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Waldbrände: „Das größte Problem ist die Nacht“

9 Min
Mehr als 9.000 Feuerwehrleute bekämpften vor fünf Jahren einen der größten Waldbrände Österreichs.
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner. Bildquelle: APA Images, NÖLFV / Franz Resperger

Die aktuellen Feuer in Südeuropa wecken Erinnerungen an den verheerenden Waldbrand im Raxgebiet vor fünf Jahren. Feuerwehrkommandant Thomas Rauch blickt im Interview zurück auf den Herbst 2021.


    • In Südeuropa brennen derzeit sehr viele Wälder.
    • Ab 26. Oktober 2021 wütete für zwei Wochen auch im Raxgebiet in Niederösterreich ein verheerender Waldbrand.
    • Das größte Problem war die Nacht, weil da kaum Löscharbeiten möglich waren, sagt Feuerwehrkommandant Thomas Rauch.
    • Durch die lange anhaltende Trockenheit drohen auch in Österreich erneut Waldbrände.
    • Mehr als 9.000 Feuerwehrleute aus fast ganz Österreich waren im Oktober 2021 bei Hirschwang im Einsatz
    • Sie wurden mit 2.600 Kilogramm Fleisch und Wurst, 23.500 Semmeln und 19.700 Getränkeflaschen versorgt
    • Niederösterreich: Rund 1.600 Feuerwehren mit mehr als 105.000 ehrenamtlichen Mitgliedern
    • Sonderdienst Waldbrand: Rund 600 Feuerwehrmitglieder in Niederösterreich
    • Für Feuerwehrleute gibt es im Katastrophenfall eine bezahlte Freistellung
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Ein kleiner Ort im niederösterreichischen Raxgebiet wurde vor fünf Jahren plötzlich österreichweit bekannt: Am Mittagstein bei Hirschwang wütete ab 25. Oktober 2021 fast zwei Wochen lang einer der größten Waldbrände der jüngeren österreichischen Geschichte. Mit den Löscharbeiten waren mehr als 9.000 freiwillige Feuerwehrleute aus fast ganz Österreich beschäftigt. Auch aus den Nachbarländern kam Hilfe in Form von Löschhubschraubern und -flugzeugen.

Dafür sorgte der EU-Katastrophenschutzmechanismus, der auch jetzt beim Kampf gegen die verheerenden Waldbrände in Frankreich und Spanien greift. Die Erinnerung an diesen riesigen und aufwendigen Einsatz im Raxgebiet ist bei Thomas Rauch, dem Kommandanten der Freiwilligen Feuerwehr Gloggnitz Stadt, auch fünf Jahre später immer noch frisch. Als Abschnittskommandant für das betroffene Gebiet war er damals mitten im Geschehen.


Auch in Österreich steigt die Gefahr von Waldbränden.


