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Vollzeit ins Burnout

4 Min
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zu einem feministischen Thema in der WZ.
© Illustration: WZ

Die Teilzeit-Debatte ist nicht nur allgemein menschenverachtend, sondern spezifisch frauenverachtend.


Schockierend: Ganze 1.412.000 faule vollzeitarbeitsunwillige Teilzeitarbeitende liegen den fleißigen Vollzeitarbeitenden in Österreich mit ihrer Faulheit auf der Tasche. Die WKO fasst die schrecklichen Auswirkungen dieses unerträglichen Zustandes folgendermaßen zusammen: „Teilzeitbeschäftigte zahlen mehrheitlich keine oder nur geringe Lohnsteuer. Ihr Nettolohn ist daher höher als der vergleichbarer Vollzeitbeschäftigter. Teilzeitbeschäftigte zahlen meist keinen Arbeitslosenversicherungsbeitrag, sind aber voll arbeitslosenversichert.“ Falls es dich jetzt noch nicht ausreichend gruselt, du die Tragweite des Skandals nicht begreifst und immer noch glaubst, wir hätten in diesem Land andere Probleme – hier noch ein Zitat des aktuellen österreichischen Vollzeit-Wirtschaftsministers Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP): „Der wachsende Trend zur ‚Lifestyle-Teilzeit‘ schadet dem Standort, ist weder solidarisch noch zeugt er von Verantwortungsbewusstsein gegenüber unserer Gesellschaft“.

Tachiniererinnen

Die meisten dieser unsolidarischen, verantwortungslosen Tachinierer sind in Wirklichkeit Tachiniererinnen, denn 51,1 Prozent aller Frauen arbeiten in Teilzeit. Die meisten Frauen in Österreich also sind faule vollzeitarbeitsunwillige Teilzeitarbeitende. Die faulen Weiber erdreisten sich, ihrer Erwerbsarbeit nur in Teilzeit, sprich weniger als 40 Stunden pro Woche, nachzugehen, weil sie in ihrer Freizeit zeitintensiven, aber wirtschaftlich völlig sinnlosen Hobbies nachgehen, wie zum Beispiel: Kinder kriegen, Kinder betreuen, Kinder erziehen (weil ihre vollzeitarbeitenden Partner ihren gleichberechtigten Anteil an der Kindesaufzucht nicht übernehmen), Haushalte schmeißen (siehe letzte Klammer) oder kranke und alte Angehörige pflegen (siehe vorletzte Klammer).

Wieder andere gehen nicht nur zu Hause sinnlosen Hobbies nach, sondern haben ihre sinnlosen Hobbies zum Beruf gemacht, mit sinnlosen Tätigkeiten wie jene im Gesundheitssystem, im Reinigungswesen, im Sozialwesen oder im Handel, wo von Arbeitgeber:innen oft keine Vollzeitstellen angeboten werden. Die leistungsverweigernden, teilzeitarbeitenden Weiber sind also nicht nur faul, unsolidarisch und verantwortungslos, sondern leider auch noch blöd. Hätten sie halt Wirtschaftsminister werden sollen, das kann man auch Vollzeit!

Unsolidarisch im Gesundheitswesen

Wieder andere unsolidarische Vollzeitarbeitsunwillige gehen völlig verantwortungslos Beschäftigungen im Gesundheitswesen, in der Pflege oder als Reinigungskräfte nach, die körperlich und psychisch so fordernd sind, dass es ihnen gar nicht möglich wäre, ihre Jobs Vollzeit auszuüben, da dies schwerwiegende gesundheitliche Konsequenzen hätte. Sie drücken sich lieber vor der Verantwortung einer Vollzeiterwerbsarbeit, anstatt für den heiligen Standort ihre Gesundheit in noch größerem Ausmaß zu opfern, als sie das eh schon tun. Wie unsolidarisch!

Leben zum Arbeiten

Die schlimmsten unter ihnen aber sind jene, die weder gesundheitliche noch betreuungstechnische Begründungen vorweisen können, sondern schlicht nicht rund um die Uhr arbeiten wollen.

