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Warum Frauen in der Forschung weiter auf der Stelle treten

5 Min
"Wissen wissen" ist eine Kolumne von Eva Stanzl. Darin ordnet sie aktuelle Themen aus Wissenschaft und Gesundheit ein.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Adobe Stock

Das System bremst mit: Nach wie vor kommen Frauen in der Forschung seltener nach oben, denn sie stehen immer noch zwischen Elfenbeinturm und Elternkarenz.


    • Frauen sind in der Forschung trotz gestiegener Studentinnenzahlen weiterhin unterrepräsentiert, besonders in Führungspositionen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern.
    • Stereotype, mangelnde Vorbilder und strukturelle Hürden erschweren Frauen den Verbleib und Aufstieg in wissenschaftlichen Karrieren.
    • Ungleiche Verteilung von Familienarbeit und fehlende Gleichstellungsmaßnahmen betreffen die gesamte Gesellschaft und erfordern gemeinsame Lösungen.
    • Anteil Professorinnen an Haupt-Unis in Österreich: 25–34 Prozent
    • Anteil Professorinnen an Technischen Universitäten: 13–18 Prozent
    • Frauenanteil bei Studierenden insgesamt: mehr als 50 Prozent
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Die Narrative sind alt, aber immer noch prägend: Der große Genius löst Kraft seiner Intelligenz mathematische Rätsel. Der Star-Physiker, das Ausnahmetalent Albert Einstein, findet heraus, was die Welt zusammenhält.

Keine Frage, dass es herausragende Geister gibt, die unglaublich viel für die Menschheit weiterbringen. „Aber alles in allem sind das nicht eben Vorstellungen, die Frauen besonders willkommen heißen. Denn nehmen wir an, ich bin kein Genie, will aber trotzdem Physik studieren. „Dann sollte mir wenigstens das Gefühl vermittelt werden, dass es in meinem Fachgebiet einen Platz für mich gibt”, brachte Francesca Ferlaino kürzlich im Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist:innen auf den Punkt. Ferlaino ist wissenschaftliche Direktorin des Innsbrucker Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation sowie Wissenschaftlerin des Jahres 2025 und beschrieb damit die nach wie vor schwierige Lage von Frauen in vielen Bereichen der Naturwissenschaften.

Unrealistische Vorbilder, wenig Sichtbarkeit und althergebrachtes Denken schon in den Schulen: Sie alle tragen dazu bei, dass in der Forschung immer noch weniger Frauen Karriere machen als Männer. Insbesondere in den Naturwissenschaften prägen wirklichkeitsferne Narrative wie das oben genannte die Wahrnehmung.

Dabei werden die Wissenschaften heute stark interdisziplinär betrieben und Forschungsergebnisse in der Regel in Teams mit vielfältiger Expertise erzielt. Teamarbeit lässt sich allerdings weniger gut verkaufen als einsame Spitzen mit genialen Geistesblitzen. Und so wachsen wir auf in dem latenten Glauben, Wissenschaft finde nicht im Alltag, sondern in abgehobenen Sphären zwischen Elfenbeinturm und Elite statt, aber keineswegs an unserer Uni oder in unserer Schule – dort, wo wir lernen.

Mehr Studentinnen, nicht mehr Professorinnen

Zwar hat sich schon viel verändert. Wer in längeren Zeiträumen denkt, sieht durchaus Verbesserungen. Heute kann keine Rede mehr davon sein, die Beiträge von Frauen zu wissenschaftlichen Arbeiten unter den Tisch fallen zu lassen. Vor etwa 100 Jahren war es aber noch üblich, genau das zu tun, weswegen zahlreiche Frauen für ihre bahnbrechenden Entdeckungen bei Nobelpreisen leer ausgingen. Auch die Zahl der Studentinnen an den Universitäten ist enorm nach oben gegangen. Konnte man ihre Prozentzahl vor 100 Jahren noch an einer Hand abzählen, machen Frauen heute mehr als die Hälfte der Studierenden aus.

Von einer Gleichstellung der Geschlechter auf allen Ebenen des Bildungssystems sind wir dennoch weit entfernt. Denn in leitenden Funktionen bildet sich das 50:50-Verhältnis nicht ab. In Österreich beträgt der Anteil an Professorinnen an den Haupt-Unis nur zwischen 25 und 34 Prozent, und an den Technischen Universitäten sind zwar ein Drittel der Studierenden Frauen, doch nur zwischen 13 und 18 Prozent sind Professorinnen. Trotz zahlreicher bereits erfolgter Initiativen und Förderungen gibt es in traditionell „männlichen“ mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern nach wie vor den größten Handlungsbedarf.

Woran liegt das? Schon in den Schulen halten sich Stereotype bei den Zuschreibungen, wem bestimmte Fächer eher leicht- oder schwerfallen. „Untersuchungen zeigen, dass MINT-Fächer bei Erwachsenen und bei Schülerinnen und Schülern als ‚männliche‘ Domäne gelten: Hier werden Jungen und Männer im Durchschnitt als begabter, kompetenter und interessierter eingeschätzt. Mädchen und Frauen werden im Gegenzug Vorteile in den Sprachen oder in der Kunst zugeschrieben“, analysiert die Psychologin Ursula Kessels, Professorin an der Freien Universität Berlin, in einem aktuellen Fachartikel. Und je stärker ein Mädchen das Fach Mathematik als männliche Domäne ansieht, desto weniger sei es selbst am Fach interessiert.