WZ | Mathias Ziegler
Der große Waldbrand im Raxgebiet ist jetzt fünf Jahre her. Ist die Erinnerung daran bei euch noch präsent?
Thomas Rauch
Gerade jetzt, wo wir Bilder aus Spanien oder Frankreich sehen, ist die Erinnerung daran besonders präsent. Die Waldbrände dort sind mit Sicherheit noch einmal brisanter und gefährlicher als der Waldbrand bei Hirschwang im Oktober 2021, vor allem die Intensität des Feuers. Bei uns war damals speziell das Gelände eine enorme Herausforderung. Hirschwang an der Rax liegt auf etwa 500 Metern Seehöhe, der Mittagstein, wo der Brand gewütet hat, auf 1.200 Metern – das war dort wirklich hochalpines Gelände. Da hatten wir überhaupt keine Chance, mit Fahrzeugen hinzukommen. Dazu ist noch die Gefahr durch die Hitze des Feuers gekommen, die den Fels regelrecht aufgesprengt hat. Den Löschmannschaften sind mitunter Steine entgegengekommen. Da war höchste Vorsicht geboten. Umso wichtiger waren die Löschflugzeuge und Hubschrauber von Bundesheer, Innenministerium und diversen privaten Firmen. Wobei das händische Umgraben und Ablöschen des Bodens mit Löschrucksäcken unerlässlich war. Es waren also sehr viel Handarbeit und Körpereinsatz notwendig.
Feherwehrkommendant Thomas Rauch
Thomas Rauch ist Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Gloggnitz Stadt im Raxgebiet (Niederösterreich).
© Jörg Würzelberger
WZ | Mathias Ziegler
Es waren ja sogar Hubschrauber aus der Slowakei und Deutschland sowie Löschflugzeuge aus Italien mit dabei. Wie schwierig war es, diese internationale Hilfe zu organisieren und zu koordinieren?
Thomas Rauch
Es gibt einen sogenannten Alarmplan. In erster Linie ist die örtliche Feuerwehr für ihren jeweiligen Bereich zuständig. Bei einer Ölspur zum Beispiel fährt man hin, beseitigt das Öl und fährt wieder heim. Bei einem größeren Verkehrsunfall wird eine zweite oder auch eine dritte Feuerwehr alarmiert. Bei einem so großen Einsatz wie dem Waldbrand bei Hirschwang sind es entsprechend viele Feuerwehren. Die Alarmierung hat hier hervorragend funktioniert. Es waren von Anfang an ausreichend Einsatzkräfte mit dabei, und binnen weniger Stunden war auch der erste Hubschrauber im Einsatz. Zu Spitzenzeiten waren in einer Schicht mehr als 1.000 Feuerwehrleute und Personen aus anderen Einsatzorganisationen gleichzeitig am Berg. Insgesamt waren mehr als 9.000 Feuerwehrleute mit dabei, auch Spezialkräfte aus den anderen Bundesländern, sogar aus Tirol. Es gibt eine große Sicherheitsfamilie, wo alle zusammenhelfen: Feuerwehr, Rettung, Polizei, Bergrettung, auch über die Bundesländergrenzen hinweg. Über den europäischen Zivilschutzmechanismus sind auch Löschflugzeuge aus Italien nach Österreich gekommen. Umgekehrt sind später Einheiten des heimischen Sonderdienstes Waldbrand nach Frankreich entsandt worden, wo ja auch immer wieder Wälder brennen, um die Kamerad:innen dort zu unterstützen. Jedes Land meldet also sein Kontingent ein, und wer am besten reinpasst, wird entsandt. Die Strukturen, die schon vor Jahren mit Blick auf den Klimawandel aufgebaut worden sind, haben sich bezahlt gemacht.
Ein Wahnsinn, was an Süßspeisen von der Bevölkerung vorbeigebracht worden ist.
Thomas Rauch über die (auch moralische) Unterstützung für die Feuerwehrleute
WZ | Mathias Ziegler
Das heißt, damals waren tausende freiwillige Feuerwehrleute wochenlang im Einsatz. Die mussten ja auch vor Ort versorgt werden.
Thomas Rauch
Das war tatsächlich eine große Herausforderung. Damals wurden 2.600 Kilogramm Fleisch und Wurst, 23.500 Semmeln und 19.700 Getränkeflaschen ausgegeben. Ein Wahnsinn, was außerdem an Süßspeisen von der Bevölkerung vorbeigebracht worden ist.
Ein Löschflugzeug wirft Wasser ab
Auch Löschflugzeuge aus Italien unterstützten die Brandbekämpfung bei Hirschwang.
© NÖLFV / Franz Resperger
