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WM-Wunderknaben! In Österreich ohne Chance?

9 Min
Bleiben heimische Talente auf der Strecke?
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: Adobe Stock.

Österreichs Fußball-Nachwuchs ist Vize-Weltmeister und eine Weltsensation. Doch ausgerechnet in der Heimat erhalten rot-weiß-rote Talente immer seltener eine Chance. Was ist da los?


Es gibt Dinge, die traumhaft-unwirklich klingen. Etwa das hier: Österreich ist Vize-Weltmeister – im Fußball. Das gab es noch nie. Burschen in rot-weiß-roten Trikots deklassierten bei der U-17-WM die Weltelite. England wurde 4:0 besiegt, Italien ausgeschaltet. Ein Kärntner wurde mit acht Treffern zum weltbesten Torjäger in seinem Alter: Johannes Moser, 17 Jahre alt, blitzschnell, trickreich, abschlussstark. Im Halbfinale versenkte er einen Pracht-Freistoß und erklärte mit breiter Brust: „Wir haben in jedem Spiel gezeigt, wer wir sind“.

Nun herrscht Feierstimmung im Land. Armin Wolf schaltete in der ZIB2 live zur WM nach Katar. Die Nation jubelt über die goldene Generation – und erwartet eine glorreiche Fußball-Zukunft.

Doch so einfach ist das nicht. Denn, ob die Vize-Weltmeister in Österreich überhaupt eine Chance erhalten, ist mehr als ungewiss. Viele Burschen sind zwar fast 18 Jahre alt und damit im perfekten Alter zum Durchstarten – doch die heimische Bundesliga setzt immer seltener auf ihre eigenen Talente.

Vor elf Jahren kamen noch 75 Prozent Österreicher zum Einsatz. Nun sind es weniger als 50 Prozent – darunter viele ältere Kicker. Der U-21-Anteil lag zuletzt laut Bundesliga-Zahlen bei 7 Prozent (vor drei Jahren war dieser noch fast doppelt so hoch). Einheimische unter 18 spielen so gut wie nie.

Dabei bräuchte der ÖFB dringend Nachfolger für Alaba und Arnautovic, die beide, weit über dreißig Jahre alt, der Sportlerpension entgegengehen. In den renommierten Fußballakademien im Land werden hunderte Spieler geformt – einige wurden nun gar Vize-Weltmeister. Warum erhalten sie dennoch kaum eine Chance?

Das Geschäft ohne heimische Talente

Im internationalen Fußball sind 17-Jährige keine Seltenheit. In Englands U-17, die von Österreich deklassiert wurde, haben einige bereits in der Premier League debütiert. Auch in der vergleichbaren Schweiz spielen mehrere in der höchsten Liga. Und in Belgiens Kader hat ein halbes Dutzend bereits den Durchbruch geschafft – zwei 17-Jährige sind Millionen wert, einer läuft gar in der Champions League für Ajax Amsterdam auf.

Ganz anders die Situation im österreichischen Wunderteam, das Sportgeschichte schrieb. Die Vizeweltmeister spielen allesamt in ihren Akademieteams oder der zweiten heimischen Liga. Top-Torschütze Moser, der in zwei Monaten 18 Jahre alt wird, läuft etwa beim FC Liefering auf, dem Farmteam von Red Bull Salzburg.

Viele Stars des aktuellen Herren-Nationalteams kickten in diesem Alter schon in der Bundesliga. Konrad Laimer, Marcel Sabitzer oder Romano Schmid debütierten mit 17, Michael Gregoritsch gar mit 15.

Derzeit suchen heimische Topklubs lieber weltweit nach jungen Juwelen, die sich richtig teuer verkaufen lassen. RB Salzburg, das lange starke Österreicher hervorbrachte, hat dieses Geschäftsmodell angestoßen. Man spürt Talente wie Erling Haaland früh auf – und hat so fast 500 Millionen Gewinn in den letzten zehn Jahren erzielt. Das hat Auswirkungen. Vor zehn Jahren setzte Salzburg 40 Prozent Österreicher ein – zuletzt waren es bloß noch 25 Prozent.

Dabei befinden sich unter den 17-jährigen WM-Wunderknaben neun Spieler aus dem Red-Bull-Stall. Sie spielen in der Bullen-Akademie oder deren zweiter Mannschaft – ganz oben ist noch keiner angekommen.

„Nicht den Auftrag, die meisten Österreicher spielen zu lassen“

Anderswo ist es für heimische Talente nicht viel leichter. Sturm Graz, der LASK, Rapid Wien und gar der Wolfsberger AC kopieren das Bullen-Geschäftsmodell. Rapid kassierte heuer für zwei ausländische Kicker 18 Millionen Euro – gekostet hatten sie bloß ein Zehntel davon. Das hat auch hier Folgen. Vor zehn Jahren liefen für Rapid 70 Prozent Österreicher auf, nun 70 Prozentausländische Spieler. Auch Sturm setzte 2015 noch auf 80 Prozent Einheimische – nun auf bloß 15 Prozent.

