• vom 20.11.2016, 16:42 Uhr

Alpbach

Update: 20.11.2016, 19:02 Uhr

Wirtschaftspolitik

"Die Globalisierung ist unvollständig"




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Von Teresa Reiter

  • Die Liberalisierung von Arbeitskräftemobilität fehlt und verhindert laut Cesar A. Hidalgo die größte Steigerung im Wohlergehen der Menschen.

Die Globalisierung der Personen hat noch nicht stattgefunden, meint Cesar Hidalgo. - © Luiza Puiu

Die Globalisierung der Personen hat noch nicht stattgefunden, meint Cesar Hidalgo. © Luiza Puiu

Cesar A. Hidalgo ist Professor am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) und bedient sich in seiner Forschung Methoden aus der Physik, um Wirtschaftswachstum und Wohlstandsverteilung zu erklären. Hidalgo war beim diesjährigen Europäischen Forum Alpbach zu Gast.

"Wiener Zeitung": Als Physiker ziehen Sie für Ihre Forschung über die Wirtschaft statt herkömmlicher Faktoren wie Kapital und Arbeit lieber Energie und Information heran. Welchen Beitrag können Physiker zur Wirtschaftsforschung leisten?

Cesar Hidalgo: Meine Karriere als Physiker begann während meines Doktorats, als ich mich mit Netzwerken und komplexen Systemen beschäftigte. Komplexe Systeme sind Systeme, die man nicht durch die simple Anhäufung von Informationen und Durchschnittswerte verstehen kann. Diese Systeme verfügen über Elemente, die Identitäten besitzen und bestimmte Verhaltensmuster bei der Interaktion mit anderen Elementen an den Tag legen. Es ist wie bei einem Organismus oder einer Zelle. Eine Zelle ist nicht nur ein Cocktail von Molekülen. Jedes Molekül interagiert mit einem anderen in einer bestimmten Situation auf bestimmte Weise. Die Identität der Elemente ist also von großer Bedeutung. Dasselbe kann man über die Gesellschaft und die Wirtschaft sagen. Man kann einen Koch nicht durch einen Rennfahrer ersetzen, denn das Wissen, das beide haben ist sehr unterschiedlich. Der Koch wird produktiv sein, mit den Leuten aus dem Hotel oder Restaurant, in dem er arbeitet, aber wenn man ihn in eine Stahlfirma stellt, vielleicht eher nicht. Daraus lernen wir, dass es immer vom Kontext abhängt, in dem sich jemand befindet, und wie sehr er kompatibel mit seiner Umgebung ist und nicht nur von seinen Skills.

So weit ist das noch nichts, wofür man ein einen Doktor in Physik brauchen würde …

Ich habe die Physik von Netzwerken studiert unter Verwendung vieler neuer Datenquellen. Manche dieser Datensets waren zum Beispiel Protokolle über Telefonverbindungen, anhand derer man sich soziale Netzwerke und Verhaltens- und Mobilitätsmuster der Menschen ansehen konnte. Andere enthielten Daten über internationalen Handel, etwa über Zölle und Informationen darüber, welche Länder welche Produkte exportieren. Meine Forschung zur Wirtschaft drehte sich hauptsächlich darum, wie ein bestimmter Mix an erzeugten Produkten das Einkommen eines bestimmten Landes beeinflusst, sein zukünftiges Wirtschaftswachstum und die Verteilung des Vermögens.

Wenn Sie Ihre Forschung dazu heranziehen, können Sie anhand dessen erklären, warum manche Volkswirtschaften schneller wachsen und wie sie sich typischerweise von jenen die langsam wachsen unterscheiden?

Am wichtigsten ist die Fähigkeit eines Landes sehr viele verschiedene und komplexe Produkte herzustellen. In der herkömmlichen makroökonomischen Theorie sieht man sich ein Land, eine Stadt oder eine Region anhand von Durchschnittswerten an, etwa das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, die Anzahl der Jahre, die die Bevölkerung im Schnitt in der Schule war und so weiter. Ich habe mir den Vektor aller Dinge angeschaut, die die Bevölkerung eines Landes fähig ist zu tun. Ich habe die Werte dann an vielen verschiedenen Orten verglichen und konnte damit ein Maß dafür entwickeln, wie hochentwickelt eine Volkswirtschaft ist, einerseits weil ich wusste, wie groß die Diversität der Produkte ist, aber auch, weil ich mir angesehen habe, wie selten die Produkte sind, die sie herstellen und wie divers die Produktion in Ländern ist, die dasselbe herstellen. Ist man einmal so weit, sieht man schnell, dass die Orte, die besser darin sind, sehr viele verschiedene Dinge herzustellen, dazu tendieren reicher zu sein als andere. Ihre Einkommen wachsen auch schneller. Länder wie China oder Indien etwa hatten schon vor zehn Jahren die wirtschaftliche Struktur und Fähigkeit, um ein Angebot an Produkten zu produzieren, das mit dem von Spanien oder Portugal vergleichbar war. Aber ihr Einkommen war trotzdem sehr viel niedriger. Sie waren also quasi dazu verdammt zu wachsen. Andere Länder wie etwa Saudi Arabien oder Oman tendieren dazu, zu hohe Einkommen zu haben in Relation zu dem, was sie fähig sind zu produzieren.

Sie sprechen in Ihrer Forschung auch viel von "Information" als Faktor für die Wirtschaftsleistung. Was meinen Sie damit?

