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Didi Kühbauer kämpft seit jeher mit seinem rustikalen Ruf. Nun steht er vor dem Höhepunkt seiner Trainerkarriere, und es wird deutlich: Der Mann ist in doppelter Hinsicht ein Gewinn für den Fußballbetrieb.
Weltweit gibt es derzeit wenig zu lachen. Immerhin Didi Kühbauer ist der Schmäh nicht ausgegangen. Ob ihm beim Cuptriumph Anfang Mai, als sein LASK zweimal einen Rückstand aufholen musste, ob des nervenaufreibenden Spiels graue Haare gewachsen seien, wollte ORF-Moderator Rainer Pariasek wissen. Doch Kühbauer deutete nur schelmisch auf die Halbglatze des neben ihm stehenden Herbert Prohaska und erklärte grinsend: Für diesen Erfolg „hätte ich auch die Mattn vom Herbert genommen“.
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Kühbauer ist einer der letzten seiner Art, mit seinem Strizzi-Schmäh, der selbst im einst erdigen Fußballmilieu vom Aussterben bedroht ist. Oft wird über Kühbauer die Nase gerümpft. Wegen seiner Witze und Wutausbrüche. Dabei wird übersehen: Der Mann, der kommenden Sonntag mit dem LASK österreichischer Meister werden kann, verkörpert die vielleicht letzte Echtheit in einem glattgebürsteten Geschäft.
Der Fußballbetrieb war immer auch eine Subkultur für Fans von Skurrilitäten, Schmäh und Schnitzelsemmelduft. Eine Art versunkene Welt. Der Sportplatz als Ort, wo man schimpfen, brüllen und toben durfte – selbst wenn man höchste Ämter innehatte.
Doch das hat sich geändert. Das Fußballgeschäft wurde zum Hochglanzprodukt. Und zum Milliardenbusiness, dem, im Dickicht von TV-Vermarktung und Werbedeals, der ursprüngliche Charme abhandenkommt. Selbst in der österreichischen Bundesliga, die lange zwischen Dorfplatzflair und Bratwurstgeruch changierte, wurden originelle Typen und Torheiten wegökonomisiert. Es geht einfach um zu viel Geld. Wer einen der raren Plätze in der heißbegehrten Branche behalten will, bleibt vor der Kamera lieber bei trockenen Taktikanalysen. Vorbei die Zeiten, als der legendäre Rapid-Coach Ernst Dokupil nach einem zehrenden Match ungeniert erklärte, Fußball sei „einfach ein Scheißspiel“. Oder als Gustl Starek und Hans Krankl sich kabarettreife Wortgefechte lieferten.
Rhetorikseminar statt Rolls Royce
Mittlerweile tragen Fußballmanager nicht mehr Goldkette, wie einst Sturm-Präsident Hannes Kartnig, der einen Rolls Royce fuhr und sich einen Hai im Wohnzimmer hielt. Stattdessen werfen sie sich in marktkonformes Slim-fit und geben ihr Geld lieber für Rhetorikseminare aus. Die Ablöse der Brusthaarfraktion mag aus vielen Gründen ein Fortschritt sein – doch unterhaltsamer wurde das Geschäft dadurch nicht. Klassische Interviews klingen heute etwa so: Beide Teams gaben ihr Bestes, hatten gute Szenen, am Ende entschieden Kleinigkeiten.
Kühbauer reiht sich nicht in die roboterhafte Riege an Sprechpuppen ein, die zwischen Medienschulung und Managersprache pendeln, um einem Bild von Professionalität zu entsprechen, das am Ende zwar keine Angriffsflächen mehr bietet, aber auch stinklangweilig ist. Als Kühbauer zuletzt gefragt wurde, warum der davor miserable LASK unter ihm nun so extrem erfolgreich sei, sprach er nicht von bemühten, aber glücklosen Vorgängern, sondern erklärte kurz und knapp: „Davor waren wir – auf Deutsch gesagt – im Oasch daham“.
