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Während viele seiner Generation in die Stadt gingen um zu studieren, blieb Florian Stockinger im Weinviertel. Dort entdeckte er seine Leidenschaft für das Schmiedehandwerk.
Knapp zwei Stunden braucht man mit dem Bus von Wien nach Ernstbrunn im Weinviertel. Schmiedemeister Florian Stockinger, 34 Jahre alt, lädt uns in seine Werkstatt im Zentrum des kleinen Ortes, die bis vor 13 Jahren eine Gießerei beherbergte. „Das ist genau, was du brauchst!“, sei ihm damals zugetragen worden, und tatsächlich: „Die Fläche, die Höhe, die Lage – alles passte.“ Er stammt selbst aus der Gegend. Damals war er 21 Jahre alt und Österreichs jüngster Schmiedemeister.
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Während alle seine Freund:innen in die Stadt gegangen waren, um zu studieren, begann er hier, Messer zu schmieden. Die ersten fünf Jahre zahlte er Lehrgeld, dann kamen drei Jahre Corona. Nun spüren alle die Teuerung. Eine Handvoll seiner Art ist in den letzten Jahren dazugekommen, mindestens so viele haben aufgehört.
Arbeit statt Studium
Anstelle eines Studiums las er also alte Bücher über Metallurgie und die verschiedenen Prozesse des Schmiedens: „Du kannst aus dem gleichen Stück Stahl einen Hammer, eine Zange, einen Amboss fertigen – was du willst!“ Oder eben Messer.
Allerdings lernte er auch bald: „Holz bildet, Metall erzieht. Der Teufel beim Stahl liegt im Detail. Manchmal denkst du, alles hat funktioniert! Aber erst am Schluss kommst du darauf, dass du wohl zu wenig Hitze hattest, die Oberfläche vor dem Falten nicht richtig gesäubert war oder die Naht beim Feuerschweißen nicht passte.“ Andererseits spürt er stets dieses tiefe Gefühl von Zufriedenheit, wenn etwas funktioniert.
Die Esse ist das Zentrum seiner Werkstatt, er hat sie selbst gebaut. Geheizt wird mit Koks, einem kohlestoffhaltigen Brennstoff von 97 bis 99 Prozent Reinheit, womit er bis zu 2000 Grad Hitze erreicht. Der Federhammer neben der Esse wurde in den Schmidt-Stahlwerken in Wien gegossen und ist 100 Jahre alt. Schlagkraft und Schlagzahl können durch den „Schlupf“ mit dem Fuß gesteuert werden, das Federpaket schleudert den Bär (Hammerkopf) auf das Paket. Ein „Paket“ ist der auf 10 x 5 x 5 cm „portionierte“ Stahl, an das er den Dorn schweißt, um es bearbeiten zu können. Das erste Mal, als er den Hammer angeworfen hat, ist er danach kreidebleich im Garten gesessen. Die neun Tonnen schwere „große Presse“ drückt mit 250 Tonnen Presskraft auf den Stahl. Er braucht sie für einen einzigen Arbeitsschritt: das Pressen des Griffstücks des Messers, von Erle und Kropf.
Damast und Mythen
Während des Sommers hat er die sogenannten Damaststähle geschmiedet, aus denen er mit Beginn der Saison die Messer fertigen wird. „Die vielen Faltungen des Damasts muss man sich vorstellen wie Blätterteigschichten, die übereinander- und zusammengelegt werden, immer wieder.“ Man sieht blaue und silberne Lagen in einem Paket, das aus 40 Lagen geschmiedet ist. „Die Unebenheiten verändern das Muster und können einen ästhetischen Effekt haben, es geht schon auch um Optik.“
Viele Mythen würden sich um den Damaststahl ranken. Einer besagt, er wäre unzerstörbar. „Das stimmt natürlich nicht“, sagt er. Erst am fertigen Messer wird er sehen, ob Verunreinigungen im Stahl waren. Der Preis für ein Kilo Damast beginnt bei 200 Euro und steigt bis 1000 Euro für Mosaikdamast, eine besonders komplexe Form des Stahls mit kunstvollen eingravierten Mustern. 400 Kilo liegen nun in seiner Werkstatt für die neue Schmiedesaison bereit.
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Die Klinge aus Hochkantdamast, die er nun beginnt zu schmieden, wird 34 bis 37 Zentimeter lang sein. Auftraggeber ist ein Michelin-Stern-prämiertes Lokal in Wien, das ein Set mit vier Messern bestellt hat. „Das erste wird ein japanisches Takohiki sein, ein schönes Sushimesser.“ Er bläst Sauerstoff in die Esse, sodass sich das Glutnest ins Hellgelbe verfärbt. Das Paket glüht, als er damit zum Schleuderhammer geht und es mit konzentrierten Handbewegungen „in zwei Hitzen runterstreckt“. Am später gepressten Erl wird er im Frühling einen Oktagonalgriff aus europäischem Ahorn befestigen, wie der Koch ihn sich wünschte. Auch diese Arbeit mag er. Aber das Schmieden liebt er.
