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UNICEF: Trotz Waffenruhe werden Kinder in Gaza getötet

7 Min
Michael Blauensteiner, Pressesprecher von UNICEF Österreich, spricht über die prekäre Situation für Kinder im Gazastreifen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Kinder in Gaza sind weiterhin von Gewalt, zerstörter Infrastruktur und Mangelernährung betroffen. Michael Blauensteiner, Pressesprecher von UNICEF Österreich, erläutert im Interview die instabile Sicherheitslage und die prekäre humanitäre Situation.


Trotz der im Oktober 2025 angekündigten Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas bleibt die humanitäre Lage im Gazastreifen dramatisch. Erst vor wenigen Wochen kündigte dieHilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) an, ihre Arbeit im Nasser-Krankenhaus in Khan Younis teilweise zurückzufahren, weil es erhebliche Sicherheitsbedenken aufgrund der Präsenz bewaffneter Männer auf dem Krankenhausgelände gäbe.

Abseits dessen sind viele Kinder mangelernährt, mehr als 90 Prozent der Schulen wurden laut UNICEF zerstört, medizinische Evakuierungen sind weiterhin nur eingeschränkt möglich, und nicht detonierte Kampfmittel erschweren die Arbeit von Hilfsorganisationen vor Ort. Michael Blauensteiner, Pressesprecher von UNICEF Österreich, beschreibt im Interview die bestehenden Herausforderungen in Gaza und betont die Notwendigkeit eines dauerhaften Friedensabkommens.

WZ | Elias Feroz
Trotz der angekündigten Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas im Oktober letzten Jahres sind in Gaza seitdem nach aktuellen Berichten mehr als 500 Menschen durch israelische Angriffe getötet worden, darunter über 100 Kinder. Wie bewertet UNICEF vor diesem Hintergrund die aktuelle humanitäre Situation in Gaza?
Michael Blauensteiner
Die humanitäre Situation ist nach wie vor dramatisch und hochgradig instabil. Seit Beginn des Jahres wurden außerdem mindestens 37 Kinder getötet. Man kann also nicht davon sprechen, dass trotz dieser instabilen Waffenruhe Sicherheit für Kinder garantiert werden kann.

Positiv ist, dass die humanitären Hilfslieferungen deutlich zugenommen haben. Eine Hungersnot konnte zwar abgewendet werden, aber es sind noch immer mehr als 100.000 Kinder unter fünf Jahren akut mangelernährt, obwohl es wieder zur teilweisen Öffnung von Märkten kam.

Ein weiteres großes Problem ist, dass die meisten Kinder seit über zwei Jahren keinen geregelten Präsenzunterricht hatten. Immerhin konnten erst vor wenigen Wochen erstmals seit Beginn des Krieges wieder Freizeit- und Schulmaterialien zu den Hilfslieferungen zugelassen werden. Es gibt also zwar Fortschritte, aber die Lage bleibt mehr als angespannt – und besonders Kinder bleiben gefährdet.
WZ | Elias Feroz
Worin liegen die Hauptursachen für die weiterhin verbreitete Mangelernährung?
Michael Blauensteiner
Es werden leider immer noch nicht ausreichend Hilfslieferungen zugelassen. Zwar konnten seit Anfang Oktober 2025 rund 30.000 Lkw-Ladungen in den Gazastreifen gebracht werden, was eine Steigerung von über 400 Prozent im Vergleich zu zuvor ist. Allerdings ist das insgesamt immer noch zu wenig. Gerade mangelernährte Kinder sind auf spezielle Zusatznahrung angewiesen. Wir und andere Organisationen stellen diese auch zur Verfügung, allerdings eben nicht ausreichend.
WZ | Elias Feroz
Wie stark verschärft der Winter die ohnehin prekäre Lage in Gaza?
Michael Blauensteiner
Vor allem Ende Dezember und Anfang Jänner kam es zu starken Überflutungen. Viele Menschen leben weiterhin in Zelten oder Notunterkünften. Dadurch mussten Kinder und ihre Familien in Nässe leben. Bei Temperaturen unter zehn Grad kann das gerade für Kinder lebensbedrohlich sein.

