Ein frostiger Nachmittag Ende Januar in Wien-Meidling. Hier trainiert Toni Polster seit 14 Jahren den Regionalligisten SC Wiener Viktoria. Spielfeld, Kabine, Kantine, mehr gibt es nicht. Es riecht nach Schankwein und Zigarettenrauch. Toni Polster, einst aus den Tiefen des Wiener-Unterhaus-Fußballs emporgestiegen, ist längst hierhin zurückgekehrt. Er klopft Männern mit Bier in der Hand und tiefen Lebensfurchen im Gesicht auf die Schulter und hat für jeden einen aufmunternden Schmäh parat.
In den Neunzigerjahren war Polster einer der ersten Fußball-Popstars im deutschsprachigen Raum. Ein Mann, der immer lachte. Er schoss Tore am Fließband, schaffte es als Sänger in die Charts und war ein beliebter Gast bei „Wetten dass..?“, der Harald-Schmidt-Show und Stefan Raab.
Heute sitzt Toni Polster, 61, mit schlohweißem Haar und in Joggingweste in der kargen Viktoria-Kantine. Im Schankbereich lächelt einem neben Gummibären und Manner-Schnitten ein Polster-Pappaufsteller entgegen. Polster lacht immer noch viel und schätzt das Schmähführen, aber gesundheitlich, sagt er, habe er Probleme. „Mein Knie funktioniert nicht, obwohl es zweimal operiert wurde. Als Spieler habe ich das Laufen immer gehasst, jetzt würde ich gern, kann aber nicht.“
Für Toni Polster, den Strahlemann, eine der größten Sportlegenden des Landes, lief es zuletzt nicht gut. Er stritt vor Gericht um drei Tore, die ihm der ÖFB nicht anerkennen will, verlor sehr viel Erspartes – und kam beinahe ums Leben. Wie geht einer, der lange nur Glück und Gewinnen kannte, damit um?
WZ | Gerald Gossmann Im Vorzimmer Ihres Hauses hängt ein großes Bild, das Sie in jungen Jahren beim Torjubel zeigt. Vermissen Sie diese Zeit?
Toni Polster Nein, ich bin nicht melancholisch. Das Bild hat sich meine Frau gewünscht, ich hätte es nicht gebraucht. Manchmal erkenne ich mich darauf gar nicht wieder – so, als ob das eine andere Person wäre. Ich habe mich verändert, schaue anders aus, bin weniger fit, ein bisschen dicker. Die Distanz zu der Zeit wird immer größer.
WZ | Gerald Gossmann Ihre Spielerkarriere endete vor 25 Jahren, Sie sind aber weiter omnipräsent. Ist Ihnen das wichtig?
Toni Polster Es ist schön, wenn man erkannt wird und die Leute Selfies wollen. Aber mein Lebensglück hängt nicht davon ab. Wenn ich zwei Tage nicht in der Zeitung bin, ist mir das auch wurscht.
WZ | Gerald Gossmann Sie posten seit Jahren täglich auf Instagram und Facebook. Warum?
Toni Polster Mein Sohn hat mich dazu gebracht. Zuerst war ich skeptisch, aber es ist praktisch: Ich muss nicht warten, dass mich ein Journalist anruft, sondern kann meine Meinung jederzeit kundtun.
WZ | Gerald Gossmann Nützen Sie das nur beruflich, oder scrollen sie auch privat?
Toni Polster Meine Frau sagt, ich scrolle viel zu viel.
WZ | Gerald Gossmann Sie sind im Gemeindebau aufgewachsen, haben später den Goldenen Schuh als bester Torjäger Europas gewonnen und waren ein Star in Deutschland, Italien und Spanien. Was hat Sie angetrieben?
Toni Polster Ich wollte als Jugendlicher von niemandem ein Autogramm haben. Ich wollte so gut werden wie die. Ich wollte die meisten Tore schießen, das Nationaltrikot tragen, ins Ausland. Zugetraut haben mir das die wenigsten.
WZ | Gerald Gossmann Warum hat Ihnen das niemand zugetraut?
