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Besprechungen
Hebel & Draesner

Hebel, Johann Peter: Kästchengeschichten

Von Rolf-Bernhard Essig

"Kästchengeschichten", neu gelesen.

Wie anregend, in einem alten Buch Notiz-Lesefrüchte von Vorbesitzern zu finden! Manchmal erweitert sich der Dialog, dann sprechen Buch, erster und zweiter Leser schriftlich miteinander – und außerdem mit dem gerade Lesenden.

Die deutsche Schriftstellerin Ulrike Draesner lässt uns das in schönster Form erleben – in dem "Gemeinschaftswerk", das sie mit Johann Peter Hebel (1760–1826) verfasst hat. Dessen "Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreunds" gibt sie in Auswahl heraus, liest es neu und "beleuchtet literarisch" die Texte.

Schon Hebels Kalendergeschichten bergen unter glatten Wortdeckeln kunterbunte, komplexe und klarsichtige Erkenntnisse ohne Mindesthaltbarkeitsdatum. Mit Draesners Antworten zusammen, die oft so lang sind wie Hebels Werklein, vermehrt sich der Schatz in dem Kästchen, gerade weil sich das Zwitterwesen aus Text und Widertext als geistiges "Stoß-mich-zieh-dich" erweist.

Hebel hat, wie Draesner weiß, "eine eigene Art zu verstören und zu trösten – mit Bildern an der Wand". Sie pflegt weder Nachgeborenenstolz noch literaturfromme Verehrung, nimmt Hebel vielmehr lustvoll ernst und setzt ihn ein, um produktive Erwachsenen-Verwirrspiele zu inszenieren.

Draesner liest "Postkarten von früher an heute". Wir lesen mit, zücken den Stift, um mitzusprechen. So wie sie haben wir es ja nicht gelesen. Aber durch ihre Lektüre lesen wir erneut, anders, genauer. Ping geht es und pong, als sinniges, sinnliches Hin und Her: der Leser gegen ein gemischtes Doppel. Oder eher mit ihm? Er kann ja gar nicht verlieren.

Fortan wird er überall Kästchen sehen und ihren Inhalt erforschen wollen. Die ganze Welt ein einziger Raritätenkasten.

Schon Gott forderte Noah auf, einen Kasten zu bauen, der – nach dem lateinischen "arca" – Arche heißt. Und das ursprüngliche hebräische Wort "teba" bedeutet – als sei es ein Geschenk an Hebel & Draesner – "Wort", "Kasten" und "Kästlein".

Johann Peter Hebel: Kästchengeschichten. Ausgewählt, neu gelesen und literarisch beleuchtet von Ulrike Draesner. Libelle Verlag 2009, 140 Seiten, 17,40 Euro.


Printausgabe vom Samstag, 02. Jänner 2010
Update: Montag, 04. Jänner 2010 15:42:00

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