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Wie KI uns denkfaul macht

7 Min
Wer ,,epistemisch faul ist”, ist am Erkenntniserwerb nicht interessiert und übernimmt, was er oder sie empfohlen oder gesagt bekommt.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Wissen ist Macht - die wir immer seltener nutzen. Denn Künstliche Intelligenz nimmt uns das Denken ab. Das gefährdet die Demokratie.


    • Epistemische Faulheit beschreibt die Tendenz, Wissen nicht mehr selbst zu erarbeiten, sondern vorgefertigte Infos passiv zu übernehmen.
    • KI-Nutzung, soziale Medien und Konformitätsdruck untergraben kritisches Denken, soziale Interaktion und demokratische Teilhabe.
    • Studien zeigen: Junge Menschen verlieren Vertrauen in Demokratie, oft mangels informierter Meinungsbildung und geistiger Eigenleistung.
    • Microsoft-Studie: 319 Wissensarbeiter:innen nutzen wöchentlich KI, prüfen aber Inhalte meist nur auf Richtigkeit.
    • Metaanalyse von 170 Studien: Denken wird unabhängig vom Berufsfeld mehrheitlich als unangenehm empfunden.
    • Open Society Barometer 2025: Über ein Drittel der 18- bis 35-Jährigen befürworten autoritäre Führer statt demokratischer Strukturen.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

„Epistemische Faulheit – was ist das eigentlich?“

„Google es doch!“

Der Dialog erklärt es im Grunde. Epistemische Faulheit beschreibt eine Trägheit des Geistes, die sogar so weit geht, dass immer mehr Menschen nicht einmal mehr eine Suchabfrage ins Internet eintippen, weil sie zu faul sind, und daher lieber auf die Antwort verzichten. Wie gibt es das? Und was steckt dahinter?

Zunächst zu den Grundlagen: Epistemisch zu handeln bedeutet, auf der Grundlage von Erkenntnis zu agieren. Rauchen ist schlecht, daher rauche ich nicht. Schlaf ist gesund, daher versuche ich, ausreichend zu schlafen. Wer „epistemisch faul“ ist, will sich Wissensgrundlagen für Handlungen eher nicht erarbeiten, sondern fragt spontan den Chatbot zu allem, was er oder sie zum Leben braucht. Kochrezept mit Tomaten? Frag’ ChatGPT. Der schnellste Weg nach Hause? Sprich die Frage in die Maschine, die alles weiß. Wer ,,epistemisch faul ist”, lässt sich also lieber bedienen, ist am Erkenntniserwerb nicht interessiert und übernimmt, was er oder sie empfohlen oder gesagt bekommt. „Epistemische Faulheit“ steht für den scheinbar immer selbstverständlicher werdenden Wunsch nach vorgekauter Information.

KI schaltet das Denken auf Schmalspur

Die Gründe liefert ChatGPT selbst: Wer die KI fragt, kommt schneller zu strukturierten Ergebnissen und spart Zeit: Warum sich anstrengen, wenn es einfacher geht? Der Preis aber sei, dass wir nichts abspeichern, weil wir alles nachschlagen können, und die eigene Problemlösungsfähigkeit nicht trainieren.

Auf einem tieferen Level wünschen wir uns komplette Auskunftspakete, anstatt eigenständig in Quellen und Literatur nachzulesen, wollen Sachverhalte gesagt bekommen, anstatt uns mit ihnen auseinanderzusetzen, und suchen nach vorgefertigten Antworten, die unser Bauchgefühl bestätigen, anstatt Kritik anzunehmen und unsererseits informierte, qualifizierte Kritik zu üben. Diese Herangehensweise wird häufiger, je mehr Information Suchmaschinen und Künstliche Intelligenz uns auf dem Silbertablett servieren und je intensiver wir uns in den eigenen Bubbles bewegen.

Hinzu kommt die Maxime ‚use it or loose it‘: Je weniger wir unser Hirn anstrengen, umso denkfauler werden wir. Dazu hat der Microsoft-Konzern 319 Wissensarbeiter:innen befragt, die mindestens einmal pro Woche KI-Chatbots bei der Arbeit verwenden. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Anstatt das eigene kritische Denken schon in der Informationsbeschaffung einzusetzen, wird immer öfter KI-gelieferte Info nur noch auf Richtigkeit überprüft. Statt Probleme mit Köpfchen zu lösen, gaben die Befragten an, fertige Antworten eher nur auszuführen und zu verwalten. Das heißt, dass digitale Informationswerkzeuge das Denken auf Schmalspur schalten.

Denken strengt an

Wissen ist Macht. Doch wir nutzen diese Macht immer weniger, weil wir Infos 24/7 in jedem Winkel der Welt auf Knopfdruck bekommen, und diese Infos nicht mehr so weit verinnerlichen, dass sie zu Wissen werden. Denn Denken strengt an. Das zeigt eine Metaanalyse von 170 Studien. Unter dem Titel „The Unpleasantness of Thinking“ berichtet ein Team um Erik Bijleveld von der niederländischen Radbound Universität, dass geistige Anstrengung mit negativen Gefühlen verbunden ist. Demnach wird fordernde geistige Tätigkeit quer durch die Berufsschichten als mühselig empfunden. Für die Studie im Kontext des Personalwesens wurden mehrere Karrierelevels, von Fachkräften über Uni-Absolvent:innen bis zu Hilfskräften, befragt. Die Antworten wichen kaum voneinander ab. Eigenständige Geistesleistungen wurden für anstrengend befunden, egal, ob sie belohnt wurden oder nicht. Grundsätzlich sind Menschen laut dieser Studie eine denkfaule Art.

