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Wie künstliche Intelligenz Kriege verändert

10 Min
KI ist aus moderner Kriegsführung kaum noch wegzudenken.
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner. Bildquelle: Adobe Stock

Ob in Gaza, in der Ukraine oder im Iran – KI ist zu einem zentralen Bestandteil moderner Kriegsführung geworden. Die Journalistin Katrina Manson hat untersucht, wie sich Kriege entwickeln, wenn nicht mehr Menschen, sondern Maschinen entscheiden.


Im Jahr 2017 beschließt eine kleine Runde im Pentagon, künstliche Intelligenz ins Militär zu holen. Das Ziel: Soldat:innen sollen bessere Entscheidungen treffen – zugleich will man sich damit einen Vorteil gegenüber der aufstrebenden Militärmacht China verschaffen. Neun Jahre später ist KI aus moderner Kriegsführung kaum noch wegzudenken. Die Bloomberg-Journalistin Katrina Manson hat diesen Aufstieg verfolgt wie niemand sonst und hat ein Buch geschrieben, das 2026 erschienen ist: „Project Maven: A Marine Colonel, His Team, and the Dawn of AI Warfare“. Mit der Wiener Zeitung hat sie darüber gesprochen, wieso künstliche Intelligenz Kriege in Zukunft noch tödlicher machen könnte – und wie sie vielleicht doch noch zu stoppen ist.

