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"Vergiss nicht: Du bist nur ein Roma"

8 Min
Ein Leben zwischen Vorurteilen und Identität.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Viele junge Rom:nja in Österreich erleben Diskriminierung und Vorurteile im Alltag. Gleichzeitig wächst eine Generation heran, die genau das nicht mehr hinnehmen will. Zwei junge Roma aus Österreich erzählen.


Denis öffnet die Handykamera, zupft noch einmal kurz seine Haare zurecht und drückt auf Aufnehmen. Auf TikTok erzählt er seinen Follower:innen von seinen Erfolgen: ein Bachelorabschluss, eine Gewichtsabnahme von vierzig Kilogramm und der Kauf eines Hauses für seine Eltern. Doch schon kurz nachdem er sein Video auf TikTok postet, bimmelt sein Handy. „Vergiss nicht, du bist immer noch nur ein Roma“. Ein Kommentar, den Denis unter seinen Videos nicht zum ersten Mal liest. Der 28-Jährige spricht seit 2025 auf Social Media mit seinen ca. 22 Tausend Follower:innen offen über seine Wurzeln.

Vieles lässt ihn mittlerweile kalt, denn er fühlt sich sicher in seiner Identität und sieht im „Roma-Sein“ weit mehr als die diskriminierenden Vorurteile, die damit oft verbunden werden. Doch dieser Satz trifft ihn dennoch. „Du weißt, du arbeitest hart, und du bist von dir selbst überzeugt, aber trotzdem kommt dann jemand und sagt dir, dass du ‚nur Roma‘ bist, und dementsprechend wären deine Erfolge nichts wert“.

Mit solchen diskriminierenden Kommentaren ist er nicht allein. Viele junge Rom:nja erleben sie täglich, online wie offline. Als Teil der größten ethnischen Minderheit Europas, mit rund 14 Millionen Menschen, sind sie immer wieder mit Antiziganismus, einer spezifischen Form von Rassismus gegen Rom:nja, konfrontiert. Gleichzeitig wächst eine Generation heran, die genau das nicht mehr hinnehmen will: Immer mehr junge Menschen aus der Community werden laut, klären auf und setzen sich im Netz und im Alltag aktiv dafür ein, rassistische Stereotype aufzubrechen.

Bei der Hochzeit auf zwei Stühlen schlafen

„Ich würde mich selbst als waschechten Wiener beschreiben“, so Denis. Seine Eltern kamen vor knapp vierzig Jahren gemeinsam mit seiner ältesten Schwester nach Österreich, er selbst wurde in Wien geboren. „Ich trage sowohl die österreichische als auch meine migrantische Kultur in mir“, sagt er. Im Alltag zeigen sich allerdings oft in kleinen, für Denis amüsanten, Momenten Unterschiede, etwa in Gesprächen darüber, wie seine Arbeitskolleg:innen ihren Feierabend verbringen, und wie anders es bei ihm aussieht. An Wochenenden ist der 28-Jährige nicht selten bei einem Geburtstag und zusätzlich auf einer Hochzeit. „Ich habe Freunde ohne Migrationshintergrund, die waren noch nie auf einer Hochzeit. Ich hingegen bin so aufgewachsen, dass ich einmal in der Woche auf einer Feier war und dort dann auf den Stühlen geschlafen habe“.

Generell würde Denis die Roma-Kultur als sehr traditionsbehaftet beschreiben. Allerdings anders als von vielen angenommen. Es gehe viel um Zusammenhalt und gegenseitige Stärkung: „Meine Familie bedeutet mir alles. Wir sind einfach füreinander da und meine Eltern haben mich immer bei all meinen Träumen unterstützt und mir nichts aufgezwungen.“ Häufig bekomme er die Frage, ob es bei seinen Schwestern auch so wäre – ob das Vorurteil stimme, dass Töchter strenger behandelt werden als Söhne. Dem war bei ihnen daheim aber nie so, er und seine Schwestern haben die gleiche Erziehung genossen, erklärt Denis.

„Natürlich gibt es auch bei uns Traditionen, die ich nicht gut finde. Vieles kommt aber aus Unsicherheiten“. Speziell gehe es ihm dabei um das Thema, früh zu heiraten. „Früher war es so, dass die Roma immer wieder vertrieben wurden. Wenn sie eine Familie gründeten, hatten sie wenigstens einander“. Er selbst wünsche sich auch irgendwann eine eigene Familie. Bis dahin habe er aber noch andere Pläne und Ziele.

