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Veronika denkt – und wir müssen umdenken

3 Min
"Wissen wissen" ist eine Kolumne von Eva Stanzl. Darin ordnet sie aktuelle Themen aus Wissenschaft und Gesundheit ein.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Adobe Stock

Wenn Kühe Werkzeuge einsetzen: Was die Intelligenz von Nutztieren wie der Kuh Veronika für die Tierhaltung bedeutet.


Viele Tiere sind bekanntermaßen schlau. Graupapageien oder Kakadus können Werkzeuge benutzen und Probleme lösen. Menschenaffen leben in sozialen Gefügen, pflegen einander und trauern um ihre Toten. Raben leben monogam und können zukünftige Ereignisse planen, Katzen binden sich eng an Menschen, in die sie Vertrauen fassen, und unter den Hunden gibt es sogar Hochbegabte, die Wörter erlernen können. Neu ist, dass auch Nutztiere klüger sind als angenommen. Daraus müssen wir die richtigen Konsequenzen ziehen, was Anforderungen an eine artgerechte Haltung betrifft. Denn die Idee der „dummen Kuh“ ist ein Klischee. Das beweist die Kuh Veronika.

Veronika beherrscht die Besentechnik: Mit den Borsten kratzt sie sich den Rücken, mit dem Stiel die Weichteile. Manchmal schnappt sie sich auch einen Rechen oder einen Schrubber, um Juckreiz gezielt zu lindern. Ihr Eigentümer Witger Wiegele, Landwirt aus Nötsch im Kärtner Gailtal, meldete das Verhalten seiner 13-jährigen Montafoner Braunkuh der Forschung, „damit die Leute ein anderes Bewusstsein für Nutztiere entwickeln“.

Tierleben ohne Leistungsdruck

Am Messerli Institut der Universität Wien wurde dann der gezielte, bewusste Werkzeuggebrauch einer Kuh erstmals wissenschaftlich untersucht. Bemerkenswert sei Veronikas multifunktioneller Einsatz verschiedener Werkzeugteile für unterschiedliche Techniken, um auch an schwer erreichbare Körperstellen heranzukommen, betont Studienleiterin Alice Auersperg. Die Erkenntnis eröffne neue Perspektiven auf die Intelligenz von Nutztieren. Als nächstes will die Kognitionsforscherin mit ihrem Team herausfinden, ob andere Nutztiere eine ähnliche Innovationskraft besitzen.

In Veronikas Fall könnte auch die Lebensweise ausschlaggebend sein. Sie ist die einzige verbliebene Kuh am Bauernhof. Familie Wiegele hält sie nicht weidetypisch, sondern wie ein Haustier. Anders als Rinder, die im Freien in Herden grasen, hat Veronika Zugang zu Gegenständen, die sie als Werkzeuge gebrauchen kann. Gleichermaßen hat sie anders als Weidekühe keine Artgenossinnen, die ihr das Fell pflegen könnten. Veronika konnte also innovativ sein, weil sie nicht unter Leistungsdruck steht, und sie musste es auch, um ihren körperlichen Bedürfnissen nachzukommen.

Außerdem durfte Veronika alt werden, hebt Auersperg hervor. Sie hatte somit ausreichend Zeit, um etwas Neues zu erlernen. Da die meisten Rinder schon in jungen Jahren geschlachtet werden, hätten diese eine solche Möglichkeit wohl nicht.

Lebewesen, die denken und fühlen

Müssen wir deswegen alle Nutztiere wie Haustiere halten? Das wird wohl nicht möglich sein. Doch die Kuh Veronika macht uns Menschen eines deutlich: Wir müssen entschieden Schritte setzen zur artgerechten Nutztierhaltung und das verschwenderische Überangebot von Tieren als Ware im Supermarkt von Grund auf überdenken. Jedes Stück abgepacktes Steak gehörte einmal zu einem Lebewesen, das Gedanken und Gefühle hatte. Damit müssen wir sorgsamer umgehen als die Massentierhaltung erlaubt.

Zuvor konnten US-Forscherinnen zeigen, dass Kühe gesellige Lebewesen mit einem komplexen Sozialverhalten und einem reichen Gefühlsleben sind. Wir wissen auch, dass sie aggressiv reagieren können, indem sie die Ohren anlegen und laut muhen, wenn sie sich durch Menschen gestresst fühlen. Wenn sich Kühe jedoch in der Gegenwart von Menschen wohlfühlen, suchen sie Kontakt. Dann werden wir von ihnen beschnuppert und geleckt, weil sie ähnlich wie mit Mitgliedern ihrer Herde eine nähere Beziehung herstellen wollen.

Auch andere Nutztiere haben mentale Innenleben. Schweine machen ausgeschlossenen Artgenoss:innen die Türe auf, wenn diese quieken. Ziegen können für eine Belohnung die Deckel von Schachteln entfernen. Alles deutet also darauf hin, dass nicht nur Wild- und Haustiere eine Bandbreite an Fähigkeiten besitzen. Wie groß diese Bandbreite sein könnte, zeigt die immer besser erforschte Intelligenz der Wildtiere. Ameisen bauen Treppen aus Sand. Menschenaffen stellen aus Zweigen Zahnstocher, Fliegenklatschen und Angeln her und verwenden Blätter als Regenschirme. Seeotter benutzen Steine, um Muscheln zu knacken. Ob Hühner, Rinder, Schweine oder Ziegen auch so viel können? Möglicherweise schon!


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

Was macht ein Lebewesen intelligent? Intelligenz lässt sich nicht allein anhand von anatomischen Merkmalen wie der Größe des Gehirns erklären. Obwohl Vögel-Gehirne nicht groß sind, zeigen sie komplexe kognitive Fähigkeiten. Intelligenz zeigt sich nämlich auch durch flexibles Denken, Problemlösungsfähigkeit, Werkzeuggebrauch, soziale Interaktionen und kulturelle Praktiken. Auch neurochemische Prozesse, insbesondere die Rolle des Botenstoffs Dopamin, sind entscheidend für kognitive Leistungen. Dopamin beeinflusst sowohl bei Vögeln als auch bei Säugetieren Motivation, Entscheidungsfindung und Lernprozesse. Diese Funktionen gelten als zentrale Bausteine für kognitive Leistungen, wie die Biologin Ruzica Sedic im Spektrum der Wissenschaft berichtet.

Quellen

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