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Wenn alles teurer wird, wird Psychotherapie für viele unleistbar. Eine Betroffene erzählt.
Wenn Alena* in der U-Bahn steht, scannt sie stets aufmerksam ihre Umgebung. Es sind die immer gleichen Bilder, die sich in ihren Kopf drängen: Jemand könnte sie überfallen, jemand könnte sie die Treppen hinunterstoßen, jemand könnte ihr Gewalt antun. Schon seit Jahren ist die Wienerin von einer generalisierten Angststörung und Depressionen betroffen.
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In der Praxis ihrer Psychotherapeutin vermischt sich die Angsterkrankung der 25-Jährigen mit einer sehr rationalen Sorge: Der 50-Euro-Schein, den sie aus ihrer Geldtasche zieht, ist nicht viel für eine Therapieeinheit, das weiß sie. Immerhin zahlt Alena einen Sozialtarif. Trotzdem schmerzt sie die Ausgabe. Das wird das letzte Mal sein, dass sie ihrer Therapeutin den orange-bräunlichen Schein überreicht, sagt sie sich selbst. In Zukunft spart sie ihn besser für einen ihrer Wocheneinkäufe auf.
„Ich mache, was ich kann“
Als Alena beginnt, wöchentlich zu ihrer Therapeutin zu gehen, wohnt sie mit ihrem damaligen Freund zusammen. In der Praxis erzählt Alena von ihren Ängsten. Weil sie diese vor allem in der Öffentlichkeit überfallen, verlässt die 25-Jährige das Haus immer weniger – meist nur zum Arbeiten. Wenn selbst das nicht geht, lässt sie sich krankschreiben.
Gemeinsam mit ihrer Therapeutin zieht sie Vergleiche zwischen ihren eigenen Sorgen und den Gewalterfahrungen, die ihrer Mutter widerfahren sind. Sie erzählt von der Vorsicht, zu der ihre Eltern sie von klein auf ermahnen. Belastende Geschichten sind in Alenas Familie omnipräsent, auch ihr Selbstwertgefühl ist schon früh beeinträchtigt.
„Ich komme aus einer typischen Arbeiterfamilie“, sagt Alena im Gespräch mit der Wiener Zeitung. Ihre langen Haare hat sie glatt nach hinten gebunden, ihr Blick ist ernst. „Meine Eltern sind in den 1990ern nach Österreich gekommen. Sie unterstützen, wo sie können, aber das Geld geht sich schon für sie selbst nicht aus.“ Alena arbeitet Vollzeit als Marketingmitarbeiterin für ein österreichisches Medienunternehmen. „Ich mache, was ich kann.“
Dass die Therapeutin ihr wiederholt dazu rät, die Meinungen ihrer Familie zu ignorieren, und ihr die Wichtigkeit ihrer eigenen Wünsche abspricht, irritiert die junge Frau. Der Rat, sich weniger um die Schwester oder die Eltern zu kümmern, ignoriert die soziale Realität einer Migrationsbiografie, in der das Kollektiv das Netz bildet, das der Staat nicht bietet. Dann denkt Alena an die 50 Euro, die sie jedes Mal bezahlt – Geld, das sie selbst dringend brauchen könnte.
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Mit der Teuerung im Stich gelassen
Als die Wienerin sich von ihrem Freund trennt und aus der gemeinsamen Wohnung auszieht, wird das Geld immer knapper. Mietkosten alleine zu tragen, ist schwierig für Alena – und nun wohnt sie auch noch mit ihrer Schwester zusammen, für die sie finanzielle Sorge trägt, während diese sich auf ihr Vollzeitstudium konzentriert.
Steigende Mietkosten, immer teurere Lebensmittel, das Heizen, das Wasser – durch die fortschreitende Teuerung nimmt die Sorge um das Geld immer mehr Raum in Alenas Kopf ein. „Ich spüre, dass es immer enger wird. Vor eineinhalb Jahren konnte ich mir den Luxus einer Therapie noch leisten. Jetzt geht das überhaupt nicht mehr.“
Mit dem Gedanken im Hinterkopf, ihre Therapeutin würde sie ohnehin nicht so richtig verstehen, beendet Alena die Behandlung. Sie ist sich sicher, anderswo einen ebenso günstigen Platz zu bekommen – später mal, wenn sie wieder 50 Euro aufbringen kann. Doch Alena wird rasch eines Besseren belehrt: Sozialtarife und Krankenkassenplätze sind rar, einkommensgestaffelte Möglichkeiten nehmen keine Rücksicht auf zusätzliche Ausgaben sorgender Angehöriger.
„Ich fühle mich im Stich gelassen“, sagt Alena. „Ich habe mir meine Erkrankung nicht ausgesucht. Dass ich keine Behandlung bekomme, weil ich sie mir nicht leisten kann, fühlt sich für mich an wie eine Strafe für etwas, für das ich nichts kann.“
Podcasts, Bücher, Freund:innenschaften
Die professionelle Therapie hat Alena vorerst beendet. Um mit ihren Sorgen umzugehen, nutzt Alena heute vor allem Ressourcen, die mit ihrem Geldbeutel vereinbar sind: Sie hört Mental-Health-Podcasts und liest Selbsthilfebücher. Vor allem die Werke der Psychologin Stefanie Stahl haben es ihr angetan. Mit ihren Zeilen im Kopf lernt Alena, ihre Biografie aufzuarbeiten, und trainiert ihren Selbstwert.
