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Warten, bis der Berg im Tal liegt?

4 Min
"Wissen wissen" ist eine Kolumne von Eva Stanzl. Darin ordnet sie aktuelle Themen aus Wissenschaft und Gesundheit ein.
© Illustration: WZ

Der Klimawandel macht die Alpen instabiler. Ausgerechnet bei der flächendeckenden Überwachung dieser Veränderungen zu sparen, ist gefährlich und kann teuer werden.


    • Auch in den Alpen prägen Felsstürze das Bild eines Gebirgssystems, das sich wegen des Klimawandels schnell verändert.
    • In Österreich können die gleichen Kaskadeneffekte passieren wie bei der Katastrophe am Himalaya.
    • Präventive Forschung könnte Leben retten.
    • Heiße Sommer bringen Permafrost und Gletscher in den Alpen zum Abschmelzen.
    • Felsstürze könnten bei uns ganze Skiorte vernichten.
    • Ein flächendeckendes Monitoring zu den Veränderungen durch den Klimawandel wäre bestens investiertes Geld.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Österreich muss sparen. Doch wer bei der Vorsorge vor Naturgefahren knausert, riskiert am Ende Menschenleben und Schäden, die leicht hunderte Millionen Euro erreichen können. So geschehen vor zwei Wochen bei einem Gletscherabbruch in Nepal. Die gigantische Schlammflut forderte mehr als 1.000 Menschenleben und verursachte Milliardenschäden an Häusern und Infrastruktur. Britische Forscher, die vor Ort ein Temperatur-Monitoring in einem Gebirgssee durchführen, berichteten gerade in den Tagen vor der Katastrophe von Höchsttemperaturen.

Denn auch in den Alpen prägen Felsstürze das Bild eines Gebirgssystems, das sich wegen des Klimawandels sehr schnell verändert. Die durch die Erderwärmung verursachte Abschmelzung des Permafrosts und der Gletscher müsste deshalb in Österreich systematisch überwacht werden. Ein dauerhaftes, staatlich koordiniertes und flächendeckendes Monitoring mit Expert:innen-Planstellen im Fachgebiet, das derzeit fehlt, wäre bestens investiertes Geld.

Felsstürze prägen das Bild der Veränderungen

„In Österreich können die gleichen Kaskadeneffekte passieren, wenn auch mit kleineren Sturzhöhen. Einige unserer Gebirge sind tektonisch stark beansprucht“, sagt Margreth Keiler, Direktorin des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck, zur WZ. Beispielsweise ist am 11. Juni 2023 vom Fluchthorn in der östlichen Silvretta an der Grenze zwischen Österreich und der Schweiz der Südgipfel de facto heruntergebrochen.

Zum Hintergrund der Problematik: Die Alpen falten sich seit 50 bis 30 Millionen Jahren auf, da sich die afrikanische Kontinentalplatte allmählich unter die eurasische schiebt – ein Prozess, der bis heute anhält. „Aufgrund des gewaltigen Drucks, der dabei herrscht, sind Bereiche der Alpen voller Risse und Spalten, in denen sich Wasser sammeln kann“, erklärt Keiler: „Bei dauerhaften Minustemperaturen gefriert das Wasser in den Felsritzen zu Permafrost. Das gefrorene Material wirkt wie ein Kitt für das lose Gestein – doch wenn das Eis schmilzt, hält das Gesteinsmaterial nicht mehr.“

Einfrieren und Auftauen destabilisieren den Berg

Wie viel der Auftauschicht des Permafrosts heuer, im heißesten Sommer aller Zeiten in Österreich, geschmolzen ist, muss erst gemessen werden. Auch in Zukunft ist mit sehr hohen Sommertemperaturen zu rechnen. Dann rinnt das Wasser weiter ins Berginnere, friert in den kalten Wintermonaten wieder ein, taut im Sommer wieder auf, und der Prozess destabilisiert nach und nach den Berg. Da sich Wasser beim Gefrieren ausdehnt, schiebt es die Felsklüfte auseinander, die mit den Jahren zu immer größeren Spalten werden. Irgendwann bricht das zunehmend instabile Gefüge und stürzt ins Tal.

Parallel dazu schmelzen die Gletscher, die bisher loses Gestein an der Oberfläche festgekittet und so dessen Abrutschen verhindert haben. Ohne die Gletscher ist die Felsoberfläche der Witterung ausgesetzt, Felsbrocken mischen sich mit Regenwasser und können als Lawine aus Geröll und Schlamm zur tödlichen Gefahr werden.