Psychische Auswirkung von Diskriminierung

„Wenn junge Rom:nja im Alltag wiederholt Diskriminierung erfahren, bedeutet das vor allem anhaltenden Stress für das gesamte System. Es geht nicht um einzelne Vorfälle, sondern um eine dauerhafte Belastung“, erklärt Lioznov. Der Alltag sei anstrengender, weil viele Situationen immer wieder bewertet und abgewehrt werden. Der Körper bleibe in Alarmbereitschaft und reagiere mit Mustern wie „Fight, Flight oder Freeze“, also kämpfen, zurückziehen oder innerlich erstarren. „Langfristig bedeutet das für die Menschen, dass der Körper und die Psyche kaum Phasen echter Entlastung und Entspannung bekommen“, so der Psychotherapeut.

„Es gab schon auch Momente, in denen Menschen öffentlich abfällig über Roma geredet haben und ich dann meine Stimme genutzt habe, erzählt Denis. Er erinnert sich an eine Situation vor ungefähr sechs Jahren. Denis war in der Umkleide seines Fitnessstudios, als er zwei Männerstimmen hörte. Sie unterhielten sich darüber, dass sie nur in Patschen in die Gemeinschaftsdusche gehen sollten. Der Grund: Die Roma würden barfuß reingehen und davon würden die beiden Männer Fußpilz bekommen. Sie benutzten nicht die Bezeichnung „Roma“, sondern ein diskriminierendes Wort für die Volksgruppe, das heute als „Z-Wort“ umschrieben wird. Denis blieb nicht still und lies sich auf eine Diskussion ein.

Heute ignoriert er einen Großteil solcher Aussagen, online wie auch offline. „Ich weiß, dass es nichts mit mir persönlich zu tun hat. Sie haben wahrscheinlich einfach ein Problem mit sich selbst“. Darum setze er heute seinen Fokus lieber darauf, andere zu motivieren, denn er wisse genau, wie es ist, bereits als Jugendlicher unterschätzt und kleingehalten zu werden. „Eine Lehrerin meinte zu mir mal, dass ich es niemals bis zur Matura schaffen würde“, so Denis. Heute hat er einen Bachelorabschluss.

Zwischen Frust und Aufklärungsarbeit

Auch Santino kennt solche Szenen nur zu gut. Er erinnert sich an seine Stellung beim Bundesheer: Auf einem Formular sollte er seine Muttersprache angeben, doch Romanes war nicht als Option aufgeführt. Obwohl sie in Österreich eine anerkannte Minderheitensprache ist. „Es trifft mich nicht persönlich, sondern es ist eher ein Frust aufs System“, erklärt der 22-Jährige. Für ihn sei klar: Es fehle die Sensibilisierung und auch die Bildung. Sowohl für die Geschichte der Roma im zweiten Weltkrieg als auch für ihr heutiges Leben.

Durch seine Position als Präsident der Hochschüler:innenschaft österreichischer Roma und Romnja und als Aktivist wird Santino häufig mit Antiziganismus konfrontiert. Sei es in Social-Media-Kommentaren oder in Antiziganismus-Workshops, die er hält. „Ich habe gelernt, zu unterscheiden, ob Menschen das wirklich böse meinen oder es nicht besser wissen“, sagt er. Wenn jemand offen ist, erklärt er gerne, warum bestimmte Begriffe problematisch sind und weshalb viele Vorurteile nicht der Realität entsprechen. Besonders bei Kindern zeige seine Aufklärungsarbeit Wirkung, so der 22-Jährige.

Außerhalb seiner Familie hatte Santino lange kaum Kontakt zu anderen Rom:nja. Seine Kultur habe er daher vor allem im familiären Umfeld erlebt. Damit verbindet er bis heute Feste, Essen, Musik und vor allem die Sprache. „Damit festigt sich so bisschen die Kultur und Herkunft der Familie, denn jeder Stamm und jede Familie hat einen anderen Dialekt und eine andere Musik“, erklärt der 22-Jährige. Wenn er heute seine Familie besucht, alte Gerichte aus seiner Kindheit isst oder wenn vertraute Musik läuft, stellt sich bei ihm sofort ein wohliges Gefühl ein. „Da werde ich immer so müde, einfach weil mein Körper sich da entspannen kann und ich merke, da gehöre ich hin“.

Warum halten sich Vorurteile?