Markus Katzer, 45, Sportchef bei Rapid Wien und ein ehrgeiziger Typ, hat diesen Trend bei seinem Klub umgesetzt. „Wir haben nicht den Auftrag, die meisten Österreicher spielen zu lassen“, erklärte er zuletzt. „Ich habe die Aufgabe, erfolgreich zu sein, international zu spielen und Spieler weiterzuverkaufen.“ Er wolle zwar heimische Talente fördern, hielt er fest, könne diese aber nicht „herzaubern“. Man müsse sich eben eingestehen, so Katzer, „dass teils falsch ausgebildet wurde. Nicht bei uns allein, das betrifft ganz Österreich“.

Die WZ hat sich in Nachwuchsakademien umgehört. Wurden tatsächlich grobe Ausbildungs-Fehler begangen, sodass heimische Talente nun selbst für die international höchstens mittelmäßige Ösi-Liga nicht mehr taugen? Dort schüttelt man vehement den Kopf – und verweist auf einen Systemfehler. Die Klubs würden sich im Erfolgsrausch immer seltener „die Zeit nehmen, um Talente in den Profifußball zu führen“, heißt es. Kurz erklärt: Der Übergang vom Nachwuchs- zum Profispieler ist nicht einfach. Zuerst spielen die Buben jahrelang gegen Gleichaltrige, haben wenig Druck und keine öffentliche Aufmerksamkeit. Dann müssen sie von einem Tag auf den anderen blutjung und im Scheinwerferlicht gegen ausgewachsene Männer mit viel Routine bestehen. Für diesen Schritt braucht es viel Planung, Geduld und Vertrauen. Doch diese Zeit nehmen sich vor allem die Top-Klubs kaum mehr. Sie verpflichten lieber für ein paar hunderttausend Euro Legionäre Anfang Zwanzig, die diesen Schritt in den Profifußball schon anderswo absolviert haben, sofort funktionieren – und schnell um ein Vielfaches weiterverkauft werden können. Heimische Talente bleiben so vermehrt auf der Strecke.

Manuel Takacs ist Akademieleiter beim FK Austria Wien, ein großgewachsener, breiter Mann, der nicht lange um den heißen Brei herumredet. „Wir haben sehr gute Talente“, sagt er. Ausländische Spieler würden im Gegensatz zu diesen aber oft Anpassungszeit bekommen, sie dürften sich an Liga und Land gewöhnen. „Warum kriegen unsere Jungen diese Zeit nicht?“, fragt er.

Fauler Kompromiss

Schon vor zwanzig Jahren erlebte Österreichs Bundesliga eine Legionärsschwemme. Die Folge: Das Nationalteam hatte keine Top-Spieler mehr. Eine Kurskorrektur folgte. Im ganzen Land wurden Nachwuchs-Akademien gebaut – und die Einsätze heimischer Kicker von der Bundesliga mit viel Geld gefördert. Dieser so genannte „Österreicher-Topf“ belohnt Klubs noch heute – sofern sie nur sechs ausländische Spieler im Kader haben – pro Saison mit insgesamt sechs Millionen Euro aus den TV-Vermarktungserlösen. Der TSV Hartberg kassierte so in der letzten Saison über eine Million. Andere immer noch ein paar Hunderttausend.

Das Problem: Für die Großklubs sind das Peanuts – jedenfalls, seit sie mit einzelnen Transfers ausländischer Kicker zweistellige Millionenbeträge einsacken. Bis vor wenigen Jahren nahmen alle Vereine, bis auf RB Salzburg, am Österreicher-Topf teil. Nun aber verzichten Salzburg, Sturm, Rapid, LASK und Wolfsberg darauf.

Eine Aufwertung des Österreicher-Topfes wurde zuletzt diskutiert. Doch das Gegenteil trat ein. Ab der Saison 2027/28 werden laut WZ-Informationen statt sechs Millionen nur noch kolportierte 2,5 Millionen ausgeschüttet. Sprich: Die Fördermittel wurden mehr als halbiert. Der brisante Hintergrund: Die Bundesliga nimmt künftig mit TV-Rechten viel weniger ein – statt bislang 42 Millionen pro Saison nur noch 34 Millionen. Mitte Oktober stimmten die Klubs über die Verteilung der reduzierten Gelder ab – und wollten auf keinen Fall schlechter aussteigen. Deshalb wurde ihnen zugesagt, künftig viel höhere Fixbeträge aus den TV-Erlösen zu erhalten. Im Gegenzug stimmten sie für die Kürzung des Österreicher-Topfs.

Bundesligaboss Christian Ebenbauer sieht die Lage auf WZ-Nachfrage wenig dramatisch. Der Österreicher-Topf sei trotz der Fördermittel-Halbierung verbessert worden, hält er fest. Nun würden ausschließlich Spieler, die jünger als 26 sind, gefördert – anstatt, wie bislang, altersunabhängig alle Österreicher. Es gebe somit weiterhin „ein Anreizsystem“, betont Ebenbauer. Außerdem sei er davon überzeugt, dass die Trainer und Sportdirektoren der Liga ihre Talente bestmöglich im Blick haben.

