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Georg Renner hat analysiert, was hinter dem EU-Indien-Handelsabkommen steckt und welche wirtschaftlichen Chancen und politischen Schutzmechanismen es enthält.
Die gute Nachricht gleich einmalvorweg: Die heimischen (europäischen) Bananenbäuer:innen sind sicher. Der EU-Kommission war es sehr wichtig, das in ihrem Jubelposting festzuhalten:
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„The agreement will also protect Europe's sensitive sectors. The EU will (…) maintain its current tariffs on sensitive products such as beef, sugar, rice, chicken meat, milk powders, honey, bananas, soft wheat, garlic, and ethanol“.
(Das ist kein Scherz, übrigens, aber dazu mehr in einem ps-Bonustrack am Ende dieses Newsletters.)
Aber von vorne: Die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen hat sich Anfang der Woche mit der indischen Regierung unter Premier Narendra Modi auf ein Handelsabkommen geeinigt. Was die Kommission da vollmundig als die „größte Freihandelszone der Welt“ anpreist, ist eigentlich genau das Gegenteil: Ein ziemlich stark geregelter Markt – denn obwohl viele Zölle zwischen den beiden Blöcken wegfallen sollen, bleiben doch noch etliche Barrieren (wie Kontingente für bestimmte Güter) übrig.
Zuerst die nackten Zahlen: EU und Indien zusammen sind 2 Milliarden Menschen und rund ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung. Modi und von der Leyen haben das Abkommen „die Mutter aller Deals“ bezeichnet – ein bisschen Übertreibung schadet nie, besonders, wenn man nicht zuletzt auch jemandem einen Ozean weiter ausrichten will, dass es auch ohne ihn gute Geschäfte gibt.
Zollsenkung
Tatsächlich ist das, was da verhandelt wurde, weniger ein klassisches Freihandelsabkommen als eine kontrollierte Zollsenkung mit Sicherheitsnetzen. Die EU wird 90 Prozent der Zölle auf indische Produkte senken oder abschaffen. Im Gegenzug öffnet Indien – das seinen Markt bisher mit Zollmauern von bis zu 110 Prozent auf Autos abgeschirmt hat – schrittweise seine Grenzen für europäische Waren. Die EU rechnet mit Zolleinsparungen von vier Milliarden Euro pro Jahr für europäische Exporteur:innen – hier ein Factsheet der Kommission zu dem Thema.
Aber: Anders als beim Mercosur-Abkommen mit den südamerikanischen Staaten bleibt die europäische Landwirtschaft, die gegen Ersteres Sturm gelaufen ist, hier noch weitgehender geschützt. Kein billiges Rindfleisch, kein Zucker, kein Reis aus Indien auf dem europäischen Markt (und auch keine Bananen). Auch umgekehrt wird Indien seine Bauern nicht dem Wettbewerb mit europäischen Agrarprodukten aussetzen.
Bis zum Inkrafttreten wird es noch dauern: Fünf bis sechs Monate juristische Prüfung, dann Ratifizierung durch das Europäische Parlament und die Mitgliedsstaaten. Die indische Regierung hofft, dass das Abkommen „innerhalb eines Jahres” wirksam wird. Nachdem das EU-Parlament vergangene Woche das Mercosur-Abkommen in eine Ehrenrunde vor dem EuGH geschickt hat, ist das zwar nicht so sicher – aber vergleichbarer Widerstand hat sich, unter anderem mangels Bäuer:innenaufstandes, bisher noch nicht formiert.
Exporte nach Indien in den letzten zehn Jahre verdoppelt
In Österreich jubelt einstweilen die Wirtschaftskammer: WKO-Präsidentin Martha Schultz spricht von einem „Hoffnungsschimmer ” in einer Welt voller Handelskonflikte. Österreichs Wirtschaft hat Indien in den vergangenen Jahren ohnehin zunehmend für sich entdeckt: Die Exporte auf den Subkontinent haben sich in zehn Jahren mehr als verdoppelt, von etwa 590 Millionen auf 1,3 Milliarden Euro. In den ersten zehn Monaten 2025 sind sie noch einmal um 13 Prozent gewachsen.
Wir sehen hier, dass sowohl Österreichs Exporte nach Indien – die rote Linie oben – als auch die Güter, die Österreich aus Indien gekauft hat, in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen haben. Die untere Grafik – beide stammen aus dem Länderbriefing der Wirtschaftskammer – zeigt, dass die Schere in den vergangenen Jahren auseinandergegangen ist: Die Republik hat zuletzt deutlich mehr aus Indien ge- als dorthin verkauft.
Großes Potenzial
Nicht zuletzt deswegen sehen Expert:innen beim Handel noch viel Luft nach oben: Indien hat zuletzt gerade einmal 0,7 Prozent der österreichischen Exporte ausgemacht. Das Wifo schätzt aber, dass Indien „mittel- bis langfristig einer unserer drei wichtigsten Handelspartner neben den USA und China werden könnte“. Ein Markt mit 1,45 Milliarden Menschen, der jährlich um sechs bis sieben Prozent wächst – da ist viel Potenzial. Die Außenwirtschaft Austria beziffert das zusätzliche Exportpotenzial auf 1,1 Milliarden Euro.