Man mag im ersten Moment hochschrecken ob der rauen Sprachwahl. Im Grunde aber ist Kühbauers unverstellte Ehrlichkeit erfrischend in einem Geschäft, das von Kalkül und Kohle dominiert wird. Als gegen seinen LASK zuletzt ein fraglicher Elfmeter verhängt wurde, erklärte Kühbauer, dass er die Fehlentscheidung im Gegensatz zum Schiedsrichter selbst „mit zwei Holzaugen“ erkannt hätte.
Rabauken-Ruf und Kritik
Kühbauer ist ein Großmaul und Grenzgänger, der immer zwischen Schmäh und Skandal schwankt. Das war schon als Spieler so. Da war er ein Zornbinkel, der mit Kontrahenten auf dem Feld Nase an Nase herumraufte, freche Interviews gab und Schiedsrichter beschimpfte. Als Trainer schien ihm sein Ruf zum Verhängnis zu werden. Auch, weil er sein Rabauken-Image selbst von der Seitenlinie aus weiter befeuerte, sich oft im Ton vergriff und immer wieder zu Recht in der Kritik stand.
Doch ein Scheitern als Trainer wollte der verbissene Kühbauer nicht akzeptieren – und hatte prompt überall Erfolg. Admira Wacker führte er in den Europacup, Rapid zu zwei Vizemeisterschaften, den Wolfsberger AC zum Cupsieg und um ein Haar (oder besser gesagt um ein Tor, das am Ende fehlte) zum Meistertitel.
Als Trainer wird er trotzdem bis heute unterschätzt. Das liegt vor allem an seiner rustikalen Art, die aus der Zeit gefallen scheint. Als ihn etwa seine Spieler nach dem Cupsieg im Vorjahr mit Bier übergossen, jagte er ihnen triefnass vor laufenden Kameras nach und verteilte Tachteln und Tritte.
Die letzten rustikalen Fußballhelden, die einst wegen ihrer Verdienste fast automatisch hohe Trainerposten erhielten, wurden von Taktik-Nerds ohne große Kicker-Vergangenheit aus dem professionalisierten Betrieb gedrängt. Kühbauer, früher selbst Nationalspieler und Spanien-Legionär, ist der letzte große Ex-Starkicker, der in Österreichs Bundesliga das Trainerzepter schwingt. Vor allem sein unbändiger Biss hat ihn im Geschäft gehalten.
Meisterstück
Als er heuer mitten in der Saison vom Meisteranwärter Wolfsberg zum abstiegsgefährdeten LASK wechselte, drehte er innerhalb weniger Wochen das Blatt. Nun stehen die Linzer vor dem Gewinn des Meistertitels – und Wolfsberg kämpfte bis zur vorletzten Runde gegen den Abstieg. Dazu spielt der LASK, in einer zugegeben schwächelnden Liga, den schönsten und attraktivsten Fußball. Kühbauer aber verkauft sich entgegen der Marktlogik nicht als Taktikguru (der er wohl auch nicht ist), sondern als letztes Relikt mit Gespür, der seine Spieler mit Herzlichkeit und Härte fängt. Sein Spieler Sasa Kalajdzic, der sich in der Vergangenheit mehrmals schwer verletzt hatte, erklärte vor kurzem, dass noch nie ein Trainer so sehr auf seine Gesundheit geschaut habe, ungeachtet des eigenen Vorankommens.
In Kühbauer schlummert auch ein feingeistiger Mensch, der ein Faible für gute Musik, Bücher und gesunde Ernährung hat. Als ich mich vor Jahren mit ihm zum Interview in einem Café verabredete, mussten wir partout den Tisch wechseln, weil der zu nahe am Raucherbereich lag, den er vehement ablehnte.
