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Kinder in Gaza sind weiterhin von Gewalt, zerstörter Infrastruktur und Mangelernährung betroffen. Michael Blauensteiner, Pressesprecher von UNICEF Österreich, erläutert im Interview die instabile Sicherheitslage und die prekäre humanitäre Situation.
Trotz der im Oktober 2025 angekündigten Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas bleibt die humanitäre Lage im Gazastreifen dramatisch. Erst vor wenigen Wochen kündigte dieHilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) an, ihre Arbeit im Nasser-Krankenhaus in Khan Younis teilweise zurückzufahren, weil es erhebliche Sicherheitsbedenken aufgrund der Präsenz bewaffneter Männer auf dem Krankenhausgelände gäbe.
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Abseits dessen sind viele Kinder mangelernährt, mehr als 90 Prozent der Schulen wurden laut UNICEF zerstört, medizinische Evakuierungen sind weiterhin nur eingeschränkt möglich, und nicht detonierte Kampfmittel erschweren die Arbeit von Hilfsorganisationen vor Ort. Michael Blauensteiner, Pressesprecher von UNICEF Österreich, beschreibt im Interview die bestehenden Herausforderungen in Gaza und betont die Notwendigkeit eines dauerhaften Friedensabkommens.
Positiv ist, dass die humanitären Hilfslieferungen deutlich zugenommen haben. Eine Hungersnot konnte zwar abgewendet werden, aber es sind noch immer mehr als 100.000 Kinder unter fünf Jahren akut mangelernährt, obwohl es wieder zur teilweisen Öffnung von Märkten kam.
Ein weiteres großes Problem ist, dass die meisten Kinder seit über zwei Jahren keinen geregelten Präsenzunterricht hatten. Immerhin konnten erst vor wenigen Wochen erstmals seit Beginn des Krieges wieder Freizeit- und Schulmaterialien zu den Hilfslieferungen zugelassen werden. Es gibt also zwar Fortschritte, aber die Lage bleibt mehr als angespannt – und besonders Kinder bleiben gefährdet.
Ein Schwerpunkt unserer Winterhilfe war deshalb die Verteilung von Decken, Winterkleidung und neuen Zelten. Dennoch leben viele Menschen in einsturzgefährdeten Gebäuden oder weiterhin unter prekären Bedingungen. Zudem herrscht Treibstoffmangel, etwa für Pumpen gegen Überflutungen. All das verschärft die Situation erheblich. Es gibt auch einen Anstieg von Infektionskrankheiten, und es wurden bereits Todesfälle durch Unterkühlung bestätigt.
Es gibt praktisch keine Möglichkeiten für frühkindliche Entwicklungsförderung.Michael Blauensteiner
Und natürlich gibt es langfristig massive Lernrückstände bei allen Kindern. Wie die Erfahrung zeigt, führt das häufig zu steigender Kinderarbeit, zunehmender sozialer Instabilität und einem massiven Verlust wirtschaftlicher Perspektiven. Wobei man an dieser Stelle auch sagen muss: Bevor man von wirtschaftlichen Perspektiven spricht, braucht es zunächst eine Lösung, die den palästinensischen Kindern solche Perspektiven überhaupt ermöglicht.
Es wird auf jeden Fall einen systematischen Wiederaufbau brauchen. Was wir als UNICEF in dieser Hinsicht tun, ist, dass wir unser „Back-to-Learning“-Programm weiter ausbauen. Aktuell erreichen wir damit mehr als 100.000 Kinder zumindest mit informeller Bildung. Durch die Waffenruhe haben wir nun auch die Möglichkeit, weitere Lernzentren zu betreiben und zu errichten. Im Laufe dieses Jahres planen wir, insgesamt mehr als 335.000 Kinder mit diesen Angeboten zu erreichen. Das umfasst Unterricht in Arabisch, Mathematik und grundlegenden Bildungsfächern sowie den Zugang zu Ernährungs- und Sozialdiensten.
Mit diesen informellen Lernzentren versuchen wir in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, den Bildungsverlust zumindest etwas abzufedern.
