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Tropenviren: Klimawandel prallt auf soziale Blasen

3 Min
"Wissen wissen" ist eine neue Kolumne von Eva Stanzl. Darin ordnet sie aktuelle Themen aus Wissenschaft und Gesundheit ein.
© Illustration: WZ, Quelle: Adobe Stock

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis tropische Infektionen auch in Europa verbreitet sind. In sozialen Blasen gepflegte „alternative Fakten“ werden dabei zum Gesundheitsrisiko.


Tropennächte und Tropenkrankheiten haben neben dem Hinweis auf feuchtwarme Klimazonen noch eine weitere Gemeinsamkeit: Sie treten auch in unseren Breiten immer häufiger auf. Wer daher morgens die Spuren blutsaugender Biester als juckende, schmerzende Dippel auf der Haut entdeckt, muss sich neuerdings mit der Frage auseinandersetzen, ob die Täterin eine gemeine, aber ungefährliche Gelse war, oder vielleicht eine Tropenmücke mit potenziell tödlicher Fracht.

Denn immer mehr exotische Krankheiten schaffen es bis nach Europa, das allmählich warm genug dafür ist. Schon in den letzten Jahren wurden Ausbrüche von Chikungunya-Fieber, Dengue-Fieber und sogar Malaria im südlichen Europa beobachtet. Vor wenigen Tagen gab es nun auch den ersten Fall von Chikungunya in Mitteleuropa. In Nordostfrankreich war die infizierte Person zuvor nicht auf Reisen gewesen, sondern hatte sich ausschließlich südlich von Straßburg nahe der deutschen Grenze aufgehalten. Dort habe sie sich offenbar durch den Stich einer Tigermücke mit dem Virus infiziert.

Emotion prallt auf Realität

Chikungunya äußert sich durch schnell ansteigendes, hohes Fieber, starke Gelenk- und Muskelschmerzen sowie Kopfschmerzen. Es ist manchmal begleitet von einem Hautausschlag, kann aber als hämorrhagisches Fieber auch innere Blutungen auslösen und damit zum Tod führen. Ursprünglich kommt die Infektion vor allem in Indien, Südostasien und Afrika vor. Laut dem Robert-Koch-Institut in Berlin ist es aber nur eine Frage der Zeit, bis auch im deutschsprachigen Raum vermehrt Ausbrüche dieser Krankheit auftreten, wobei es wegen zahlreicher asymptomatischer Verläufe schon jetzt eine Dunkelziffer geben könnte. Die Ansteckung erfolgt hauptsächlich durch den Stich von infizierten Mücken der Gattungen Aedes albopictus (asiatische Tigermücke) und Aedes aegypti (Gelbfiebermücke), die mit dem weltweiten Waren- und Flugverkehr mitreisen.

Glücklicherweise müssen wir aber nicht untätig zusehen, wie sich gefährliche Viren zur Epidemie auswachsen. Immerhin gibt es gegen Chikungunya, ebenso wie gegen Dengue und Gelbfieber, wirksame Impfstoffe.

Doch spätestens hier prallt wissenschaftliche Realität gegen die harte Front von Emotion und Verschwörungstheorie: Der Klimawandel sei ja bloß ein Schreckgespenst zur Unterdrückung ahnungsloser, manipulierter Menschen und Impfungen ein Vorwand dafür, Chips einzupflanzen, um aus den Bürger:innen willfährige Opfer des globalen Resets zu machen.

Fakten statt Fiktion

Hätte man derartiges vor wenigen Jahren noch belächelt, so werden diese in sozialen Blasen gepflegten „alternativen Fakten“ zunehmend zu einem globalen Risiko für unser aller Gesundheit: „Wir sind extrem besorgt über Fehl- und Desinformation zu Impfungen“, sagte kürzlich Kate O’Brien, Direktorin der WHO-Impfabteilung, bei der Vorlage des jährlichen Berichts über die weltweiten Impfraten. Sie verweist auf Social-Media-Bubbles, in denen gegen Impfungen und Medikamente der Schulmedizin mobilgemacht wird.

