„Natty or Not“, „Tren“, „Gear Up“ oder „Roids“ – wer sich mit Muskelaufbau beschäftigt, stößt auf Social Media schnell auf diese Begriffe, die sich alle um das Eine drehen: leistungssteigernde Substanzen.
„Es fühlt sich an wie Spiderman nach dem Spinnenbiss“, schreibt ein User unter ein TikTok-Video. „Damit hast du mich überzeugt“, kommentiert jemand direkt darunter. Ein anderer: „Der Spiderman-Vergleich war alles, was ich hören musste, um meinen ‚Natty‘-Status zu überdenken.“ Das besagte Video zeigt einen jungen Mann, der in die Kamera blickt. Über seinem Gesicht prangt in großen Lettern die Frage: „An alle, die Steroide ausprobiert haben, wie fühlt es sich an?“
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Als ‚Natty‘ bezeichnen sich jene, die nicht künstlich nachhelfen, um ihr Muskelwachstum zu beschleunigen. Immer mehr gehen einen anderen Weg und nutzen dafür anabole Steroide: Substanzen, die die Proteinbiosynthese in Muskelzellen fördern und so den Muskelaufbau sowie die körperliche Leistungsfähigkeit steigern können.
Wie leicht man in eine Online-Bubble gerät, in der sich alles um Muskelaufbau dreht und Steroide nicht nur ganz offen zelebriert, sondern auch noch zum Verkauf angeboten werden, haben sich WZ-Trainee Katharina Nieschalk und Redakteur Simon Plank in einem Selbstversuch angesehen. Keine 24 Stunden dauerte es, bis wir uns anabole Steroide vor unsere Haustür liefern lassen hätten können.
Ein unbedachter Schritt
„Früher wollte jeder aussehen wie Brad Pitt, das ist heute für Männer kein Ideal mehr, heute ist der Standard Dwayne ‚the Rock‘ Johnson“, erzählt Eric (Name geändert) in einem Telefongespräch mit der WZ: „Es wird immer mehr erwartet, dass man als Mann viele Muskeln hat.“ Als Teenager fühlte er sich im Vergleich zu anderen Burschen in seinem Alter zu schmächtig, verspürte einen starken Druck, muskulöser zu sein. Deshalb beschloss er mit 15, seinem Muskelaufbau mit anabolen Steroiden nachzuhelfen.
Das ist inzwischen jetzt über zehn Jahre her. Mittlerweile bereut er diese Entscheidung. „Es war dumm, ich habe mich einfach null informiert, bevor ich begonnen habe, das Zeug zu nehmen“, erinnert sich der 26-Jährige. Mit „Zeug“ meint er unterschiedliche anabole Substanzen, die er über zwei Jahre hinweg seinem Körper zuführte. Zuerst nahm er reines Testosteron, nach und nach griff er zu anderen anabolen Mitteln, wie Winstrol, dann Deca-Durabolin und schlussendlich zu Trenbolon – chemisch veränderte Steroidverbindungen, die auf Testosteron-ähnlichen Strukturen basieren und eine stärkere anabole Wirkung entfalten. All das bestellte er ganz einfach im Internet, einen Dealer fand er recht schnell über eine Facebook-Gruppe.
Wenn Brad Pitt nicht mehr reicht
Das Bundeskriminalamt stellt seit zwei Jahren einen merklichen Anstieg beim Missbrauch von SARMS (Selektive Androgen-Rezeptor-Modulatoren) in Österreich fest. Eigenkonsum ist grundsätzlich nicht strafbar, allerdings der Import und Export. Bezogen würden diese dabei überwiegend aus illegalen Quellen und über das Internet, erklärt ein Sprecher des Bundesministeriums für Inneres gegenüber der WZ in einem schriftlichen Statement. Diesen Trend beobachtet auch Dr. David Müller, Leiter der Information und Prävention der Nationalen Anti-Doping Agentur Austria. Social Media sieht er neben der Popkultur in der Verantwortung. Die Ansprüche an den idealen Männerkörper haben sich verändert und die Unzufriedenheit in Bezug auf das Selbstbild sei stark gestiegen. „Bei Frauen sind wir das traurigerweise gewohnt, jetzt gleicht sich das an“, erklärt er in einem Gespräch mit der WZ. Gerade für junge Menschen sei ihr Körper ein wichtiges Identifikationsmerkmal und Bigorexie, also Muskelsucht, sei ein wachsendes Phänomen bei jungen Männern, die sich mit Idealen im Internet vergleichen. So ging es damals auch Eric: „Jedes Video, das ich mir online angeschaut habe, hat mich zusätzlich motiviert, Anabolika zu nutzen.“ Die schnellere Verfügbarkeit durch das Internet erleichtert den Einstieg zusätzlich. Plattformen wie TikTok ersetzen, Müller zufolge, den Freundeskreis oder das Fitness-Center als ersten Berührungspunkt mit den Substanzen.
