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Was sich in Österreichs Badeseen versteckt

6 Min
In Badegewässern verbirgt sich häufig mehr als auf den ersten Blick ersichtlich.
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner. Bildquelle: Adobe Stock

Jedes Jahr gibt es Bestnoten für sie: Doch Österreichs Badeseen werden dabei nur auf zwei Bakterien geprüft. Wenn man genauer hinsieht, finden sich weitere Stoffe in den Gewässern, von denen einige schädlich für den Menschen sein können.


    • Österreichs Badegewässer werden nach EU-Vorgabe nur auf zwei Bakterienarten geprüft, Chemikalien spielen für die Bewertung keine Rolle.
    • In drei von acht genauer untersuchten Badeseen überschreiten PFAS die neue EU-Umweltqualitätsnorm, am höchsten im Neusiedler See.
    • Fachlich sind die beiden Bewertungen nicht vergleichbar: Die eine erfasst eine akute Gefahr, die andere eine Langzeitbelastung, die vor allem über Fische zum Problem wird.
    • 96 Prozent der 260 österreichischen Badestellen gelten als ausgezeichnet, nur eine fällt durch, der Pleschinger See bei Steyregg.
    • Für ein Sonderprogramm wurden 2023 acht Badeseen und 33 Flüsse auf Pestizide, Metalle und 29 PFAS untersucht, je See an einer einzigen Messstelle.
    • Die seit Mai geltende EU-Umweltqualitätsnorm fasst 25 PFAS zusammen, Österreich muss sie bis Ende 2027 in nationales Recht übernehmen.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Temperaturen von mehr als 40 Grad, Hochsommer – und der einzige Gedanke ist die Abkühlung im nächsten Gewässer. An die Wasserqualität denken dabei die wenigsten. Grund zur Sorge scheint es auch kaum zu geben: 96 Prozent der österreichischen Badegewässer bewertet die Europäische Umweltagentur als ausgezeichnet. Von 260 Badestellen fällt gerade mal eine einzige durch, und zwar der Pleschinger See bei Steyregg.

Diese Bewertung sagt allerdings wenig darüber aus, welche Verunreinigungen sich tatsächlich im Wasser befinden. Denn nach EU-Vorgaben wird auf lediglich zwei Bakterien geprüft: E. coli und intestinale Enterokokken, beides Indikatoren für Verunreinigung durch Fäkalien. Bleibt die Konzentration dieser Bakterien unter einem bestimmten Wert, gilt das Wasser als zum Baden geeignet. Andere Schadstoffe spielen in dieser Bewertung keine Rolle.

Chemische Belastungen

Anfang Juli hat das Recherchekollektiv Correctiv nun Daten zur Schadstoffbelastung der Badegewässer ausgewertet. Dafür wurden die offiziellen Badebewertungen mit einer zweiten Datenbank verglichen, in der die chemische Belastung der Gewässer erfasst ist. Das Ergebnis für Österreich: 119 der 260 Badestellen liegen an Gewässern, die als chemisch belastet gelten. Das rückt die Situation in ein anderes Licht. Eine Bewertung der Konzentrationen, die für eine Einschätzung der tatsächlichen Belastung entscheidend wären, gab es von Correctiv allerdings nicht.

Die genauen Konzentrationen der untersuchten Verunreinigungen in den Badegewässern sind jedenfalls bekannt. Denn Österreich gehört zu den wenigen Ländern Europas, die diese veröffentlichen. Das Umweltbundesamt und das Landwirtschaftsministerium legen dazu regelmäßig einen Bericht vor, zuletzt Anfang Juli für die Jahre 2022 bis 2024. Für ein Sonderprogramm wurden 2023 acht Badeseen und 33 Flüsse gezielt auf Pestizide, Metalle und per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) untersucht.

PFAS werden auch Ewigkeitschemikalien genannt, weil sie sich in der Umwelt kaum abbauen. Wegen ihrer wasser- und fettabweisenden Eigenschaften kamen sie jahrzehntelang unter anderem in Pfannenbeschichtungen, Outdoorjacken, Verpackungen und Feuerlöschschäumen zum Einsatz. Einzelne Vertreter der PFAS-Gruppe wie PFOS und PFOA sind in der EU seit 2010 beziehungsweise 2020 verboten, ein umfassendes Verbot für die gesamte Stoffgruppe wird derzeit noch geprüft. Mehrere dieser Stoffe stehen im Verdacht, unter anderem das Immunsystem zu schädigen, den Hormonhaushalt zu stören oder das Krebsrisiko zu erhöhen, wenn man ihnen über lange Zeit ausgesetzt ist.

Drei Seen fallen auf

Diesen Frühling ist eine neue EU-Umweltqualitätsnorm für Oberflächengewässer in Kraft getreten, in der ein neuer Grenzwert für 25 dieser PFAS zusammengefasst wurde. Die Mitgliedstaaten müssen sie bis Ende 2027 umsetzen, in österreichisches Recht wurde die Richtlinie bisher noch nicht übernommen.

Sieht man sich die Messwerte aus dem Wassergütebericht des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft (BMLUK) an, so überschreiten drei der acht untersuchten Badeseen diesen Grenzwert. Der Neusiedler See erreicht sogar das Fünffache dieses Werts und damit den höchsten Wert im gesamten Sonderprogramm. Ebenfalls darüber liegen der Wörthersee und die Alte Donau in Wien.

