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In Österreich werden aktuell Kriminalfälle diskutiert, die ein internationales Phänomen erstmalig auf die hiesige mediale Bühne bringen: die „Rough Sex Defense“.
Das Jahr 2026 ist noch jung und schon wurden die ersten Tötungen von Frauen durch (Ex)-Partner öffentlich.
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In einem Fall soll die Frau durch Würgen erstickt sein. Der Tatverdächtige soll laut Medienberichten gestanden haben, die Frau gewürgt zu haben. Nach seinen Angaben hat es sich um einen Unfall gehandelt; die Tötung sei beim Sex passiert. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Rough Sex Defense
Unabhängig vom vorliegenden Fall: Die Verteidigungsstrategie der Behauptung, dass eine Frau beim Sex unbeabsichtigt getötet wurde, ist international schon länger bekannt. Das Phänomen nennt sich „rough sex defense“ oder „sex game gone wrong“ – eine Verteidigungsstrategie, die der Argumentation folgt, das Opfer habe dem Verhalten, das zu seinem Tod geführt hat (in vielen Fällen das Würgen beim Sex) zugestimmt, folglich sei die Tötung selbst ein weniger schlimmes Vergehen.
In Großbritannien, wo die Rough Sex Defense schon lange als Problem diskutiert wird und wo deshalb auch Zahlen zur Häufigkeit ihrer Anwendung erhoben werden, wurde die Strategie von 1972 bis 2022 in Verhandlungen von mindestens 60 Femiziden herangezogen, in sieben Morden an Männern und in 115 Fällen von Übergriffen, die nicht zu einer Tötung führten. In mindestens 20 dieser Fälle waren die Angeklagten bereits zuvor wegen schwerer Gewalt gegen Frauen verurteilt worden, darunter Mord, Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung, Entführung und Körperverletzung. Zahlen aus Großbritannien verweisen außerdem auf einen Anstieg der Anwendung der Rough Sex Defense vor Gericht: 1996 stützten sich zwei Fälle auf sie, 2016 waren es bereits 20. Laut der Organisation „We Can’t Consent To This“ war sie in den Jahren 2017 bis 2024 in sieben von 17 Fällen – also in etwa 41 Prozent der Fälle – erfolgreich: Die angeklagten Männer wurden entweder freigesprochen oder wegen Totschlags statt wegen Mordes verurteilt.
Gewalt ohne Zustimmung
In Folge wurde 2024 ein Grundsatzpapier veröffentlicht, in dem für England und Wales festgehalten wurde, dass die Rough Sex Defense rechtlich nicht akzeptabel ist. Das Papier betont, dass Personen juristisch nicht in der Lage sind, körperlichen Schäden, Körperverletzungen oder der eigenen Tötung zuzustimmen – auch dann nicht, wenn die Verletzungen oder die Praktiken, die zu den Verletzungen führen, der sexuellen Befriedigung dienen. Angeklagte können sich in Folge vor Gericht also auch nicht auf die Einwilligung des Opfers zur Zufügung von Gewalt berufen. Gewalt, die zu Verletzungen oder zum Tod führt, wird strafrechtlich verfolgt, unabhängig davon, ob das Opfer zum Verhalten tatsächlich oder vom Täter behauptet eingewilligt hat und unabhängig davon, ob der Angeklagte oder Täter es mit angeblich konsensualem Sexualverhalten oder „kink“ rechtfertigt.
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Ein weitreichendes Problem
Gewalt beim Sex hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten eine beispiellose Normalisierung erfahren. Expertinnen machen hierbei oft den weit verbreiteten Konsum von Gewaltpornografie verantwortlich , deren gewalttätige Inhalte von Konsumenten zunehmend nicht mehr als solche wahrgenommen werden, weil sich Gewalt so tief in gängige Vorstellungen von Sexualität eingeschrieben hat.
Wenn man das Thema im eigenen Umfeld anspricht, hört man in der Regel rasch zahlreiche Berichte von heterosexuellen Frauen (und schwulen Männern), in denen die Männer beim Sex plötzlich und ungefragt begannen, sie zu würgen, sie anzuspucken oder sie zu schlagen. (An der Stelle muss angemerkt werden, dass „Würgen“ auch mit Zustimmung lebensgefährlich ist.) Verlässliche Zahlen dazu, wie viele Frauen betroffen sind, gibt es nicht, schon gar nicht für den deutschsprachigen Raum. We Can’t Consent To This berichtet davon, dass 38 Prozent der Frauen im Vereinigten Königreich bereits die Erfahrung gemacht haben, im Rahmen von ansonsten einvernehmlichem Sex „geschlagen, gewürgt, geohrfeigt, gefesselt oder angespuckt“ worden zu sein. Und sie betonen, dass es sich hierbei um ein weltweites Problem handelt.
Auch Österreich ist nicht von den Gewalttendenzen, die zur Rough Sex Defense führen, ausgenommen, und auch hier kommt sie immer mehr als juristische Verteidigungsstrategie in der medialen Öffentlichkeit an. Es ist also dringend an der Zeit, sich des Themas anzunehmen.
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.
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Infos und Quellen
Zur Autorin
Beatrice Frasl war schon Feministin, bevor sie wusste, was eine Feministin ist. Das wiederum tut sie, seit sie 14 ist. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit feministischer Theorie und Praxis – zuerst aktivistisch, dann wissenschaftlich, dann journalistisch. Mit ihrem preisgekrönten Podcast „Große Töchter“ wurde sie in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes.
Im Herbst 2022 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Patriarchale Belastungsstörung. Geschlecht, Klasse und Psyche“ im Haymon Verlag. Als @fraufrasl ist sie auf Social Media unterwegs. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Frauenpolitik auf der einen und psychische Gesundheit auf der anderen Seite. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.
Quellen
Lancaster University: How the law enables the use of the so-called ‘rough sex defence’, despite R v Brown
gov.uk: Consent to serious harm for sexual gratification not a defence
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