Als Pascal Ntakirutimana nicht mehr töten will, geht er auf den Markt. Er lässt sein Gewehr im Lager liegen und ruft seinen Kameraden zu, dass er etwas Gemüse besorge. Auf dem Rückweg macht er sich davon. Er beginnt zu rennen, bekommt Panik, er ist jetzt ein Deserteur und wenn man ihn entdeckt, wird man ihm die Kehle aufschneiden.
Endlich, nach zweistündigem Kraftmarsch durch den kongolesischen Busch, erreicht Pascal einen Stützpunkt der Vereinten Nationen. Blauhelm-Soldaten bringen ihn über die Grenze nach Ruanda, in seine Heimat.
Krieger wird Bürger
"Was geschehen ist, ist geschehen", sagt Pascal Ntakirutimana. Seine Flucht ist einige Wochen her, seitdem lebt er im Demobilisierungscamp Mutobo. Hier soll aus dem Buschsoldaten wieder ein ruandischer Bürger, aus einem Mörder wieder ein anständiger Mensch werden. Das Demobilization and Reintegration Centre Mutobo besteht aus einem Dutzend Wellblechhallen inmitten eines idyllischen, von Flüssen durchzogenen Tals. Zäune gibt es keine, die Ex-Kämpfer sollen sich nicht als Gefangene fühlen. Und die Botschaft nach draußen, an die Bauern und Teepflückerinnen lautet: Vor diesen Männern muss niemand mehr Angst haben. Der Horror findet anderswo statt.

Nur ein paar Kilometer vom Camp entfernt ragen mächtige Vulkane auf. Sie bilden das 4500 Meter hohe Virunga-Massiv, das die Grenze zur Demokratischen Republik Kongo markiert. Dort, auf der anderen Seite der Berge, tobt - von den westlichen Medien größtenteils ignoriert - der schwerste militärische Konflikt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Mehr als 5,3 Millionen Menschen sind in den vergangenen 15 Jahren getötet worden, zwei Millionen befinden sich auf der Flucht. Als "one of the worst places to live" hat die "New York Times" den Ost-Kongo bezeichnet.

Allerdings, und hiervon handelt diese Geschichte, könnte sich das bessern. Ein Symptom dafür ist Pascals Rückkehr nach Ruanda. Zehn Jahre lang kämpfte er im Ost-Kongo in den Reihen der berüchtigten FDLR-Miliz, er bediente ein schweres Maschinengewehr, raubte und mordete.
"Es gibt viele Menschen, die ich um Vergebung bitten müsste", sagt Pascal. Der 35-Jährige spricht leise, aber er blickt einem dabei fest in die Augen. Als er seine Baseballkappe abnimmt, kommt eine helle Narbe zum Vorschein. Eine Gewehrkugel streifte Pascals Schädel. Er sei hier, sagt er, weil er "die vielen schlechten Dinge", die er gemacht habe, hinter sich lassen wolle. Dabei hilft ihm - so erstaunlich es auch klingen mag - die ruandische Regierung, gegen die er bis vor wenigen Wochen noch Krieg führte.

Pascal hockt in einer zugigen Halle, der Boden besteht aus blanker Erde. Vorne gibt es ein Podest und einen Fernseher. An den Wänden hängen Plakate des Roten Kreuzes: darauf Fotos von Kindern, die ihre Eltern in den Kriegswirren verloren haben. Um Pascal herum sitzen 30 ehemalige Buschkrieger. Sie warten darauf, dass der Unterricht beginnt, oder wenn man so will: die Umerziehung. Drei Monate lang müssen sie sich Vorträge über das neue Ruanda anhören. Sie sollen nun den Frieden (kennen) lernen, nachdem die Hälfte ihres Lebens bisher aus Krieg bestanden hat.

Fast alle Männer kämpften in der FDLR. Die Miliz marodiert seit mehr als einem Jahrzehnt durch den Kongo und besteht aus Ruandern, die zur Volksgruppe der Hutus gehören. Ihr Ziel ist der Sturz des ruandischen Präsidenten Paul Kagame im Nachbarland. Denn Kagame ist ein Tutsi und er versklavt und tötet alle Hutus - so behauptet es zumindest die FDLR. "Unsere Kommandanten sagten, wir könnten einzig als siegreiche Kämpfer nach Ruanda zurückkehren", berichtet Pascal.
Ruandas Modernisierung
Die Chancen dazu stehen allerdings schlecht. Paul Kagame treibt in Ruanda eine wirtschaftliche und soziale Modernisierung voran, die in Afrika ihresgleichen sucht. Trotz seines autoritären Führungsstils wird er international geschätzt, insbesondere die USA stützen ihn. Und so hat sich die FDLR im Kongo einem einträglicheren Geschäft zugewandt. Sie kontrolliert einen Teil der Coltan-Minen. Das Erz wird zur Herstellung von Handys, Digitalkameras und Laptops benötigt, ein Drittel der weltweiten Reserven vermutet man im Kongo.
Auch das ist ein Grund, warum die FDLR sich so lange halten konnte - und nun verstärkt von kongolesischen Truppen angegriffen wird. Westliche Firmen kollaborieren mit den Konfliktparteien und verlängern so den Krieg. Zwischen den Fronten vermitteln 20.000 UN-Blauhelme, agieren aber weitgehend hilflos. Die Massenvergewaltigung von 500 Frauen Ende vergangenen Jahres durch FDLR-Kämpfer konnten sie ebenso wenig verhindern wie die regelmäßigen Plünderungen und Massaker. "Es ist so sinnlos, was ich im Kongo getan habe", sagt Pascal.
Mordmaschinerie
Um die Sinnlosigkeit im Leben von Pascal Ntakirutimana und das Elend im Ost-Kongo zu verstehen, muss man 17 Jahre zurückgehen. Am Anfang der zentralafrikanischen Tragödie stand der ruandische Genozid. Am 6. April 1994 ordnete die Hutu-Regierung Ruandas an, dass die Minderheit der Tutsis auszurotten sei. Die "Kakerlaken" sollten "zertreten" und die "Gräber bis zum Rand gefüllt" werden. Selbst als die Mordmaschinerie schon in vollem Gange war, verharrte die internationale Gemeinschaft noch in der passiven Logik ihrer Friedensmissionen. Man wollte nichts hören, nichts sehen und schon gar nicht eingreifen. Eine Million Menschen wurde getötet, und es wären weitaus mehr geworden, wenn nicht die Tutsi-dominierte Rebellenarmee Rwandan Patriotic Front (RPF) das Morden nach 100 Tagen beendet hätte.