Verkaufsangebote aus der Kommentarspalte
„Du musst dir wegen der Polizei keine Sorgen machen, mein DHL-Paket landet sicher auf deiner Türschwelle“, schreibt eine unbekannte TikTok-Userin im privaten Chat mit unserem Fake-Profil. Dieses wurde nur fünf Stunden zuvor erstellt. Damit folgten wir zehn Content-Creator:innen, die sich mit Muskelaufbau auseinandersetzen. Es vergeht nur eine Viertelstunde, da ist bereits die erste Spritze im Social-Media-Feed zu sehen. Nicht alle Videos, die der Algorithmus für uns auswählt, drehen sich unmittelbar um Steroide. Einige sind von den zuvor erwähnten ‚natties‘, die Trainingspläne und Nahrungsergänzungsmittel anpreisen und stolz darauf pochen, nicht mehr als das zu nutzen, um ihre Muskeln wachsen zu lassen.
Die Anzahl der Content Creator:innen, die aggressiv Werbung für Steroide machen, wird jedoch immer mehr. Ein Blick in die Kommentarspalte dieser Videos offenbart angeregte Unterhaltungen darüber, wo man Steroide erwerben könne. Eine Kommentatorin schreibt offen, sie biete welche zum Verkauf an. Auf TikTok ist das Zeigen und Befürworten von Drogen und anderen regulierten Substanzen wie eben Steroiden eigentlich verboten. Inhalte zu Steroid-Missbrauch werden laut einem offiziellen Statement der Plattform gelöscht.
Wir drücken das Herz daneben zur Interessensbekundung. Blitzschnell folgt eine Direktnachricht: „Was ist dein Ziel?“ Wir erklären, zehn Kilo Muskelmasse zulegen zu wollen. Sie fragt nach dem Alter. „Ich werde bald 18“, schreiben wir zurück. Dass wir noch minderjährig sind, spielt für die Unbekannte jedoch keine weitere Rolle, uns werden verschiedene anabole Steroide für jeweils 50 Euro pro Ampulle zum Verkauf angeboten. Auf die Frage, wie sicher denn die Anwendung sei, beteuert sie, es gäbe keinen Grund zur Sorge, sie begleite auch den gesamten Prozess. Dafür bräuchte sie nur jede Woche ein Foto und würde Bescheid geben, wann es Zeit wäre, auf andere Stoffe umzusteigen. „Kann ich auch sofort mit ‚Tren‘ einsteigen?“, fragen wir. NADA stuft Trenbolon als eines der stärksten und folgenschwersten Steroide ein. Das sei kein Problem, erklärt sie, der Preis würde nur geringfügig steigen. Es wird nicht das einzige Angebot bleiben, dass uns im Laufe der Recherche gemacht wird.
„Da wusste ich, ich muss aufhören“
Die Liste an psychischen und physischen Nebenwirkungen von anabolen Steroiden ist lang. Ein Missbrauch kann sowohl eine Schädigung des Herz-Kreislauf-Systems und der Leber verursachen als auch zu Krebs führen. Bei Jugendlichen kann Anabolikamissbrauch die Wachstumsphase vorzeitig beenden und zu Unfruchtbarkeit führen. Die Einnahme kann auch Folgen für die Psyche haben wie Gefühlsschwankungen, höhere Gewaltbereitschaft und niedrigere Konzentrationsfähigkeit.
Als Eric erstmals vom Krebsrisiko erfuhr, das mit Trenbolon einhergeht, war das für ihn wie ein Erwachen. „Da wusste ich, ich muss aufhören“, erinnert sich der junge Mann. Das Ausmaß der Folgen war ihm bis dahin nicht bewusst gewesen. Und das, obwohl sich bereits verschiedene Nebenwirkungen seit Beginn seines Missbrauchs bemerkbar machten: „Ich war die gesamte Zeit so aggressiv, ich wollte immer sofort zuschlagen, wenn mich etwas geärgert hat.“ Auch mit Haarausfall und erektiler Dysfunktion hatte Eric dadurch in seinen Teenagerjahren zu kämpfen.
Auf Prävention setzen
„In den Videos haben sie gesagt, dass Anabolika nicht so schlimm sind. Das hat mich nicht mehr losgelassen und mit jedem weiteren Video, das ich mir angesehen habe, ist meine Motivation gestiegen, das auszuprobieren“, erinnert sich Eric an die Anfänge seines Konsums. Mangelnde Aufklärung über die Folgen eines Steroidmissbrauchs, aber auch körperliche Unsicherheit bei jungen Menschen machen diese besonders anfällig. In der Präventionsarbeit sieht Müller das stärkste Mittel, diesem Trend entgegenzuwirken. Auch die Verschärfung von Gesetzen hält er für sinnvoll: „Für mich ist unverständlich, warum der Eigenkonsum nicht verboten ist.“ Kriminalisierung auf nationaler Ebene löse allerdings kein internationales Problem und auch Verbote haben ihre Wirkungsgrenzen. Aufklärung an Schulen, bereits im Alter von 12 oder 13 Jahren, könnte Müller zufolge dazu führen, dass Anabolika für 15-Jährige kein Thema sind. Es bräuchte nur frühzeitig Aufklärung, nicht nur zu Missbrauchsfolgen, sondern auch zu gesunden Körperbildern. Das hätte sich auch Eric gewünscht: „Dass diese Fitness-Models auf Instagram nicht von Natur so aussehen, war mir früher nicht klar. Ich dachte, ich muss so aussehen wie sie und hab mich neben ihnen so klein gefühlt“.
