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Multitasking gilt als Feind der Konzentration. Doch beim Zuhören ist das Gehirn erstaunlich geschickt: Für kurze Zeit kann es zwei Gespräche parallel verarbeiten.
Auf einer Party, der Raum voller Stimmen. In deiner Gesprächsrunde geht es um Urlaube nach Kroatien und du redest mit, weil du die Küste kennst. Währenddessen wird auf dem gegenüberliegenden Sofa über die Liebe getratscht. Auch da hörst du mit und erfährst so einiges – bis jemand aus der Richtung der Türe deinen Namen ruft.
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Jahrelang wurde erklärt, Multitasking funktioniere nicht. Wer während eines Meetings Nachrichten liest, diese nebenbei noch beantwortet und zugleich versucht, dem Gesprächsverlauf zu folgen, mache am Ende alles nur halb. Das Gehirn könne nicht parallel mehrere Aufgaben erledigen, die jeweils volle Aufmerksamkeit erfordern.
Eine neue Studie zeigt jedoch: Ganz so einfach ist es nicht. Manche Menschen können nämlich mühelos dem Gespräch, das sie gerade führen, folgen und zugleich mitbekommen, was am anderen Ende des Raums gesagt wird.
Parallel zuhören für Sekunden
Laut einem Forschungsteam des Trinity College in Dublin ist diese Fähigkeit nicht bloß auf ein gutes Gehör zurückzuführen, sondern auf eine bemerkenswerte Kapazität des Gehirns, für kurze Zeit mehr als ein Thema zu verarbeiten. Unser Denkorgan kann ein bis zwei Sekunden lang einem neuen Gespräch zuhören, noch bevor es das vorherige vollständig losgelassen hat. Zumindest in dieser Disziplin sind wir also gut im Multitasking.
„Eine erfolgreiche sprachliche Kommunikation in Situationen mit mehreren Sprechern erfordert eine geschickte Kombination aus anhaltender Aufmerksamkeit und schnellem Aufmerksamkeitswechsel“, schreibt Studienautor Giovanni Di Liberto in der Studie (siehe Infos und Quellen). Oder anders: Wenn es um die Kommunikation geht, kann das Gehirn geschickt zwischen Inhalten switchen und beherrscht die Übergänge.
Zwischen Gesprächen switchen
Um herauszufinden, wie dieser Aufmerksamkeitswechsel abläuft, haben die Forscher:innen die Gehirnaktivität von 24 Testpersonen im Alter zwischen 18 und 39 Jahren mittels Elektroenzephalografie (EEG) – der Hirnstrommessung – gemessen, während diese zwei anderen Personen zuhörten, die vor der Geräuschkulisse einer Menschenmenge zur selben Zeit über verschiedene Dinge sprachen. Die Proband:innen mussten in 20 Durchgängen ihre Aufmerksamkeit zwischen den beiden Sprechenden hin- und herlenken, während die Forscher:innen beobachteten, wie ihre Gehirne darauf reagierten. Anhand dieser Muster, die neuronale Signaturen genannt werden, konnten sie beobachten, dass eine kurze Überschneidung entsteht, in der beide Gespräche gleichzeitig verarbeitet werden.
Was zeigten die elektrischen Kurven der Gehirnaktivität noch? „Manche Menschen sind von Natur aus besser in diesem Multitasking als andere. Dadurch können sie besser erfassen, was um sie herum geschieht, ohne dabei sofort den Fokus auf ihr aktuelles Gespräch zu verlieren“, erläutert Studienautor Giovanni Di Liberto in einer Aussendung der Universität Dublin zur Studie.
Hilfreiche Fähigkeit in Gesellschaft
Die Entdeckung könne helfen, zu erklären, warum manche Menschen besonders gut darin sind, sich in belebten sozialen Situationen zurechtzufinden – sei es, um diskret nützliche Informationen zu sammeln, das Geschehen um sich herum zu registrieren, sich im richtigen Moment einzubringen oder zu entscheiden, ob es sich lohnt, an einer anderen Konversation teilzunehmen, ohne dabei den Faden der vorhandenen Situation zu verlieren.
„Da die Fähigkeit zum kurzen, ‚doppelten Verfolgen‘ von Gesprächsinhalten offenbar von Person zu Person unterschiedlich stark ausgeprägt ist, verschafft sie einigen Menschen möglicherweise einen Vorteil in Situationen, in denen es von Vorteil ist, die Aufmerksamkeit ganz schnell umzulenken“, hebt Di Liberto hervor.
Entscheidend ist, wann Multitasking nützlich ist
Die Erkenntnisse könnten auch zu einem besseren Verständnis beitragen, warum manche Menschen belebte Orte wie Restaurants, Arbeitsplätze und Familienfeiern als besonders anstrengend empfinden können. Und sie haben Implikationen für Menschen mit Hörbeeinträchtigungen. Neue Technologien mit intelligenten Hörgeräten könnten eine natürlichere Wahrnehmung der gesamten Klangumgebung ermöglichen, anstatt wie derzeit nur Töne in unmittelbarer Nähe besser wahrnehmbar zu machen.
In erster Linie aber liefert die Arbeit aber neue Einblicke in die beeindruckende Alltagstauglichkeit des Gehirns.
Vielleicht sollten wir Multitasking also nicht länger pauschal zum Feind der Konzentration erklären. Unser Gehirn ist durchaus dafür gemacht, seine Aufmerksamkeit zu teilen – nur eben nicht grenzenlos. Und wer auf der nächsten Party beim Gespräch verdächtig oft in Richtung Nebentisch lauscht, kann sich immerhin auf die Wissenschaft berufen.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
Der Begriff Multitasking stammt aus der Computerwelt. Er beschreibt die Fähigkeit eines Betriebssystems, mehrere Aufgaben gleichzeitig auszuführen. Eigentlich tut das Betriebssystem dabei aber nichts anderes, als ununterbrochen zwischen den Tasks hin- und herzuwechseln. Allerdings macht der Rechner das alles so schnell, dass der Eindruck entsteht, der Computer erledige alle anfallenden Aufgaben simultan.
Quellen
- PLOS Biology: Competing speech streams are simultaneously represented in the human cortex during attention switching
- AOK Gesundheitsmagazin: Multitasking: Ist das effektiv oder nur ein Mythos?
Das Thema in anderen Medien
- mdr: Was Multitasking für unser Gehirn bedeutet
- Quarks: Multitasking: So kannst du dein Gehirn trainieren
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