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Wie Österreich sich selbst zum Favoriten erklärte

7 Min
WM-Aus für Österreich: ein ganzes Land scheint nun eines Traums beraubt, der eigentlich nie hätte geträumt werden dürfen.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: APA Images.

Weltschmerz statt Weltmeister: In Österreich wurde lange vom Titel und einem zusätzlichen Feiertag geträumt. Nun braucht es dringend mehr Realismus, findet WZ-Kolumnist Gerald Gossmann.


„Wödmasta in Amerika“, heißt der ÖFB-WM-Song. Bundespräsident Alexander Van der Bellen versprach einen Feiertag, sollte der WM-Pokal geholt werden. Und Marko Arnautović hielt fest: „Ich traue uns den Titel zu!“ Das alles mag witzig klingen. Doch im Land manifestierte sich eine Erwartung, die nur Enttäuschung bringen konnte.

Österreich ist seit gestern raus aus dem Turnier. Im Sechzehntelfinale. Gescheitert an Europameister Spanien. Im Internet heißt es vielfach, dass ein schaler Beigeschmack bleibe: Das ÖFB-Team sei nämlich „doch nicht Weltklasse“. Ein ganzes Land scheint nun eines Traums beraubt, der eigentlich nie hätte geträumt werden dürfen.

Denn: Österreich ist den Fakten nach natürlich nur WM-Durchschnitt. Etwa hier: Die ÖFB-Spieler sind 250 Millionen Euro wert. Jene von Spanien: 1,2 Milliarden Euro. Dort: Offensivstar Lamine Yamal, 18, vom FC Barcelona, 200 Millionen wert. Hier: Michael Gregoritsch, 32, FC Augsburg, 1,5 Millionen. Selbst andere Durchschnittsteams wie Schweden (410 Millionen Marktwert), Norwegen (590 Millionen) oder die Elfenbeinküste (520 Millionen) haben weit bessere Voraussetzungen.

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Ich selbst habe immer wieder von einer goldenen Spielergeneration geschrieben. Konrad Laimer spielt beim FC Bayern, David Alaba bei Real Madrid, Marcel Sabitzer in Dortmund. Der ÖFB hat einen starken Kader. Doch um den WM-Pokal kann er nicht mitspielen. Aber, und das war immer gemeint: Die Spielerstärke muss reichen, um regelmäßig bei großen Turnieren dabei zu sein. Vor vier Jahren war man nämlich noch meilenweit entfernt davon – und wurde in der WM-Qualifikation hinter Dänemark, Schottland und Israel nur Vierter. Österreich war ein Dauer-Loser. Und im Land wurde die Außenseiterrolle trotz immer besserer Kicker geschluckt.

Erwartungshaltung höher als Entwicklung

Dagegen sieht jetzt alles rosig aus: Die erste WM-Teilnahme seit 28 Jahren. Die erste WM-K.O.-Runde seit sieben Jahrzehnten. Österreich hat seit Rangnicks Amtsantritt im Jahr 2022 eine beeindruckende Entwicklung hingelegt. Nur die Erwartungshaltung im Land entwickelte sich noch schneller.

Das Problem bei der WM: In zwei von vier Spielen traf Österreich auf Gegner, die nur schwer aus dem Rennen zu werfen sind. Weltmeister Argentinien mit Messi. Und Europameister Spanien, das seit drei Jahren kein Spiel mehr verloren hat – und bei der WM in vier Partien noch nicht einmal ein Gegentor einstecken musste. Das konnte nicht gutgehen. Spanien ist das spielstärkste Team der Welt, das seinen Gegnern auch bei Ballgewinn keine Chance lässt, weil man die Bälle wie hungrige Löwen sofort zurückerobert. Trotzdem erklärten TV-Experten wie der Ex-Fußballer Michael Liendl im ORF, dass die Spanier aktuell zu knacken seien.

Solche Erwartungen speisten sich auch aus einer Überschätzung. Österreich hat unter Teamchef Ralf Rangnick in den letzten Jahren eine kaum erwartbare Stärke entwickelt. Mit weltweit gefragten Balleroberern wie Laimer, Schlager, Baumgartner und einer Rambazamba-Spielweise konnte man auf einmal Weltmächten zusetzen. Italien wurde besiegt, Deutschland, Kroatien, die Niederlande. Der Höhepunkt bei der EM 2024: Gruppensieg vor Frankreich. Österreichs Fußball wurde international bejubelt.

Doch der Erfolg brachte auch einen Nachteil. Österreich wurde nun auf der Fußball-Weltkarte ernstgenommen. Alle Gegner beschäftigen sich seither ausführlich mit dem giftigen Spielstil und versuchen ihn zu decodieren – mit Erfolg. Dazu kommt: Österreich zählte bei der WM zu den ältesten Mannschaften. Dem laufintensiven Balleroberungsfußball kommt das nicht entgegen, das belegen die schlechten Anlauf-Werte während des Turniers In keinem WM-Spiel konnte das Pressing vergangener Tage aufgezogen werden. Immer öfter kamen die heimischen Kicker zu spät.

Entwicklung verschlafen?

