PodcastDie US-Journalistin Shelly Kittleson wurde im Irak entführt.
Freie Journalist:innen, die über Kriege und Konflikte berichten, sind ständigen Gefahren und systematischer Ausbeutung ausgesetzt. Autor Emran Feroz hat vieles davon selbst erlebt.
Es war im Frühjahr 2017. Ich war unterwegs in die südostafghanische Provinz Khost, um über den dortigen „War on Terror“ der USA zu berichten. Damals kontrollierte die Khost Protection Force (KPF) – eine berüchtigte, von der CIA gegründete Miliz – weite Teile der Region. Die KPF war bekannt für schwere Menschenrechtsverbrechen und brutale Repressalien gegen Medienschaffende und Aktivist:innen. Auch über sie wollte ich schreiben.
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Ich war allein unterwegs, in einem Sammeltaxi mit wildfremden Männern. So reisten damals (und reisen auch heute) die meisten Menschen im Land. Ich wollte nicht auffallen, sondern in der Menge untergehen. Dabei half mir nicht nur mein “afghanisches Äußeres”, sondern auch meine Sprachkenntnisse: Farsi bzw. Dari ist meine Muttersprache. Ich beherrsche sie fließend. Hinzu kommt noch Paschto. Bei beiden handelt es sich um die Amtssprachen Afghanistans. Unterwegs sorgte ich mich dennoch um eine sprachliche Barriere – in Khost wird ein sehr eigener, zäher Paschto-Dialekt gesprochen – und um meine Sicherheit im Allgemeinen. Abgesehen von ein paar Freund:innenund Verwandten wusste niemand, dass ich nach Khost reiste. Die KPF machte mit Afghanen – und als solcher wurde ich natürlich gelesen – kurzen Prozess. Willkürliche Entführungen, Folter und extralegale Hinrichtungen waren an der Tagesordnung.
Mir war bewusst, wie riskant das war. Ich hatte sämtliche Dokumente, meinen Presseausweis und meinen Reisepass bewusst in Kabul gelassen, um bei einer Durchsuchung nicht sofort als Journalist enttarnt zu werden. Stattdessen, so mein Gedanke, wollte ich mich als einfacher Kabuli in Arbeiterkleidung ausgeben. Zum Glück gelang mir das. Es gab einige brenzlige Momente an den Checkpoints der KPF. Fast hätten die Milizen meine Kamera entdeckt oder nach meinem Handy gegriffen. Doch ich konnte mich gut herausreden, kam heil wieder raus und konnte meine Berichte verfassen. Keiner meiner Auftraggeber hatte mich nach Khost geschickt. Ich war auf eigene Kosten und einzig aufgrund der Relevanz dorthin gereist. Warum? Weil man über die dortigen Realitäten hier im Westen kaum etwas hörte.
Die meisten Kriegsberichterstatter:innen sind traumatisiertEmran Feroz
Das Risiko der „Freien“
Dass derartige Recherchen böse enden können, wurde in der letzten Woche erneut deutlich. Die US-Reporterin Shelly Kittleson wurde mitten in Bagdad von der Kataib Hizbollah entführt, einer pro-iranischen Miliz, die in der Region seit langem ihr Unwesen treibt. Auch Kittleson ist wie ich und viele andere als freie Journalistin tätig. Das bedeutet: Reisekosten aus eigener Tasche, lebensgefährliche Einsätze ohne Rundumversicherung und womöglich keine Redaktion, die einem notfalls den Rücken stärkt.
Für viele Redaktionen sind wir billige Arbeitskräfte, die spannende Exklusiv-Stories liefern – risikofrei für den Arbeitgeber und meist für nur wenige hundert Euro. Mehr wird für ausführliche Reportagen aus Nahost, oder in meinem Fall Afghanistan oder Pakistan, oft nicht gezahlt.
Dass dieser Sachverhalt außerhalb der Branche kaum bekannt ist, ist erschreckend. „Du verdienst sicher sehr viel Geld“, sagte mir einmal ein Schüler in Tirol nach einem Vortrag. Ich musste schmunzeln. Inzwischen ist Humor meine einzige Selbsttherapie geworden. In Wahrheit sind die meisten Kriegsberichterstatter:innen traumatisiert, doch kaum jemand kann sich eine professionelle Behandlung leisten. Auch das ist eine Realität, über die geschwiegen wird.
