie unterschiedlich die Realität hinter einer frühen Schwangerschaft aussehen kann, zeigt die Geschichte von Therese. Heute ist sie 28 Jahre alt, verheiratet und Mutter von drei Kindern. Als sie mit ihrem ersten Sohn schwanger wurde, war sie 20. „Die Schwangerschaft war eine große Überraschung“, erzählt sie.

Zunächst verdrängte sie die Anzeichen. Sie redete sich ein, krank zu sein. Erst nach der zwölften Schwangerschaftswoche machte sie gemeinsam mit ihrem Freund einen Test, der sofort positiv ausfiel. Der erste Schock verwandelte sich jedoch schnell in Freude. Ausschlaggebend sei gewesen, dass sowohl ihr Partner als auch Thereses Eltern von Beginn an zu ihr standen. „Mit 21 war ein Kind eigentlich nicht mein Plan“, sagt sie. Damals wollte sie Opernsängerin werden. Die Schwangerschaft zwang sie dazu, ihren Lebensweg neu zu denken. Vor zwei Jahren absolvierte sie dann die Ausbildung zur psychosozialen Beraterin.

Angst vor alltäglichen Dingen

Mit Unsicherheit kommt auch Hebamme Klaudia Awad-Logar beinahe täglich in Berührung. Seit rund 20 Jahren begleitet sie bei YoungMum schwangere Jugendliche und junge Mütter. Viele hätten große Angst davor, die Schwangerschaft den Eltern, der Schule oder dem Arbeitgeber mitzuteilen.

Immer wieder würden junge Frauen ihre Schwangerschaft aus Angst lange verdrängen oder geheimhalten. Manche kämen erst kurz vor der Geburt zur Beratung. „Ein junges Paar hat sich sogar erst mit einsetzenden Wehen im Krankenhaus gemeldet, ohne dass die Eltern von der Schwangerschaft wussten.” Was die meisten jungen Schwangeren verbinde, seien nicht medizinische Probleme, sondern fehlende Lebenserfahrung. „Zum allerersten Mal bei einer Behörde anzurufen und einen Termin zu vereinbaren, kann für eine 16-Jährige eine riesige Hürde sein.“

Es gehe oft um Dinge, die für Erwachsene selbstverständlich wirken: Formulare ausfüllen, Unterstützung beantragen oder Gespräche mit Behörden führen. Genau dabei brauche es Begleitung.

Das Gefühl sich beweisen zu müssen

Ein Thema zieht sich durch nahezu alle Gespräche. Junge Mütter bekommen von der Gesellschaft das Gefühl vermittelt, sich rechtfertigen zu müssen. „Man möchte es allen beweisen“, beobachtet Awad-Logar. Viele junge Frauen hätten das Gefühl, dass Familie, Gesellschaft oder auch medizinisches Personal ihnen die Rolle als Mutter nicht zutrauen. Auch Therese kennt diese Erfahrung: „Beim Arzt oder bei der Schuleinschreibung hatte ich oft das Gefühl, mich noch einmal besonders beweisen zu müssen. Ich wollte es allen zeigen: ich kann das auch, obwohl ich jung bin.“

Laut Awad-Logar müsse man Teenagerschwangerschaften differenziert betrachten: „Es gibt leider einige, die wenige Ressourcen haben. Aber es gibt auch sehr viele fähige junge Menschen.“ Was ihnen häufig fehle, sei nicht Kompetenz, sondern Erfahrung und Unterstützung.

Was TikTok nicht zeigt

Heute ist Therese selbst auf Social Media aktiv. Ihr Account dreht sich um Mutterschaft und Familienalltag. Ihre Kinder zeigt sie jedoch bewusst nicht: „Meine Kinder haben da nichts zu suchen.“

Die 28-Jährige möchte einen Raum schaffen, in dem Mütter offen über ihre Erfahrungen sprechen können. Denn genau das fehle ihr bei vielen #TeenMom-Inhalten. „Immer nur dieses Positive zu sehen, kann ganz gefährlich für jungen Frauen werden.“ Flenreiss-Frankl sieht darin ebenfalls ein Risiko. Wer ständig perfekte Familienbilder konsumiere, beginne sich zwangsläufig zu vergleichen. Warum funktioniert das bei mir nicht so gut wie bei den anderen? Dieser Vergleich könne das Selbstwertgefühl schwächen und im schlimmsten Fall Ängste oder depressive Belastungen verstärken.