Dabei wird es immer notwendiger, der weltweiten Seuchenverbreitung etwas entgegenzusetzen. Denn tropische Stechmücken verbreiten nicht nur Chikungunya, sondern auch Zika (löst schwere Missbildungen bei Ungeborenen aus), Gelbfieber (kann Leberschädigung, Gelbsucht und Störungen der Blutgerinnung auslösen und zum Tod führen) oder Dengue (ist einer schweren Grippe ähnlich, kann aber ebenfalls als hämorrhagisches Fieber tödlich verlaufen).

Es ist also höchste Zeit, Fakten und Fiktion auseinanderzuhalten, den kritischen Geist wieder zu aktivieren und gerade auf Social Media, wo sich vor allem junge Menschen informieren, auf Aufklärungskampagnen zu Medikamenten und Impfungen zu setzen.

Die Entscheidung der österreichischen Regierung, trotz der evidenten Sparzwänge die Mittel für einige kostenlose Impfungen aufzustocken, ist in diesem Sinne sicher ein richtiger Schritt im Kampf um eine gesündere Gesellschaft.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Helge Kampen, Leiter des Labors für Medizinische Entomologie am Institut für Infektionsmedizin, Friedrich-Loeffler-Institut, Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, Greifswald-Insel Riems, und Geschäftsführer der Nationalen Expertenkommission „Stechmücken als Überträger von Krankheitserregern“.
  • Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin, Reisemedizin und Humanparasitologie, Universitätsklinikum Tübingen.
  • Hendrik Wilking, Stellvertretender Leiter des Fachgebiets Gastrointestinale Infektionen, Zoonosen und tropische Infektionen, Robert Koch-Institut (RKI), Berlin, alle bei einem virtuellen Press Briefing zum Thema: „Chikungunya, Zika, Dengue & Co. – Wie gut sind wir auf Tropenkrankheiten und ihre Verbreitung vorbereitet?“ des Science Media Center Deutschland.

Daten und Fakten

  • Infektionen mit tropischen Krankheiten unter Reiserückkehrer:innen aus tropischen Ländern gibt es seit Jahren. Immer häufiger infizieren Menschen sich aber auch direkt in Europa. Diese sogenannten autochthonen Infektionen kommen zustande, wenn wie kürzlich in Nordfrankreich eine Mücke eine infizierte Person sticht, das infizierte Blut dieser Person aufnimmt und mit einem weiteren Stich eine gesunde Person mit dem Erreger infiziert.
  • Neben Chikungunya, Dengue oder Gelbfieber, die durch Tiger- und Gelbfiebermücken übertragen werden, werden in Europa immer wieder auch Infektionen mit dem West-Nil-Virus nachgewiesen, das durch gemeine Gelsen (Stechmücken der Gattung Culex) übertragen wird. Ein Großteil der Infektionen verläuft symptomlos. Etwa 20 Prozent der Infizierten entwickeln jedoch eine grippeähnliche fieberhafte Symptomatik mit abruptem Beginn. Vom schweren Verlauf sind in der Regel ältere und vorerkrankte Personen betroffen. Nur bei einem Teil der Schwererkrankten tritt eine Meningitis auf, die zudem meist gutartig verläuft. In seltenen Fällen entwickelt sich eine Enzephalitis, die Spätfolgen nach sich ziehen kann, eine Entzündung des Herzens oder eine Entzündung der Leber.
  • In Österreich hat die AGES bisher etwa 50 verschiedene Arten von Gelsen (Stechmücken) nachgewiesen. Besonders exotische Gelsenarten wie die Tigermücke Aedes albopictus, die sich erst in den vergangenen Jahrzehnten in Europa angesiedelt haben, sind oft potenzielle Überträger einer Vielzahl an Krankheitserregern. Etablierte Populationen der Tigermücke gibt es in Österreich bereits in Wien und im Raum Linz, mehrfache Nachweise im Weinviertel, im niederösterreichischen Donauraum und in Westtirol.
  • Österreich investiert trotz der Sparzwänge in das Gratis-Impfprogramm. Die Impfungen gegen Pneumokokken und Gürtelrose (Herpes Zoster) werden künftig für erwachsene Risikogruppen gratis sein. Das hat das Gesundheitsministerium am 16. Juli in einer Aussendung bekanntgegeben. Die beiden Immunisierungen sollen ab Ende 2025 beziehungsweise im Lauf des Jahres 2026 schrittweise kostenlos verfügbar gemacht werden.

Quellen

Das Thema in der WZ

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