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Österreichs Gefängnisse platzen aus allen Nähten. Kriminalsoziologin Veronika Hofinger erklärt, warum die Haftzahlen so hoch sind – und was Österreich anders machen müsste.
Überbelegung, Personalmangel, fehlende psychische Betreuung: Es herrschen alarmierende Zustände in Österreichs Haftanstalten. Erst am 1. September wurde in der Justizanstalt Klagenfurt ein 19-jähriger Häftling tot aufgefunden. Sein Zellennachbar hat die Tat gestanden. Zuvor gab es bereits Hinweise auf mögliche psychische Auffälligkeiten. Die GÖD-Justizwachegewerkschaft protestierte wenige Tage später gegen die Arbeitsbedingungen in der Justizanstalt Josefstadt und in Gefängnissen allgemein. Zugleich liegt die Auslastung in Österreichs Gefängnissen im September bei rund 109 Prozent.
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Warum ist die Lage so angespannt? Und was kann Österreich besser machen? Die WZ hat bei Veronika Hofinger, Kriminalsoziologin an der Universität Innsbruck, nachgefragt.
Bei extremen Temperaturen sitzen Häftlinge 23 Stunden auf engstem Raum.Kriminalsoziologin Veronika Hofinger
Viele Länder machen es besser.Kriminalsoziologin Veronika Hofinger
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Infos und Quellen
Gesprächspartnerin
Veronika Hofinger ist Kriminalsoziologin und stellvertretende Leiterin des Instituts für angewandte Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) an der Universität Innsbruck.
Daten und Fakten
- Österreichs Strafvollzug ist im September 2026 strukturell überbelegt. Aktuell befinden sich 9.207 Menschen physisch in Justizanstalten, obwohl die ausgewiesene Belagsfähigkeit nur 8.411 Plätze beträgt. Es gibt also eine Auslastung von 109,46 Prozent.
- Insgesamt verwaltet die Justiz 10.219 Insass:innen, weil auch Personen in externen Unterbringungsformen (zum Beispiel in psychiatrischen Krankenhäusern oder im elektronisch überwachten Hausarrest) zum Insassenstand zählen.
- Als Gründe für die stark gestiegene Zahl der untergebrachten Personen im Maßnahmenvollzug nennen Untersuchungen unter anderem, dass über Jahre mehr Personen eingewiesen als entlassen wurden, dass die Anhaltedauern häufig lang sind und geeignete Therapie- und Nachsorgeplätze fehlen. Zudem gab es in der Vergangenheit vermehrt Einweisungen auch bei weniger schwerer Kriminalität.
- Ein Bericht des Ludwig Boltzmann Instituts aus 2024 liefert Hinweise auf diskriminierungsanfällige Mechanismen bei der Untersuchungshaft: Ausländische Staatsangehörigkeit, fehlender Wohnsitz und fehlende soziale Bindungen werden bei der Beurteilung von Fluchtgefahr häufig herangezogen.
- Die psychiatrische Versorgung verschärft das Problem zusätzlich. Die Volksanwaltschaft legte im März 2026 einen Schwerpunktbericht zur Versorgung psychisch erkrankter Menschen im Strafvollzug vor und sprach von „Systemversagen“. Kritisiert wurden insbesondere unzureichende psychiatrische Versorgung und überfordertes Personal.
- Der Tod eines psychisch beeinträchtigten Gefangenen in der Justizanstalt Hirtenberg im Dezember 2025 führte anschließend zu einer externen Untersuchungskommission. Nach deren im Juli bekannt gewordenen Ergebnissen war der Tod „mit erheblicher Wahrscheinlichkeit“ vermeidbar. Die Kommission formulierte 78 Empfehlungen an die Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ).
- Ein aktueller Fall in Klagenfurt weist in dieselbe Richtung: Ein 19-jähriger Gefangener wurde Anfang September in einem Zwei-Personen-Haftraum getötet. Sein 17-jähriger Mithäftling hatte die Tötung eingeräumt. Nun leitete Volksanwältin Gaby Schwarz am 7. September ein amtswegiges Prüfverfahren ein. Die Volksanwaltschaft spricht von dringendem Aufklärungsbedarf.
- Seit 2025 kann elektronisch überwachter Hausarrest grundsätzlich bei einer verbleibenden Haftstrafe von bis zu zwei Jahren statt zuvor einem Jahr gewährt werden. Für bestimmte schwere Gewalt-, Sexual- und Terrordelikte gilt weiterhin die Ein-Jahres-Grenze.
- Weitere Entscheidungen stehen diesen Herbst an: Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) will die elektronische Fußfessel auf Gefährder und gewaltbereite Männer ausweiten, insbesondere auf islamistische Gefährder. Die SPÖ wiederum fordert eine elektronische Fußfessel für potenzielle Hochrisiko-Gewalttäter.
- Sporrer schlug im Juni wegen voller Gefängnisse 500 frühzeitige Entlassungen vor. Diese Amnestiepläne stießen bei ihren Koalitionspartnern ÖVP und Neos aber auf Widerstand.
- „Haft in der Heimat“: Mit der geplanten Strafvollzugsnovelle will die Bundesregierung die überfüllten Justizanstalten unter anderem durch eine erleichterte Außerlandesbringung entlasten. Ausländische Strafgefangene sollen häufiger ihre restliche Haftstrafe im Herkunftsland verbüßen.
Quellen
- Falter: Volksanwältin über Österreichs Strafvollzug – “Was ich da sehe, erschüttert mich“
- justiz.gv.at: Verteilung des Insassinnen- bzw. Insassenstandes
- ORF: Fußfessel und bedingte Entlassung werden ausgeweitet
- ORF Kärnten: Tod in Justizanstalt – Prüfverfahren eingeleitet
- ORF Wien: Strafvollzug – Gewerkschaft warnt vor Kollaps
- Der Standard: Fußfessel für Gefährder ohne Verurteilung? Innenminister Karner kann sich „vieles vorstellen“
- Der Standard: „Keine Generalamnestie“ – Sporrer sucht den Schlüssel für überfüllte Gefängnisse
- Der Standard: Nach Tod eines Häftlings – „Erheblicher Reformbedarf“ im Strafvollzug
- Volksanwaltschaft: Mord in Justizanstalt Klagenfurt – Volksanwältin Gaby Schwarz leitet amtswegiges Prüfverfahren ein
Das Thema in der WZ
- Wann sind Kinder alt genug für Haftstrafen?
- Strafmündigkeit ab 12: Hilft das gegen Jugendkriminalität?
- Jugendliche Straftäter:innen wandern in ein neues Leben
- Österreichs Jugendstrafvollzug: Ex-Häftlinge erzählen
- Baustelle Jugendstrafvollzug
- Wege aus der kriminellen Spirale
- Weibliche Gewalt: Lieber Täterin, als immer nur Opfer
- Podcast „Weiter gedacht“: „Ich bereue die in der Haft verlorene Zeit“
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