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„Warum tut er das?“
Doch am Platz wird Kühbauer regelmäßig zum Berserker. Nach dem Sieg vor wenigen Wochen bei der SV Ried verweigerte er dem Trainerkollegen den Handschlag, verlor sich in Scharmützeln mit gegnerischen Fans und tobte danach vor laufenden Kameras. Kühbauer, der als Trainer gerne in eine Topliga im Ausland aufsteigen würde, täte sich mit seiner Rambo-Rhetorik keinen Gefallen, glauben viele in der Branche. „Ich habe mich extrem geärgert über das Verhalten. Warum tut er das?“, fragte der Trainer Dominik Thalhammer und äußerte Zweifel, ob das überall gut ankomme. „Ich glaube, dass ausländische Vereine immer genauer hinschauen.“
Thalhammer hat natürlich Recht. Aber Kühbauers Charakter macht nun mal aus, dass er sich selbst aus karrieretechnischen Überlegungen nicht verstellt. Er könnte auf LinkedIn-Sprache und Slim-fit umsatteln. Aber Kühbauer bleibt Kühbauer, wenn er im Trainingsshirt über den Platz poltert, schimpft, brüllt. Dabei wurde er zum Unikum, in einer Welt, in der sich die meisten verkleiden, um voranzukommen.
Für den Unterhaltungswert der Bundesliga ist er durchaus ein Gewinn. Diversität in der Männer-Bundesliga bedeutet am Ende nämlich auch, dass neben blassen Taktik-Nerds und smarten Managertypen auch Raum für einen schmähführenden Zornbinkel bleiben sollte.
Nach dem Cupsieg zuletzt, als Kühbauer von seinen Spielern erneut mit Bier übergossen wurde, schimpfte er: „Schüttet mich ruhig an, heute kriegt ihr keins mehr – weil den Rest sauf ich aus!“ Und als er gefragt wurde, ob er sich bei Gewinn der Meisterschale als Siegesritual eine Glatze scheren ließe, verneinte Kühbauer mit Witz: „Ich schaue schon mit Haaren nicht gut aus, aber ohne Haare bin ich für jeden Horrorfilm die Nummer eins“.
Kühbauer wird gerade zum Lichtblick in einer schwachen Liga, die von biederem Fußball und faden Typen geprägt ist. Mit dem LASK spielt er attraktiv. Und danach gibt es noch was zum Lachen. Was will man mehr.
Gerald Gossmann verfasst alle zwei Wochen für die WZ eine kritische Fußballkolumne – er analysiert und kommentiert dabei die heißen Eisen der österreichischen Kickeria.
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Infos und Quellen
Zum Autor
Gerald Gossmann schreibt für deutschsprachige Medien wie Die Zeit, Profil und den Spiegel über Sportpolitik und beleuchtet die Problemfelder des Fußballbetriebs regelmäßig in TV-Sendungen, etwa im ORF oder bei Puls4. Er ist bekannt für seine kritischen Analysen und dafür, komplexe Inhalte in einfacher Sprache zu erklären.
Daten und Fakten
- Dietmar Kühbauer, 55 Jahre alt, zählt zu den bekanntesten Ex-Fußballern Österreichs. Er spielte für die ÖFB-Nationalmannschaft und nahm an der WM 1998 teil. In seiner Karriere lief er etwa für Rapid Wien auf und war Legionär in Spanien und Deutschland. 1996 erreichte er mit dem SK Rapid ein Europacup-Finale.
- Als Trainer arbeitete er etwa bei Admira Wacker, Rapid Wien, dem Wolfsberger AC oder dem Linzer ASK. In der aktuellen Saison führt Kühbauers Klub, der LASK, die Tabelle eine Runde vor Schluss mit zwei Punkten Vorsprung an. Kommenden Sonntag könnten die Linzer erstmals seit 1965 den Meistertitel gewinnen.
- Kühbauer wurde auch wegen seines rustikalen Rufs oft unterschätzt. Bei Rapid wurde er trotz zweier Vizemeistertitel entlassen, auch beim LASK musste er in seiner ersten Amtszeit nach einem dritten Platz gehen. In den letzten beiden Jahren holte er zwei Cup-Titel – mit dem WAC und heuer mit dem LASK. Nun steht Kühbauer vor dem größten Erfolg seiner Trainerkarriere.
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