Hat der ÖFB zu lange einem Konzept vertraut, das nicht mehr taugt? Der Fußball-Bund ist traditionell gut darin, Entwicklungen zu verschlafen. Vor knapp zehn Jahren kam mit Franco Foda ein Teamchef ins Amt, der biederen Defensivfußball spielen ließ – obwohl weltweit Angriffs-Pressing im Vormarsch war und der ÖFB wie durch ein Wunder die perfekten Kicker dafür hatte. Kurz erklärt: Pressing ist eine Taktik, bei der eine Mannschaft den Gegner überfallsartig unter Druck setzt, um den Ball schnell zu erobern. Österreich hätte mit dieser Spielweise damals einen „extremen Wettbewerbsvorteil“ gehabt, glaubte auch ein Erfolgs-Coach der deutschen Bundesliga, der einige ÖFB-Teamspieler trainierte, und mir damals erklärte, wie unzufrieden die Pressing-Monster mit dem unpassenden ÖFB-Stil waren und welches Potential so verschenkt werde.

Tatsächlich verlor der ÖFB so viereinhalb Jahre mit einer Spielweise, die längst überholt war und Österreich trotz junger, hungriger Kicker am Ende ins Abseits manövrierte. Rangnick bewies Jahre später, wie der passende Fußball für diese Spielergeneration aussieht. Österreich spielte nun mutig und offensiv.

Das Problem: Lange hatte giftiges Angriffs-Pressing einen Überraschungseffekt auf Nationalmannschaftsebene. Das brachte Rangnicks Truppe in den ersten Jahren einen Wettbewerbsvorteil. Doch der verflüchtigt sich. Mit Baumgartner fehlte bei der WM noch dazu jener Mann, der das Offensivspiel perfekt auslöst und antreibt. Und einige Spieler wirkten nicht fit genug, um das kräftezehrende Spiel konsequent durchzuziehen.

Das Problem ist nur schwer zu lösen. Österreichs Erfolge führten in den letzten Jahren über Laufintensität und Pressing-Fußball. Klappt dieser Stil nicht mehr, verfügt man kaum über die notwendigen Ballartisten, um international groß mitzuspielen.

„Kompromisse“ für Altstars

Nach dem Aus gegen Spanien stand ein verzweifelter Marko Arnautović vor den TV-Mikrofonen. Mit Tränen in den Augen erklärte er, dass das sein letztes Spiel für Österreich gewesen sei. Auch David Alaba könnte aufhören. Teamchef Rangnick könnte man vorwerfen, dass er – wie schon Herbert Prohaska bei der WM 1998 – den arrivierten Stars aufgrund ihrer Verdienste zu viel Spielzeit geschenkt hat. Trotz mangelnder Fitness.

Dass die Abwehrreihe nicht wie gewohnt aufrücke, „könnte am Geschwindigkeitsnachteil liegen, den Alaba nach seinen Verletzungen mittlerweile hat“, analysierte der Kurier. Das Trainerteam ließ sich offensichtlich auf zu viel Nibelungentreue ein. So erklärte Rangnicks Assistent Lars Kornetka, dass sich Altstars wie Alaba verdient hätten, diese WM am Ende ihrer Karriere auch spielen zu dürfen. Deshalb gelte es „Kompromisse einzugehen“.

Der Kompromiss-Fußball sah aber meist nicht gut aus. Griff das Pressing nicht, wurde mit Mann und Maus verteidigt. Aber das liegt den Österreichern schon gar nicht. Und so fallen – trotz eines historisch guten WM-Abschneidens – die Haltungsnoten nicht gut aus.

Lospech

Was ebenso Fakt ist: Österreich wurde am Ende dennoch unter Wert geschlagen. Als Gruppenzweiter erhielt man zudem das schwierigere Los als der Gruppendritte Algerien: nämlich Spanien. Bei einem Aufstieg hätte Portugal gewartet. Mehr Lospech geht nicht. Algerien dagegen bekam es trotz schlechterer Platzierung mit der Schweiz zu tun und wäre danach auf Kolumbien oder Ghana getroffen, das gegen Österreich im WM-Test zuletzt 1:5 unter die Räder gekommen war.

Rangnick versuchte nach dem Ausscheiden das Lospech und den historischen WM-Erfolg zu betonen. Das ist verständlich. Der Deutsche hat Österreich in neue Sphären geführt. Und gegen die extrem kompakten und spielstarken Spanier wäre man wohl mit jeder Taktik der Welt ausgeschieden.

Dennoch wird es in den nächsten Wochen eine schonungslosere Analyse benötigen. Das Problem: Als Teamchef wird Rangnick manche Baustellen nicht schnell lösen können. Etwa, dass für die Altstars Arnautović , Alaba, Sabitzer oder Gregoritsch kein gleichwertiger Ersatz in Sicht ist. Und dass der Zauberfußball, mit dem man sich lange an die Weltspitze annähern konnte, weitgehend entzaubert scheint.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Österreich hat erstmals seit 1982 einen WM-Vorrunden-Aufstieg geschafft. Das letzte K.O.-Duell bestritt man 1954, also vor über 70 Jahren.
  • Gegen Spanien gab es in Los Angeles aber eine deutliche 3:0-Niederlage in der Rund der besten 32 Mannschaften.
  • Die Fußball-WM in Kanada, Mexiko und den USA geht noch bis zum 19. Juli 2026 weiter

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