Toni Polster Das hat mich mein ganzes Leben begleitet. Auch heute noch. Wenn ich ein kleiner Bub wäre, und da schießt einer so viele Tore wie ich, wäre das mein Idol gewesen. Aber ich kenne keinen, der mich als Idol sieht.
Meine Mama hat mich starkgeredet: Du bist ein Polster, lass dir nichts gefallen!
Toni Polster WZ | Gerald Gossmann Sie haben trotzdem immer sehr überzeugt von sich selbst gewirkt. Woher kommt das?
Toni Polster Meine Mama hat mich immer starkgeredet. Sie hat gesagt: Du bist ein Polster, lass dir nichts gefallen! Wenn ein Lehrherr ungerecht zu mir war, ist die über ihn drübergefahren – das hat mir getaugt. Mein Vater war der Kompromissbereite. Ich habe von beiden etwas, will nicht streiten, aber wenn es sein muss, muss es sein.
WZ | Gerald Gossmann Sie haben lange vor Gericht um drei Länderspieltore gestritten, die der ÖFB nicht anerkennen will. Schlussendlich haben Sie den Prozess verloren. Enttäuscht?
Toni Polster Das stinkt zum Himmel. Ich kann mein Lebenswerk nicht selbst vervollständigen, das könnte nur der ÖFB – und ich verstehe nicht, warum sie das nicht machen. Der Richter hat gesagt, er versteht mein Anliegen, aber er kann den ÖFB nicht zwingen, die Statistik zu ändern. Ich frage mich: Was ist das für ein Urteil?
WZ | Gerald Gossmann Der Prozess hat Sie viel Geld gekostet.
Toni Polster Meine Anwälte Hirsche und Ainedter haben das gratis gemacht – aber die Gerichtskosten, immerhin weit über 20.000 Euro, sind bei mir hängengeblieben.
WZ | Gerald Gossmann Kurz darauf hat Ihnen Marko Arnautovic den Rekord als Österreichs bester Nationalteam-Torschütze aller Zeiten, den Sie jahrzehntelang gehalten haben, weggeschnappt …
Toni Polster … ich habe damit gerechnet und vergönne es dem Marko.
WZ | Gerald Gossmann Vor zwei Jahren hatten Sie einen Magendurchbruch, wären fast gestorben. Hat Sie das verändert?
Toni Polster Ich esse bewusster, nicht mehr so scharf und fett – und ich trinke keine Verdauungsschnapserl mehr.
WZ | Gerald Gossmann Wenn man, wie Sie, viele Höhen erlebt hat, wie geht man mit Tiefen um?
Toni Polster Man muss immer weitermachen. Das Glück ist ein Vogerl. Ich weiß nicht, wann mich der liebe Gott zu sich holt, keiner weiß das – aber ich will es auch nicht provozieren.
WZ | Gerald Gossmann Eine Ernährungsexpertin hat Ihnen bei einem Abnehm-Format auf Puls4 vom Feierabend-Bier abgeraten. Halten Sie sich daran?
Toni Polster Ich sitze nach dem Training gerne in einer Runde und trinke ein großes und ein kleines Bier. Einige haben zu mir gesagt, dass das eh sehr wenig ist, weil sie schon zu Mittag mehr intus haben. Im Grunde hat die Ernährungsexpertin wahrscheinlich recht – aber ich will mich auch auf etwas freuen.
WZ | Gerald Gossmann Mehr Sport war auch so eine Empfehlung.
Toni Polster Ich schaffe die empfohlenen 10.000 Schritte pro Tag nicht. Und mit nüchternem Magen Morgensport fällt mir auch schwer. Ich bewundere Leute wie Uschi Glas, die ihr Gewicht bis ins hohe Alter halten. Die sind unheimlich diszipliniert. Ich trinke gerne Bier, esse Stelze, Grillhendl.
Ich glaube an Gott und bete jeden Tag. Dieses Zwiegespräch tut mir gut.
Toni Polster WZ | Gerald Gossmann Was hilft Ihnen in schweren Momenten?
