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Wenn Internetsucht einen Pensionisten trifft

6 Min
Internetsucht betrifft nicht nur junge Menschen. Ein Betroffener erzählt.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser.

Otto ist 70, pensioniert und wissbegierig. Nachts verliert er sich stundenlang auf YouTube und Wikipedia. Tagsüber holen ihn Müdigkeit, Unruhe und Schuldgefühle ein. Auch ältere Menschen können in digitale Abhängigkeit geraten.


Es ist zwei Uhr nachts. Otto (Anm.: Name von der Redaktion geändert) liegt im Bett und hält sein Smartphone in der Hand. “Nur noch ein Video!” YouTube schlägt ihm ein weiteres vor und er klickt darauf. Stunden vergehen. Schlaf kommt keiner. Otto ist 70 Jahre alt und seit seiner Pensionierung vor fünf Jahren süchtig nach dem Internet.

Digitale Abhängigkeit ist eine Sucht der Jugend, möchte man meinen mit Social Media, Gaming und endlosem Scrollen. Das Bild vom rüstigen Rentner mit dem Handy passt kaum dazu. Otto widerlegt das Klischee. Seine Sucht begann nicht in der Jugend, sondern im Ruhestand. Mit dem Ausbruch einer schweren psychischen Erkrankung seines erwachsenen Sohnes flüchtete er immer häufiger hinter den Bildschirm, um den im Kopf umherschwirrenden Sorgen und Gedanken zu entkommen.

Die WZ trifft ihn im Café Jelinek in Wien. Otto kommt vorbereitet: Mehrere Bücher liegen vor ihm auf dem Tisch, zwischen ihren Seiten stecken lauter bunte Post-its. Er wirkt freundlich und aufmerksam. „Ich habe immer gern mein Labor mit“, sagt er und lächelt. Wissen bedeutet ihm Sicherheit, Struktur und Halt. Genau dieses Bedürfnis zieht ihn zum Bildschirm hin.

„Konnte nicht mehr aufhören“

Otto wuchs in Norddeutschland auf und lebt heute mit seiner Frau in Wien. Jahrzehntelang arbeitete er in der EDV, zuletzt in einem Krankenhaus. Technik begleitete ihn sein gesamtes Berufsleben lang. Vor fünf Jahren ging er in Pension. Mit dem Ende der Arbeitstätigkeit verschwand der äußere Rahmen seines Alltags. „Plötzlich war sehr viel Zeit da“, sagt Otto. Das Handy war immer griffbereit.

Besonders abends verlor er die Kontrolle. Er nahm das Smartphone mit ins Bett, öffnete YouTube oder Wikipedia und tauchte ein. „Ich habe mir gedacht: Nur noch kurz. Dann konnte ich nicht mehr aufhören“, erzählt er. Die Nächte wurden länger, der Schlaf kürzer. In extremen Phasen blieb er bis in den Vormittag hinein wach. „Mein Wille war nicht stark genug, um das umzusetzen, was ich mir vorgenommen hatte.“

Seine Inhalte unterscheiden sich deutlich von klassischen Social-Media-Feeds. Otto scrollt nicht durch Selfies oder Tanzvideos. Ihn fesseln Vorträge von Klimawissenschaftler:innen, politische Analysen und Umweltdebatten. „YouTube schlägt einem nach einem Video fünf weitere vor. Genau dort liegt das Problem“, sagt er. Besonders der Klimawandel beschäftigt ihn. „Ich wollte alles verstehen.“

Technikaffine und Alleinstehende

Die ständige Konfrontation mit globalen Krisen verstärkte seine innere Unruhe. „Ein Teil von mir hatte Angst“, sagt Otto. Gleichzeitig bot der Bildschirm einen Rückzugsraum. In dieser Zeit spitzte sich die psychische Erkrankung seines erwachsenen Sohnes zu. „Ich vermute, ein Grund für meine Sucht liegt im Ausweichen vor Herausforderungen“, sagt Otto offen. Seine Frau sprach ihn wiederholt auf sein Verhalten an. „Du bist zu viel am Handy“, sagte sie. Besonders beim Essen oder bei der Betreuung der Enkelin fiel ihm das selbst zunehmend auf. „Das war unsozial, unfreundlich und ein schlechtes Vorbild für die Kleine“, sagt er heute.

Laut Oliver Scheibenbogen, Leiter des Bereichs klinische Psychologie am Anton-Proksch-Institut, zeigen viele betroffene Senior:innen eine ähnliche Kombination: Technikbegeisterung trifft auf Einsamkeit oder fehlende Tagesstruktur. Otto passt genau in dieses Muster. Er bringt digitale Kompetenz, Neugier und einen hohen Informationsdrang mit und verlor mit der Pensionierung zugleich seinen Halt im Alltag.

Der Wendepunkt kam, als Otto Anfang des Jahres 2023 Hilfe suchte. Er wandte sich zunächst an seinen Hausarzt und beschrieb seine Symptome, etwa die verlorene Kontrolle über die Nutzungsdauer, die gedankliche Fixierung auf Nachrichten oder Online-Aktivitäten diverser Influencer:innen, Unruhe und Müdigkeit. „In manchen Zeiten war ich von 1 Uhr nachts bis 11 Uhr am Vormittag am Handy“, erzählt der gebürtige Norddeutsche.