Jeder Handgriff muss sitzen
Während der Saison hält er daher auch besondere Routinen ein. Sie dauert ab Anfang Jänner „drei bis vier Monate lang, da muss jeder Handgriff sitzen.“ Er geht früh schlafen und steht um 4.30 Uhr auf. Niemand wird ihn sehen, wenn er um sechs Uhr früh in die bitterkalte Werkstatt kommt, denn hier arbeitet er allein. Er heizt die Esse an, die den Raum innerhalb einer Stunde auf 25 Grad erwärmt.
Zu Mittag werden es 35 Grad sein, auch wenn es draußen schneit. Darum wird im Winter geschmiedet: weil die Hitze sonst unerträglich wäre. Sechs bis sieben Stunden pro Tag wird er schaffen, dabei ist er hochkonzentriert. Andere mögen Meditieren, er schmiedet: „Man ist im Tunnel.“ In diesen Monaten schreibt er viel auf, ganze Notizbücher sind voll mit Details zu seinen Schmiedeprozessen. In manche Bücher zeichnet er Ideen für neue Maschinen. „Leider schaffe ich das nicht chronologisch“, sagt er. „Darum muss ich später alles zusammenfügen.“
Der Beruf als Privileg
Ob er als Schmied hier im Weinviertel nicht auf vieles verzichten müsse? Nein, sagt er, im Gegenteil: „Es ist ein Privileg, dass ich machen kann, was ich immer machen wollte.“ Dass er in jeder Saison immer noch besser wird, bestätigt er hingegen: „Wenn man etwas lange macht, denkt man ja meist: Was soll noch kommen? Aber nach sieben Jahren hatte ich völlig andere Messer in der Hand als die, mit denen ich begonnen habe.“
Dabei würde er sich nicht einmal als besonders talentiert bezeichnen: „Was ich aber habe, ist Leidenschaft.“ Ein Freund sagte über ihn, er würde immer den Weg des größtmöglichen Widerstands gehen. „Und so ist es!“, lacht er. Dieser Weg hat ihn selbst auf eine Art gestählt: „Es hat sich ausgezahlt, all die Unsicherheiten zu durchleben, weil ich nur so lernen konnte.“ Ein Wachstum in der Branche gibt es nicht. Er bildet daher auch keine Lehrlinge aus, obwohl es diesbezüglich immer wieder Anfragen gibt: „Man braucht Jahre, um sich all das Wissen anzueignen, und dann ist es mit einem Wimpernschlag weg, sobald der Lehrling geht.“
Dennoch: Was würde der Meister einem Schüler raten, wie er schmieden soll? „Mit Gefühl!“, wiederholt er lachend den Ratschlag seiner Oma, als er sie darum bat, ihm ein Rezept aufzuschreiben. „Einfach mit Gefühl.“
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Infos und Quellen
Genese
Unser Autor wuchs am oberösterreichischen Rand der Eisenwurzen auf, jenem Teil der Kalkvoralpen, der von der Eisenverarbeitung geprägt war. Im kleinen Ort Roßleithen gibt es noch immer ein Sensenwerk, das er als Kind oft besuchte: Begeistert schaute er den schweren Hämmern zu, wie sie auf das glühende Eisen fielen, sie wurden damals noch mit Wasserkraft betrieben. Als ihm ein Freund von seinem neuen Küchenmesser erzählte, begann er sich für den Beruf des Messerschmieds zu interessieren.
Gesprächspartner
Florian Stockinger, 34, war jüngster Schmiedemeister Österreichs, als er mit 21 Jahren seine eigene Werkstatt im niederösterreichischen Ernstbrunn einrichtete. Seither produziert er dort hochpreisige Messer.
Daten und Fakten
- Laut der WKO gab es im Bereich „Metalltechnik“ nach den aktuellen verfügbaren Zahlen von Ende 2024 exakt 11.443 Unternehmen mit aktiver Gewerbeberechtigung. Davon entfielen 515 auf „Metalltechnik für Schmiede und Fahrzeugbau“ beziehungsweise „Fahrzeugschmiede“, 631 auf „Hufschmiede, Huf- und Klauenbeschlag, Zeugschmiede“ sowie 269 auf „Messerschmiede, Schleifen von Schneidwaren“.
- Die Metalltechnik insgesamt zählt mit rund 3.225 Lehrlingen zu den großen Ausbildern in Österreich. Metalltechnik im Bereich Schmiedetechnik ist ein Modullehrberuf mit einer Lehrzeit von 3 1/2 beziehungsweise 4 Jahren. Die Zahl der Auszubildenden in der Schmiedetechnik bewegt sich (inkl. Doppellehren) über die vergangenen zehn Jahre im Bereich von 80 bis 100 Lehrlingen.
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