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Warum WitchTok & Co boomen

6 Min
Esoterik wird immer individueller: Menschen stellen sich aus allem, was kursiert, ihre eigene Praxis zusammen.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Im Internet floriert die Esoterik: Hexen zaubern auf TikTok, Kartenleger:innen beraten per Chat, auf Etsy gibt es Schutzamulette im Dutzend. Und Millionen klicken drauf. Was gibt ihnen diese neue Spiritualität wirklich?


„Ganz ehrlich – es war pure Verzweiflung“, sagt Julia rückblickend. „Ich habe alles gemacht, was in meiner Macht steht, und war dann der Situation ausgeliefert. Für mich hat es Sinn gemacht, zumindest einen kleinen Funken ‚Universums-Hilfe‘ reinzuholen.“ Die „Universums-Hilfe“ möchte sie von einer selbst ernannten Hexe auf Etsy bekommen: einen Zauber, der Julia bei einer beruflichen Herausforderung unterstützen soll.

Julia ist eine von vielen, die in der digitalen Spiritualität Halt suchen. Auf Social Media teilen Tausende Anleitungen für Schutzzauber & Co – unter Hashtags wie #witchtok und #spirituality. Zur modernen Esoterik gehört dabei weit mehr als selbst zugeschriebene Hexenkraft. Dazu zählen auch Tarot, Astrologie, Manifestation, Energiearbeit, Neoschamanismus oder Mondrituale: ein Patchwork aus Traditionen, Popkultur und Wellness. Alle Praktiken haben gemeinsam, dass sie Sinn, Orientierung und Selbstwirksamkeit versprechen.

Esoterik: digitalisiert und individuell

Außerdem wird die Esoterik immer individueller: Menschen stellen sich aus allem, was kursiert, ihre eigene Praxis zusammen. „Wir erleben seit Mitte des 20. Jahrhunderts eine starke Individualisierung religiöser und spiritueller Weltanschauungen – der aktuelle Boom ist Teil davon“, sagt Marion Näser-Lather, Kulturwissenschaftlerin und Ethnologin an der Universität Innsbruck.

Social Media verstärkt nicht nur Individualisierung, sondern auch das Kontrollgefühl durch Algorithmen, Ästhetik und Communitygefühl. Die Plattformen sind also neu, die Inhalte sind es nicht. „Was früher in Illustrierten oder im Privatfernsehen wie Astro TV stattfand, ist ins Internet und schließlich in die sozialen Medien gewandert“, sagt die Expertin und verweist auf Bewegungen wie die der Wicca-Religion, die viel älter sind als TikTok und Instagram: Sie formierten sich bereits in der Mitte des 20. Jahrhunderts und verbanden magische Praktiken, Naturspiritualität und Selbstermächtigung, lange bevor der Hashtag #witchtok entstand.

Magie als Antwort auf Krisen

Was all diese alten und neuen Formen der Spiritualität verbindet, ist weniger der Glaube an Übernatürliches als das Bedürfnis nach Halt. „Wir leben derzeit in multiplen Krisen – Wirtschaftskrise, Pandemie, Ukrainekrieg, Klimawandel. All das trägt zu einem Gefühl der Ohnmacht bei“, sagt Näser-Lather. Sich esoterischen Praktiken zuzuwenden, könne eine Entlastungsfunktion haben: Man versuche, Unsicherheit zu reduzieren oder über Rituale wieder mehr Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen.

„Ich habe nicht erwartet, dass es funktioniert. Ich habe erwartet, dass ich das Gefühl haben würde: Jetzt habe ich wirklich alles gemacht“, sagt Julia. Für 14 Euro schickte sie ihren Wunsch an eine Etsy-Hexe, die ihn aufschrieb und ihr ein Foto des brennenden Zettels als Antwort sandte. Auf Etsy reichen die Preise für solche Rituale von wenigen bis zu mehreren hundert Euro.

Anstoß zur Selbstreflexion

Eine, die sich selbst niemals als Hexe bezeichnen würde und trotzdem mit Spiritualität Geld verdient, ist Lisa-Marie Ulz. Die Steirerin legt Tarot-Karten und betreibt die erste Tarot-Akademie Österreichs. Beim Tarot zieht oder legt man Karten aus einem gemischten Deck, ordnet sie nach einem bestimmten Muster an und liest ihre Symbole im Zusammenhang. Das soll Gedanken, Gefühle und mögliche Entwicklungen greifbar machen.

„Tarot spiegelt Energien, innere Prozesse – es macht Unbewusstes sichtbar. Aber es ist nicht so, dass man die Karten legt und die Zukunft wie in einer Glaskugel sieht“, sagt Ulz. Sie arbeite mit Symbolen und Bedeutungen. Für ihre Arbeit zieht sie klare ethische Grenzen: „Bei mir gibt es keine Fragen zu Schwangerschaft, Gesundheit oder rechtlichen Themen – das wäre unseriös.“

Ulz sieht Tarot als einen Einstieg zur Selbstreflexion und zur Selbstfindung, nicht als magisches Werkzeug. Seit Anfang 2024 hat sie etwa zehn Menschen in dem Bereich ausgebildet. Kritiker:innen sagt sie: „Gesunde Skepsis gehört dazu. In diesem Bereich muss man skeptisch sein und hinterfragen, wie etwas funktioniert.“

Wo wird Spiritualität zum Halt – und wo zur Falle?