WZ | Mathias Ziegler
Funktioniert eigentlich die bezahlte Freistellung von Feuerwehrleuten im Katastrophenfall so, wie sie es laut Gesetz sollte?
Thomas Rauch
Ich glaube, im Großen und Ganzen funktioniert es gut. So ein großer Waldbrand oder auch ein Hochwasser kommt auch zum Glück nicht jedes Jahr vor. Sonst würde es vielleicht anders aussehen. Es ist ein Nehmen und ein Geben – und ein Nicht-Übertreiben. Die meisten Unternehmen in der betroffenen Region haben sicher volles Verständnis für solche Einsätze. Und Bundes-, Landes- und Gemeindebedienstete haben noch weniger ein Problem.Beim Waldbrand Ende Oktober 2021 sind uns vielleicht auch die Herbstferien zugutegekommen, wo sowieso viele Urlaub genommen hatten. Und nicht zu unterschätzen ist die mediale Berichterstattung. Wir waren fast zwei Wochen lang jeden Tag in den Nachrichten, das hat auch die Bevölkerung für die Wichtigkeit der Feuerwehr sensibilisiert. Da gab es auch sehr emotionale Szenen. Zum Beispiel hat ein Reitstall im Tal mit den Hürden ein riesengroßes „Danke“ auf den Sandplatz geschrieben – wenn du das vom Berg aus oder beim Drüberfliegen siehst, dann tut das der Seele gut. Auch die Plakate und Dankesbriefe der Kinder aus der Umgebung. Das motiviert ungemein.
WZ | Mathias Ziegler
Trotzdem war es sicher nicht leicht, den ganzen Tag in der schweren Montur im steilen Gelände zu verbringen. Eine Schicht hat ja zwölf Stunden gedauert.
Thomas Rauch
Gottseidank gibt es für solche Waldbrandeinsätze eine eigene Schutzausrüstung, die viel leichter ist als die übliche Branddienstbekleidung, die auf mehrere hundert Grad ausgelegt ist.
Ein Feuerwehrmann kämpft sich durch den brennenden Wald
Die Bekämpfung eines Waldbrandes bedeutet schwere körperliche Anstrengung, zumal in steilem Gelände.
© NÖLFV / Franz Resperger
WZ | Mathias Ziegler
Die muss man aber auch haben.
Thomas Rauch
Die rund 600 Feuerwehrmitglieder im Sonderdienst Waldbrand in Niederösterreich haben sie. Sie sind auch speziell ausgebildet. Das Wichtigste ist aber, dass man rechtzeitig aufhört, wenn es nicht mehr geht, und nicht den Helden spielt und damit sich und andere gefährdet. Da braucht es eine gewisse Selbstverantwortung.
Ich war meistens ab 5 Uhr früh vor Ort und bin gegen 22 Uhr ins Bett gefallen.
Thomas Rauch über zwei sehr intensive Wochen.
WZ | Mathias Ziegler
Wie viel Schlaf hast du damals als Teil der Einsatzleitung gehabt?
Thomas Rauch
Ich war meistens ab 5 Uhr früh im Führungsunterstützungscontainer vor Ort und bin gegen 22 Uhr ins Bett gefallen. Manchmal gab es dann auch noch Nachbesprechungen. Und bis man dann wirklich zur Ruhe kommt, dauert es dann auch eine gewisse Zeit.
WZ | Mathias Ziegler
Gab es irgendwann einen Punkt, an dem du Sorge gehabt hast, dass ihr diesen Waldbrand nicht in den Griff bekommt?
Thomas Rauch
Naja, das größte Problem bei einem Waldbrand ist die Nacht. Untertags können die Hubschrauber und Flugzeuge gezielt Wasser auf die Brandstelle abwerfen. Aber in der Nacht muss der Flugverkehr eingestellt werden, und auch die Bodenkräfte können im Dunkeln nicht in dieses schwierige Gelände geschickt werden. Das Feuer gibt aber keine Ruhe, vor allem wenn Wind aufkommt. Was uns untertags das Leben schwer gemacht hat, ist also in der Nacht nochmals schlimmer geworden. Somit haben wir uns darauf beschränkt, die Flanken zu sichern, um ein Überspringen der Flammen zu verhindern. In der Nacht war also eher Verteidigung der Positionen statt aktive Brandbekämpfung angesagt.
Der Waldbrand bei Hirschwang in der Nacht
In der Nacht waren kaum Löscharbeiten möglich – doch das Feuer brannte weiter.
© NÖLFV / Franz Resperger
WZ | Mathias Ziegler
Den Kamerad:innen in Südeuropa geht es jetzt genauso.
Thomas Rauch
Ja, vor allem im unwegsamen Gelände. Aber auch in der Ebene ist es bei großflächigen Bränden schwierig, die Einsatzkräfte in der Nacht zu koordinieren.
