)
Langsam verstehen viele, dass es nicht gscheit ist, dass nur vier Supermarktketten sich den Markt teilen.
Der LEH, Lebensmitteleinzelhandel, kurz: die Supermärkte. In ganz Österreich gibt es fast 5000 Filialen von Rewe (Billa, Penny, Adeg), Spar, Hofer und Lidl. Allein in Wien befinden sich über 800 davon. Pro 100.000 Einwohner:innen haben wir 50 Supermarktfilialen – das ist die doppelte Abdeckung wie zum Beispiel in Deutschland. Kurz durchüberlegt: Von meiner Wohnung aus erreiche ich in 15 Gehminuten in alle Richtungen zwei Hofers, sechs Billas, drei Spars und zwei Lidls (und ich hab sicher noch welche vergessen). Diese vier Ketten teilen sich mehr als 90 Prozent des heimischen Marktes.
- Für dich interessant: Zugfahren billiger wann?
In anderen Worten: Das ist ein Oligopol, wenige teilen sich den Markt auf. Und so etwas ist nie gesund für die heimische Wirtschaft. Da ist inzwischen wenigstens auch schon die Regierung draufgekommen – hat lange genug gedauert. Kein Wunder, denn diese Unternehmen gehören auch zu den größten Arbeitgebern des Landes, und ich wage jetzt mal die Vermutung: Das haben sie wahrscheinlich den jeweiligen Regierungen auch immer wieder durch die Blume zu verstehen gegeben … blöd wären sie, es nicht zu tun.
In den letzten Jahren und Monaten wurde der Bogen aber anscheinend dann doch etwas überspannt. Die Regierung klagte wegen Irreführung – weil viele Supermarktketten laut Sozialministerium bei Rabattpreisen nicht den gesetzlich vorgeschriebenen 30-Tage-Tiefstpreis als Vergleich herangezogen haben. Durch diese Praxis entsteht ein falscher Eindruck: Die Kund:innen glauben, sie sparen deutlich, obwohl die angegebenen Ermäßigungen oft übertrieben sind.
Dann auch noch immer wieder die Meldungen, dass in Deutschland österreichische Produkte weniger als in Österreich selbst kosten. Wie teuer die Supermärkte in Österreich geworden sind, dafür gibt es bestimmt mehrere Gründe. Ich bin mir sicher, dass in vielen Bereichen die Inflation eiskalt ausgenutzt wurde, um den Menschen einfach mal so höhere Preise umzuhängen, aber gerade der Vergleich mit Deutschland zeigt zwei weitere Gründe für die höheren Preise: Erstens kann man in Deutschland mit fast zehnmal so großen Mengen kalkulieren, was die einzelnen Produkte dann natürlich billiger macht. Das lässt sich auch nicht so leicht lösen, denn Deutschland hat nun mal über 80 Millionen Einwohner:innen, während es in Österreich etwas über 9 Millionen sind.
Der zweite Grund ist allerdings ein hausgemachter und wurde bereits genannt: Österreich hat die europaweit größte Supermarktdichte, in Wien steht durchschnittlich alle 220 Meter eine Filiale. Brauchen wir das? Wir zahlen all die Mieten, Lohnkosten, Energiekosten für die Filialen bei jedem Supermarkteinkauf mit. Klar ist es super, dass ich, egal, ob ich in Rudolfsheim-Fünfhaus bin oder in St. Anton am Schlagloch, die Mama anrufen und sagen kann: „Du, ich steh grad im Hofer, in welchem Gang find ich die Haferflocken.“ – und sie es dir aus dem Effeff beantworten kann, ohne jemals in der gleichen Filiale wie ich gewesen zu sein. Aber auch dafür bezahle ich am Ende des Tages mit den erhöhten Preisen – eben weil es in St. Anton am Schlagloch einen Hofer gibt und im 15. Bezirk sogar fünf davon – zusätzlich zu 10 Billas, 4 Pennys, 5 Spars und 3 Lidls. Macht 27 Supermärkte im achtkleinsten der politischen Bezirke Österreichs.
