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Dass sich Paare heute eher Mädchen als Buben wünschen, mag wie ein Sieg der Gleichstellung wirken. Tatsächlich ist es nur die Umkehr desselben Denkfehlers: Wieder werden Kindern Eigenschaften zugeschrieben, bevor sie überhaupt geboren sind.
Eine junge Frau bricht in Tränen aus, weil eine Konfettikanone blaue statt rosa Schnitzel auswirft: Sie bekommt einen Buben. „Warum nicht ich?“, schluchzt sie in die Kamera: „Ich liebe Mädchenkleider und die ganzen Mädchensachen, warum werde nicht auch ich mit meiner Tochter shoppen gehen können?“ Millionen schauen zu.
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Noch vor wenigen Jahren wurden Mädchen enttäuscht begrüßt. Heute sind es immer wieder die Buben. „Hauptsache gesund“ ist vielen werdenden Eltern nicht mehr genug. Freilich wollen alle ein gesundes Kind, doch immer mehr Paare sagen: Ein Mädchen bitte! Ausgleichende Gerechtigkeit? Nicht nur. Früher wurden Buben idealisiert, heute werden Mädchen favorisiert. Beides reduziert Kinder auf Geschlechterklischees.
Jahrhundertelang wünschten sich werdende Eltern Söhne. Sie wurden als künftige Versorger der Familie betrachtet, traten die Erbfolge an, sicherten Landbesitz, trugen den Familiennamen in die nächste Generation und hatten Zugang zur Ausübung politischer und militärischer Macht. Damit einher ging ein Streben nach Wohlstand und Ansehen, das wiederum eine größere Nachkommenschaft ermöglichte. Mädchen galten in den patriarchalen Systemen der meisten Kulturkreise als Kinder zweiter Klasse. Weibliche Föten wurden teils abgetrieben, Mädchen nach der Geburt vernachlässigt. Zahlen gibt es dazu seit Anfang der 1980er-Jahre, als die Ultraschall-Untersuchung vor der Geburt eingeführt wurde, mit der man neben den Organen auch das Geschlecht des Kindes im Mutterbauch sieht.
Traditionelle Bevorzugung von Söhnen
Von Natur aus kommen 100 Mädchen auf 105 Buben zur Welt. Laut Berechnungen des britischen Economist wurden aber seit 1980 um 50 Millionen weniger Mädchen geboren, als statistisch zu erwarten gewesen wäre, wegen einer gesellschaftlichen Bevorzugung von Söhnen. Insbesondere in China und Indien kamen drastisch weniger Mädchen zur Welt. Heute dreht sich der Trend gerade in diesen Ländern, wo sich die Geburtenstatistik zunehmend wieder dem natürlichen Geschlechterverhältnis angleicht.
„Ich will NUR Mädchen.“ „Ich wollte immer nur Mädchen und hatte sehr schlimmes Gender Disappointment, als das zweite Kind ein Junge wurde“: Solche Äußerungen finden sich auch in westlichen Ländern. Paare, vor allem in den USA, laden ihre Freund:innen wie eingangs beschrieben zu „Gender Reveal Parties“ ein, um das Geschlecht ihres Kindes vor Publikum und laufender Kamera zu erfahren – und sich durchaus enttäuscht zu zeigen, wenn das Baby im Mutterbauch nicht das Wunschgeschlecht hat. Was auf Social Media wie übertriebene Selbstinszenierung wirkt, ist in den USA sogar gängig. „Family Balancing“ wird seit vielen Jahren praktiziert: Wer bereits mehrere Kinder eines Geschlechts hat, wünscht sich gezielt noch ein Baby des anderen Geschlechts.
Laut einer Studie der renommierten Cornell University wollen weniger Paare weitere Kinder, wenn sie schon eine Tochter haben. Studienautorin Francine Blau geht davon aus, dass das daran liegt, dass deren Wunsch mit der Geburt des Mädchens beretis erfüllt ist.
Neue Präferenz für Mädchen
Einer anderen Studie der Universität Warschau zufolge zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung auch bei uns in Europa ab. Demograf:innen haben Geburtenverläufe in elf europäischen Ländern analysiert. Insbesondere jüngere Frauen lassen darin insofern eine Präferenz für Mädchen erkennen, indem sie nach einer erstgeborenen Tochter seltener ein weiteres Kind bekommen. Wenn aber Paare bisher ausschließlich Buben haben, sei die Wahrscheinlichkeit, noch ein weiteres Baby zu wollen, größer.
Darüber hinaus ist die Faktenlage jedoch eher dünn. Laut Statistik Austria kamen in Österreich, das in der Warschauer Studie nicht vertreten war, in den Jahren 2024 und 2025 weiterhin mehr Buben als Mädchen zur Welt. Bei Adoptionen zeichnet sich keine signifikante Bevorzugung eines Geschlechts ab: Laut der Wiener Kinder- und Jugendhilfe sei über die Jahre hinweg die Verteilung zwischen Mädchen und Buben weitgehend ausgeglichen. Auch bei gleichgeschlechtlichen Paaren gibt es kein einheitliches Präferenzmuster, ob sie lieber Buben oder Mädchen adoptieren oder bekommen möchten. Für Österreich fehlen somit eindeutige Belege für einen Mädchenwunsch.
