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Die reflexhafte Forderung nach Umbenennung von nach Gewalttätern benannten Orten ist nachvollziehbar. Sie ist aber auch falsch.
Mitte September gelangten die ersten Berichte über Gewalt in SOS Kinderdörfern an die Öffentlichkeit. Unter dem Titel „SOS aus dem Kinderdorf“ berichtete die Wiener Wochenzeitung FALTER, dass in der Zweigstelle in Moosburg/Kärnten untergebrachte Kinder jahrelang systematisch misshandelt wurden. Sie wurden mit dem Entzug von Nahrung und Wasser bestraft, gebissen, geschlagen, am Boden fixiert, eingesperrt, nackt fotografiert. Sie wurden auf Autorückbänken gefesselt, ihnen wurde der Mund zugeklebt. Ein Pädagoge verwendete ein Bild eines Jungen mit entblößten Genitalien als Desktophintergrund seines Laptops. Und dem Leiter selbst wird nicht nur vorgeworfen, die Misshandlungen ignoriert oder geduldet zu haben, sondern selbst gewalttätig gewesen zu sein. Eine im Falter zitierte Studie aus dem Jahr 2021 bescheinigte der Institution, ein „Missbrauchssystem“ zu sein – und das nicht in grauer Vorzeit, sondern im Studienzeitraum von 2008 bis 2020. Bekannt ist die Studie seit Jahren. Unternommen wurde: nichts.
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Weitere Fälle
Kurz darauf wurden Fälle in Tirol bekannt. Auch im Kinderdorf Imst wurden Kinder geschlagen und eingesperrt. Sie mussten mit Zahnbürsten Klos schrubben und die Zahnbürsten danach benutzen, sie mussten verdorbene Lebensmittel essen und danach ihr Erbrochenes. Auch hier tauchte eine Studie auf und auch hier ist davon auszugehen, dass die Zustände längst bekannt waren. Unternommen wurde: nichts.
Dann wurden Fälle aus Salzburg/Seekirchen bekannt – ein 50-jähriger Mann soll zwei Mädchen sexuell missbraucht haben. Eine Meldestelle wurde eingerichtet, bei der sich innerhalb von zweieinhalb Wochen 26 Personen meldeten. Geschäftsführer Christian Moser wurde vom Dienst freigestellt. Eine Kommission unter der Leitung von Irmgard Griss wurde mit der Aufklärung der Fälle beauftragt. Staatsanwaltschaften beginnen zu ermitteln.
Säulenheiliger
Und schließlich, Ende Oktober, wurde einem der größten österreichischen Säulenheiligen endlich sein Heiligenschein entrissen: Hermann Gmeiner, der Gründer des SOS-Kinderdorf – jener Hermann Gmeiner, nach dem Straßen und Plätze und Institutionen benannt und dem im Nachkriegsösterreich Statuen gebaut wurden, jener Hermann Gmeiner, der 103-mal für den Friedensnobelpreis nominiert worden war, soll über Jahrzehnte hinweg und an mehreren Standorten mindestens acht minderjährige Burschen sexuell missbraucht haben.
Die SOS-Kinderdörfer wussten das laut Falter-Recherche seit 2013, und entschädigten die mutmaßlichen Opfer mit jeweils 25.000. Und schwiegen. Hermann Gmeiners enger Freund und Nachfolger, Helmut Kutin, soll außerdem einem reichen Großspender jahrelang Buben aus einem nepalesischen Kinderdorf „geliefert“ haben. Der erst im Oktober dieses Jahres suspendierte Geschäftsführer Christian Moser soll laut Falter davon gewusst haben. Auch der schwieg.
Vergangenheitsnichtbewältigung
Verdrängung durch Vergangenheitsnichtbewältigung ist eine österreichische Spitzendisziplin. Insofern ist es auch nicht weiter überraschend, dass bereits kurz nach Öffentlichwerden der ersten Missbrauchsvorwürfe der Ruf laut wurde, den Namen des SOS-Kinderdorf-Gründers und nun auch mutmaßlichen Sexualstraftäters Helmut Gmeiner aus österreichischen Straßen und Plätzen verschwinden zu lassen.
