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In europäischen Redaktionen dominieren Debatten darüber, welches Ausmaß von Leid in das eigene Weltbild passt und was als "schlimm genug" gilt, um die mediale Aufmerksamkeit zu rechtfertigen, kommentiert Aleksandra Tulej.
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Ich bin von uns europäischen Journalist:innen gerade noch mehr genervt als sonst eh schon. Uns geht’s ein bisschen zu gut, meint ihr nicht? In Talkshows, Kommentarspalten und auf Social Media wird darüber verhandelt, ob die Not der Menschen in Gaza „schlimm genug“ ist, um das eigene Weltbild zu bestätigen. Sind die Kinder jetzt schon ausreichend verhungert? Aber sind das auf den Fotos möglicherweise Kinder mit Vorerkrankungen und überhaupt wieso sehen die Erwachsenen nicht unterernährt aus? Aber da stehen doch noch paar Häuser, kann das dann wirklich so schlimm sein?
Müssen wir jetzt wirklich von vorne anfangen? Bilder von hungernden Kindern emotionalisieren mehr, als die von Erwachsenen, Erwachsene haben mehr Reserven, die sie langsamer abbauen, und ja, dann hat das Kind auf dem Bild, das gerade überall um die Welt geht eine Muskelerkrankung. Na und? Was ändert das?
Bitte reißts euch mal alle zam.
Internationale Journalist:innen dürfen seit Langem nicht mehr in den Gaza-Streifen. Die Berichte stammen vor allem von palästinensischen Kolleg:innen, die unter extremen Bedingungen arbeiten – ohne Schutz, ohne Bewegungsfreiheit, unter ständiger Lebensgefahr. Ihnen wird häufig Hamas-Nähe unterstellt, als könnten sie in einem hermetisch abgeriegelten Kriegsgebiet frei entscheiden, welche Strukturen sie nutzen. Dass Teile dieser Berichterstattung tatsächlich unter Hamas-Propaganda fallen, kann man nicht bestreiten. Die Propagandamaschinerie läuft auf beiden Seiten stark, das ist absolut nichts Neues. Dazu gehören auch die Bilder und Geschichten der israelischen Geiseln – reale Menschen, deren Schicksal für politische Botschaften instrumentalisiert wird.
Aber: Ich als weiße Journalistin in Österreich, die diesen Text hier gerade auf der Couch in der Redaktion tippt, kann mich darüber entzürnen, kann all das analysieren und ich sympathisiere bitte auch nicht mit einer Terrororganisation. Das wäre komplett bescheuert.
Das Ding aber ist: Es geht hier nicht um mich, es geht hier nicht um uns. Ich bin nicht in einem Kriegsgebiet aufgewachsen, ich lebe die Realität der Menschen vor Ort nicht. Ich bin hier nicht relevant. Wir bewegen uns innerhalb einer Scheindebatte, die uns selbst und unsere Vorstellungen von Moral und Schuld in den Fokus rückt, weil wir das gewohnt sind, dass wir uns selbst Meinungshochheit zuschreiben.
Wir fordern saubere Narrative, die es nicht geben wirdAleksandra Tulej
Wir Medien tragen Verantwortung, und diese Verantwortung bedeutet für mich vorrangig, Betroffenen zuzuhören. Denn: Diese ständigen Unterstellungen verkennen nicht nur die Realität vor Ort, sie schwächen auch die Glaubwürdigkeit von Stimmen, die derzeit unverzichtbar sind. Ja, unsere Aufgabe ist auch das Analysieren und Einordnen von Geschehnissen, aber wir drehen uns gerade einfach nur mehr im moralischen Karussell: Wir fordern saubere Narrative, während das Leid der Menschen vor Ort zur Kulisse einer Debatte verkommt, in deren Rahmen wir uns selbst in den Fokus stellen. Und diese sauberen Narrative wird es nicht geben.
Das Leid der Bevölkerung gerät dabei in Gefahr, zur Kulisse einer Debatte zu werden, die vor allem im Westen geführt wird – mit unseren Kategorien, unseren Moralvorstellungen, unseren Schlagzeilen. Dabei müsste journalistische Verantwortung gerade hier bedeuten: zuhören, ohne vorab ein Urteil zu fällen; Stimmen zulassen, auch wenn sie nicht in unser Narrativ passen; und anerkennen, dass wir über ein Geschehen berichten, das wir derzeit nicht aus eigener Anschauung kennen.
Wenn wir das vergessen, bleibt Gaza für uns vor allem ein medialer Resonanzraum – und nicht der Ort, an dem Menschen leben, leiden und sterben.
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Infos und Quellen
Genese:
Stv. Chefredakteurin Aleksandra Tulej fragt sich in diesem Meinungskommentar, welche Debatten über Moral und Krieg wir in Redaktionen eigentlich führen, während reale Menschenleben verschwinden und vernichtet werden.
Daten und Fakten:
- Am Sonntag, den 27. Juli 2025, hat Israel erstmals seit Monaten wieder umfangreichere Hilfslieferungen zugelassen. Seitdem sollen täglich durchschnittlich 200 Lkw-Ladungen die Grenze passieren. Laut UN-Organisationen reicht diese Menge nicht einmal aus, um die Hälfte des Bedarfs zu decken und das in einer Bevölkerung, die laut internationalen Expert:innen von einer Hungersnot bedroht ist. Zum Vergleich: Vor Beginn der israelischen Blockade im März fuhren täglich rund 500 Lastwagen in den Gazastreifen.
- Am 29. Juli 2025 wurde von der IPC (Integrated Food Security Phase Classification) das Worst-Case-Szenario einer Hungersnot ausgerufen. Der Zugang zu Lebensmitteln, medizinischer Versorgung und humanitärer Hilfe ist massiv eingeschränkt. Die Zahl hungerbedingter Todesfälle steigt, insbesondere bei Kindern.
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