Ein Schwerpunkt unserer Winterhilfe war deshalb die Verteilung von Decken, Winterkleidung und neuen Zelten. Dennoch leben viele Menschen in einsturzgefährdeten Gebäuden oder weiterhin unter prekären Bedingungen. Zudem herrscht Treibstoffmangel, etwa für Pumpen gegen Überflutungen. All das verschärft die Situation erheblich. Es gibt auch einen Anstieg von Infektionskrankheiten, und es wurden bereits Todesfälle durch Unterkühlung bestätigt.
Es gibt praktisch keine Möglichkeiten für frühkindliche Entwicklungsförderung.
Michael Blauensteiner
WZ | Elias Feroz
Die palästinensische Bevölkerung in Gaza wies vor dem Krieg eine sehr hohe Alphabetisierungsrate auf. Inzwischen sind mehr als 90 Prozent der Schulen zerstört oder beschädigt. Welche langfristigen Folgen hat dieser massive Einbruch im Bildungssystem für die betroffenen Kinder?
Michael Blauensteiner
Die langfristigen Folgen sind derzeit noch schwer vollständig abzusehen. Es ist jedoch ein enormes Problem, dass bei über 300.000 Kindern unter vier Jahren die frühkindliche Entwicklung und Förderung massiv eingeschränkt ist, weil Spielmöglichkeiten – etwa wie in einem Kindergarten – fehlen. Es gibt praktisch keine Möglichkeiten für frühkindliche Entwicklungsförderung.

Und natürlich gibt es langfristig massive Lernrückstände bei allen Kindern. Wie die Erfahrung zeigt, führt das häufig zu steigender Kinderarbeit, zunehmender sozialer Instabilität und einem massiven Verlust wirtschaftlicher Perspektiven. Wobei man an dieser Stelle auch sagen muss: Bevor man von wirtschaftlichen Perspektiven spricht, braucht es zunächst eine Lösung, die den palästinensischen Kindern solche Perspektiven überhaupt ermöglicht.

Es wird auf jeden Fall einen systematischen Wiederaufbau brauchen. Was wir als UNICEF in dieser Hinsicht tun, ist, dass wir unser „Back-to-Learning“-Programm weiter ausbauen. Aktuell erreichen wir damit mehr als 100.000 Kinder zumindest mit informeller Bildung. Durch die Waffenruhe haben wir nun auch die Möglichkeit, weitere Lernzentren zu betreiben und zu errichten. Im Laufe dieses Jahres planen wir, insgesamt mehr als 335.000 Kinder mit diesen Angeboten zu erreichen. Das umfasst Unterricht in Arabisch, Mathematik und grundlegenden Bildungsfächern sowie den Zugang zu Ernährungs- und Sozialdiensten.

Mit diesen informellen Lernzentren versuchen wir in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, den Bildungsverlust zumindest etwas abzufedern.
WZ | Elias Feroz
Wo findet dieser Unterricht statt? Ebenfalls in Zelten von UNICEF?
Michael Blauensteiner
Ja, teilweise handelt es sich um sehr große Zelte, vergleichbar mit Festzelten in Österreich. Teilweise findet der Unterricht aber auch in Gebäuden statt. Da mit einem Zentrum sehr viele Kinder erreicht werden sollen und der Plan ist, dass jedes Kind dort jederzeit eine Anlaufstelle findet, sind diese Zentren entsprechend groß.