Man ist weit davon entfernt, dass irgendwas auch nur im Ansatz aufgearbeitet worden wäre oder dass irgendjemand aus irgendetwas irgendetwas für die Zukunft gelernt hätte, aber schließlich waren uns hierzulande Lernen oder Aufarbeiten noch nie allzu große Anliegen. Eher wollen wir in Ruhe gelassen werden mit der eigenen Hässlichkeit und mit der unserer Nachbarn, schon gar nicht jener Nachbarn, die wir als Projektionsflächen angehimmelt haben und denen wir Statuen gebaut haben. Vergangene Hässlichkeit erinnert uns zu sehr an potenziell gegenwärtige, über die (noch) niemand spricht und deshalb soll am besten alles, was uns erinnert, aus dem Blickfeld.
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Alles, was mühselig unterm Teppich wieder hervorgezerrt wurde, unter den wir es davor so sorgfältig gekehrt hatten, muss jetzt weg, weg, weg. Die Straßen müssen umbenannt werden, die Plätze und die Institutionen, die Statuen müssen fallen. Alles muss gesäubert werden und das so schnell wie möglich, idealerweise, bevor wir Zeit zum Nachdenken hatten. Es könnten uns Dinge einfallen, und das mögen wir nicht so gern.
Straßen und Gewalttäter
„Ich persönlich möchte nicht in einer Straße wohnen, die nach einem Kinderschänder benannt ist“, sagte Wolfgang Fürweger (FPÖ) im ZIB2-Interview am 28. Oktober. Das ganze Land nickt und lässt die Frage aus, wie viele Straßen denn noch nach Männern benannt sein könnten, die Kinderschänder sind oder waren oder Gewalttäter anderer Art. Oder die Frage, bei wie vielen Männern, nach denen Straßen und Plätze benannt sind, die Gewalttätigkeit auch bekannt und wissbar wäre, aber lieber ausgeblendet wird – beispielsweise weil sie solche „Genies“ sind oder waren. Oder eben „Lichtgestalten“ wie Hermann Gmeiner. Oder die bange Frage, ob man nicht das halbe Land umbenennen müsste, würde man alle Männernamen streichen, die zu Gewalttätern gehören.
Verdrängung
Nach den Fällen Gmeiner wurden übrigens weitere Fälle öffentlich: Aus Niederösterreich, Oberösterreich und aus Wien. Das verweist darauf, dass wir uns, anstatt einzelne Orte umzubenennen, eher damit beschäftigen sollten, wie wir als Gesellschaft Missbrauch ermöglichen. Wie wir mit Missbrauchsopfern umgehen, wie wenig strukturelle Unterstützung sie erfahren, wie wenig sie ernst genommen werden. Damit, welche Institutionen und strukturellen Vorbedingungen Missbrauch erst ermöglichen. In welchen sie florieren. Und was das alles mit uns als Gesellschaft zu tun hat.
Aber auch diese Fragen wollen wir lieber weg, weg, weghaben und Umbenennungen sind ein ideales Mittel zur Verdrängung, auch zur Verdrängung institutioneller und kollektiver Verantwortung. Sie tragen nichts zur Aufarbeitung bei, sie bringen keinen Lerneffekt mit sich. Es gäbe andere Möglichkeiten: Man könnte Orte, Ereignisse und Namen kontextualisieren, man könnte Verantwortung übernehmen, statt die Erinnerung an diese Verantwortung auszuradieren. Denkmäler und Namensschilder könnten zu Diskurs- und Lernorten werden, zu Mahnmalen der Erinnerungskultur. Sie könnten Missstände benennen und Veränderung anstoßen. Sie könnten einen Diskurs über die unkritische Glorifizierung öffentlicher Figuren anstoßen. Sie könnten uns als Gesellschaft mit uns selbst konfrontieren. Aber das mögen wir nicht so gern.
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.
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Infos und Quellen
Zur Autorin
Beatrice Frasl war schon Feministin, bevor sie wusste, was eine Feministin ist. Das wiederum tut sie, seit sie 14 ist. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit feministischer Theorie und Praxis – zuerst aktivistisch, dann wissenschaftlich, dann journalistisch. Mit ihrem preisgekrönten Podcast „Große Töchter“ wurde sie in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes.
Im Herbst 2022 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Patriarchale Belastungsstörung. Geschlecht, Klasse und Psyche“ im Haymon Verlag. Als @fraufrasl ist sie auf Social Media unterwegs. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Frauenpolitik auf der einen und psychische Gesundheit auf der anderen Seite. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.
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