Warum leistbarer Wohnraum eine Grundvoraussetzung im Kampf gegen häusliche Gewalt darstellt.
Die Inflationsrate in Österreich ist auch im Sommer 2025 mit 3,6 Prozent weit über dem EU-Schnitt. Bei lebensnotwendigen Ausgabenposten wie Lebensmitteln oder Wohnen stiegen die Preise im Vergleich zum Vorjahr sogar um mehr als 5 Prozent. Für Miet- und Energiekosten müssen Menschen in Österreich um 5,8 Prozent mehr bezahlen als im ohnehin schon inflationsbedingt hochpreisigen Vorjahr. Höhere Preise, insbesondere höhere Mieten, sind allerdings kein geschlechtsneutrales Problem.
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Hohe Mietpreise: ein Problem existentiellen Ausmaßes
Zwei Menschen in meinem nahen Umfeld sind derzeit in Wien auf Wohnungssuche. Ich bekomme also gerade aus nächster Nähe mit, wie schwierig es geworden ist, in der Hauptstadt halbwegs leistbaren Wohnraum zu finden. Tatsächlich ist es so gut wie unmöglich, denn die Wohnkosten steigen seit Jahren so dramatisch, dass für viele die monatliche Miete den Großteil ihres Einkommens auffrisst.
Dass all das vor allem Frauen trifft, ist kein Geheimnis: Sie bekommen für die gleiche Arbeitsleistung immer noch weniger Geld als Männer, erwerbsarbeiten viel öfter in Teilzeit als Männer (da sie gesellschaftlich immer noch den Großteil der unbezahlten Arbeit erledigen), erhalten wesentlich weniger Pension als Männer und sind öfter von Armut betroffen als Männer. Steigende Preise sind für alle ein Problem – für die, die am wenigsten haben (und das sind meist Frauen), sind sie aber mitunter ein Problem existentiellen Ausmaßes. Jene, die sich ohnehin schon keinen Urlaub und keine Restaurantbesuche leisten könnten, können nicht als Sparmaßnahme Urlaub und Restaurantbesuche weglassen.
Leistbare Mieten sind Gewaltschutz
Existentiell ist das Problem aber nicht nur, weil das Geld für viele nicht einmal für das Notwendigste reicht, geschweige denn für ein gutes Leben, es ist auch deshalb existentiell, weil Armut Frauen in Abhängigkeiten bringt, denen sie ohne Kapital auch nicht wieder entfliehen können. Abhängigkeiten, die für Frauen mitunter lebensbedrohlich sein können, wenn sie zu gewalttätigen männlichen Partnern entstehen. Und gewalttätige männliche Partner, das verrät jeder Blick auf die Statistik zu häuslicher Gewalt, sind leider keine Seltenheit.
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Wenn kein leistbarer Wohnraum zur Verfügung steht, bedeutet das in der Praxis nichts anderes, als dass Frauen in gemeinsamen Wohnungen und Häusern bei gewalttätigen Männern bleiben müssen, weil ein Auszug und eine eigene Wohnung ein unleistbarer Wunschtraum sind. Noch ein ganzes Stück schwieriger ist es, wenn auch noch Kinder mit ausziehen müssen, die ebenso Raum in dieser eigenen Wohnung benötigen. Wenn kein leistbarer Wohnraum zur Verfügung steht, bedeutet Flucht vor Gewalt für Frauen außerdem nicht selten Obdachlosigkeit. Laut Studien sind 50-60 Prozent aller wohnungslosen Frauen deshalb obdachlos, weil sie vor gewalttätigen Partnern flüchten mussten – und dann keine leistbare Bleibe fanden. Studien aus den USA, auch solche zur Finanzkrise 2008 , zeigen uns: in Zeiten wirtschaftlichen Abschwungs sinken die Scheidungsraten. Das klingt für Romantiker:innen auf den ersten Blick vielleicht nach einer positiven Entwicklung, ist es aber nicht, oder zumindest nicht nur, denn es bedeutet, dass Menschen aufgrund der Unleistbarkeit eines eigenständigen Lebens in gemeinsamen Haushalten mit Partnern bleiben und in Ehen, in denen sie eigentlich unglücklich sind. Im schlimmsten Fall bedeutet es, dass sie in Ehen bleiben, die für sie gefährlich sind.
Das ist ein Aspekt, der in der öffentlichen Debatte um Inflation, Teuerung und mögliche Gegenmaßnahmen bislang gänzlich fehlt: Leistbarer Wohnraum ist eine Grundvoraussetzung für gewaltfreies Leben. Leistbare Mieten sind Gewaltschutz.
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.
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Infos und Quellen
Zur Autorin
Beatrice Frasl war schon Feministin, bevor sie wusste, was eine Feministin ist. Das wiederum tut sie, seit sie 14 ist. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit feministischer Theorie und Praxis – zuerst aktivistisch, dann wissenschaftlich, dann journalistisch. Mit ihrem preisgekrönten Podcast „Große Töchter“ wurde sie in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes.
Im Herbst 2022 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Patriarchale Belastungsstörung. Geschlecht, Klasse und Psyche“ im Haymon Verlag. Als @fraufrasl ist sie auf Social Media unterwegs. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Frauenpolitik auf der einen und psychische Gesundheit auf der anderen Seite. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.
Quellen
- BMC: Women escaping domestic violence to achieve safe housing: an integrative review
- eviction.eu: Pathway to Homelessness: Analysing the Relationship between Domestic Violence and Housing Rights
- Gleichstellungsmonitor: Indikator I6 Wohnkostenindex
- Startribune: Study: Divorce rate fell fast when recession hit
- Terpconnect: Recession and Divorce in the United States, 2008–2011
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