Dreißig Euro für eine Reportage
Das Ausmaß der Ausbeutung ist meist absurd. Ich habe Freund:innen, die der Branche den Rücken gekehrt haben, weil sie woanders endlich fair entlohnt wurden. Ein Kollege, der aus Syrien und der Ukraine berichtete, arbeitete zeitweise als „kreativer Berater“ für ein amerikanisches Filmstudio. Eine Bekannte, die lange für CNN tätig war, klagte ständig über nicht gezahlte Rechnungen des Medienriesen. Mittlerweile hat auch sie sich umorientiert. Das ist ein herber Verlust, denn diese Menschen brannten für die Sache. Sie gaben ihre Lebensenergie, um den Unterdrückten Gehör zu verschaffen.
Wie wenig das wertgeschätzt wird, habe ich selbst erlebt: Ein bekanntes deutsches Medium bot mir für eine Reportage aus Kabul einmal ganze dreißig Euro an. Hinzu kam unverhohlener Rassismus. „Wir bezahlen auch anderen Afghanen vor Ort so viel“, meinte der Redakteur. Dass ich als Europäer dorthin gereist war und auch lokale Mitarbeiter mehr verdient hätten, ignorierte er völlig. Ein Ressortleiter einer bekannten Zeitung wollte statt der vereinbarten 200 Euro plötzlich nur noch 80 Euro zahlen. „So viel Arbeit war das doch gar nicht“, meinte er höhnisch nach der Veröffentlichung. Erst nach einer scharfen Beschwerde bei der Chefredaktion wurde ich voll bezahlt.
Renommee als Währung
Wer glaubt, US-Medien wie Foreign Policy oder die New York Times seien besser, irrt. Dort herrscht oft die Attitüde: „Du durftest für uns schreiben, das sollte Belohnung genug sein.“ Renommee wird als Teil des Honorars betrachtet. Doch mit dem Namen einer renommierten Zeitung kann man sich weder Lebensmittel kaufen noch die Miete bezahlen. Auch Shelly Kittleson arbeitete unter diesen Bedingungen für diverse internationale Medien.
Als sie Anfang des Jahres im Spiegel eine Reportage veröffentlichte, in der die kurdische SDF-Miliz kritisch beleuchtet wurde, wurde sie zum Ziel einer Diffamierungskampagne. Deutsche Beobachter:innen warfen ihr vor, ein Sprachrohr Erdoğans zu sein, nur weil sie auch für den regierungsnahen Sender TRT World gearbeitet hatte. Diese Vorwürfe zeugen von der Provinzialität des deutschsprachigen Raums. Viele internationale Journalist:innen schreiben für TRT oder Al Jazeera English, schlicht um ihre Arbeit finanzieren zu können. Das macht sie nicht zu Handlangern von Regimen. Hinzu kam, dass sich im Fall von Kittleson auffällig viele Unterstützer:innen der SDF an der Diffamierungskampagne beteiligten.
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Freiheit ohne Schutz
Am 8. April 2026 verkündete US-Außenminister Marco Rubio, dass Shelly Kittleson nach rund einer Woche Gefangenschaft freigelassen wurde. Zuvor hatten sich zahlreiche Journalismusorganisationen, darunter Reporter ohne Grenzen sowie die International Federation of Journalists (IFJ), für Kittlesons Freilassung eingesetzt. Kataib Hezbollah stellte die Bedingung, dass sie den Irak sofort verlässt. Es ist ein Glück, dass diese Episode glimpflich ausging. Doch die strukturellen Probleme bleiben.
Solange Redaktionen in Berlin, London oder New York unsere Arbeit als billige Ware betrachten und die Risiken auf das Individuum abwälzen, wird sich nichts ändern. Wir liefern die Bilder und Texte, die ihr Weltbild vervollständigen, doch wenn es brenzlig wird, stehen wir meistens allein an den Checkpoints dieser Welt. Es ist an der Zeit, dass über den Preis des Journalismus nicht nur in Klicks, sondern in Menschenwürde gesprochen wird.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Shelly Kittleson: Ist eine erfahrene US-amerikanische Kriegsberichterstatterin, die seit über einem Jahrzehnt aus Krisengebieten wie dem Irak, Syrien und Afghanistan berichtet. Als freie Journalistin schreibt sie für internationale Medien wie Al-Monitor, Foreign Policy oder den Spiegel. 2017 erhielt sie die italienische Auszeichnung „Premio Caravella“ für ihre Arbeit.