Karriere mit Hindernissen

Von jenen Frauen, die dennoch in diese Fächer vordringen, bleiben zahlreiche nicht dabei. „Nur den MINT-Bereich zu bewerben, reicht nicht. Viele Frauen, die dort beginnen, verlassen diese Fächer wieder, weil sie Sexismen erleben und sich jeden Tag intensiver beweisen müssen als ihre männlichen Kollegen. Fakten wie diese bieten den Frauen kein attraktives Arbeitsumfeld, in dem man länger verweilen oder bleiben will“, betonte Frauen- und Wissenschaftsministerin Eva Maria Holzleitner bei der Diskussion im Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist:innen.

Hinzu kommen Strukturen, die der Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie nicht entgegenkommen. Idealerweise führen Karrierewege in den Wissenschaften zwar linear nach oben, doch auf dem Weg dorthin gibt es wenig Sicherheit: Oft gibt es nur projektbezogene Anstellungen, die Zahl der unbefristeten Laufbahnstellen ist beschränkt, geteilte Professuren sieht das System nicht vor und Führungspositionen in Teilzeit sind die Ausnahme. Wer sich durchsetzen will, muss dranbleiben und durchhalten. Womit das das Bild des unbeirrt arbeitenden (männlichen) Forschers, der der Sache auch die Familie unterordnet, im Wissenschaftsbetrieb immer noch eine Rolle spielt.

Nach wie vor verlassen mehr Frauen als Männer den Wissenschaftsbetrieb von einer Karrierestufe zur nächsten. „Viele Forscherinnen wechseln nach der Schwangerschaft das Berufsfeld, weil die Vereinbarkeit schlecht ist und in Österreich der Großteil der unbezahlten Arbeit nach wie vor Frauen zufällt“, sagte Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gendermedizin an der Medizinischen Universität Wien und Wissenschaftlerin des Jahres 2016: „Viele wählen dann typische Frauenberufe, die schlecht bezahlt sind, keine Forschungsstellen.“

Ein Problem der ganzen Gesellschaft

Traditionell nutzen in Österreich nach der Geburt des ersten Kindes fast nur Frauen die Möglichkeit zur Elternkarenz, Väter dagegen kaum, berichtet die Österreichische Akademie der Wissenschaften in einer Studie. Selbst hoch qualifizierte Mütter unterbrechen ihre Berufstätigkeit lange, während für Männer die Vaterschaft kaum Auswirkungen auf ihren Erwerbsverlauf hat.

Wer profitiert von diesem System, in dem diese ungleiche Geschlechteraufteilung bestehen bleibt? Wissenschaft ist immer noch eine Männerwelt. Und der Forderung nach Quoten wird oft mit Befürchtungen zu sinkender wissenschaftlicher Qualität begegnet. Was Qualität ist, werde aber immer noch zumeist „von Männergruppen“ definiert, erklärte Ferlaino.

Das Problem ist also kein Problem bloß der Frauen, sondern eines der Gesellschaft. Neue Gleichstellungsmaßnahmen sollten daher auch zusammen mit Männern umgesetzt werden. Geschlechtergerechtigkeit auf allen Ebenen des Bildungs- und Wissenschaftssystems lässt sich nur gemeinsam erreichen. Ein Beispiel können wir uns an Skandinavien nehmen: Dort werden Männer, die nicht in Babykarenz gehen, im Grunde genommen schief angeschaut.


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Infos und Quellen

Gesprächspartnerinnen

  • Eva Maria Holzleitner, Bundesministerin für Frauen, Wissenschaft und Forschung und Bundesvorsitzende der SPÖ Frauen. Sie studierte Sozialwirtschaft an der JKU in Linz und arbeitete an der Fachhochschule Hagenberg als Assistentin in der Forschungsgruppe Heuristic and Evolutionary Algorithms Laboratory.
  • Francesca Ferlaino, wissenschaftliche Direktorin des Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation der Universität Innsbruck, und Wissenschaftlerin des Jahres 2025. Sie ist in Neapel aufgewachsen und wanderte nach Österreich aus, um ihre eigene Forschungsgruppe an der Universität Innsbruck aufzubauen.
  • Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gendermedizin an der Medizinischen Universität Wien und Wissenschaftlerin des Jahres 2016. Sie absolvierte nach der Matura im Jahr 1980 ein Medizinstudium an der Universität Wien und wurde 2010 die erste Professorin für Gendermedizin Österreichs.
  • Johanna Pirker, Informatikerin mit den Forschungsschwerpunkten Games, Virtual Reality und KI, Professorin an der TU München und an der TU-Graz. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Mensch-Computer-Interaktion, Virtual Reality, Künstliche Intelligenz, Data Science, Social Network Analysis und Games User Research.

Daten und Fakten

  • Die Leistungsvereinbarungen zwischen dem Bund und den Universitäten, die heuer zur Uni-Finanzierung 2028-2031 verhandelt werden, bieten Spielraum, um Frauenkarrieren zu fördern. Künftig soll darin das Kaskadenmodell zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft gestärkt werden, indem die Zielquoten für höhere Positionen, wie etwa Professuren, auf Basis des Frauenanteils der jeweils vorherigen Karrierestufen festgelegt werden.
  • Als Positiv-Beispiel für die Schaffung von familienfreundlicher Infrastruktur gelten Schwangerschaftslabore, wie etwa an Instituten der Vienna Biocenter. Hier werden Frauen in der Schwangerschaft und nach der Geburt unterstützt, damit sie ihre Forschung im Labor weiterbetreiben können. Ein männlicher Kollege führt Experimente angeleitet von ihnen durch, etwa wenn diese giftige Chemikalien benötigen. In diesem Sinn werden Forschungsinstitute nicht nur als Arbeitsplatz, sondern als Gesamtlebensraum gesehen.

Quellen

Das Thema in der WZ

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