Ein aktuelles Problem ist es, sichere Flächen zu finden, um diese Lernzentren zu errichten, weil im Gazastreifen noch immer sehr viel nicht explodiertes Kampfmaterial verstreut ist, das erst geräumt werden muss. Es ist daher eine große Herausforderung, überhaupt geeignete und sichere Standorte für weitere Lernzentren zu finden.
WZ | Elias Feroz
Kinder in Gaza haben in den vergangenen zweieinhalb Jahren – und vielfach schon zuvor – extreme Gewalt erlebt. Wenn Kinder über einen so langen Zeitraum unter ständiger Bedrohung und ohne Stabilität aufwachsen, kann Unterricht unter solchen Bedingungen überhaupt gelingen?
Michael Blauensteiner
Was ich von einem Kollegen vor Ort, der eines dieser Lernzentren betreut und dort tätig ist, kürzlich gehört habe, ist, dass der Unterricht für sehr viele Kinder eine willkommene Abwechslung darstellt. Wir bekommen aus der Bevölkerung – sowohl von Kindern als auch von Eltern – immer wieder den starken Wunsch, dass die Kinder wieder lernen wollen. Es gibt ein großes Bedürfnis nach zumindest etwas Normalität und danach, in einem geschützten Raum wieder mit anderen Kindern interagieren zu können.

Aber wie Sie sagen: Sehr viele, vermutlich die meisten Kinder sind traumatisiert, manche schwer traumatisiert. Viele Kinder haben ihre Familien verloren. Zahlreiche Kinder tragen auch schwere Verletzungen davon, darunter den Verlust von Gliedmaßen. Deshalb ist es besonders wichtig, dass diese Lernzentren inklusiv zugänglich sind. Unsere Lehrerinnen und Lehrer vor Ort sind in grundlegender psychosozialer Unterstützung geschult. Wenn sie den Eindruck haben, dass ein Kind etwa aus Angst nicht mehr spricht, wird es an spezialisierte Fachstellen weitergeleitet, die entsprechend ausgebildet sind. Allerdings ist es derzeit nicht möglich, jedem Kind die notwendige psychosoziale Betreuung zukommen zu lassen, da dafür viel mehr Personal nötig wäre.
WZ | Elias Feroz
UNICEF-Mitarbeitende sowie andere Hilfsorganisationen arbeiten unter extrem gefährlichen Bedingungen in Gaza. Wie gewährleistet UNICEF die Sicherheit des Personals – und wo stößt dieser Schutz an seine Grenzen?
Michael Blauensteiner
UNICEF baut auf jahrzehntelange Erfahrung in Konfliktregionen, um Mitarbeitende vor Ort zu schützen. Wir arbeiten mit strengen Sicherheitsprotokollen, Lageanalysen und abgestimmten Bewegungsplänen. Sichere oder möglichst sichere Routen werden im Voraus festgelegt. Bricht in der Nähe eine Kampfhandlung aus, wird eine Mission abgebrochen, verschoben oder die Route geändert. Diese komplexe Sicherheitslage und die Kontrolle jedes Hilfsguts durch das israelische Militär führen dazu, dass Hilfseinsätze regelmäßig verzögert oder behindert werden. Vollständigen Schutz kann man unter Kriegsbedingungen leider nie garantieren. Seit Beginn des Konflikts wurden zudem fast 579 humanitäre Helfer getötet, davon rund 400 UN-Mitarbeitende.