Wöchentliche Good News
)
Na gut
Der Newsletter mit den guten Nachrichten: Kleine Geschichten über Fortschritte und Erfolg.
Was bei verarbeiteten Produkten nicht gar so ein riesiges Thema ist, ist es bei Grundnahrungsmitteln, Obst, Gemüse, Eiern: Niemand redet offen darüber, aber es ist ein offenes Geheimnis, dass die Einkäufer:innen dieser großen Konzerne den Bauern quasi das Weiße aus den Augen rausverhandeln. Zu oft habe ich sie schon gehört, die Gerüchte, dass der Anteil am Verkaufspreis im Supermarkt, den die Landwirt:innen bekommen, im einstelligen Prozentbereich liegt. Doch öffentlich zugängliche Zahlen? Fehlanzeige. Betriebsgeheimnis. Genau diese Intransparenz geht auf Kosten der heimischen Landwirtschaft – und dann regen sich viele auf, dass heimische Bäuer:innen nur noch mit EU-Förderungen überleben können. Naja, können vor Lachen – wo soll das Geld denn dann herkommen, wenn man für die Produktion nicht anständig bezahlt wird?
Beim Fleisch gab es in Deutschland eine aufsehenerregende Studie: Die Supermärkte dort (wo ebenfalls vier Konzerne über 80 Prozent des Marktes kontrollieren) haben ihre Margen auf Schweinefleisch von 2022 auf 2023, also in den Jahren der massiven Inflation, um das Vierfache erhöht. Wo also früher beispielsweise ein Euro vom Verkaufspreis beim LEH landete, waren es jetzt vier Euro – und das nicht nur auf Kosten der Konsument:innen, sondern auch auf Kosten der Hersteller:innen.
Wie kommen wir also raus aus diesem Dilemma? Die Politik ist ja langsam am Aufwachen, und ich hoffe, dass da noch einige Maßnahmen kommen, die diese Preisgestaltungsmacht der großen Konzerne aufbrechen können. Das System an sich wäre ja ein einfaches: Die Landwirt:innen produzieren, bestimmen den Verkaufspreis, und die Märkte, die die Produkte vertreiben, legen nochmal Summe X, z. B. 30 Prozent, auf den Preis drauf – fertig ist der Endkund:innenpreis. Doch leider ist die ganze Situation viel komplexer, verfahrener, und einzelne Produkte durchlaufen viel mehr Zwischenstationen, die alle daran verdienen wollen. Da gehört dringendst mehr Transparenz rein. Denn solange diese Konzerne es sich richten können, bestimmen sie auch den Weg der Nachhaltigkeit. Was mich dann doch eher unrund stimmt.
Doch was können wir als Einzelne machen? Da ist die Antwort recht einfach: Nicht in diese Konzernfilialen gehen. Gerade in Wien gibt es bereits haufenweise Alternativen – nicht nur kleine Greißler, sondern auch spannende Online-Initiativen, Biokistln und Ähnliches. Interessant finde ich den Hofladen-Marktplatz, der garantiert, dass 70 Prozent vom Verkaufspreis bei den Produzent:innen landen. Und die Preise unterscheiden sich kaum von denen im Supermarkt, teilweise sind sie sogar günstiger – gerade weil so viele Zwischenstationen, die mitschneiden, wegfallen. Es gibt Supermärkte in Eigenorganisation, es gibt Food-Coops, es gibt Märkte! Klar ist es einfacher, schnell mal beim Billa ums Eck was zu holen – und das ist ja auch nicht verboten oder unmoralisch. Macht das ruhig. Aber denkt auch an die Alternativen – euer Geldbeutel UND die heimische Wirtschaft werden es euch danken. Weil die würde ohne Oligopole definitiv besser funktionieren.
PS: Vor einiger Zeit warb einer dieser Supermarktgiganten immer mit dem Hausverstand. Der wäre gerade wieder sehr nötig – denn eigentlich ist es ja nur logisch, dass Produzent:innen von ihren Produkten auch leben können sollten, oder?
Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
)
)
)
)