Aber warum spielen wir Menschen dann Schach, schreiben Sachbücher, lernen komplexe klassische Tänze oder lösen freiwillig Kreuzworträtsel? Die Psycholog:innen um Bijleveld werten solche Strebsamkeit nicht als Zeichen, dass wir geistige Anstrengung an sich genießen, sondern uns trotz der Anstrengung dafür entscheiden, da wir mit Denksport das Gefühl einer inneren Belohnung verknüpfen.

Ruhephasen und Aufnahmepausen

Noch nie war so viel Information frei verfügbar wie heute. Doch nicht alles können wir aufnehmen. Nur ein kleiner Teil der Alltagsereignisse bleibt im Gedächtnis haften. „Es gibt verschiedene Phasen – jene, in der die Eindrücke und Informationen gesammelt werden, kurze Ruhephasen und Phasen, in denen das Erlebte verarbeitet wird“, berichtet der Neurowissenschaftler György Buzsaki von der Grossman School of Medicine der New York University. Mit seinem Team hat er diese Aktivität im Hippocampus von Mäusegehirnen gemessen.

Wenn wir beim Lesen komplizierter Texte mit den Gedanken abschweifen oder nicht alles aus einer längeren Teamsitzung mitnehmen, liegt das daran, dass die Aufmerksamkeit sinkt, weil wir gerade mit der Informationsverarbeitung beschäftigt sind.

Generation unter Beobachtung

Aufnahmepausen brauchen wir heute mehr denn je. „Das Lebensgefühl der jungen Generation ab Gen Z wird durch das Ausmaß, in dem sie unter Beobachtung steht, bestimmt. Es ist ein Lebensgefühl, in dem sie sich, ihre Ideen und Meinungen laufend präsentieren, Bilder von sich zeigen und immer mitbedenken, welche Reaktionen sie ernten könnten“, sagt Judith Glück, Prodekanin der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Klagenfurt, zur WZ.

Wer beobachtet wird, steht unter Druck. Auf Social Media geben viele Unbekannte zu persönlichen Belangen ihren Senf. „Während sich früher zum Beispiel Beziehungsdramen privat oder höchstens im Umkreis von Freundinnen abgespielt haben, werden sie heute über Social Media diskutiert. Das kannten frühere Generationen nicht“, sagt Glück. Die Reaktionen können einschüchtern. „Angesichts Shitstorms und Hass im Netz sind wir heute stark an bestimmte Normen gebunden, die es gar nicht erlauben, bestimmte Dinge anzusprechen“, erklärt die Weisheitsforscherin.

Der Mensch will dazugehören

All dies würde bedeuten, dass wir nicht etwa zu faul sind, uns eine informierte Meinung zu bilden, sondern uns bloß immer weniger trauen. Um nicht ständig kritisiert zu werden, geben wir uns konform. „Einer der wichtigsten Antriebe von Menschen ist, konform zu denken und zu handeln. Wir sind unglaublich soziale Wesen und wollen dazugehören. Aktiver Konformismus bedeutet, zu lernen, dasselbe zu glauben, zu denken und zu sagen wie die anderen“, sagt der Verhaltensforscher Kurt Kotrschal im Telefonat mit der WZ. Wer in der Gruppe mit seinen Ideen ausschert, ist bald nicht mehr Teil der Gruppe, wird ausgeschlossen.

Im digitalen Raum erleichtern personalisierte Suchmaschinen-Ergebnisse, Echokammern und gefilterte Informationen die Suche nach Gleichgesinnten, die der eigenen Denkweise wohltuende Zustimmung geben. Informationen und Meinungen verbreiten sich schnell und auch einmal ungeprüft. Fällt uns das auf? Eigentlich nicht. Niemand vermisst Information, die er oder sie nicht hat.

Chatbot nimmt uns die Sprache

„Kritisches, eigenständiges Denken ist eine wunderbare Forderung. Aber es war noch nie leicht, dafür aufzustehen, und jetzt leben wir in Zeiten, wo es noch schwieriger wird“, sagt Kotrschal.

Jess Hohenstein vom Institut für Philosophie der Cornell University hat den Einfluss von KI auf unser soziales Verhalten untersucht. Sie spricht von einer sozialen Revolution in Echtzeit und einem Instrument, das uns als Menschen tiefgreifend verändert, weil es uns die eigene Sprache nimmt. Da KI-Modelle in das moderne Leben eingebettet sind, würde auch die zwischenmenschliche Interaktion quasi neu programmiert.