In einem kleinen schwarzen Notizbuch, das Alena immer dabei hat, notiert sie immer wieder, dass sie in Sicherheit ist. Diese schriftliche Erdung hilft ihr, das Sicherheitsgefühl zu verankern, das ihr während der Angstmomente abhandenkommt.
Vor allem aber hilft ihr auch ihr persönliches Umfeld: Ihre Schwester und ihre beiden besten Freund:innen hören der Wienerin zu, wenn es ihr schlecht geht. Sie bestärken und unterstützen sie. „Ohne sie hätte ich vieles im Leben nicht geschafft.“ – unabhängig von den Scheinen in Alenas Geldbeutel.
*Name anonymisiert
Du kennst Ängste oder Depressionen?
Betroffene können sich in Wien unter anderem an folgende Anlaufstellen wenden:
Sozialpsychiatrischer Notdienst der Psychosozialen Dienste Wien: rund um die Uhr erreichbar unter 01 31330
Telefonseelsorge: rund um die Uhr österreichweit erreichbar unter 142
Sorgenhotline der Psychosozialen Dienste Wien: täglich zwischen 08:00 und 20:00 Uhr erreichbar unter (+43) 1 4000 5 3000
Notfallpsychologischer Dienst Österreich: montags bis freitags zwischen 09:00 und 17:00 erreichbar unter 0699 18855400
Ambulanzen der psychiatrischen Krankenhäuser: zuständig für Diagnostik, Behandlung und tagesklinische Angebote bei schweren Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen (z. B. AKH Wien, Klinik Hietzing)
Hausärzt:innen (Allgemeinmediziner:innen): dienen als erste Anlaufstelle zur Abklärung körperlicher Ursachen und zur Überweisung zu Fachärzt:innen (Psychiater:innen) oder Therapeut:innen
Psychotherapeut:innensuche: Für die Vermittlung von Therapieplätzen können die psychotherapeutischen Ambulanzen der Krankenkassen oder der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) online kontaktiert werden.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Prekariat und Psyche: ein Teufelskreis: In Österreich gelten laut Statistik Austria aktuell 14,9 Prozent der Gesamtbevölkerung als armutsgefährdet. Besonders betroffen sind Einelternhaushalte, Frauen in Alleinhalterschaft und Menschen mit Migrationsbiografie. Die Belastung durch Wohnkosten ist zuletzt massiv gestiegen; 21,3 Prozent der Haushalte empfinden ihre Wohnkosten laut Statistik Austria als schwere finanzielle Belastung. Das führt zu einem Teufelskreis für die Psyche: Einerseits begünstigt Armut, beispielsweise der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge, die Entstehung psychischer Erkrankungen maßgeblich. Andererseits verhindert sie, dass sich erkrankte Menschen eine psychotherapeutische Behandlung leisten können.
- Zu wenig Kassenplätze: Diesem Problem sollen psychotherapeutische Kassenplätze entgegenwirken. Diese sind jedoch stark begrenzt. Nur etwa 1 Prozent der Bevölkerung hat laut einer Erhebung von Gesundheit Österreich Zugang zu einem vollfinanzierten Psychotherapieplatz. Doch rund 21 Prozent der Bevölkerung sind von Depressionen betroffen, 19 Prozent von Angststörungen, so eine österreichische Studie aus dem Jahr 2025.
- Nun sollen vollfinanzierte Kassenplätze für klinisch-psychologische Behandlungen Abhilfe bieten. Zwischen 2026 und 2029 werden jährlich 120.700 Behandlungseinheiten zur Verfügung stehen, so der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP). Das entspricht etwa einer klinisch-psychologischen Sitzung für jede 77. Person pro Jahr – oder vier Sitzungen für jede 300. Person. Seit 28. Jänner 2026 werden über die Plattform psyhelp zugehörige Plätze vermittelt.
- Fehlende Prävention ist ökonomisch kurzsichtig: Die ungenügende Versorgungslage ist nicht nur ein individuelles Problem für Betroffene. Das Sparen an der präventiven Versorgung kommt auch dem Staat teuer zu stehen: Was heute an Therapiekosten eingespart wird, muss morgen vervielfacht für Rehabilitationsgeld und Sozialleistungen ausgegeben werden: Arbeitslosigkeit, Frühpension – aber auch Krankenstandstage, wie Alena sie bereits geltend machen muss, zählen zu den 4,3 Prozent des österreichischen Bruttoinlandsprodukts, die die volkswirtschaftlichen Einbußen den Staat laut OECD jährlich kosten. Das sind etwa 20 Milliarden Euro.
Quellen
- Gruber, B., Dinhof, K., & Grabenhofer-Eggerth, A. (2024): Psychotherapie als Sozialversicherungsleistung – Inanspruchnahme und Finanzierung (Datenbasis 2022). Gesundheit Österreich.
- Humer, E., Pieh, C., Probst, T., Dinhof, C., Schaffler, Y., & Zeldovich, M. (2025): Mental health amidst multiple crises: trends and sociodemographic risk factors in Austria's general population. Frontiers in Psychiatry, 16, 1534994.
- OECD & European Union. (2018): Health at a Glance: Europe 2018. State of Health in the EU Cycle. OECD Publishing.
- Statistik Austria. (2024): Tabellenband EU-SILC 2024 und Bundesländertabellen mit Dreijahresdurchschnitt EU-SILC 2022 bis 2024: Einkommen, Armut und Lebensbedingungen
- Statistik Austria. (2023): So geht’s uns heute: Die sozialen Krisenfolgen im ersten Quartal 2023
- World Health Organization: World mental health report: Transforming mental health for all
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