Es gibt Menschen, die nicht nur zum Arbeiten leben, man muss sich das einmal vorstellen! Ein Skandal! Gott und Standort sei Dank eilt aber nun Wolfgang Hattmannsdorfer dem Standort zur Rettung und möchte der Teilzeitfaulheit den Riegel vorschieben. Wie genau, hat er uns nicht verraten. Vorerst soll es ausreichen, Mitteilungen an die Arbeitsverweigerinnen zu schicken, die sie daran erinnern sollen, in welcher Höhe sie freiwillig und aus Faulheit auf Pensionszahlungen verzichten, weil sie die Betreuung ihrer Kinder oder die Pflege ihrer alten Eltern einer Vollzeitbezahlung vorziehen.

Lifestyle-Teilzeitarbeit

Wobei: Jene, die „Betreuungspflichten“ haben oder „gesundheitliche Gründe“, seien, so Hattmannsdorfer, von seiner Kritik ohnehin ausgeschlossen (mehr Pension bekommen sie aber natürlich trotzdem nicht). Wer dann noch übrig bleibt, ist auch unklar. Denn auch jene, die nicht wegen chronischer Erkrankungen und Behinderungen Teilzeit arbeiten, haben für diese Teilzeitarbeit vermutlich Gründe, und die sind nicht selten auch gesundheitlicher Natur: Möglicherweise möchten sie nicht Vollzeit im Burnout landen.

Die Lifestyle-Teilzeitarbeitenden, die Hattmannsdorfer meint, gibt es nicht. Es gibt sie schon deshalb nicht, weil Menschen nicht leben, um rund um die Uhr zu arbeiten und sich ihr Wert nicht an ihrem unmittelbaren und unmittelbar messbaren wirtschaftlichen Beitrag „zum Standort“ bemessen lässt.

Und dann bleibt noch anzumerken, dass von vielen Seiten, unter anderem von der Arbeiterkammer, seit Langem eine Arbeitszeitverkürzung gefordert wird. Die letzte dieser Art hat in Österreich nämlich 1975 stattgefunden und seitdem hat sich die Produktivität verdoppelt. In anderen Worten: Erwerbsarbeitende Menschen, auch jene die das nur in Teilzeit tun, erarbeiten pro Arbeitsstunde doppelt so viel wie in den 70er-Jahren. Die durch Digitalisierung enorm gestiegene Dichte und Schnelligkeit von Arbeitsprozessen führte auch zu einer enorm gestiegenen Arbeitslast in der Bevölkerung. Dieses Pensum ist verständlicherweise für immer weniger Menschen 40 Stunden pro Woche zu schaffen. Menschenfreundliche Politik, eine die sich tatsächlich um das Wohlergehen der Bevölkerung kümmert, sollte also eher ein Interesse haben, die enorm gestiegene Arbeitslast zu reduzieren und zwar für alle.

Bleibt zu hoffen, dass der österreichische Wirtschaftsminister seinem neuen Hobby, der Menschenverachtung im Allgemeinen und der Frauenverachtung im Besonderen, in Zukunft nicht Vollzeit nachgehen wird. Für einen solchen Lifestyle hätten wohl die wenigsten Verständnis.

Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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Infos und Quellen

Zur Autorin

Beatrice Frasl war schon Feministin, bevor sie wusste, was eine Feministin ist. Das wiederum tut sie, seit sie 14 ist. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit feministischer Theorie und Praxis – zuerst aktivistisch, dann wissenschaftlich, dann journalistisch. Mit ihrem preisgekrönten Podcast „Große Töchter“ wurde sie in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes.

Im Herbst 2022 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Patriarchale Belastungsstörung. Geschlecht, Klasse und Psyche“ im Haymon Verlag. Als @fraufrasl ist sie auf Social Media unterwegs. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Frauenpolitik auf der einen und psychische Gesundheit auf der anderen Seite. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.

Quellen

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