Trainer Thalhammer: „Bei uns ist viel auf Zufall aufgebaut“

Kritischer sieht das Dominik Thalhammer, der in Österreich und Belgien als Trainer tätig war und sich zur Lage Gedanken macht. „Die Entwicklung eigener Talente wird in vielen Ländern als Geschäftsmodell gesehen – aber in Österreich nicht“, kritisiert er. „Bei uns ist viel auf Zufall aufgebaut. Einmal schafft es ein Talent, dann nicht.“

Fakt ist: Immer seltener erhalten Talente überhaupt die Chance. Nur 7 Prozent U-21-Spieler kamen zuletzt in der Liga zum Einsatz. In Dänemark liegt der Anteil bei 14 Prozent, in Norwegen bei 16, in Serbien bei 21. In den letzten fünf Jahren haben bloß sechzehn Österreicher unter 18 Jahren in der Liga debütiert, erhob das Fachportal 90minuten. In der Türkei oder Norwegen schafften das jeweils über fünfzig Kicker. Beide Länder verfügen nun über Millionenstars Anfang Zwanzig bei Topvereinen. Österreich über keinen einzigen.

WM-Star Moser – Interesse des FC Bayern?

Viele Talente landen hierzulande bei kleineren Klubs oder in der zweiten Liga. Nun fragt sich das ganze Land: Wie geht es mit den U-17-Wunderknaben weiter? Bei der WM überzeugten sie physisch, taktisch und auch individuell. Manche wirken schon robust, andere noch schmächtig. Nicht aus jedem wird ein Star werden. Oft nicht einmal ein Profi. Viele Faktoren spielen dabei eine Rolle. Vom glorreichen U-20-Team, das vor achtzehn Jahren den vierten Platz bei der WM belegt hat, schafften es zwar neun Spieler ins A-Nationalteam – doch so eine Quote stellt die große Ausnahme dar.

Dem 17-jährigen Johannes Moser, der zum zweitbesten Spieler der WM gewählt wurde, werden die besten Chancen auf eine große Karriere eingeräumt. Sein Trainer Daniel Beichler vom FC Liefering erklärte jedoch: „Er muss sich bei uns erst ein gewisses Standing erarbeiten“. Immerhin hat sich Moser in die Notizblöcke wichtiger Scouts gespielt. Der große FC Bayern soll Interesse haben. „Er ist ein super Kicker“, schmunzelte Bayern-Sportdirektor Christoph Freund. Vielleicht muss Moser gar nicht warten, ob er in Österreich ran darf.


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Infos und Quellen

Genese

Österreichs U-17-Talente wurden Vizeweltmeister. Doch in der Heimat erhalten sie kaum noch eine Chance. WZ-Autor Gerald Gossmann hat recherchiert, warum das so ist.

Gesprächspartner

  • Christian Ebenbauer, Bundesliga-Vorstand
  • Dominik Thalhammer, Ex-Trainer des LASK und einstiger ÖFB-Frauenteamchef
  • Manuel Takacs, Akademieleiter des FK Austria Wien
  • Zahlreiche Gespräche mit Trainern, Nachwuchsleitern, Spielern und Beratern

Daten und Fakten

  • Immer weniger Österreicher in der Bundesliga: Vor zehn Jahren lag der Österreicher-Anteil noch bei 75 Prozent, nun liegt er unter 50. Auch der Anteil von U-21-Spielern sinkt rasant. Lag dieser vor drei Jahren noch bei 12 Prozent, sank er zuletzt auf 7 Prozent.
  • ÖFB-Talente-Erfolge: Regelmäßig zeigen ÖFB-Talente international auf. Neben dem aktuellen Vize-Weltmeistertitel der U-17 erreichte die U-19 2022 bei der EM den sechsten Platz. Der größte Erfolg einer heimischen Nachwuchsauswahl liegt achtzehn Jahre zurück, 2007 belegte die U-20 den vierten WM-Platz.
  • Derzeit spielen bloß drei 17-Jährige in der Bundesliga: Die beiden Österreicher Philipp Maybach von Austria Wien und Joris Boguo von der SV Ried und der bosnische Teamspieler Kerim Alajbegovic von RB Salzburg. In der norwegischen ersten Liga sind es mit 18 Spielern gleich sechsmal so viele.
  • Österreichs Topvereine setzen immer seltener auf heimische Talente. Bei Rapid Wien kamen zuletzt (Stand Oktober) laut dem Fachportal 90minuten 4 Prozent U-21-Spieler zum Einsatz, bei Sturm Graz 7, bei RB Salzburg 5 Prozent. Die Wiener Austria will künftig vermehrt junge Talente fördern, dort liegt der Anteil derzeit immerhin bei 10 Prozent.

Quellen

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