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Cornell ist kein Einzelfall

3 Min
Wenn wir über Cornell reden, müssen wir über das System reden, dass solche Fälle möglich macht.
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner. Bildquelle: Adobe Stock

Kommentar: Die Gruppenvergewaltigung an der US-Eliteuniversität Cornell legt offen, wie sexualisierte Gewalt nach wie vor toleriert und gedeckt wird.


Dieser Text behandelt sexualisierte Gewalt. Der Inhalt kann belastend oder retraumatisierend wirken. Bitte lies nur weiter, wenn du dich emotional sicher fühlst. Eine Liste mit Unterstützungseinrichtungen findest du am Ende des Textes.

Die Empörung ist immer groß. In Marchtrenk betäubt ein Mann seine Ehefrau, vergewaltigt sie und bietet sie anderen zum Missbrauch an. Sie stirbt an den Folgen ihrer Verletzungen. Empörung.

In Wien wird der Kabarettist Gunkl angeklagt. Er gesteht, ein heute fünfjähriges Mädchen sexuell missbraucht zu haben und knapp 1.000 Dateien von Kindesmissbrauchsdarstellungen zu besitzen. Empörung.

An der US-Eliteuni Cornell wird der Fall einer Gruppenvergewaltigung neu aufgerollt. Eine ehemalige Studentin wirft sieben Männern einer Studentenverbindung vor, sie im Oktober 2024 unter Drogen gesetzt und stundenlang vergewaltigt zu haben. Laut der Anklageschrift postet einer von ihnen eine Nachricht in eine Snapchat-Gruppe: Andere Männer seien eingeladen, bei der Vergewaltigung mitzumachen – „free pussy upstairs“. Nur zwei der Beschuldigten fliegen von der Uni, der Rest schreibt laut Zivilklage einen Aufsatz, besucht einen Workshop und kommt mit einer kurzen Suspendierung davon. Empörung.

Dabei kennen wir die Zahlen. In Österreich ist jede dritte Frau von körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Jede Neunte wird Opfer einer versuchten oder vollendeten Vergewaltigung. Seit August wird auch hierzulande gegen ein internationales Vergewaltigernetzwerk ermittelt, mittlerweile gibt es allein in Österreich drei Fälle, die an Gisèle Pelicot erinnern. Die Österreichischen Frauenhäuser haben 2026 18 mutmaßliche Femizide registriert.

Cornell ist kein Einzelfall irgendwo in den USA, sondern das Ergebnis einer Gesellschaft, die sexualisierte Gewalt toleriert, normalisiert und verharmlost.

Ich recherchiere seit Monaten zu Vergewaltigungen. Ich habe mit Betroffenen gesprochen, die sich nicht getraut haben, zur Polizei zu gehen. Ich habe in Gerichtssälen gesessen und erlebt, wie sich die Schuldfrage plötzlich umdreht. Was hast du angehabt? Warst du betrunken? Hast du Nein gesagt? Warum hast du den Übergriff nicht früher gemeldet? Ich habe gesehen, wie Frauen in einem System zerbrechen, das sie eigentlich beschützen sollte.

Auch in der Causa Cornell verlässt am Ende die betroffene Frau die Uni. Die Männer bleiben.

„Das Leben der Betroffenen ist allen egal. Wie oft ich schon in Nachrichten gelesen habe: Der Täter wurde freigesprochen oder das Verfahren eingestellt, schließlich hat der junge Mann noch sein ganzes Leben vor sich, das kann man ihm ja nicht ruinieren. Aber was ist mit unserem Leben?“, hat ein Vergewaltigungsopfer in einem Interview zu mir gesagt.

Wenn wir über Cornell reden, müssen wir über das System reden, dass derartige Fälle möglich macht und sie anschließend entschuldigt und vertuscht. Wir müssen benennen, dass dahinter eine Kultur steckt, die sich durch alle Lebensbereiche, Institutionen und Länder zieht. Und müssen uns fragen, ob wir genug machen, um sexualisierte Gewalt zu verhindern.

Die Empörung ist groß. Aber sie ist nur der Anfang.


Hilfe und Beratungsstellen

Wenn du selbst von Gewalt betroffen bist oder jemanden unterstützen möchtest, findest du hier Hilfe:

  • Autonome Österreichische Frauenhäuser: online hier
  • Der Helpchat, Online-Beratungsstelle für Frauen und Mädchen: online hier
  • Frauenhelpline gegen Gewalt: Tel.: 0800 222 555, online hier
  • Gewaltschutzzentren Österreichs: Tel.: 0800 700 217, online hier
  • Männerberatung: Tel.: 0800 400 777, online hier
  • StoP, Stadtteile ohne Partnergewalt: online hier
  • Rat auf Draht: Tel.: 147, online hier

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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Gewalt gegen Frauen umfasst körperliche, psychische, wirtschaftliche, virtuelle und sexualisierte Gewalt. Sie betrifft Frauen in jedem Lebensbereich und in allen Alters- und Bildungsschichten.
  • In Österreich ist jede dritte Frau (ab dem Alter von 15 Jahren) von körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. 282.480 Frauen (8,7 Prozent) wurden bereits Opfer einer Vergewaltigung. (siehe Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen in Österreich, Prävalenzstudie beauftragt durch Eurostat und das Bundeskanzleramt, 2022)
  • Frauen, die durch Armut, Rassismus, Ableismus, Trans- oder Queerfeindlichkeit mehrfach marginalisiert sind, sind überproportional häufig von sexualisierter und häuslicher Gewalt betroffen.
  • Im Jahr 2025 zählten die Autonomen Frauenhäuser 15 Femizide. Sieben der Opfer waren über 65 Jahre alt. (siehe Autonome Frauenhäuser Österreichs: Mutmaßliche Femizide, 2025)
  • Schon seit vielen Jahren zeigen Studien, dass die Dunkelziffer bei sexualisierter Gewalt sehr hoch ist. Nur wenige der Betroffenen, die etwa eine Vergewaltigung oder andere Formen sexualisierter Gewalt erlebt haben, erstatten tatsächlich Anzeige.

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