Hinzu komme, dass Menschen ohne eigene Kinder oft gar nicht abschätzen könnten, was Mutterschaft tatsächlich bedeutet. „Ein kurzes Video mit einem süßen Baby zeigt nicht, dass dieses Kind auch größer wird und Verantwortung über viele Jahre bedeutet“, sagt die Psychologin.

Man muss sich um seine Kinder sein ganzes Leben lang kümmern.
Eva, Großmutter mit 40 Jahren

Was junge Mütter oft erst Jahre später erkennen, beschreibt Eva aus eigener Erfahrung. Sie war 14 Jahre alt, als sie ihren Sohn bekam. Heute ist die 40-Jährige bereits Großmutter. Rückblickend sagt sie: „Man muss sich um seine Kinder sein ganzes Leben lang kümmern und nicht nur in den ersten Jahren.“

Therese spricht auch über einen Aspekt, der in romantisierten Darstellungen kaum vorkommt: FOMO (fear of missing out), die Angst, etwas zu verpassen. Während ihre Freundinnen studierten, verreisten oder feiern gingen, bestand ihr Alltag aus Windeln, Schlafmangel und Familienorganisation. „Am Abend gehen die fort und ich bringe mein Kind gerade ins Bett.“

Bereut habe sie die Schwangerschaft dennoch nie. „Es darf beides da sein.“ Die Freude über das Muttersein und gleichzeitig der Wunsch, manchmal dort zu sein, wo Gleichaltrige gerade stehen. Genau diese Ambivalenz fehle in den meisten TikTok-Videos.

Babys sind kein Accessoire

Neben der Romantisierung beschäftigt Expertinnen noch ein weiterer Aspekt: Kinder werden zunehmend Teil öffentlicher Inszenierungen. Awad-Logar sieht diese Entwicklung kritisch. Kinder seien eigenständige Menschen und keine Objekte, die im Internet präsentiert werden sollten. Gerade mit Blick auf künstliche Intelligenz und die dauerhafte Verfügbarkeit von Bildern und Informationen lassen sich erstaunlich detaillierte Profile erstellen. Die Folgen einer digitalen Sichtbarkeit, die bereits in der Kindheit beginnt, können Kinder noch lange begleiten und ihre Privatsphäre nachhaltig beeinträchtigen.

Für Therese ist die Sache daher klar: „Ich zeige meine Kinder im Internet nicht, weil es für mich meine Verantwortung ist, ihre Privatsphäre zu schützen und zu respektieren.“


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Mag. Dr. Karin Flenreiss-Frankl, Klinische und Gesundheitspsychologin
  • Klaudia Awad-Logar, Hebamme
  • Therese, junge Mutter und Content Creatorin
  • Eva, junge Mutter/Großmutter und Kosmetikerin

Daten und Fakten

Pro Jahr werden in Österreich rund 850 Babys von Teenager-Müttern unter 20 auf die Welt gebracht. Allein in Wien sind es über 300. Viele junge Mütter entscheiden sich für ein Leben mit ihrem Baby – das Team von YoungMum bietet dabei Unterstützung. (YoungMum)

Frauen in Österreich waren bei der Geburt ihres Kindes im Jahr 2025 durchschnittlich 31,7 Jahre alt. Damit stieg das durchschnittliche Gebäralter im Vergleich zu 2024 um 0,09 Jahre. (STATISTIK AUSTRIA )

Junge Frauen, die ungeplant schwanger werden, können sich in Österreich kostenlos und vertraulich beraten lassen. Alle Infos dazu findet ihr auf Beratungsangebote für schwangere Jugendliche.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

Zdf.de: UNBUBBLE: Teen Mom – Die Wahrheit hinter dem perfekten Bild

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