- KPF: Die von der CIA aufgebaute und finanzierte Khost Protection Force agierte jahrelang als brutale Schattenarmee in Südostafghanistan, die jeglicher Kontrolle der afghanischen Regierung entzogen war und direkt dem US-Geheimdienst unterstand. Bekannt wurde die Miliz vor allem durch schwere Menschenrechtsverbrechen, darunter extralegale Hinrichtungen und nächtliche Razzien, bei denen regelmäßig Zivilist:innen getötet wurden, während kritische Berichterstattung durch massive Repressalien gegen Journalist:innen unterbunden wurde. Nach dem Fall von Kabul im August 2021 wurden zahlreiche Mitglieder der KPF sowie ihre Familienangehörigen im Zuge der US-Evakuierungsmissionen direkt in die Vereinigten Staaten ausgeflogen – ein Umstand, der angesichts ihrer langen Liste an Gräueltaten bis heute für scharfe Kritik sorgt.
- Kataib Hizbollah: Die Kataib Hizbollah ist eine der mächtigsten und radikalsten pro-iranischen schiitischen Milizen im Irak, die als zentraler Akteur innerhalb der vom Staat sanktionierten Volksmobilisierungskräfte agiert, aber faktisch auf Befehl Teherans handelt. Die von den USA als Terrororganisation eingestufte Gruppe ist berüchtigt für ihre Beteiligung an Raketenangriffen auf westliche diplomatische Vertretungen und Militärstützpunkte sowie für die rücksichtslose Unterdrückung oppositioneller Stimmen im Irak. Neben dem aktuellen Fall von Shelly Kittleson wird die Miliz mit zahlreichen weiteren Entführungen und Morden in Verbindung gebracht, darunter die Verschleppung der israelisch-russischen Forscherin Elizabeth Tsurkov im Jahr 2023 sowie die Ermordung des renommierten Analysten Hisham al-Hashimi. Viele ihrer Mitglieder sind tief in den irakischen Sicherheitsapparat infiltriert, was ihnen eine weitgehende Straffreiheit garantiert und sie zu einer der größten Gefahren für die Sicherheit von internationalen Medienschaffenden und zivilgesellschaftlichen Akteuren in der Region macht.
- Machtverteilung in Khost sowie im Südosten Afghanistans: In der Provinz Khost war die Macht über das letzte Jahrzehnt hinweg extrem zersplittert und von gewaltsamen Machtkämpfen geprägt. Während die Provinz formell bis 2021 zur afghanischen Republik gehörte, lag die tatsächliche Kontrolle vor Ort lange Zeit bei der von der CIA unterstützten KPF, die als autonome Schattenmacht agierte und oft rücksichtsloser als die reguläre Armee vorging. Parallel dazu blieb die Provinz eine Hochburg des zu den militant-islamistischen Taliban zugehörigen Haqqani-Netzwerks, das von seinen Rückzugsräumen aus weite Teile des Hinterlandes destabilisierte und einen permanenten Guerillakrieg gegen die US-Truppen und deren lokale Verbündete führte. Mit dem Abzug der internationalen Truppen und dem Fall von Kabul im August 2021 übernahmen die Taliban – und innerhalb ihrer Strukturen insbesondere Kader der Haqqanis – die vollständige administrative und militärische Kontrolle über die Provinz, womit die Ära der CIA-gestützten Milizen abrupt endete.
- Aktuelle Lage in Bagdad: Die Sicherheitslage in Bagdad ist heute, im Frühjahr 2026, von einer trügerischen Stabilität geprägt, die jederzeit in Gewalt umschlagen kann. Während die großflächigen Anschläge vergangener Jahre nachgelassen haben, wird das Stadtbild und die politische Machtverteilung maßgeblich von den verschiedenen Fraktionen der Volksmobilisierungskräfte (PMF) dominiert. Diese teils staatlich sanktionierten, teils autonom agierenden schiitischen Milizen – allen voran Gruppen wie die Hizbollah Kataib oder Asaib Ahl al-Haq – haben den irakischen Sicherheitsapparat weitgehend infiltriert und kontrollieren faktisch ganze Stadtviertel sowie strategische Kontrollpunkte. Politisch befindet sich Bagdad in einem permanenten Spannungsfeld zwischen dem Einfluss Teherans und den Überresten westlicher Sicherheitskooperation, wobei die Milizen als „Staat im Staate“ agieren. Für Journalist:innen und Aktivist:innen bedeutet dies ein Klima der Angst: Wer die Macht der Milizen oder deren Korruption hinterfragt, riskiert, wie der Fall Shelly Kittleson zeigt, mitten in der Hauptstadt verschleppt zu werden, ohne dass die reguläre Polizei eingreifen kann oder will.
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