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Infos und Quellen
WZ-Trainee Katharina Nieschalk beschäftig sich privat viel mit Fairness im Sportbereich. Als sie von der Sportveranstaltung ‚Enhanced Games‘ erfuhr, stellte sie sich die Frage, wie enttabuisiert Steroide mittlerweile sind.
Gesprächspartner:innen
- David Müller leitet in der Nationalen Anti-Doping Agentur Austria GmbH die Abteilung für Information, Prävention, Medizin und Qualitätsmanagement.
- Eric* hat in seiner Teenagerzeit über zwei Jahre unterschiedliche anabole Steroide konsumiert und mit der WZ über seine Erfahrungen gesprochen.
Daten und Fakten
- Die Basis von anabolen Steroiden ist das Hormon Testosteron, dass in der Medizin seine Anwendung findet. Wird Testosteron oder ein testosteron-basiertes Medikament außerhalb der medizinischen Indikation angewandt, etwa um die physische Leistung zu steigern, wird von Missbrauch gesprochen.
- SARMs (Selective Androgen Receptor Modulators) und anabole Steroide sind beide leistungssteigernde Substanzen, die auf Androgenrezeptoren wirken, unterscheiden sich aber in ihren Wirkmechanismen und Nebenwirkungen.
- Die internationale NGO Center for Countering Digital Hate kritisierte in ihrer 2023 erschienenen Studie „Tiktok’s Toxic Trade“ den Umgang der chinesischen Plattform mit Inhalten, die den Missbrauch von anabolen Steroiden und SARMs darstellen und bewerben. TikTok-Pressesprecher Ben Rathe äußerte sich daraufhin mit einem offiziellen Statement, dass solche Videos vom Unternehmen entfernt würden, wenn diese entdeckt werden.
- Eigenkonsum ist in Österreich nicht strafbar – aber sehr wohl der Import, Export und Einsatz in sportlichen Wettkämpfen. Gemäß § 28 ADBG in der aktuellen Fassung ist die Strafbarkeit von Wirkstoffen gemäß Referenzliste der Anti-Doping-Konvention (Verbotsliste) geregelt. Bei anabolen Steroiden handelt es sich um einen als anabole Substanz (Kategorie S1) einzustufenden Wirkstoff. Die Strafdrohung nach dem Antidopingbundesgesetz beträgt 6 Monate bis 5 Jahre. In § 147 Abs. 1a StGB ist der sogenannte Sportbetrug geregelt, der im Falle des Konsums von Dopingsubstanzen mit Leistungssporthintergrund und daraus generierten Einkünften mit einer Freiheitsstrafe von bis zu 10 Jahren bedroht ist.
- Die ‚Enhanced Games‘ ist eine Veranstaltung, die Mai 2026 in den USA in der Stadt Las Vegas stattfinden soll. Bei diesem Event, das als sportlicher Wettkampf beworben wird, der den Olympischen Spielen gleichkommen soll, wird den Teilnehmenden das Doping ausdrücklich erlaubt. Nach Ankündigung der Veranstaltung, die seither auf viel Kritik in der Öffentlichkeit gestoßen ist, folgten international Diskussionen zu Fairness im Sport und zur Enttabuisierung von Steroiden.
Quellen
- Bundeskriminalamt: RIS - Anti-Doping-Bundesgesetz 2021 - Bundesrecht konsolidiert, Fassung vom 26.06.2025
- Saferinternet: Neue Studie: Schönheitsideale im Internet- Saferinternet.at
- NADA: Risiken & Nebenwirkungen
- Europol: Keeping sport safe and fair: 3.8 million doping substances and fake medicines seized worldwide - Seventeen organised crime groups involved in the trafficking of counterfeit medicines and doping material dismantled | Europol
Das Thema in der WZ
- Doping-Zahnpasten und andere Schmierenkomödien - Archiv | Wiener Zeitung
- "High" School - Archiv | Wiener Zeitung
Das Thema in anderen Medien
- The Guardian: ‘Natty or not?’: how steroids got big | Health | The Guardian
- Kurier: Liver King: Was macht er heute? Verhaftet nach Morddrohungen
- Die Zeit: "Ich könnte locker lassen, aber dann lasse ich mich gehen."
- AP News:TikTok videos promoting steroid use have millions of views, says report criticized by the company | AP News
- Men's Health: What to Know About Trenbolone: The Viral Steroid Targeting Teens
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