Zu dieser gesunden Skepsis rät sie Menschen vor allem auf Social Media. „Man muss hinterfragen, wem man vertraut und was sich für einen selbst stimmig anfühlt“, sagt Ulz. Sie selbst begann 2020 damit, Videos zu Kartenlegungen auf TikTok zu teilen – zu einer Zeit, als das Angebot im deutschsprachigen Raum noch sehr klein war.

Mittlerweile postet Ulz nur noch selten. Ein Grund: „Es sind viele betrügerische Accounts entstanden, die Menschen anschreiben und sagen: ‚Ich habe etwas in deiner Aura gesehen.‘“ Es gehe dabei oft darum, die Angst der Menschen auszunutzen. Sehr schnell drehe sich alles um Fragen wie: Mein Partner belastet mich, was ist mit meinem Ex, kommt er zurück, was muss ich tun – und wie viel Geld muss ich überweisen, damit jemand einen Zauber macht und er wieder vor der Tür steht. Ulz sagt deswegen: „Man muss bewusst konsumieren – egal bei welchem Social-Media-Thema.“

Man muss wissen, was man bekommt

In Österreich gilt: Wer für magische Angebote wie Kartenlegen oder Rituale Geld verlangt, muss sich an ganz normale Regeln halten. Preise müssen klar sein, Menschen dürfen nicht in schwierigen Situationen ausgenutzt werden, und es darf nichts versprochen werden, was nicht garantiert werden kann – zum Beispiel Heilungen oder garantierte Erfolge.

Auch Julia bekommt von ihrer Dienstleisterin eine Mail, die das Versprechen relativiert: Es könne einige Wochen dauern, bis sich etwas tut. Ob der Wunsch mittlerweile in Erfüllung gegangen ist? „Das Gefühl habe ich nicht, aber mir hat es Ruhe gebracht, das war purer Placebo-Effekt“, sagt sie.

Allein das kann aber manchmal schon helfen, erklärt Kulturwissenschaftlerin Näser-Lather: „Der Placebo- und der Nocebo-Effekt zeigen, dass der Glaube an eine Wirkung reale Prozesse auslösen kann.“ Und: Es gehe um Selbstfürsorge und Selbstwirksamkeit.

Self Care mit Preisschild

Dass der Kapitalismus solchen Praktiken ein Preisschild umgehängt hat, ist mit Vorsicht zu genießen. „Die ursprünglichen Wicca lehnen es strikt ab, Magie zu verkaufen – auf WitchTok werden aber Zaubersprüche und sogar Schadenszauber angeboten“, sagt Näser-Lather. Hier helfen könnte ein Rat, den Anbieterin Lisa-Marie Ulz und Nutzerin Julia teilen: nicht alles hinnehmen, Fragen stellen und das eigene Bedürfnis nach Halt nicht ausnutzen lassen.

Unterstützung

Wenn du in einer Lebenssituation bist, in der du Hilfe brauchst, kannst du dir bei diesen Stellen Unterstützung holen:

Telefonseelsorge: 142 (rund um die Uhr)

Rat auf Draht: 147 (Kinder & Jugendliche, rund um die Uhr)

Sozialpsychiatrischer Notdienst (PSD Wien): 01 313 30 (24/7)

Kriseninterventionszentrum: 01 406 95 95 (von Montag bis Freitag, 8 bis 17 Uhr)

PsyNot (Psychiatrischer Notdienst in der Steiermark): 0800 44 99 33 (rund um die Uhr)

Sozialpsychiatrischer Notdienst (PSD Wien): 01 313 30 (24/7)


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Marion Näser-Lather, Kulturwissenschaftlerin und Ethnologin an der Universität Innsbruck
  • Lisa-Marie Ulz, Gründerin der Tarot-Akademie
  • Julia (Name geändert)

Daten und Fakten

  • Unter dem Hashtag #witchtok findet man auf TikTok weltweit mittlerweile mehr als 9,3 Millionen Beiträge.
  • Wahrsagerei ist auf Etsy erlaubt, solange keine übernatürlichen Wirkungen versprochen werden und die Verkäufer:innenrichtlinien eingehalten werden. Lesungen (z. B. Tarot) müssen ein materielles Gut enthalten, das digital übermittelt wird, etwa Fotos, Audio/Video oder eine Textdatei.
  • Etsy verdient an jedem Verkauf mit: Verkäufer:innen zahlen erst 0,17 Euro Einstellgebühr, später 6,5 Prozent des Verkaufspreises.
  • Wicca ist eine moderne, naturverbundene, meist heidnische spirituelle Bewegung, die vor allem die Verehrung der Natur, das Feiern von Jahreskreisfesten und persönliche spirituelle Praxis betont. Sie entstand Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts.
  • Das Konsumentenschutzgesetz (KSchG) und das Verbrauchergewährleistungsgesetz (VGG) besagen: Wer entgeltliche Dienstleistungen anbietet (also auch Kartenlegen, Rituale usw.), unterliegt denselben verbraucherschutzrechtlichen Vorgaben wie andere Unternehmer:innen – etwa klare Angaben zu Leistung und Preis sowie gesetzliche Gewährleistungsregeln.
  • Im Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb (UWG) wird erklärt, dass irreführende Aussagen und aggressive Methoden, die besonders schutzbedürftige Personen (z. B. in Notlagen) ausnutzen, unzulässig sind und zu Unterlassungs- und Schadenersatzansprüchen führen können; das umfasst auch überzogene Heil‑ oder Erfolgsgarantien.

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