WZ | Bartholomäus Laffert
Frau Manson, am 28. Februar haben die USA gemeinsam mit Israel den Iran angegriffen. Bei kaum einem Krieg war bislang so viel von KI die Rede. Warum?
Katrina Manson
Nie zuvor hat eine Armee KI in einem solchen Maßstab eingesetzt. Allein am ersten Tag hat das US-Militär mithilfe von Maven Smart System (MSS), dem KI-Targeting-System des Pentagon, Tausend Ziele ausfindig gemacht und angegriffen. Bis zur Waffenruhe am 8. April waren es 13.000 Ziele. Das US Central Command sagt, KI habe Abläufe, die früher Stunden oder Tage gedauert hätten, auf Minuten und Sekunden verkürzt. Was wir allerdings nicht wissen: wie genau die vom System vorgeschlagenen Ziele von Menschen geprüft werden.
WZ | Bartholomäus Laffert
Ein Angriff in den ersten 24 Stunden traf eine Mädchenschule in der Stadt Minab. Mehr als 120 Kinder starben. War auch hier KI im Einsatz?
Katrina Manson
Das US-Militär untersucht den Angriff, hat aber bislang nicht gesagt, was genau passiert ist. Nach meinen Recherchen wurde auch dieses Ziel mit MSS ausgewählt. Doch die Daten, auf die die KI zurückgegriffen hat, waren veraltet. Das Gebäude war im System als Basis der Revolutionsgarden, also als legitimes militärisches Ziel gespeichert. Das war es früher auch – doch schon vor vielen Jahren wurde es in eine Schule umgewandelt. Das scheint vor dem Abschuss nicht geprüft worden zu sein. Es besteht also berechtigterweise der Verdacht: KI beschleunigt Fehler, anstatt sie zu korrigieren.
WZ | Bartholomäus Laffert
Wie genau funktioniert Maven Smart Systems?
Katrina Manson
Der militärische Entscheidungszyklus beim 18. US-Luftlandekorps – jener Einheit der US Army, die den Einsatz von Maven bei der Zielerfassung als Erste getestet hat – umfasst sechs Schritte. Vor allen anderen Schritten gibt der Kommandeur Vorgaben für die Zielbekämpfung heraus. Erstens legen Menschen den operativen Ansatz fest. Zweitens werden die vorhandenen Daten ausgewertet. Drittens entscheidet der Kommandeur, zu handeln. Viertens wird die Entscheidung des Kommandeurs übermittelt. Fünftens wird diese Entscheidung ausgeführt. Und sechstens ermittelt eine Gefechtsbeurteilung, wie effektiv der Einsatz war. Maven hat diesen Zyklus radikal verändert und den Menschen aus drei der sechs Schritte komplett herausgenommen. Direkt eingebunden ist er nur noch bei zwei Kernelementen: beim dritten Schritt, wenn entschieden wird, überhaupt zu handeln – und beim fünften, der eigentlichen Ausführung des Angriffs.
Per Klick kann man das Ziel und das Waffensystem auswählen
Katrina Manson
WZ | Bartholomäus Laffert
Wie sieht das für den Soldaten konkret in der Praxis aus, wenn er vor dem Bildschirm des Maven Smart Systems sitzt?
Katrina Manson
Der Leiter der für Maven zuständigen Abteilung im Pentagon hat dieses Jahr behauptet, dass es nur noch wenige Klicks braucht, um einen Angriff durchzuführen. Stellen sie sich eine digitale Landkarte vor auf der automatisch mögliche Ziele angezeigt werden: per Klick kann man das Ziel und das Waffensystem auswählen; sowie die Logistik und den benötigten Treibstoff festlegen und schließlich den Angriff starten. Es funktioniert wie eine Flugbuchung im Internet, nur einfacher. Die fundamentale Bedingung für dieses System ist allerdings, dass alle Daten, die es füttern, absolut fehlerfrei sind – was beim Angriff auf die Schule in Minab nicht der Fall war.
WZ | Bartholomäus Laffert
Das Versprechen der Entwickler:innen, das Sie in Ihrem Buch beschreiben, war ein anderes: KI sollte Kriege weniger tödlich machen. Wie denken die Entwickler:innen heute darüber?
Katrina Manson
Ich saß neulich auf einem Panel mit Jack Shanahan, dem ersten Direktor von „Project Maven“. Früher hat er gesagt: Das Pentagon solle nie wieder eine Waffe ohne KI bauen. Nach dem Angriff auf den Iran wurde er nachdenklich: Der Sinn von Maven sei gewesen, Kommandeur:innen mehr Zeit für Entscheidungen zu verschaffen. Aber viele dieser Militärs seien Alphatiere. Statt sich mehr Zeit zu nehmen, würden sie schlicht mehr Entscheidungen treffen. Ein Problem: Es besteht die Gefahr, dass Einsatzkräfte den Empfehlungen von Maschinen mehr vertrauen als dem eigenen Urteil. Das nennt man „Automation Bias“.
WZ | Bartholomäus Laffert
Warum haben die USA überhaupt damit angefangen, KI militärisch einzusetzen?
Katrina Manson
Der Anstoß kam aus einer Gruppe namens „Breakfast Club“ im Umfeld des stellvertretenden Verteidigungsministers. Dort hatte man die Sorge, dass China zwei Jahrzehnte lang die Schwachstellen des US-Militärs studiert hatte, während das vermeintlich fähigste Militär der Welt zwei verlustreiche Kriege im Irak und in Afghanistan geführt hat. KI, so die Idee, sollte dabei helfen, die Überlegenheit des US-Militärs wiederherzustellen – und China so von einem Angriff auf Taiwan abzuschrecken.
WZ | Bartholomäus Laffert
Eine Schlüsselfigur in Ihrem Buch ist Drew Cukor, ein Offizier der US Marines. Dieser verfolgte noch ein anderes Ziel.
Katrina Manson
Cukor ist sozusagen der Erfinder von „Project Maven“. Er wurde 2001, direkt nach dem 11. September, nach Afghanistan geschickt, gehörte zu den ersten Marines in Kandahar und erlebte mit eigenen Augen, wie Sprengsätze US-Soldaten töteten und verstümmelten. Seine Erfahrung war: Die Informationen waren vorhanden, doch die Soldat:innen wurden nicht rechtzeitig darüber informiert, wo Sprengfallen lagen oder wo der nächste Angriff drohte. Sein Ziel war es, das mithilfe von KI zu ändern, die etwa dabei helfen sollte, große Mengen Bildmaterial von Drohnen auszuwerten. Das Problem: Herkömmliche Rüstungskonzerne hatten überhaupt keine Erfahrung damit. Also wandte er sich an Game-Designer:innen im Silicon Valley, die ihm helfen sollten. Schließlich entwickelte er „Maven Smart System“ federführend mit der Hilfe von Palantir.