Klischees mit umgekehrtem Vorzeichen
Dennoch zeugt schon allein die Debatte über das Thema von einem Sinneswandel. Ist es ein Sinneswandel dank Feminismus, Emanzipation, Gleichstellung und nicht zuletzt dank einem Abkommen von patriarchalen Strukturen in westlichen Ländern? Immerhin wurde für Frauen viel erreicht. Mädchen sind heute nicht Kinder zweiter Klasse. In der Bildung sind sie leistungsstark: Heute stellen junge Frauen mehr als die Hälfte der Maturant:innen in Österreich. Auch das Studium schließen sie häufiger ab als Männer und auf dem Arbeitsmarkt sind sie präsenter und in immer höheren Positionen tätig. All diese Faktoren sind zweifellos ein Erfolg der Gleichstellung.
Dass aber manche Eltern heute lieber Töchter als Söhne möchten, ist etwas anderes. Denn auch dahinter stehen Erwartungen an ein Geschlecht – nur mit umgekehrtem Vorzeichen. In ihrer Studie legt die Wirtschaftswissenschaftlerin Francine Blau nahe, dass hinter dem neuen Mädchenwunsch „ein Unbehagen gegenüber Buben und dem potenziellen Ärger, den sie verursachen könnten“, steht. Laut Statistiken aus verschiedenen westlichen Ländern brechen Buben nämlich die Schule mittlerweile häufiger ab als Mädchen und bekommen leichter soziale und psychische Probleme, wenn sie in einem schwierigen Umfeld aufwachsen. Neurolg:innen wiederum berichten, dass heranwachsende junge Männer länger brauchen, um die Impulskontrolle im Gehirn auszuprägen, was sie rebellischer und ,,wilder” erscheinen lasse.
Ein Kind ist nur eines: ein Kind
Erstaunlich ist insgesamt, dass sich die Klischees kaum verändert haben. Die US-Psychologin Abbie Goldberg hat in einer Studie 200 Paare unterschiedlicher sexueller Orientierung nach ihren Gründen für eine Präferenz befragt. Heterosexuelle Männer empfanden Mädchen als leichter erziehbar und anpassungsfähiger, „interessanter, „komplexer“ und „körperlich weniger anstrengend“ als Buben. Lesbische Paare wiederum äußerten hier die Sorge, mit der Herausforderung, Jungen zu sozialisieren, womöglich nicht klarzukommen.
Auch die Annahme, dass Töchter fürsorglicher sind, während Söhne sich eher distanzieren, besteht offenbar selbst in den egalitärsten Gesellschaften. Laut der Warschauer Studie legen heute speziell in Dänemark, Norwegen und Schweden, wo Frauen sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik gut vertreten sind, Paare mehr Wert darauf, mindestens eine Tochter zu haben als mindestens einen Sohn. Einige Soziolog:innen vermuten, dass dies daran liegt, dass die Töchter eher als die Söhne die alleinlebenden, älteren Eltern pflegen.
Gleichstellung bedeutet allerdings nicht, Mädchen höher zu bewerten als Buben, sondern beides nicht zu tun. Ein Kind ist weder die künftige Leistungsträgerin noch der künftige Problemfall. Es ist zunächst einmal nur eines: ein Kind.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Buben brechen laut Statistik Austria mit 9,3 Prozent die Schule häufiger ab als Mädchen, von denen nur 7,9 Prozent die Bildungsstätten frühzeitig verlassen.
- In Österreich, Deutschland und der Schweiz ist die Geschlechterselektion eines ungeborenen Kindes im Rahmen der künstlichen Befruchtung durch In-vitro-Fertilisation (IVF) nur dann erlaubt, wenn damit schwere Erbkrankheiten verhindert werden sollen. Jedes Jahr reisen Tausende Paare aus Europa in andere Länder mit liberalen Gesetzgebungen, wie Zypern oder die USA, um das Geschlecht ihres ungeborenen Kindes im Rahmen einer IVF gegen Bezahlung wählen zu können.
Quellen
- Demographic Research: The sex preference for children in Europe: Children’s sex and the probability and timing of births
- NBER: Is There Still Son Preference in the United States?
- Behavioural Neurosciences: Child gender influences paternal behavior, language, and brain function
- University of Chicago Press: Boy-Girl Differences in Parental Time Investments: Evidence from Three Countries
- PNAS: The human sex ratio from conception to birth
- Statistik Austria: Demographische Merkmale von Geborenen
- Clark Digital Commons: Heterosexual, lesbian, and gay preadoptive parents’ preferences about child gender
- Eltern Bildung: Schwul-lesbische Familiengeschichten – Homosexualität ist (k)ein Familienthema
Das Thema in der WZ
Das Thema in anderen Medien
- New York Times: Americans Might No Longer Prefer Sons Over Daughters
- Eltern: Warum sich werdende Eltern oft insgeheim ein Mädchen wünschen
- Neue Zürcher Zeitung: Eltern wollen keine Söhne mehr: Das Mädchen ist das neue Trophy-Kid
- The Economist: The stunning decline of the preference for having Boys
- n-tv: Bekommen Eltern lieber Mädchen statt Jungen?
- Geo: Heimliche Lieblingskinder: Eltern favorisieren eher Mädchen
- Der Standard: Historisches Tief: Kinderzahl pro Frau in Österreich sank auf 1,29
- Kurier: Warum wollen viele werdende Eltern lieber Mädchen?
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