In den letzten 30 Jahren erlebten wir einen enormen Fortschritt bei Informationstechnologie, der auch dazu führte, dass der Standort in vielerlei Hinsicht wichtiger wurde. Vor der Digitalisierung gab es lokale Monopole. So hatte etwa vor 50 Jahren jede Stadt in den USA ihre eigene Tageszeitung. Der Grund dafür ist simpel. Wenn man in Chicago lebte, hatte es mehr Sinn eine billige Ausgabe der Chicago Tribune an die Tür geliefert zu bekommen, als die New York Times zu bestellen, die in New York produziert wurde und per LKW zu einem kam. Heute, da man die Technologie besitzt, die Zeitung digital zu versenden, braucht da noch jede Stadt ihre eigene Zeitung? Man kann stattdessen Zeitungen für ganze Sprachgruppen haben oder für Menschen mit einer bestimmten Weltanschauung innerhalb dieser Sprachgruppe, wie die New York Times die liberale Zeitung für die USA wurde. Der Standort schützt heute also weniger vor Konkurrenz.

Manche Orte sind hingegen globale Hubs geworden …

Klar, nehmen wir das Silicon Valley. Denken Sie an Google. Wieviele Googles braucht man auf der Welt? Nur eines. Wieviele Facebooks? Auch nur eines. Deshalb ist es sehr schwer, überall auf der Welt Silicon Valleys zu haben, weil Firmen sich bevorzugt dort ansiedeln, wo die Talentedichte am größten ist und wo alle Institutionen vorhanden sind, die sie benötigen. Das wäre in diesem Fall San Francisco.

Was hat die zunehmende globale Vernetzung dazu beigetragen, dass arme Länder schneller wachsen?

Ich glaube sie hat ziemlich viel dazu beigetragen, denn die Volkswirtschaften, die über die letzten 20 oder 30 Jahre am meisten gewachsen sind, waren Entwicklungsländer. Das war zuvor nicht der Fall. Das hat damit zu tun, dass die Globalisierung dazu führte, dass ein Land in die Produktionskette eines Produkts springen konnte, ohne die ganze Wertschöpfungskette und alle Fähigkeiten und Rohstoffe, die dafür nötig sind, im eigenen Land haben zu müssen. Ein Land kann ein T-Shirt designen, sich um die neueste Mode kümmern, ein Land kann die Textilien herstellen, eines kann das Ding nähen und transportieren kann es wieder jemand anders. Aber wenn wir über Globalisierung sprechen, sprechen wir über drei Dinge: Globalisierung des Produkts, des Kapitals und der Arbeitskräfte. Diese dritte Globalisierung, die Globalisierung der Personen hat noch nicht stattgefunden. Und diese ist es, die wahrscheinlich die größte Steigerung im Wohlergehen der Menschen herbeiführen würde.

Dafür gibt es aber momentan nicht sehr viel Hoffnung, meinen Sie nicht?

Ja, das Problem ist, dass die Arbeitskräftemobilität politisch sehr kontrovers ist, denn am meisten würden die Länder davon profitieren, die nun die niedrigsten Einkommen haben. Wir leben also in einer Welt, in der die Globalisierung unvollständig ist. Man kann Güter transportieren und Kapital, aber mit den Arbeitskräften wird es dann schwierig. Für die meisten Menschen ist es illegal, in den meisten Ländern zu arbeiten. Arbeit ist kein allgemeines Menschenrecht. Arbeit ist ein Recht, das dir gegeben wird, weil du über eine Staatsbürgerschaft verfügst oder über ein Arbeitsvisum. Letzteres ist sehr schwer zu bekommen. Die Globalisierung hat also einiges dazu beigetragen, die Produktion und Distribution von Gütern zu liberalisieren, und das hat ein wenig zur Angleichung zwischen armen und reichen Ländern geführt, aber was die Weltwirtschaft davon abhält, wirklich inklusiv zu werden, ist dass die Liberalisierung von Arbeitskräftemobilität fehlt.

Würden Sie also einem Land mit niedrigem Einkommen morgen als Wirtschaftsberater zur Verfügung stehen müssen, was ist es, das Sie raten würden?

Ich würde viel aggressiver Grenzen öffnen. Das kann in Entwicklungsländern oft leicht auf unilateralem Weg geschehen. Es würde es leichter für Menschen aus aller Welt machen, dort hin zu reisen. Ich sehe auch keinen Grund, warum ein Land mit einem mittleren oder niedrigen Einkommen keine offenen Grenzen haben sollte. Menschen, die sich das Reisen leisten können, sind meist wohlhabender und oft auch gebildeter. Der Effekt wäre es also, gebildete Menschen ins Land zu bekommen. Aber man muss auch verstehen, dass sich die meisten Länder in einer sehr einzigartigen Situation befinden. Ich würde keine Pauschalratschläge austeilen. Ich habe einige Zeit in Saudi Arabien gearbeitet und das Land öfter besucht. Ich verstehe jetzt, dass jedes Land selbst am besten um die speziellen Umstände, Bedürfnisse und Probleme Bescheid weiß, als jeder Außenseiter das könnte. Ich glaube, in den meisten Fällen ist es wichtig, dass Entwicklungsländer die Unterstützung und Eigenständigkeit haben, um selbst mit ihren Problemen fertigzuwerden und indigene Entscheidungen zu treffen.

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Dokument erstellt am 2016-11-20 16:43:35
Letzte nderung am 2016-11-20 19:02:10




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