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Wärmster Fluss von Österreich – made by KI

6 Min
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© Illustration: WZ

Warum das neue Google-Rechenzentrum in Oberösterreich eine einzige Dreistigkeit ist.


Österreich hat Durst. Seit Jahresbeginn ist in weiten Teilen des Landes um bis zu 50 Prozent weniger Regen gefallen als im langjährigen Mittel, im Osten war es seit 1885 nicht mehr so trocken. Es fehlt an Regen für die Landwirtschaft, Viehfutter muss international angekauft werden. In einigen Flüssen ist inzwischen so wenig Wasser, dass Schiffe nicht fahren können. Ungarn hat sein Atomkraftwerk Paks komplett heruntergefahren, weil nicht mehr genügend Kühlwasser der Donau entnommen werden kann. Wir spielen da grad Apokalypse, merkt ihr schon, oder?

Der Hydrologe Günter Blöschl spricht in einem Interview davon, dass wir bei der Trinkwasserversorgung „am Rande einer Ausnahmesituation“ stehen. Gemeinden rufen zum Wassersparen auf. Man soll die Rasensprenger nicht aufdrehen, kürzer duschen, das Auto nicht waschen, Pools nicht befüllen.

Und während wir also alle brav den Wasserhahn beim Zähneputzen zudrehen, entsteht im oberösterreichischen Kronstorf gerade ein Bauwerk, das genau das tut, was man uns verbietet: Es säuft.

Ein Fluss, der schon vorher zu warm war

Google baut an der Enns auf 50 Hektar sein erstes Rechenzentrum in Österreich, unter anderem, um KI-Modelle zu trainieren – eines der größten in Europa, errichtet ausgerechnet auf einem der fruchtbarsten Äcker des Landes. Spatenstich war im April, Landeshauptmann Thomas Stelzer ließ zur Feier einen „Googlehupf“ backen. Wie witzig! Und wie immer hieß es, es sei ein „starkes Signal für den Standort“. Nur auf eine hat man beim fröhlichen Googlehupf-Essen vergessen: Die Enns.

Denn für die Kühlung dieses neuen Rechenzentrums darf Google bis zu 200 Liter pro Sekunde aus dem Uferbereich der Enns entnehmen. Das Wasser, das sich natürlich erwärmt, wenn es durch die Anlagen gepumpt wird, fließt dann zurück in den Fluss – laut Bescheid bis zu 5,8 Millionen Liter täglich. Und die Pointe: Es darf bis zu 30 Grad haben. Fische leiden jetzt schon ständig unter dem zu warmen Wasser, bei 30 Grad sind sie einfach nur noch tot.

In dem Rechenzentrum sollen 70 bis 100 dauerhafte Arbeitsplätze entstehen, und sehr wahrscheinlich werden das nicht nur Kronstorfer:innen sein, die dort arbeiten. Das nur mal so nebenbei, aber zurück zum Wasser: Rein rechnerisch darf dieses eine Rechenzentrum pro Tag das 38-Fache dessen entnehmen, was alle rund 3.500 Kronstorfer:innen durchschnittlich zusammen im Haushalt verbrauchen. Das Achtunddreißigfache!

Tod der Enns versus 100 Arbeitsplätze

Einige werden jetzt sagen: Ja gut, aber wenigstens kommt das Wasser in den Fluss zurück, bei der voestalpine in Linz wird fünfmal so viel Wasser entnommen, und das verdampft dann. Aber das ändert nichts daran: Um KI-Modelle zu trainieren und Arbeitsplätze in der Höhe einer Augenauswischerei zu generieren, wird das ökologische Gleichgewicht einer der wichtigsten Flüsse Österreichs gewaltig gefährdet.

Doch ganz unabhängig von den Wassermengen: Bitte, wie unfassbar dreist ist eigentlich der Zeitpunkt? Die gesamte Bevölkerung wird zum Wassersparen angehalten, aber Google darf. Und als Pointe obendrauf: Google darf das Ganze ohne Umweltverträglichkeitsprüfung in die Landschaft stellen. Nicht, weil niemand daran gedacht hätte, sondern weil Rechenzentren im UVP-Gesetz schlicht keine eigene Vorhabenskategorie sind – und die erste Ausbaustufe offenbar von vornherein so geplant wurde, dass sie unter den Schwellenwerten bleibt. Der Wasserverbrauch: knapp unter der Grenze. Praktisch!