Gruppentherapie

Der Hausarzt empfahl ihm das Anton-Proksch-Institut, die bekannte Suchtklinik in Kalksburg (Wien-Liesing). Otto meldete sich daraufhin bei einer ambulanten Gruppe für Online- und Internetsucht an. „Ich habe dort angerufen und einfach gesagt: Ich habe ein Problem“, erzählt er. Die Aufnahme löste widersprüchliche Gefühle bei ihm aus. „Einerseits Erleichterung, andererseits der Gedanke: Jetzt ist es offiziell, ich bin also süchtig.“

In der Gruppe sitzt Otto meist unter deutlich jüngeren Männern, bis zu 15 Teilnehmer sind es pro Sitzung. Einige kämpfen mit Gaming- oder Social-Media-Sucht, andere mit Spiel- oder Alkoholabhängigkeit. Erschöpft Kraft aus diesen Begegnungen. „Einer hat erzählt, er steht früh auf, macht Sport und geht viel in die Natur. Das hat mich inspiriert.“

In der Suchtgruppe gibt es sogenannte Challenges, die dazu anregen, das eigene Verhalten bewusst zu reflektieren und zu verändern. So besteht eine dieser Herausforderungen beispielsweise darin, an einem festgelegten Tag das Handy komplett beiseitezulegen. Alternativ erlaubt man sich nur zwei YouTube-Videos pro Tag. Diese Übungen dienen dazu, den eigenen Medienkonsum zu reduzieren und alternative Gewohnheiten zu entwickeln. Nicht alles gelingt.

Es ist einfacher, gar nicht anzufangen, als aufzuhören
Otto

Nachrichten bewusst konsumieren

Trotzdem hat Otto zentrale Einsichten gewonnen: „Es ist einfacher, gar nicht anzufangen, als aufzuhören.“ Heute bleibt das Handy nachts außerhalb des Schlafzimmers. Otto habe bemerkt, er brauche das Handy nicht. „Das belastet mich ja, wenn ich mir das alles anschaue. Das ist eher wie eine Pflicht, die ich mir selbst auferlege“, so der 70-Jährige. Rückblickend sagt er, man müsse achtsam damit umgehen, wie viele Informationen und Nachrichten man auf einmal aufnimmt, und sich bewusst Zeit für das eigene körperliche und psychische Wohlbefinden nehmen. Nachrichten sollten dosiert konsumiert werden, verbunden mit der Frage: Wie geht es mir jetzt damit?

Neben der Suchtgruppe bildet eine weitere Stütze seine Meditationsgruppe. Seit mehr als 20 Jahren meditiert Otto und leitet selbst eine Gruppe. Meditation bewahrte ihn zwar nicht vor der Sucht, aber hilft ihm im Umgang damit. „Ich lerne, Gefühle wahrzunehmen, statt ihnen auszuweichen“, sagt er.

Kleine Ziele besser als große

Mittlerweile betrachtet Otto seine Internetsucht als Krankheit. „Psychischen Erkrankungen haftet ein großes Stigma an. Viele denken, Betroffene tragen selbst die Schuld“, sagt er. Diese Haltung prägte auch ihn lange. „Selbstakzeptanz und Verständnis von der Familie und vom sozialen Umfeld sind das Wichtigste in solchen Situationen.“

Inzwischen ist er auf einem guten Weg, auch wenn es noch manchmal Rückschläge gibt. Sein Ziel ist es, spätestens um zwei oder drei ins Bett zu gehen und zwischen elf und zwölf aufzustehen. Wenn er heute schlafen geht, legt er das Handy außer Reichweite, knipst das Licht aus und versucht, ohne Bildschirm einzuschlafen.

Bei @algokind erfährst du, wie Algorithmen Entscheidungen formen – verständlich, nah und ohne Panik. Eine Initiative der WZ.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Internetsucht betrifft nicht nur junge Menschen. Ein problematischer Internetgebrauch kann die Folge einer Lebenskrise (Arbeitsplatzverlust, Scheidung), aber auch Ventil oder Ausgleich bei Vorliegen einer psychischen Beeinträchtigung sein (Depression, Angst-/Panikstörung, soziale Unsicherheit).
  • Seit 2018 ist die Online-Gaming-Sucht durch die WHO als Krankheit anerkannt
  • Typische Symptome:
  • Kontrollverlust über die Nutzungsdauer
  • Schlafmangel
  • Unruhe und Müdigkeit
  • Schuldgefühle
  • gedankliche Fixierung auf Online-Inhalte
  • Soziale Folgen: Konflikte im familiären Umfeld, positive Erlebnisse und Gefühle werden nur mehr online erlebt.
  • Therapiemöglichkeit: ambulante Gruppentherapie etwa am Anton-Proksch-Institut Wien
  • Therapieansätze:
  • Handy-freie Tage („Challenges“)
  • Begrenzung der Nutzung
  • Aufbau alternativer Routinen (Sport, Natur, Schlafstruktur)

Gesprächspartner

  • Oliver Scheibenbogen, Leiter des Bereichs Klinische Psychologie am Anton Proksch Institut
  • Otto (Name von der Redaktion geändert) wurde der WZ durch das Anton Proksch Institut Wien vermittelt. Die WZ traf ihn zum Gespräch im Café Jelinek.

Quellen

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