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Wenn im Mordprozess der Täter das Opfer verdrängt

6 Min
Acht Jahre nach dem Mord an Jennifer Scharinger wurde ihr Ex-Freund am Wiener Straflandesgericht zu lebenslanger Haft verurteilt.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Acht Jahre lang galt Jennifer Scharinger als vermisst, ehe ihr Ex-Freund gestand, die 21-Jährige getötet zu haben. Nun wurde er am Wiener Straflandesgericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Am Ende bleibt die Frage: Wie viel Raum bekam Jenni selbst?


    • Jennifer Scharinger wurde 2018 von ihrem Ex-Freund ermordet, der erst 2025 gestand und die Leiche preisgab.
    • Im Prozess stand der Täter im Mittelpunkt, während Jennifers Perspektive und Umfeld kaum berücksichtigt wurden.
    • Die Mutter Brigitta Scharinger trieb die Aufklärung maßgeblich voran.
    • Mord an Jennifer Scharinger am 22. Jänner 2018 in Wien Brigittenau
    • Urteil: lebenslange Haft, Unterbringung im forensisch-therapeutischen Zentrum
    • Opfer war 21 Jahre alt
    • Fast acht Jahre galt Jennifer als vermisst, Geständnis im Dezember 2025
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Dieser Artikel behandelt geschlechtsspezifische tödliche Gewalt, darunter Beschreibungen von Femiziden. Der Inhalt kann emotional belastend oder retraumatisierend wirken. Bitte lies nur weiter, wenn du dich sicher fühlst. Hinweise auf Unterstützungsangebote findest du am Ende des Textes.

„21 Jahre war die Jenni erst alt, als der Angeklagte beschlossen hat, ihr das Leben zu nehmen. Weil er sie nicht haben kann, soll sie keiner haben. Ein Femizid, nennen wir es beim Namen“, fasst die Staatsanwältin in ihrem Schlussplädoyer im Saal 103 des Wiener Straflandesgerichtes zusammen.

„Das Zuhause sollte genau der Ort sein, wo man sicher ist. Für Jenni und viele andere Frauen war es aber nicht so. Wir brauchen hier eine Strafe, die ein deutliches Signal an die Gesellschaft sendet“, unterstreicht sie.

Das nicht rechtskräftige Urteil kommt wenige Stunden später: lebenslang für den Mord an Jennifer Scharinger. Der Beschuldigte soll in einem forensisch-therapeutischen Zentrum untergebracht werden, da ihm eine kombinierte Persönlichkeitsstörung bescheinigt wurde.

Jenni stand mitten im Leben

Jenni, wie sie alle nannten, war eine lebenslustige, kluge und ehrgeizige junge Frau mit einem großen Freundeskreis. Sie war erfolgreich in ihrem Jus-Studium, arbeitete nebenbei in der Sozialversicherungsanstalt und war sozial engagiert. Sie hatte noch viele Pläne.

Er konnte nicht akzeptieren, dass sie selbst über ihr Leben entscheidet.
Die Staatsanwältin zu Prozessbeginn

Doch am 22. Jänner 2018 beendete der heute 33-Jährige ihr Leben in ihrer Wohnung in Wien Brigittenau: Er packte sie während eines Streits von hinten und würgte sie, bis sie leblos am Boden lag. Zuvor hatte Jennifer mit ihm Schluss gemacht. Nach der Tat entkleidete er die Tote und legte sie in eine Kiste. „Er hat sie eiskalt erwürgt. Er konnte die Vorstellung nicht akzeptieren, dass sie selbst entscheidet, wie und mit wem sie ihr Leben lebt“, so die Staatsanwältin.

Der geständige Angeklagte schildert der vorsitzenden Richterin Petra Poschalko nüchtern den Tatvorgang. „Das ist doch extrem grausam“, wirft diese ein, einer Person, mit der man in einer Beziehung stand, so etwas anzutun. Er beginnt zu weinen. „Es tut mir irrsinnig leid für die Familie, und dass ich sie so lange angelogen habe, weil ich nicht in der Lage war, Verantwortung zu tragen. Ich hoffe, dass mir geholfen wird.“ Die Antwort der Richterin: „Dem Opfer ist nicht mehr zu helfen, das ist das Traurige.“

Verteidigerin Astrid Wagner betont, ihr Mandant sei „kein eiskalter Killer“, die Gefühle seien „mit ihm durchgegangen“. Und: „Er ist erleichtert, dass es aufgedeckt wurde“, so die Anwältin.

Acht Jahre lang vermisst

Nach der Tat im Jänner 2018 schaffte der gelernte Gärtner die Leiche aus der Wohnung und legte sie zunächst in einem Gestrüpp im Bereich von Großweikersdorf (Bezirk Tulln) ab. Er war nach dem Mord dort in der Nähe unterwegs, das ergaben damals die Standortdaten seines Telefons. Diese hatte er in besagter Nacht aber für 47 Minuten deaktiviert. Die Polizei durchkämmte Waldgebiete in der Umgebung mit Spürhunden, führte Grabungen durch und setzte Taucher im Stausee Ottenstein ein – jedoch ohne Erfolg.

Im März desselben Jahres soll der Angeklagte die sterblichen Überreste dann zum endgültigen Ablageort im militärischen Sperrgebiet beim Truppenübungsplatz Allentsteig (Bezirk Zwettl) gebracht haben. Er stritt damals jegliche Beteiligung an einem Verbrechen ab, im Frühjahr 2019 wurden die Ermittlungen gegen ihn eingestellt – auch wenn er laut Ermittlern immer der Hauptverdächtige gewesen sei. Doch die Indizien reichten nicht aus.