Für einen einzigen dieser Schadstoffe, PFOS, gilt bereits seit 2013 ein verbindlicher EU-Grenzwert. Auch diesen überschreiten zwei Seen: der Wörthersee und die Alte Donau. Weitere bedenkliche Stoffe wie Arzneimittelrückstände oder Pestizide ließen sich ebenfalls in mehreren Badeseen nachweisen.

Zwei unterschiedliche Parameter

Die Zahlen wirken auf den ersten Blick alarmierend. Regina Sommer relativiert allerdings. Sommer ist Professorin an der MedUni Wien und leitet dort am Institut für Hygiene und Angewandte Immunologie die Arbeitsgruppe Wasserhygiene, die sich unter anderem mit der Badegewässerqualität auseinandersetzt. „Eine toxikologische Beurteilung von chemischen Stoffen und eine Akutbelastung durch biologische Verschmutzungen sind zwei unterschiedliche Dinge“, sagt sie.

Der Unterschied liegt in zwei Dingen: darin, wie viel Kontakt es überhaupt braucht, und darin, wie rasch sich eine Wirkung zeigt. Bei bakteriellen Verschmutzungen genügt ein einziger Schluck Wasser oder der Kontakt über eine Wunde, und die Folgen treten schnell ein. „Ein Krankheitserreger wirkt so auf den Menschen, dass man innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen krank wird", sagt Sommer.

Bei chemischen Schadstoffen ist dies jedoch anders. Sie wirken nicht sofort, sondern über Jahre. Und damit sie überhaupt relevant werden, müsste die Belastung über das Badewasser um ein Vielfaches höher sein oder über einen weit längeren Zeitraum bestehen, als es beim Schwimmen im Sommer üblicherweise der Fall ist.

Fische und PFAS

Zu einem Problem werden Schadstoffe wie PFAS allerdings in einem anderen Kontext: Nach aktuellem Stand der Forschung sind sie in Badegewässern vielleicht nicht unmittelbar gefährlich, allerdings mitunter über Umwege – etwa über Fische. Denn falls ein Gewässer beispielsweise erhöhte PFAS-Werte hat, können diese Chemikalien in das Gewebe der Tiere gelangen.

Landen die Fische dann auf dem Teller, kann die erhöhte Belastung auch zum Problem für den Menschen werden. Die Sorge um die Wasserqualität hält Regina Sommer deshalb sehr wohl für berechtigt – davon gleich eine direkte Badegewässer-Einstufung abzuleiten allerdings weniger. Dafür müssen andere Risikobewertungen entwickelt werden.

Überarbeitung der Richtlinie

Die Europäische Kommission hat das Problem in ihrer ersten Evaluierung der Badegewässerrichtlinie im März 2025 selbst benannt: Die beiden Bakterienparameter zeigten das unmittelbare Risiko an, ließen aber längerfristige gesundheitliche Folgen einer Belastung durch andere Schadstoffe außer Acht, heißt es darin. Um dem Stand der Wissenschaft zu entsprechen, müssten weitere Parameter aufgenommen werden.

Empfohlen wurde außerdem, die Richtlinie stärker am One-Health-Ansatz auszurichten, der die Gesundheit von Menschen und Tieren sowie von Ökosystemen zusammen betrachtet. „Die Badegewässerrichtlinie wurde kürzlich einer Bewertung unterzogen, wobei bestimmte Einschränkungen festgestellt wurden. Es ist jedoch noch unklar, ob sie überarbeitet wird oder nicht“, sagt Natacha Carvalho, Expertin für nachhaltige Meeresnutzung bei der Europäischen Umweltagentur (EEA).

Vorerst bleibt bei der Bewertung der Badegewässerqualität also alles beim Alten. Für Sommer ist zum Schutz des Menschen vor allem das Management der Gewässer entscheidend. „Das Einzige, was man bei Oberflächen-Badegewässern wirklich machen kann, ist, sie möglichst reinzuhalten”, sagt sie. Dazu gehöre es auch, zu verhindern, dass sie zusätzlichen Belastungen ausgesetzt werden – etwa durch Düngemittel oder Mikroplastik.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen:

  • Regina Sommer, Leiterin der Arbeitsgruppe für Wasserhygiene an der MedUni Wien.
  • Natacha Carvalho, Expertin für nachhaltige Meeresnutzung bei der Europäischen Umweltagentur (EEA)

Daten und Fakten:

  • Die Konzentrationswerte stammen aus dem Sondermessprogramm „Neue Prioritäre Stoffe", dessen Ergebnisse im Wassergüte-Jahresbericht 2022 bis 2024 veröffentlicht wurden. Beprobt wurden im Jahr 2023 acht Seen- und 33 Fließgewässermessstellen, Seen vierteljährlich, Flüsse monatlich. Untersucht wurden unter anderem 29 PFAS, Pestizide, Arzneimittelrückstände und gelöstes Silber.
  • Je See existiert genau eine Messstelle, meist in der Seemitte oder an der tiefsten Stelle. An den Badestellen selbst wurden keine Schadstoffmessungen durchgeführt. Die genannten Werte gelten für den jeweiligen See, nicht für einzelne Strandbäder.
  • Nachgewiesen bedeutet „über der Nachweisgrenze", also einschließlich Spuren, die zu gering für eine genaue Bezifferung sind.

Quellen:

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