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Die Urlaubssaison hat begonnen, doch bei vielen österreichischen Familien bleiben die Koffer im Keller. Die hohen Kosten machen den Traum vom Strandurlaub unerreichbar.
„Ich vermisse das Meer so sehr“, murmelt meine Freundin Laura vor sich hin, während sie mit zugekniffenen Augen zur Sonne hochblickt. Wir liegen im Sand eines Freibads und hören das Poolwasser plätschern, doch so richtiges Strandfeeling kommt bei uns nicht auf. Lauras Blick wirkt ernst, fast schon traurig, darum hake ich nach:
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„Fährst du dieses Jahr gar nicht weg?“
„Leider nein.“
„Kein Cash oder keine Zeit?“
„Kein Cash.“
Ich nicke nur mitfühlend. Die Antwort überrascht mich nicht. 2025 schwamm ich nämlich selbst das erste Mal seit knapp 19 Jahren wieder im Meer. Finanziell ging sich das einfach nicht früher aus. Darum verstehe ich sie, sowohl ihre Sehnsucht als auch den Frust.
Wenn man auf Social Media scrollt, wird schnell klar, dass meine Freundin Laura mit ihrem Fernweh nicht allein ist. Es kursieren Dutzende Videos, in denen sich Menschen darüber beklagen, keinen Sommerurlaub machen zu können. Wie bei Laura sind finanzielle Hürden für viele der Grund, nicht zu verreisen. Laut der Statistik Austria war es 2025 für ganze 17,8 Prozent der Bevölkerung in Österreich nicht möglich einmal im Jahr einen Urlaub zu unternehmen. Das Momentum Institut berichtet auch davon, dass vor allem Alleinerziehende und Haushalte mit Kindern es letztes Jahr schwer hatten zu verreisen.
Laura gehört dieses Jahr auch zu dieser Gruppe. 2021 sind sie und ihr Ehemann zuletzt in den Urlaub geflogen; nach Griechenland, mit Sonne, Strand und Meer. Genau nach dieser Auszeit sehnt sie sich heuer besonders. „Ich habe eh nachgeschaut, ob es gute Angebote gibt.“ Doch das Ergebnis ihrer Suche war ernüchternd. Mittlerweile sind sie nämlich nicht mehr nur zu zweit, sondern haben auch eine Tochter. „Eine Woche in der Türkei würde zum Beispiel für meinen Mann, unsere Tochter und mich fast 4.000 Euro kosten.“ Ein Preis, der dieses Jahr schlicht nicht in ihr Budget passt. Damit fällt für Laura nicht nur der Urlaub aus, sondern auch die ersehnte Erholung. „Vielleicht nächstes Jahr“, sagt sie.
Der Traum vom All-inclusive-Urlaub
Auf einen Aufruf der WZ nach weiteren Personen, die sich dieses Jahr keinen Urlaub leisten können, meldete sich Tanja. Sie und ihre Familie bleiben heuer auch daheim. „Wir waren eigentlich fest davon überzeugt, dass sich dieses Jahr mindestens eine Woche Urlaub ausgehen wird, aber im Frühjahr haben wir dann gecheckt, dass es das nicht spielt“, erklärt sie. Ihre laufenden Kosten sind einfach zu hoch.
Der letzte Urlaub liegt auch bei ihnen bereits einige Jahre zurück: 2022 waren sie zuletzt verreist. Danach folgten eine Schwangerschaft sowie eine kurze Phase der Arbeitslosigkeit. Nur mit dem Karenzgeld war es ihnen schlicht nicht möglich, die zusätzlichen Kosten für einen Urlaub zu stemmen. Davor ging es Tanjas Familie finanziell sehr gut, doch die veränderten Umstände brachten Einbußen mit sich. „Ich bin gar nicht so enttäuscht. Vielleicht, weil wir die letzten Jahre auch schon nicht weg waren“, so Tanja. Trotzdem träumt auch sie von einem All-inclusive-Strandurlaub: von einer Auszeit, in der sie sich einmal keine Gedanken darüber machen muss, was die Familie heute isst, wann die Wäsche gewaschen werden muss oder wann alle ins Bett gehen. „Einfach mal dem Alltag entfliehen“, erklärt Tanja.