Toni Polster Ich glaube an Gott und bete jeden Tag. Dieses Zwiegespräch tut mir gut. Ich glaube fest daran, dass ich meine Eltern und meine Familie irgendwann wieder sehen werde. Das gibt mir Kraft. Vor allem, wenn man mit Enttäuschungen zu kämpfen hat.
WZ | Gerald Gossmann Sie haben zuletzt einen hohen sechsstelligen Betrag verloren, den Sie ihrem engen Vertrauten, dem Rechtsanwalt Skender Fani, für ein Immobiliengeschäft gegen Verzinsung geborgt hatten. Nach seinem Tod wurde bekannt, dass das Geld verschwunden ist, ein Insolvenzverfahren läuft.
Toni Polster Das war eine große Enttäuschung. Ich hab’ den Dr. Fani gerngehabt, er hat mich ein Leben lang begleitet, ist der Taufpate meiner Tochter. Und jetzt ist das Geld weg. Es gibt keine Chance, etwas zurückzubekommen.
WZ | Gerald Gossmann In der Branche haben Sie den Ruf, sehr sparsam zu sein. Ihr ehemaliger Mitspieler Andreas Herzog sprach gar davon, Sie hätten stets „einen Igel“ im Hosensack.
Toni Polster Das finde ich lustig. Ich habe mich ein Jahr lang alle drei Wochen mit dem Andi getroffen, um unser Buch zu schreiben – und dabei hat er mir jedes Mal den Kühlschrank von oben bis unten leer gegessen. Und ich soll einen Igel im Sack haben? Er redet halt viel Blödsinn, aber er ist mein Freund und ich hab’ ihn trotzdem gern.
WZ | Gerald Gossmann Welche Bedeutung hat Geld für Sie?
Toni Polster Geld bedeutet mir immer weniger. Du kannst mit Geld keine Familie zusammenhalten, keine Gesundheit herbeizaubern. Früher wollte ich gut verdienen und ich will auch heute gut leben – aber Glück ist nicht käuflich.
WZ | Gerald Gossmann Sie sind ein gefragtes Werbe-Testimonial. Wofür würden Sie ihr Gesicht nicht hergeben?
Toni Polster Das Dschungelcamp hat gerade wieder angefragt und mir ein finanziell fantastisches Angebot gemacht. Aber das ist nichts für mich. Ich brauche meinen Kaffee in der Früh und mein Mittagsschlaferl. Ich möchte auch keine Stierhoden essen und Bungeejumping machen. So mutig bin ich nicht.
WZ | Gerald Gossmann Sie wirken manchmal enttäuscht vom Leben – auch darüber, dass Sie als Trainer den großen Durchbruch nicht geschafft haben.
Toni Polster Ich bin mit der Wiener Viktoria dreimal Meister geworden, war erfolgreich. Dass mich der ÖFB oder die Bundesligavereine nicht wollten, kann ich mir nicht erklären. Der Prophet zählt offenbar im eigenen Land nichts.
WZ | Gerald Gossmann Früher bekamen Ex-Fußballhelden schnell attraktive Trainerposten, heute dominieren bei den großen Klubs unbekannte Taktik-Nerds.
Toni Polster Der Trend ist nicht erfolgreich. Ich frage mich ja: Von wem würdest du dich lieber operieren lassen – von einem Alten, der schon siebenhundert Hüften gemacht hat oder von einem Jungen, der noch nie operiert hat? Ich würde mich für einen entscheiden, der lange im Geschäft ist und immer einen guten Job gemacht hat.
WZ | Gerald Gossmann Mit Ralf Rangnick trainiert ein Deutscher das ÖFB-Nationalteam. Zufrieden mit ihm?
Toni Polster Rangnick und seine Mannschaft leisten gute Arbeit. Aber ich glaube, dass er nach der WM aufhört, weil in vielen Fragen nichts weitergeht – etwa beim Bau eines neuen Stadions. Was interessant wird: Rangnick hat viele Positionen mit seinen Leuten besetzt, weil es beim ÖFB sicher einige Blinde gegeben hat – aber ich weiß nicht, ob alle so blind waren. Und es stellt sich die Frage: Bleiben die dann alle, auch wenn er geht?