Wer profitieren könnte: Vor allem der Maschinen- und Anlagenbau, Fahrzeugzulieferer, Chemie und Kunststoffe. Indien baut gerade massiv Infrastruktur aus – Flughäfen, Straßen, Eisenbahnen. „Alles, was im Bereich Infrastruktur im weitesten Sinne gemacht wird, da können wir natürlich auch partizipieren“, sagt Wifo-Ökonom Harald Oberhofer. Österreichische Unternehmen wie Andritz oder Voestalpine sind in Indien bereits gut positioniert. Rund 160 österreichische Niederlassungen gibt es dort, darunter 65 Produktionsbetriebe.
Die Reaktionen der Politik
Trotzdem stößt das Abkommen in der heimischen Politik auf unterschiedliche Reaktionen: Die FPÖ in Gestalt des EU-Abgeordneten Gerald Hauser warnt vor „Geheimverhandlungen“. Auch die Arbeiterkammer ist traditionell skeptisch bei Handelsabkommen, betont aber vor allem die Notwendigkeit eines Nachhaltigkeitskapitels – das im Abkommen aber bereits enthalten ist.
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Einfach Politik.
Innenpolitik-Journalist Georg Renner über Österreichs Politiklandschaft.
ÖVP und NEOS hingegen freuen sich offen: Bundeskanzler Christian Stocker spricht von einem „neuen Kapitel mit enorm viel Potential“, und Europa brauche neue Partner, befindet Neos-Chefin und Außenministerin Beate Meinl-Reisinger.
Ein Thema, das gerne in einen Topf mit Handelsabkommen geworfen wird, ist Einwanderung. Spoiler: Das Abkommen hat damit nichts zu tun. Es enthält keine Bestimmungen zu Arbeitskräftemobilität oder Migration. Die Einreisebestimmungen für indische Staatsbürger:innen bleiben, wie sie sind.
Zur Einordnung: In Österreich leben derzeit rund 13.600 Menschen mit indischer Staatsbürgerschaft. Rechnet man jene dazu, die in Indien geboren wurden, aber mittlerweile eingebürgert sind, kommt man auf knapp 20.000 Personen. Das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Kapfenberg.
Gemessen an den rund zwei Millionen Menschen in Österreich, die im Ausland geboren wurden, ist die indische Community vergleichsweise klein. Der befürchtete „Migrationsturbo” durch Handelsabkommen – wie er in manchen Debatten herbeifantasiert wird – hat mit der Realität wenig zu tun. Menschen wandern aus vielen Gründen ein, aber selten, weil die Zölle auf Maschinen gesunken sind.
Das EU-Indien-Abkommen ist kein Freihandelsabkommen im Reinformat, sondern ein pragmatischer Kompromiss. Beide Seiten öffnen ihre Märkte dort, wo es ihnen nützt, und schützen, was politisch heikel ist. Für die europäische Industrie ist es eine Chance – gerade in Zeiten, in denen die Beziehungen zu den USA unberechenbar und jene zu China angespannt sind.
Für Österreich heißt das: Ein Markt, der bisher mühsam zu erschließen war, wird ein Stück zugänglicher. Ob sich die Exportträume der Wirtschaftskammer erfüllen, wird sich zeigen. Aber das Potenzial ist da.
*PS: Ja, die Sache mit den Bananen stimmt wirklich. Ich hatte den Schutz der europäischen Bananenproduktion zu meiner Schande zunächst selbst für einen Scherz gehalten, mich aber von der EU-Agrarstatistik (unter dem schönen Titel „Bananas Statistics“) eines Besseren belehren lassen. Während der überwiegende Teil naturgemäß importiert wird, produzieren die EU-Staaten immerhin rund elf Prozent ihres jährlichen Bedarfs an Bananen selbst:
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Infos und Quellen
Genese
Innenpolitik-Journalist Georg Renner erklärt einmal in der Woche in seinem Newsletter die Zusammenhänge der österreichischen Politik. Gründlich, verständlich und bis ins Detail. Der Newsletter erscheint immer am Donnerstag, ihr könnt ihn hier abonnieren. Renner liebt Statistiken und Studien, parlamentarische Anfragebeantwortungen und Ministerratsvorträge, Gesetzes- und Verordnungstexte.
Quellen
- European Commission: Bananas statistics
- Arbeiterkammer: Abkommen zwischen EU und Indien
- WKO: Länderprofil Indien
- WKO: WKÖ-Schultz: EU-Indien-Abkommen ist große Chance für Österreichs Wirtschaft
- Europäisches Parlament: EU-Mercosur Abkommen: EuGH soll Vereinbarkeit mit EU-Verträgen prüfen
- European Commission: Factsheet - EU-India Free Trade Agreement: Main benefits
- X: Gabriel Felbermayr auf X
- European Commission: The EU-India trade agreement
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