Laura und Tanja berichten aus ihren persönlichen Perspektiven. Doch ihre Erfahrungen werfen eine Frage auf, die ich von einer Expertin einordnen lassen möchte: Muss man für Erholung wirklich verreisen?
Die klinische Psychologin Adele Veronika Cafuta sieht das differenziert. Erholung hänge von verschiedenen Faktoren ab, dazu zählen „zum Beispiel die mentale Distanz zu Arbeitsanforderungen, Entspannung, Schlaf oder auch Selbstbestimmung“. Im Urlaub falle es vielen leichter, diese Distanz aufzubauen, weil sie aus ihren gewohnten Routinen herauskommen. Zu Hause können schon kleine Dinge wie der Blick auf den Homeoffice-Platz an die Arbeit erinnern. „Aber dann braucht man einfach andere Strategien. Wegfahren an sich muss nicht sein, um Erholung zu finden“, so Cafuta.
Entscheidend sei, bewusst Abstand zur Arbeit zu schaffen, etwa indem man den Homeoffice-Platz an freien Tagen wegräumt und das Arbeitshandy abschaltet. Auch kurze Ausflüge in einen Park oder an einen See können schon erholsam wirken. „Man sollte seine freie Zeit nicht nur verstreichen lassen, sondern bewusst Dinge tun, die einem Spaß machen“, so die klinische Psychologin.
Für mich ist Urlaub mittlerweile einfach Familienzeit.Tanja
Das hat auch Tanja verinnerlicht: „Für mich ist Urlaub mittlerweile einfach Familienzeit. Mein Mann, meine Tochter und ich. Selbst wenn es nur ein Picknick an der Donau ist.“ Wenn sie in Wien sind, gestalten Tanja und ihre Familie den Sommer mit vielen Ausflügen. Sie verbringen die heißen Sommertage hauptsächlich an der frischen Luft, sei es im Schwimmbad, am Spielplatz oder beim Eisgeschäft in ihrem Grätzl. Ein kleiner Bonus: Einige von Tanjas Geschwistern wohnen außerhalb von Wien oder haben einen Garten, auch dort verbringt die Familie gerne Zeit. Hauptsache, es ist familiär und kinderfreundlich. „Das alles ist für mich Erholung“, erzählt Tanja.
Schuldgefühle gegenüber den Kindern
Im Gegensatz dazu nimmt meine Freundin Laura die Situation stärker mit. Vor allem, wenn sie die Urlaubsfotos anderer auf Instagram sieht, wächst ihr Fernweh. Als sie jünger war, verreiste sie jeden Sommer; damals musste sie allerdings auch nur für ihre eigenen Kosten aufkommen. Doch noch stärker als ihre eigenen unerfüllten Bedürfnisse belasten sie die Schuldgefühle gegenüber ihrer Tochter. Mit ihr waren Laura und ihr Mann bisher noch nie am Meer. Laura hat das Gefühl, dass ihrer Tochter dadurch kostbare Erlebnisse und Erinnerungen entgehen. Für Cafuta ist dieser Druck allerdings nicht notwendig: „Für Kinder ist es oft so, dass sie die gemeinsame Zeit mit den Eltern schätzen, da reichen besondere Aktivitäten aus, auch wenn es mal nur ein neuer Spielplatz ist.“ Kinder würden bis zu einem gewissen Alter noch nicht wirklich verstehen, was „teuer“ oder „günstig“ bedeutet.