WZ | Gerald Gossmann Wer wäre ein idealer Nachfolger, sollte Rangnick nach der WM aufhören?
Toni Polster Ich komme nicht mehr infrage. Aber den Andi Herzog könnte ich mir gut vorstellen.
Wenn Trump Grönland annektiert, bin ich dafür, nicht zur WM zu fahren.
Toni Polster WZ | Gerald Gossmann Ein WM-Boykott wegen der politischen Lage in den USA wird immer wieder diskutiert. Zu Recht?
Toni Polster Ich freue mich auf die WM und glaube, dass wir gut abschneiden. Aber: Wenn Trump Grönland annektiert, bin ich dafür, nicht hinzufahren. Er kann nicht machen, was er will.
WZ | Gerald Gossmann Bereitet Ihnen die Weltlage Sorge?
Toni Polster Ich mag diese Welt nicht mehr, in der wir leben. Überall Kriege und Auseinandersetzungen. Wir sollten lieber zusammenhalten.
WZ | Gerald Gossmann Ihr Verein, der Wiener Regionalligist SC Wiener Viktoria, steht für Vielfalt, Integration und Zusammenhalt. Sie haben sich aber auch schon kritisch zur Migration geäußert.
Toni Polster Ich habe angesprochen, dass man in Wien-Favoriten kein deutsches Wort mehr hört. Aber da wird man gleich als Nazi abgestempelt. Fakt ist: Manche Weltanschauungen passen nicht hierher, das hat der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt vor Jahrzehnten schon gesagt. Wir wollen bei der Viktoria die Integration fördern – aber wir sehen auch, dass manche Eltern und deren Kinder keinen Respekt vor Frauen haben.
Toni Polster Von manchen Jugendlichen haben wir uns getrennt.
WZ | Gerald Gossmann Sie trainieren seit 14 Jahren in Meidling. Was hält Sie hier?
Toni Polster Wir versuchen Kindern Respekt und Zusammenhalt beizubringen. Diese Werte habe ich von meinen Eltern mitbekommen und die gebe ich weiter. Gehalt bekomme ich hier zwar keines, sondern nur Spesen – aber ich fühle mich wohl. Natürlich hätte ich gerne als Trainer die gleiche Karriere hingelegt wie als Spieler. In erster Linie ist es schade für die Vereine, die mich nicht verpflichtet haben: Die haben sich um große Erfolge gebracht!
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
Der Wiener Toni Polster spielte in seiner Karriere für den FK Austria Wien, ( wurde dreimal Torschützenkönig) und machte in Italien, Spanien und Deutschland Karriere. 1987 gewann er den Goldenen Schuh als bester Torschütze Europas. Für das österreichische Nationalteam bestritt er 95 Spiele und erzielte 44 Tore. Bis zuletzt (im November wurde er von Marko Arnautovic überholt) war er der erfolgreichste Torjäger der ÖFB-Geschichte.
Toni Polster war nicht immer ein Publikumsliebling. Vor dem Länderspiel gegen die DDR 1989 wurde er vom eigenen Publikum ausgepfiffen – Polster antwortete mit drei Toren. 1997 wurde Polster als Österreichs Sportler des Jahres ausgezeichnet, nachdem er sich mit der Nationalmannschaft für die WM 1998 qualifiziert hatte.
Polster machte auch neben dem Fußballplatz Karriere. Mit der deutschen Band „Die fabulösen Thekenschlampen“ und dem Hit „Toni, lass es polstern“ schaffte er es in die Hitparade. Später folgten Auftritte im Musikantenstadl oder bei Dancing Stars. Polster ist bis heute präsent und ein gefragtes Werbegesicht.
Als Trainer konnte er nicht an seine Erfolge als Spieler anschließen. Nur kurz trainierte er 2013 den Bundesligaklub Admira Wacker Mödling, seit 14 Jahren coacht er den Regionalligisten SC Wiener Viktoria.
Quellen
Das Thema in der WZ