Wissenschaftler:innen warnen seit Jahren vor diesen Konsequenzen der Erderwärmung. Doch anders als in Ländern wie Frankreich oder der Schweiz, wo instabile Hänge in den Bergen systematisch und koordiniert überwacht werden, sind hierzulande die Forschenden zusammen mit zahlreichen Freiwilligen und dem Alpenverein unterwegs, um die Veränderungen an Gletschern und am Permafrost im alpinen Raum teils sogar auf eigene Kosten zu messen und zu dokumentieren.

Ein flächendeckendes Monitoring fehlt

„Wir haben hierzulande kein staatlich mandatiertes, flächendeckendes Monitoring zu den Veränderungen durch den Klimawandel in den Alpen“, bestätigte der Klimaforscher Jan Beutel im Gespräch mit der WZ. Zuletzt hat auch die Glaziologin Andrea Fischer im ZiB2-Interview auf eine ähnliche Situation hingewiesen, was den Rückgang der Gletscher betrifft. Während hierzulande die Lawinen- und Steinschlaggefahren sowie Murgänge professionell gemanagt werden, beobachtet man ausgerechnet die klimabedingte Veränderung des Gebirges nicht auf dieselbe Weise systematisch.

Dabei gibt es genügend Hotspots in bekannten heimischen Skigebieten, die bei einem Felssturz ganze Skiorte vernichten könnten. Planstellen für Fachexpert:innen im Bereich der flächendeckenden, präventiven Überwachung der Auswirkungen des Klimawandels in den Alpen wären in Anbetracht des möglichen Schadens eine Ausgabe, die sich lohnen würde.

Dass das Landwirtschaftsministerium dazu eine Initiative gestartet hat, ist ein erster Schritt. Beim Kick-off darf es aber nicht bleiben. Denn wenn Permafrost taut, Gletscher verschwinden und Fels instabil wird, genügt es nicht, die Folgen erst dann zu vermessen, wenn der Berg bereits im Tal liegt. Die rechtzeitige Evakuierung des Schweizer Dorfes Blatten, das 2025 von einem Bergsturz zerstört wurde, ohne dass dank professionellen Monitorings Menschen sterben mussten, zeigt: Gerade in Zeiten knapper Budgets muss der Staat unterscheiden zwischen Ausgaben, die man verschieben kann, und Investitionen, die größere Schäden verhindern. Die koordinierte Überwachung der Klimaschäden in den Alpen gehört zur zweiten Kategorie.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Jan Beutel ist Professor für Technische Informatik an der Universität Innsbruck. Sein Forschungsinteresse gilt drahtlosen Sensornetzwerken, mit denen er Veränderungen im Gebirge beobachtet. Seit 17 Jahren untersucht er in einem Freiluftlabor am Matterhorn den Zustand der Felsen, den Permafrost und das herrschende Klima. Seine Daten, die es erlauben, den Klimawandel im Hochgebirge quantitativ zu verstehen und mögliche Naturgefahren einzuschätzen, bilden Grundlagen für Vorhersagen.
  • Margreth Keiler ist Professorin am Institut für Geografie und Direktorin des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) an der Universität Innsbruck. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit lang- und kurzfristigen Veränderungen von Naturgefahren und Risiken in Gebirgsregionen in Zusammenhang mit dem Klimawandel und der Landnutzungsänderung.

Daten und Fakten

  • Die Sturzflut in Nepal und Tibet am 26. August 2026 im Himalaya-Gebirge traf dutzende Siedlungen vor allem in den nepalesischen Distrikten Rasuwa und Nuwakot. Der durch einen Gletscherabbruch und einen Bergsturz ausgelöste Murenabgang, der sich entlang eines Flusslaufs zu einer Sturzflut entwickelte, verursachte massive Schäden in bewohnten Gebieten. Mindestens 1.050 Todesopfer wurden bis Redaktionsschluss in Nepal bestätigt, insgesamt galten bis dahin 5.000 Personen als vermisst.
  • Am 28. Mai 2025 zerstörte ein gewaltiger Bergsturz und Gletscherabbruch das Schweizer Dorf Blatten im Lötschental im Kanton Wallis zu großen Teilen. Bereits am 19. Mai wurden alle 300 Bewohner des Dorfes evakuiert, weil sich Felspartien am Kleinen Nesthorn in den drei Tagen zuvor um 17 Meter bewegt hatten und ein Kollaps des Gesteins nicht mehr ausgeschlossen werden konnte.
  • Die höchsten Temperaturen, die meisten Hitzetage, die meisten Tropennächte, zwei Hitzewellen mit Spitzenwerten von jeweils über 40 Grad, dazu extreme Trockenheit: Der meteorologische Sommer 2026 landet in den Rekordlisten an oberster Stelle, „was die Tageshöchstwerte, die Länge der Hitzewellen, die Anzahl an Hitzetagen und Tropennächten betrifft“, bilanziert Klimatologe Alexander Orlik von GeoSphere Austria.

Quellen

Das Thema in der WZ

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