Auch Tanja ist Mutter, Schuldgefühle plagen sie bislang jedoch nicht. „Meine Tochter ist erst drei Jahre alt. Ihr teuerstes Sommerhobby ist momentan ihre Vorliebe für Erdbeeren.“ Noch sind die Wünsche ihrer Tochter für sie finanziell gut zu erfüllen: Spielplatz- und Schwimmbadbesuche sowie ein Eis zwischendurch reichen aus, um ihr eine Freude zu machen. Wie sich das in Zukunft verändern wird, wenn ihre Tochter älter ist, kann Tanja jedoch nicht abschätzen: „Ich weiß nicht, wie es sein wird, wenn sie dann irgendwann mit Freund:innen wegfahren oder in irgendein Camp möchte.“
Von der unbegründeten Scham
Sich keinen Urlaub leisten zu können, sei für viele ein sensibles und oft schambehaftetes Thema. „Wenn man zum Beispiel auf Social Media sieht, wie andere am Strand sind, kann es zu einem sozialen Vergleich kommen. Die anderen wirken erfolgreicher, zufriedener und entspannter“, erklärt Cafuta. Das könne Gedanken wie „Warum ist das für mich nicht möglich?“ auslösen. Außerdem beschränkten sich finanzielle Sorgen nicht nur in der Urlaubszeit. Wer dauerhaft unter finanziellem Druck steht und dann auch noch mit solchen Gedanken konfrontiert ist, könne langfristig auch ein geringeres Selbstwertgefühl entwickeln.
„Wir sind guter Dinge, dass es für uns nächstes Jahr machbar sein wird, auch wegzufahren“, erzählt Tanja. Sie möchte sich nicht dafür schämen, dass ein Urlaub derzeit nicht drin ist. Schließlich sei die angespannte wirtschaftliche Lage für viele Menschen spürbar, ob bei Miete, Strom, Lebensmitteln oder den Spritkosten. Auch ihre Familie müsse ihren Lebensstandard anpassen. „Man spürt es, man merkt es, aber man kann es halt auch nicht ändern. Und ganz ehrlich: Ja, natürlich ist Urlaub Luxus, aber heutzutage ist allein das Überleben schon Luxus“, so Tanja.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Adele Veronika Cafuta, klinische Psychologin
- Laura (Name von der Redaktion geändert)
- Tanja (Name von der Redaktion geändert)
Daten und Fakten
- Als erheblich materiell und sozial benachteiligt gelten Personen, die sich nach eigener Einschätzung wesentliche, von der EU festgelegte Güter und Aktivitäten des täglichen Lebens nicht leisten können (absolutes Armutsmaß). Dazu zählen unter anderem die Möglichkeit, unerwartete Ausgaben von 1570 Euro zu bewältigen, einmal jährlich Urlaub zu machen oder die Wohnung ausreichend zu beheizen. Im Jahr 2025 konnten sich beispielsweise laut der Statistik Austria 17,8 Prozent der Bevölkerung aus finanziellen Gründen keinen Urlaub leisten.
- Auch beim Einkommen zeigten sich große Unterschiede. Von den Haushalten mit niedrigem Einkommen (weniger als 21.928 Euro Nettoeinkommen pro Jahr) konnten sich 38 Prozent keine einwöchige Urlaubsreise leisten. Bei Haushalten mit mittlerem Einkommen (21.928 bis 65.783 Euro Nettoeinkommen pro Jahr) waren es 15 Prozent. Von den Haushalten mit hohem Einkommen (65.783 Euro oder mehr Nettoeinkommen pro Jahr) betraf es hingegen nur 2 Prozent.
Quellen
- Momentum Institut: Knapp jeder fünfte Haushalt kann sich keinen Urlaub leisten
- Momentum Institut: Urlaub ist für etliche Menschen mit niedrigen Einkommen unleistbar
- Statistik Austria: 18,8 % der Bevölkerung waren 2025 armuts- oder ausgrenzungsgefährdet
Das Thema in anderen Medien
- ooe.orf.at: Urlaub schon wieder teurer
- Tiroler Tageszeitung: Balkonien statt Fernreisen: Krisen bremsen die Reiselust der Österreicher
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