„Unsere Gespräche, unsere politischen Debatten und sogar unser Gefühlsleben werden subtil, aber tiefgreifend umgestaltet“, schreibt Hohenstein in einem Fachartikel. „KI-gesteuerte Plattformen, die auf großen Sprachmodellen und algorithmischen Filtern basieren, bringen den Menschen auf subtile Weise bei, wie Maschinen zu sprechen und zu denken – effizient, klar und emotionslos“.

Zu den Kosten zählen Empathie, menschliche Verbundenheit und ein gemeinsames Verständnis, das die Gesellschaft stützt: Wir verarmen sozial. Geben nach. Schotten uns ab. Informieren uns nicht. Tauschen uns nicht mehr aus. Sprechen knapp und präzise ,,schlage mir fünf Rezepte mit Karotten für ein warmes Essen” ins Handy, damit der Chatbot uns sagt, was wir essen sollen.

Die Geister, die wir riefen

So gesehen ist „epistemische Faulheit“ zugleich die Spitze des Eisbergs und die Wurzel des Übels der Geister, die wir gerufen haben. Wenn wir uns nicht aktiv um valide Information bemühen, können wir den technischen Entwicklungen nichts entgegensetzen, doch zugleich sind diese Systeme dahingehend programmiert, Wissenserwerb, tieferes Verständnis und kritisches Denken zu untergraben.

Die Linzer Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner sieht in der Summe dieser Faktoren eine Zerstörung der Demokratie. „Die Grundlage der Demokratie ist die Teilnahme an einer Regierung auf Basis einer informierten Meinung. Wenn ich aber nicht weiß, worüber ich abstimme, ist es schwer, zu partizipieren. Und wenn immer mehr Menschen sich nicht informieren oder etwas Vorgekautes nachplappern, wird es schwierig für alle anderen, die eine uninformierte Mehrheitsmeinung hinnehmen müssen“, sagt Kastner im Interview mit der WZ.

Junge Menschen wollen Diktatur

Das Open Society Barometer 2025, eine weltweite Umfrage der britischen Open Society Stiftung, kommt zu dem Ergebnis, dass junge Menschen der Generationen Z und Millennials weltweit von allen Altersgruppen das geringste Vertrauen in die Demokratie haben, was eine ernsthafte Bedrohung für deren Zukunft darstelle. Mehr als ein Drittel der Befragten in der Altersgruppe der 18- bis 35-Jährigen befürworteten demnach einen „starken Führer“, der auf Parlamente und Wahlen verzichtet, sprich eine Diktatur.

Zu den Faktoren, die diese Entwicklung vorantreiben, zählt das Desinteressen am eigenständigen Denken und am Wissenserwerb. „Nicht wahrzunehmen, in welcher Staatsform man lebt, und was die Voraussetzungen für das Funktionieren dieser Staatsform sind, ist eine Form von Dummheit“, hebt Kastner hervor. „Wenn die Leute sich vorgekaute Positionen aus Influencer-Inputs oder fragwürdigen Social-Media-Auftritten holen, wird Demokratie schwierig.“

Um das zu verhindern, müssten wir uns wieder öfter mit Dingen beschäftigen, die unangenehm sein könnten. Müssten verstehen, dass Wissenserwerb den Grad der Freiheit erhöht.


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Infos und Quellen

Genese

Immer mehr Menschen stellen Chatbots praktisch alle Fragen, statt selbst nachzudenken. Diese Entwicklung wird nicht nur auf Social Media, sondern wurde auch in der WZ-Redaktionskonferenz thematisiert. Grund genug, dem Phänomen nachzugehen.

Gesprächspartner:innen

  • Judith Glück, geboren am 15. Juli 1969 in München, ist Psychologin und Weisheitsforscherin. Seit 2007 ist sie Lehrstuhlinhaberin für Entwicklungspsychologie an der Universität Klagenfurt. Aktuell amtiert sie als Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Psychologie.
  • Adelheid „Heidi“ Kastner, geboren am 17. August 1962 in Linz, ist Psychiaterin. Die ausgebildete Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie ist Primarärztin der Klinik für Psychiatrie mit forensischem Schwerpunkt am Kepler Universitätsklinikum in Linz. Als anerkannte Expertin im Bereich der Forensischen Psychiatrie war sie unter anderem als Gerichtsgutachterin im Fall Fritzl und der Causa Kremsmünster tätig.
  • Kurt Kotrschal, geboren am 5. Mai 1953 in Linz, ist Biologe, Verhaltensforscher und Autor. Er ist Professor im Ruhestand an der Universität Wien, ehemaliger langjähriger Leiter der Konrad Lorenz Forschungsstelle für Ethologie in Grünau im Almtal in Oberösterreich und Mitbegründer des Wolfforschungszentrums in Ernstbrunn.

Quellen

Bücher

  • Dummheit. Heidi Kastner, Verlag Kremayr & Scheriau, 128 Seiten, 2021
  • Weisheit. Die 5 Prinzipien des gelingenden Lebens. Judith Glück, Verlag Kösel, 2016
  • Sind wir Menschen noch zu retten? Gefahren und Chancen unserer Natur, Residenz Verlag, 96 Seiten, 2020

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