Es gibt Einzelgutachten zu Lärm, zu Abgasen, zu Wasser - aber die Summe, das große Ganze, das schaut sich niemand an? Das ist kein Schlupfloch mehr, das ist eine Einladung. Es will nicht in meinen Kopf: Ein Land, das gerade komplett austrocknet, rollt Konzernen, die die Problematik verschlimmern, den roten Teppich aus?

Stromverbrauch wird sich bis 2030 verelffachen

Eine Studie des Öko-Instituts im Auftrag von Greenpeace hat 2025 mehr als 95 Untersuchungen rund um das Thema KI ausgewertet. Das Ergebnis: Der weltweite Wasserverbrauch zur Kühlung von Rechenzentren wird sich von 2023 bis 2030 vervierfachen – von 175 auf 664 Milliarden Liter. KI-Rechenzentren schlucken dabei doppelt so viel Wasser wie herkömmliche. Der Stromverbrauch soll sich bis 2030 verelffachen. Die zentrale Erkenntnis: Technologischer Fortschritt allein wird die von der Technologie verursachten Umweltschäden nicht beseitigen.

Was an dieser Stelle oft passiert: Man wirft sich gegenseitig vor, Umweltsau zu sein, weil man KI nutzt. Das stimmt halt nicht so ganz: Eine einzelne KI-Anfrage verbraucht – gut, zugegeben, laut ChatGPT selbst - ungefähr 0,34 Wattstunden Strom, das ist so viel wie ein Backofen in gut einer Sekunde, und einen Bruchteil eines Teelöffels Wasser. Sie liegt damit etwa 40 Prozent über einer normalen Google-Suche. Nicht das Zehnfache, wie die berüchtigte alte Zahl behauptete, wohl auch nicht ganz so wenig, wie ChatGPT behauptet, sondern irgendwo dazwischen. Ein ganzer Tag Unterhaltung mit einem LLM (Large Language Model) entspricht ungefähr dem Aufladen von zwei Handys. Gegen eine lange warme Dusche, ein Rindsschnitzel oder eine kurze Autofahrt ist das gerade mal ein Rundungsfehler.

Im Vergleich sind Rechenzentren ein bescheidener Treiber. Aber.

Einzelne Fragen sind also vernachlässigbar, aber: Die Menge machts. Milliarden Menschen chatten inzwischen täglich mit der KI, und auch für diese Kolumne wurde die eine oder andere Quelle von Claude gefunden. Und trotzdem bleib ich dabei: Es sind nicht wir, die den Konzernen beweisen können, wie falsch sie liegen, indem wir ihre KI-Angebote nicht nutzen. Dazu ist unsere Macht zu klein. Selbst die Internationale Energieagentur hat errechnet, dass Rechenzentren im weltweiten Strombedarf ein eher bescheidener Treiber sind, verglichen mit Autos, Klimaanlagen und Industrie. Die einzelne Nutzerin kann nicht entscheiden, wo ein Rechenzentrum gebaut wird, wie es angefeuert und wie es gekühlt wird. Das sind schon die Konzerne selbst, die das entscheiden. Und die Politik, die zugunsten des Standorts die Umweltschäden in Kauf nimmt.

Und deshalb bin ich auf das gegenseitige Aufrechnen von KI-Anfragen genauso allergisch wie darauf, sich gegenseitig seinen individuellen Konsum vorzuwerfen. Im Gegenteil, ich halte dieses gegenseitige Sich-Runtermachen sogar für gefährlich: Es individualisiert ein strukturelles Problem und nimmt genau die aus der Verantwortung, die es verursachen. Wer sich über die KI-Nutzung des Nachbarn empört, schaut in die genau falsche Richtung – nämlich auf den Bildschirm statt auf den Acker in Kronstorf.

Kronstorf ist kein Ausreißer, sondern eine Vorlage für viele weitere derartige Projekte auf der ganzen Welt. Solange wir nur darüber reden, dass es um den Standort und nicht um die Umwelt geht, werden wir unser Land munter weiter austrocknen.

Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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