WZ | Mathias Ziegler
Traut man sich überhaupt angesichts der Trockenheit in Österreich, als Feuerwehrmann auf Urlaub weiter wegzufahren?
Thomas Rauch
(Lacht.) Natürlich möchte man bei einem großen Einsatz dabei sein. Aber es gibt auch ein Leben neben der Freiwilligkeit.
WZ | Mathias Ziegler
Aber gibt es im Notfall genügend Kamerad:innen?
Thomas Rauch
Ich bin überzeugt, dass wir in Österreich ein sehr gut aufgestelltes Feuerwehrsystem haben. Allein in Niederösterreich haben wir mehr als 1.600 Feuerwehren mit mehr als 105.000 ehrenamtlichen Mitgliedern.
WZ | Mathias Ziegler
Also hast du Sorge, aber keine Angst vor dem nächsten Waldbrand?
Thomas Rauch
Ich denke, dass wir gut vorbereitet sind. Auch, weil es mittlerweile Waldfachpläne gibt, in denen sehr viele Details eingezeichnet sind: Ist ein Weg mit einem Feuerwehrauto befahrbar? Gibt es Umkehrmöglichkeiten? Verläuft dort eine Hochspannungsleitung? Ist dort ein Hochsitz? Bildet ein Zaun ein Hindernis? Also sehr viele Informationen für die Einsatzkräfte, um sie noch besser zu koordinieren. Ich kenne mich in Gloggnitz und den Nachbargemeinden gut aus, aber wenn wirzum Beispiel ins nahe Höllental reinfahren, wird es schon schwieriger – wenn etwa spezielle Örtlichkeiten genannt werden, die nicht allgemein bekannt sind. Da ist der Waldfachplan, den wir nach dem großen Feuer von 2021 entwickelt haben, eine große Hilfe. Und er findet immer mehr Nachahmer in anderen Bezirken, die sehen, wie sinnvoll er ist. Auch die Zusammenarbeit mit der Forstverwaltung war sehr wertvoll. Da merkt man, wie wichtig die drei K sind: Köpfe in der Krise kennen.
WZ | Mathias Ziegler
So ein Einsatz verbindet ja auch insgesamt.
Thomas Rauch
Auf jeden Fall. Das schweißt zusammen. Ich fahre zum Beispiel jetzt zur 140-Jahr-Feier der Feuerwehr Ehrwald in Tirol, und da werde ich auch jemanden aus Reutte wieder treffen, der beim Waldbrand 2021 dabei war. Und mit der Feuerwehr Villach haben wir eine Partnerschaft, da waren damals auch Kamerad:innen da.
Eine Zigarette, die aus dem Auto geworfen wird, kann zu einem Flurbrand führen.
Der Feuerwehrkommandant über Unachtsamkeit in Zeiten der Trockenheit
WZ | Mathias Ziegler
Laut Statistik sind 80 Prozent der Waldbrände menschengemacht – wobei die Ursache für jenen im Raxgebiet 2021 nicht geklärt werden konnte. Denkt man im Einsatz darüber nach, dass man ihn vielleicht jemandem zu verdanken hat, der einfach im Wald seine Zigarette weggeworfen hat?
Thomas Rauch
Natürlich. Oft ist es ja gar keine Böswilligkeit, sondern Unachtsamkeit, Gedankenlosigkeit, Schlampigkeit, vielleicht auch Blödheit. Es gibt Leute, die nicht darüber nachdenken, dass auch eine Zigarette, die aus dem fahrenden Auto geworfen wird, zu einem Flurbrand führen kann. Wenn ich da an die Semmering-Schnellstraße denke, wo links und rechts Wälder sind, da kann ganz schnell was passieren. Oder wenn jemand im Wald ein Lagerfeuer macht und dann nur glaubt, dass er es nachher gescheit ausgelöscht hat – und dann kommt der Wind und facht es wieder an. Darum gibt es ja auch die Waldbrandverordnung, in der klar drinsteht, dass bei Trockenheit in der Nähe von Wäldern von offenem Feuer abzusehen ist. Aber auch zum Beispiel Feuerwerke beim Hochzeitsschloss Gloggnitz sind jetzt alle eingestellt. Dort, wo man es regulativ machen kann, verhindert man es. Die Gefahr von Waldbränden ist jedenfalls auch bei uns jetzt besonders hoch. Der jüngste Regen war nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wie man so schön sagt. Das Wasser verdunstet ja sofort wieder. Gestern hat es bei uns daheim geregnet, danach war die Hälfte der Straße nass und die andere Hälfte sofort wieder trocken.

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