Ein aktuelles Problem ist es, sichere Flächen zu finden, um diese Lernzentren zu errichten, weil im Gazastreifen noch immer sehr viel nicht explodiertes Kampfmaterial verstreut ist, das erst geräumt werden muss. Es ist daher eine große Herausforderung, überhaupt geeignete und sichere Standorte für weitere Lernzentren zu finden.
Aber wie Sie sagen: Sehr viele, vermutlich die meisten Kinder sind traumatisiert, manche schwer traumatisiert. Viele Kinder haben ihre Familien verloren. Zahlreiche Kinder tragen auch schwere Verletzungen davon, darunter den Verlust von Gliedmaßen. Deshalb ist es besonders wichtig, dass diese Lernzentren inklusiv zugänglich sind. Unsere Lehrerinnen und Lehrer vor Ort sind in grundlegender psychosozialer Unterstützung geschult. Wenn sie den Eindruck haben, dass ein Kind etwa aus Angst nicht mehr spricht, wird es an spezialisierte Fachstellen weitergeleitet, die entsprechend ausgebildet sind. Allerdings ist es derzeit nicht möglich, jedem Kind die notwendige psychosoziale Betreuung zukommen zu lassen, da dafür viel mehr Personal nötig wäre.
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Schließlich braucht es massive Investitionen in Bildung, Gesundheit, Kinderschutz und psychosoziale Hilfe, um den Wiederaufbau zu starten, sobald hoffentlich ein echtes Friedensabkommen erreicht wird. Denn es ist noch immer fast täglich der Fall, dass Menschen getötet werden.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner
Michael Blauensteiner ist Pressesprecher von UNICEF Österreich.
Daten und Fakten
• Israel hat die Lizenzen von 37 internationalen Nichtregierungsorganisationen in Gaza und im besetzten Westjordanland widerrufen, da sie neuen Registrierungsanforderungen nicht nachgekommen seien. Damit sind staatliche Vorgaben gemeint, nach denen Hilfsorganisationen ihre Arbeit neu anmelden, detaillierte Angaben zu Finanzierung, Mitarbeitenden und Projekten machen und eine offizielle Genehmigung der zuständigen Behörden einholen müssen. Die Lizenzsuspendierung trat am 1. Januar 2026 in Kraft. Zu den betroffenen Hilfsorganisationen gehören unter anderem ActionAid, International Rescue Committee und Médecins Sans Frontières. International sorgte dieses Vorgehen erneut für scharfe Kritik. Auch die UN bezeichneten die Suspendierungen als Teil einer Reihe rechtswidriger Einschränkungen des humanitären Zugangs und betonten, dass Israel nach internationalem Recht für die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern in Gaza verantwortlich ist und humanitäre Hilfe zulassen und erleichtern muss.
• Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden seit dem 7. Oktober 2023 bis zum 3. Februar 2026 insgesamt 71.803 Palästinenser:innen im Gazastreifen getötet, darunter mindestens 21.289 Kinder. Weitere 171.324 Menschen wurden den Angaben zufolge verletzt, wobei davon 44.500 Kinder sind.
• Die UN berichtet des Weiteren, dass seit Beginn der Waffenruhe am 10. Oktober 2025 611 Palästinenser:innen getötet wurden. Darunter waren mehr als 120 Kinder. Mehr als 1000 Menschen wurden zudem trotz Beginn der Waffenruhe in Gaza verletzt.
• Die UN verurteilte die Tötungen von Zivilist:innen durch israelische Luftangriffe in Gaza scharf. Die israelische Armee rechtfertigt die Angriffe hingegen damit, dass sie weiterhin gezielt gegen militante Gruppen und deren Infrastruktur vorgehe.
• Seit Beginn des Krieges am 7. Oktober 2023 durch den Hamas-Angriff verweigert Israel internationalen und israelischen Journalist:innen weitgehend den unabhängigen Zugang zum Gazastreifen. Der Grenzübergang ist für ausländische Medienvertreter:innen geschlossen, sodass eine freie, unbegleitete Berichterstattung aus dem Inneren kaum möglich ist.
Quellen
- UNICEF.org
- UN NEWS
- Das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte (OHCHR)
- Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA)
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