Fast acht Jahre lang galt die junge Frau als vermisst. Im Dezember 2025 kam es jedoch zu einer Wende: Jennifers Ex-Freund legte ein Geständnis ab und führte die Polizei zu ihren Gebeinen. Denn er war zunehmend „unter Druck“ geraten, wie er auch vor Gericht schilderte. Jennifers Mutter, Brigitta Scharinger, spielte dabei eine tragende Rolle.

Protestaktion mit Plakaten für Gerechtigkeit gegen Femizid, Banner mit "Gerechtigkeit für Jenni" und Infotisch auf der Straße.
Frauenorganisationen machten vor dem Straflandesgericht auf Femizide und Gewalt gegen Frauen aufmerksam.
© WZ/Chiara Swaton

Die Mutter, die nicht aufgab

Über die Jahre hatte sie nie aufgehört, die Wälder mit Schaufel und Spaten nach dem Leichnam ihrer Tochter zu durchforsten. Sie organisierte selbstfinanzierte Grabungen, ermittelte auf eigene Faust und sorgte dafür, dass Jennifer niemals vergessen wird. Und sie war davon überzeugt, dass der Ex-Freund ihrer Tochter für ihr Verschwinden verantwortlich war.

Und dieser tappte letztendlich auch in ihre Falle: Denn ein Bekannter von Brigitta Scharinger legte ein Fake-Profil auf einer Datingplattform an und begann, mit dem Tatverdächtigen zu chatten. Daraufhin schilderte dieser in einer Sprachnachricht im März 2025 detailliert, wie er eine Leiche beseitigen würde, ohne verdächtige Spuren zu hinterlassen – der „perfekte Mord“ eben. (Die Aufnahme wurde im Prozess vorgespielt.)

Das führte zu neuen Ermittlungen, auch die Ex-Partnerinnen des Mannes wurden erneut einvernommen. Diese zeichneten stets dasselbe gewalttätige Bild des Angeklagten. Wenige Tage vor seinem Geständnis sprach die Polizei ein Betretungsverbot gegen ihn aus, weil er seine damalige Freundin attackiert hatte.

Wir haben vergessen, um wen es hier wirklich geht.
Andreas Schweitzer, Rechtsvertreter von Jennifers Mutter

Zurück im Gerichtssaal. Andreas Schweitzer, Rechtsvertreter von Jennifers Mutter, kritisiert in seinem Schlusswort den Verlauf der Verhandlung. Viel zu wenig sei auf Jenni eingegangen worden. „Ist Ihnen aufgefallen, dass immer nur vom Angeklagten gesprochen wurde, immer er im Mittelpunkt gestanden ist? Wir haben vergessen, um wen es hier wirklich geht.“

Keine Zeug:innen aus Jennifers persönlichem Umfeld

Dass im Prozess keine Menschen aus Jennifers persönlichem Umfeld als Zeug:innen zu Wort kamen, bedauert auch Rosa Logar, Frauenrechtsaktivistin und Vorstandsvorsitzende von WILPF Austria – Frauenliga für Frieden und Freiheit: „Da hat etwas gefehlt. Das ist symptomatisch dafür, dass die Opferseite in diesen Prozessen oft zu kurz kommt.“

Gemeinsam mit anderen feministischen Organisationen hat sie eine Mahnwache im Ostarrichipark gegenüber vom Straflandesgericht organisiert. Die WZ trifft sie dort nach der Urteilsverkündung.

Jennifers Mutter und Schwester spricht das Gericht 20.000 Euro beziehungsweise 15.000 Euro Trauerschmerzengeld zu. Bezüglich darüberhinausgehender Ansprüche werden sie auf den Zivilrechtsweg verwiesen. Das kritisiert Logar: „Wir verlangen, dass im Strafverfahren die Feststellung der Ansprüche der Angehörigen gleich mitgenommen wird. Das erspart den Gang zu einem weiteren Gericht, den viele oft nicht gehen, weil sie es nicht mehr durchstehen.“


Hilfe und Beratungsstellen

Wenn du selbst von sexualisierter Gewalt betroffen bist oder jemanden unterstützen möchtest, findest du hier Hilfe:

  • Der Helpchat, Online-Beratungsstelle für Frauen und Mädchen: online hier
  • Frauen- und Mädchenberatungsstellen: Tel.: 01 595 37 60, online hier
  • Frauenhelpline gegen Gewalt: Tel.: 0800 222 555, online hier
  • Gewaltschutzzentren Österreichs: Tel.: 0800 700 217, online hier
  • Männerberatung: Tel.: 0800 400 777, online hier
  • Rat auf Draht: Tel.: 147, online hier
  • StoP, Stadtteile ohne Partnergewalt: online hier
  • Tamar, Frauen- und Familienberatungsstelle: Tel.: 01/334 04 37, online hier
  • Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser: online hier
  • Weißer Ring, Verbrechensopferhilfe: Tel.: 0800 112 112, online hier

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Infos und Quellen

Gesprächspartnerin

  • Rosa Logar, Frauenrechtsaktivistin und Vorstandsvorsitzende von WILPF Austria – Frauenliga für Frieden und Freiheit

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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