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WZ | Elias Feroz
Israel hat Anfang des Jahres die Arbeit zahlreicher humanitärer Organisationen in Gaza ausgesetzt beziehungsweise ihnen die Lizenz entzogen, weil sie bestimmte neue Registrierungs‑ und Meldebedingungen nicht erfüllten. Inwieweit beeinflusst diese Situation die Arbeit von UNICEF vor Ort und welche Folgen hat sie für die Bereitstellung humanitärer Hilfe?
Michael Blauensteiner
Insgesamt ist das eine katastrophale Entwicklung für die humanitäre Hilfe im Gazastreifen. Internationale Organisationen, denen die Genehmigung entzogen oder deren Arbeit verboten wurde, sind wichtige Partner von UNICEF. Sie liefern essenzielle Güter wie Generatoren, Ersatzteile für Kühlketten, Impfstoffe und Nahrung. UNICEF ist nicht die einzige Organisation, die Hilfsgüter in den Gazastreifen bringt. Dieses Verbot gefährdet massiv die Fortschritte, die seit Beginn der Waffenruhe erzielt wurden. Auch UN-Organisationen oder die verbleibenden Hilfsorganisationen können diese Lücken nicht vollständig ausgleichen. Wir kritisieren diese Entwicklung sehr scharf.
WZ | Elias Feroz
Welche Maßnahmen wären nach UNICEF dringend erforderlich, um den Menschen in Gaza Perspektiven zu geben?
Michael Blauensteiner
Wir brauchen unbedingt vollständigen und ungehinderten humanitären Zugang über alle Grenzübergänge. Dazu gehört, dass der Grenzübergang in Rafah für humanitäre Hilfe geöffnet wird – dies ist seit Anfang des Monats immer noch nur sehr begrenzt der Fall. Auch medizinische Evakuierungen sind in sehr großem Umfang nötig. Noch immer benötigen über 20.000 Patient:innen dringend bessere medizinische Betreuung, die vor Ort kaum möglich ist.

Schließlich braucht es massive Investitionen in Bildung, Gesundheit, Kinderschutz und psychosoziale Hilfe, um den Wiederaufbau zu starten, sobald hoffentlich ein echtes Friedensabkommen erreicht wird. Denn es ist noch immer fast täglich der Fall, dass Menschen getötet werden.

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Infos und Quellen

Gesprächspartner

Michael Blauensteiner ist Pressesprecher von UNICEF Österreich.

Daten und Fakten

• Israel hat die Lizenzen von 37 internationalen Nichtregierungsorganisationen in Gaza und im besetzten Westjordanland widerrufen, da sie neuen Registrierungsanforderungen nicht nachgekommen seien. Damit sind staatliche Vorgaben gemeint, nach denen Hilfsorganisationen ihre Arbeit neu anmelden, detaillierte Angaben zu Finanzierung, Mitarbeitenden und Projekten machen und eine offizielle Genehmigung der zuständigen Behörden einholen müssen. Die Lizenzsuspendierung trat am 1. Januar 2026 in Kraft. Zu den betroffenen Hilfsorganisationen gehören unter anderem ActionAid, International Rescue Committee und Médecins Sans Frontières. International sorgte dieses Vorgehen erneut für scharfe Kritik. Auch die UN bezeichneten die Suspendierungen als Teil einer Reihe rechtswidriger Einschränkungen des humanitären Zugangs und betonten, dass Israel nach internationalem Recht für die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern in Gaza verantwortlich ist und humanitäre Hilfe zulassen und erleichtern muss.

• Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden seit dem 7. Oktober 2023 bis zum 3. Februar 2026 insgesamt 71.803 Palästinenser:innen im Gazastreifen getötet, darunter mindestens 21.289 Kinder. Weitere 171.324 Menschen wurden den Angaben zufolge verletzt, wobei davon 44.500 Kinder sind.

• Die UN berichtet des Weiteren, dass seit Beginn der Waffenruhe am 10. Oktober 2025 611 Palästinenser:innen getötet wurden. Darunter waren mehr als 120 Kinder. Mehr als 1000 Menschen wurden zudem trotz Beginn der Waffenruhe in Gaza verletzt.

• Die UN verurteilte die Tötungen von Zivilist:innen durch israelische Luftangriffe in Gaza scharf. Die israelische Armee rechtfertigt die Angriffe hingegen damit, dass sie weiterhin gezielt gegen militante Gruppen und deren Infrastruktur vorgehe.

• Seit Beginn des Krieges am 7. Oktober 2023 durch den Hamas-Angriff verweigert Israel internationalen und israelischen Journalist:innen weitgehend den unabhängigen Zugang zum Gazastreifen. Der Grenzübergang ist für ausländische Medienvertreter:innen geschlossen, sodass eine freie, unbegleitete Berichterstattung aus dem Inneren kaum möglich ist.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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