Auf die Frage, warum diese Vorurteile sich so hartnäckig halten, haben Santino und Denis sich ergänzende Meinungen. Denis sieht unter anderem die Medien in der Verantwortung. „Ich sehe das, seitdem ich Social Media mache. Du veröffentlichst das, was viel Wirbel bringt. Hass, Vorurteile und Frauen in langen Röcken, die klauen würden, bringen einfach viel Engagement“. Die Bilder, erklärt er, die eine normale Durchschnitts-Roma-Familie in Österreich zeigen, die bleiben aus.

Für Santino steht noch ein anderer Punkt im Vordergrund. „Viele Rom:nja in Österreich ‚outen‘ sich gar nicht erst als Teil der ethnischen Gruppe, sondern sagen zum Beispiel einfach, dass sie Serb:innen seien“. Das Verschweigen der eigenen Identität sei oft eng mit Scham und Angst verbunden. Santino beschreibt, dass die Spuren der Geschichte der Rom:nja-Community, unter anderem aus der Zeit des Nationalsozialismus, aber auch zahlreicher weiterer Vertreibungen und Ausgrenzungen, bis heute nachwirken. Dadurch bleiben Vorurteile bestehen, weil viele Menschen gar nicht merken würden, dass sie gerade mit jemandem aus der Community sprechen. Und wenn doch, und wenn diese Person nicht den gängigen Stereotypen entspricht, dann würde sie schnell als Ausnahme wahrgenommen werden. „Es gibt einfach nicht genug Repräsentation in der Mehrheitsgesellschaft, so dass sich die Mehrheitsgesellschaft nicht mit der Volksgruppe auseinandersetzen, muss“.

Während andere ihre Wurzeln verschweigen, wird Denis häufig gefragt, warum er ständig betonen muss, dass er Roma ist. Seine Antwort: Sichtbarkeit. „In einer normalen und gerechten Welt sollte es eigentlich kein Thema sein, woher du kommst. Da kommen wir sicher auch noch hin. Und vielleicht kann ich dann auch irgendwann aufhören, zu erwähnen, dass ich Roma bin, und bin dann einfach nur noch Denis.“


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Denis Sign (28), Content Creator TikTok: @denis_sign / Instagram: @denis_sign
  • Santino Stojka (22), Präsident der HÖR – Hochschüler:innenschaft österreichischer Roma und Romnja
  • Philipp Lioznov, Psychologe (MSc) und staatlich anerkannter Psychotherapeut (Verhaltenstherapie) mit über zehn Jahren klinischer Erfahrung in der Arbeit mit Menschen, die Belastendes erlebt haben oder sich in Phasen der Neuorientierung befinden. Gemeinsam mit seiner Frau Gründer der Praxis ANAMNESIS in Wien, die ein interdisziplinäres Angebot vereint: Psychotherapie für Erwachsene sowie Kinder und Jugendliche, klinisch- psychologische Diagnostik und Behandlung (u. a. ADHS, Autismus) sowie Physiotherapie und Osteopathie.

Daten und Fakten

  • Mit rund 14 Millionen Angehörigen bilden Rom:nja und Sint:izze die größte ethnische Minderheit Europas. In Österreich leben sie seit etwa 600 Jahren und sind seit 1993 als anerkannte Volksgruppe geschützt. Ihre Geschichte ist von jahrhundertelanger Diskriminierung und Verfolgung geprägt.
  • Mit dem Anschluss an den Nationalsozialismus im Jahr 1939 setzte die systematische Verfolgung von Rom:nja ein. Sie verloren ihr Wahlrecht, ihre Kinder wurden vom Schulbesuch ausgeschlossen und Ehen mit Nicht-Rom:nja verboten. Viele Menschen wurden zur Zwangsarbeit verschleppt, verhaftet oder in Konzentrationslager deportiert.
  • Im burgenländischen Lackenbach, dem größten Zwangsarbeitslager für Rom:nja in Österreich, starben hunderte Menschen, darunter viele Kinder, an Hunger, Krankheiten und Gewalt. Ab 1941 begannen die Deportationen: zunächst in das polnische Ghetto Litzmannstadt (Łódź), später in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 ermordeten die Nationalsozialisten schließlich alle noch verbliebenen Häftlinge des Lagers.
  • Von den rund 12.000 Rom:nja und Sinti:zze aus dem Burgenland überlebten nur etwa 1.200 den Völkermord.
  • Der 8. April gilt als Internationaler Tag der Roma. Dieser wurde 1990 beim World Romani Congress in Polen festgelegt. Das Datum erinnert an den 8. April 1971, an dem in London der erste Weltkongress der Roma stattfand.

Quellen

Das Thema in der WZ

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