Der Durchbruch kam mit Russlands Invasion in der Ukraine
Katrina Manson
WZ | Bartholomäus Laffert
Doch anfangs funktionierten diese Systeme im Einsatz kaum – bei Tests in Somalia flackerten die Bildschirme, bei der Evakuierung aus Afghanistan brach das System zusammen, wenn mehr als 40 Leute gleichzeitig darauf zugriffen. Wann kam der Durchbruch?
Katrina Manson
Mit Russlands Invasion in der Ukraine! Damals wurde das Maven Smart System zum US-Stützpunkt nach Wiesbaden in Deutschland gebracht. Das 18. US-Luftlandekorps wollte von dort aus Objekte aus Luftaufnahmen identifizieren. Am Anfang funktionierte es überhaupt nicht. Denn die KI war auf militärische Objekte im Nahen Osten und auf Dschungel auf den Philippinen trainiert worden. Nun sollte sie Panzer im Schnee finden, und das konnten die Algorithmen schlicht nicht. Der Kommandeur sagte damals: Wenn es nicht funktioniert, schafft es weg, ich will nicht, dass es meine Leute verwirrt. Aber weil die russische Panzerkolonne Richtung Kiew im Schlamm feststeckte, konnte das Militär plötzlich große Mengen an Bildmaterial sammeln. Mithilfe dieser Aufnahmen wurde die KI neu trainiert. Und das System funktionierte schnell viel besser.
WZ | Bartholomäus Laffert
Und die Ukraine?
Katrina Manson
In vielen Fällen, so wurde es mir geschildert, lieferten die USA den ukrainischen Streitkräften mithilfe von MSS erzeugte „points of interest“. Also mögliche Ziele. Die Entscheidung über einen Angriff traf dann die Ukraine selbst. Das war so erfolgreich, dass inzwischen auch die NATO das Maven Smart System für ihre Einsatzplanung und Entscheidungsfindung nutzt.
WZ | Bartholomäus Laffert
Die USA sind nicht das einzige Land, das KI im Krieg einsetzt. Seit 2024 gibt es Berichte über das israelische Vorgehen in Gaza. Manche sprechen von einem „KI-Genozid“. Wie bewerten Sie das?
Katrina Manson
Manche Beobachter erheben diesen Vorwurf mit Blick darauf, wie Israel seine eigenen KI-gestützten Zielerfassungssysteme in Gaza als Reaktion auf die Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 entwickelt und eingesetzt hat – und mit Blick auf die Zahl der getöteten Zivilisten in Gaza, darunter laut UNO bis September 2025 mehr als 18.000 Kinder. Ich habe Israels militärische KI-Systeme nicht untersucht. Aber die Recherchen des israelische Magazin +972, die sich auf Quellen innerhalb der israelischen Streitkräfte stützen, haben den Einsatz der Systeme namens „Lavender" und „Where's Daddy?" aufgedeckt.
Gefechte in Megastädten, ausgetragen in Blitzgeschwindigkeit
WZ | Bartholomäus Laffert
Die Reporter berichten, das System „Lavender“ weise nahezu jedem Mann in Gaza einen Wert zwischen eins und hundert zu, der angibt, wie wahrscheinlich es ist, dass er einer Terrororganisation angehört – berechnet vor allem aus Handy- und Social-Media-Daten. So sollen zu Beginn des Krieges bis zu 37.000 Palästinenser als mögliche Ziele identifiziert worden sein. Das System „Where’s Daddy?“ soll verfolgen, wann diese Personen zu Hause sind, damit der Angriff gezielt erfolgen kann, sobald sie ihr Haus betreten.
Katrina Manson
Die Entscheider:innen beim Militär haben die von der KI vorgeschlagenen Ziele laut den anonymen Quellen des Magazins teils nur zwanzig Sekunden oder kürzer geprüft, bevor über den Abschuss entschieden wurde. Eine Quelle sagte dem Reporter, das System habe eine Fehlerquote von zehn Prozent. Der inzwischen pensionierte Vier-Sterne-General Mark Milley warnte schon im Oktober 2024 davor, dass mit KI-Kriegsführung die Büchse der Pandora geöffnet würde. Er verwies auf die hohen Opferzahlen in der Ukraine und in Gaza und sagte, das seien die „Kinotrailer" künftiger Kriege – Gefechte in Megastädten, ausgetragen in Blitzgeschwindigkeit.
WZ | Bartholomäus Laffert
Bei den Vereinten Nationen wird seit Jahren darüber diskutiert, ob autonome Waffensysteme verboten werden sollen. Worum geht es hier?
Katrina Manson
Seit 2014 verhandeln Staaten im Rahmen der UN-Waffenkonvention CCW über ein Verbot autonomer Waffensysteme. Dabei handelt es sich um Waffen, wie zum Beispiel Drohnen, die völlig autonom, ohne das Zutun von Menschen, Ziele auswählen und angreifen können. Zuletzt gab es Berichte, wonach Russland solche Systeme in der Ukraine eingesetzt haben soll. Aber das ist eher noch die Ausnahme. Wir sehen im Moment vor allem Targeting-Systeme, die Kriege beschleunigen.
WZ | Bartholomäus Laffert
Obwohl sich ein Großteil der UN-Staaten für ein Verbot ausspricht, blockieren gerade Russland, Israel und die USA ein verbindliches Abkommen zum Verbot autonomer Waffensysteme.
Katrina Manson
Richtig. Diese Militärmächte würden nichts unterschreiben, was ihren vermeintlichen Vorteil zunichte macht. Aber Aktivist:innen sagen, dass sich die Staatengemeinschaft davon nicht abschrecken lassen sollte: Auch bei den Verhandlungen über ein Verbot von Landminen wurde in den 1990ern im Rahmen der CCW keine Einigung erzielt. Doch dann haben sich einzelne Staaten in Ottawa getroffen und ein Abkommen geschlossen. So wurden Landminen zu einem international geächteten Kriegsmittel. Und auch wenn die USA den Vertrag nie unterschrieben haben, so haben sie später dennoch große Summen in die Räumung von Minen gesteckt. Für ein Verbot, argumentieren Aktivist:innen, braucht es also Staaten, die diesen ersten Schritt machen.


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Infos und Quellen

Gesprächspartnerin

  • Katrina Manson ist Reporterin bei Bloomberg. Ihr Buch „Project Maven: A Marine Colonel, His Team, and the Dawn of AI Warfare“ ist 2026 bei W. W. Norton erschienen.

Quellen

Das Thema in der WZ


Transparenzhinweis: Dieses Interview wurde unter Zuhilfenahme von KI aus dem Englischen übersetzt und final geprüft.

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