• Artikel vom 28.10.2011, 14:00 Uhr

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Update: 28.10.2011, 14:36 Uhr
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Eine Frau mit vielen Ichs


Von Birgit Schwaner
  • Die spanische Sängerin Marie-Thérèse Escribano lebt und arbeitet seit 1955 in Wien. Ihre Auftritte sprengen alle Genregrenzen und leben von der befreienden Respektlosigkeit ihres Humors.

Marie-Thérèse Escribano, Künstlerin und Philantropin.

Marie-Thérèse Escribano, Künstlerin und Philantropin.© Copyright: Maria Frodl / Photographer: Maria Frodl Marie-Thérèse Escribano, Künstlerin und Philantropin.© Copyright: Maria Frodl / Photographer: Maria Frodl

Ein Freitagabend Mitte Oktober, trübgraues Wetter. Doch Dunkelheit, Kälte und Nebel sind hier ausgesperrt: Der Raum ist hell, hoch, an der Decke ein großer Ventilator; von der Theke her leises Gläserklirren, und aus Lautsprechern klingt, leicht zerknistert, ein 50er-Jahre-Schlager und fordert, in frischer Unschuld, auf, "ein bisschen mit nach Italien" zu kommen. Auf dicht gereihten Sesseln warten rund 50 Zuschauer vor einer kleinen Bühne. Ein paar weitere sitzen an der Bar. Mehr hätten hier auch kaum Platz. Hier: im "Dorf" - dem multikulturellen Veranstaltungsort im Wiener Weißgerberviertel, dessen engagierten Betreibern es seit zehn Jahren gelingt, den eher toten Winkel an der Schnellbahntrasse, nah dem Donaukanal, mit Ausstellungen, Straßenfesten, Konzerten und Kabarett aufs Interessanteste zu beleben.

Information

Marie-Thérèse Escribano ist mit ihrem Programm "Ich bin ein Vorbild" demnächst im Theater Drachengasse, 1010 Wien, zu sehen (Reservierungen unter Tel. 513 14 44). Termine: 15., 16., 18., 19., 22. und 23. November, 6. und 7. Dezember. Weitere Informationen, auch zum nächsten "Stimmbefreiungs"-Workshop s. die Homepage der Künstlerin

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Jetzt betritt Marie-Thérèse Escribano die Bühne und beginnt, stehend, zu erzählen. Erster Anknüpfungspunkt: der eben gespielte Schlager - "aus dem Jahr 1955, als ich nach Wien kam". In den folgenden eineinhalb Stunden kommen einige ihrer Zuhörer und Zuhörerinnen kaum mehr aus dem Lachen heraus, andere halten immer wieder inne, nachdenklich werdend.

Blicke auf Wien
Immerhin: Was den Homo Austriacus (besonders in seiner wienerischen Variante) angeht, hat man es mit einer Expertin zu tun. Nonchalant, mit leichtem spanischen Akzent, feinst nuancierter Ironie (kein Zwischenton entgeht ihren Ohren) schildert sie ihr Sujet aus der Perspektive einer Ethnographin - wahlweise: Reisenden, Künstlerin, Ausländerin -, jedenfalls Feldforscherin, die versucht, die Sitten und Bräuche eines ihr durch ihren eigenen kulturellen Hintergrund nur halb verständlichen Stammesvolks zu deuten. Mit anderen Worten: Marie-Thérèse Escribano, vor rund 85 Jahren geboren in Paris, aufgewachsen in Madrid, erzählt, was sie in Wien sah und erlebte, als sie vor 56 Jahren hierher kam, um Gesang zu studieren. Titel: "Kommt mir spanisch vor".

So erfährt das p.t. Publikum etwa vom Deutschprofessor in Ma-drid, einem Berliner, der der jungen Frau die Mentalität der Wiener nahebringt: Diese seien nämlich "sensibel wie der Flügel eines Schmetterlings". Wer etwas wünsche, etwa eine Auskunft, dürfe hier nicht, wie in anderen Ländern, sein Gegenüber sofort fragen, sondern müsse sich dafür entschuldigen, dass er den Anderen mit seinem Anliegen belästige. Und: "Seien Sie großzügig mit den Titeln, wundern Sie sich nicht, lassen Sie sich von einem ,Dr. Dr. Dr. nicht einschüchtern."

Natürlich sind dies - noch immer nicht ganz unwahre - Klischees, aber bei Marie-Thérèse Escribano, der es komödiantisch gelingt, die Verwunderung und das Staunen der jungen, "zuagrasten" Gesangsstudentin zu vermitteln, wirken sie wie eine frische Erfahrung - und sind doch nur der Auftakt einer bunten Folge von Szenen aus dem Wien von 1955/56, den Jahren des Wiederaufbaus, des Abzugs der Besatzungsmächte, des Staatsvertrags, des Aufstands in Ungarn.

Im Gespräch erzählt Marie-Thérèse Escribano später, dass "Kommt mir spanisch vor" eigentlich eine ältere Produktion sei, die sie mit Hilfe wiederentdeckter Tagebuchtexte völlig neu überarbeitet habe. Und dass nach den letzten Aufführungen oft junge Zuschauer zu ihr kamen und sagten, jetzt könnten sie sich endlich ein Bild vom Österreich der frühen 50er Jahre machen: Kalte Winter und Armut, Essensbons, Wohnen und Einkaufen in der - billigeren - russischen Besatzungszone (solange es sie gab). Gesangslehrer, die ihren dünnen Schülerinnen empfehlen, viel Knödel zu essen. Ein Nachbar namens Sascha, auf dessen Wohnungstür jemand das Wort "Jud" geschmiert hat, und eine Zimmerwirtin namens Sedlacek, die kommentiert: "Das ist doch nur ein dummer Bubenstreich, der Sascha wird das schon verstehen und lachen; die Juden sind ja Intelligenzler." Aber auch einen "enormen Hunger nach Kultur" beobachtete die junge Sängerin und fühlte sich mit offenen Armen empfangen.

Seither ist viel Zeit vergangen, in der sich Marie-Thérèse Escribano als akklamierte Schönberg-Interpretin und als "feste Größe" der Wiener Kleinkunstszene etabliert hat. Ungebrochen, mit wachem Geist und jungem Temperament, denkt sie auch mit 85 nicht ans Aufhören, nein, eigentlich müsse sie öfters auftreten, eine psychische Notwendigkeit fast, um glücklich zu sein - übrigens eine Erfahrung aus Kindertagen: "Soweit ich mich erinnere, habe ich gesungen", erzählt sie, "ich weiß nicht, wann es begonnen hat, vielleicht so mit acht oder zehn. Auch in der Schule hieß es oft: Sing uns was! Ich war sonst sehr schüchtern, aber wenn die anderen Schülerinnen mich aufgefordert haben, bin ich auf einen Tisch gestiegen und habe gesungen. Dann war ich wie in Trance, das war eine andere Welt. Und alle haben zu meiner Mutter gesagt, ich sei so begabt und müsse doch Sängerin werden." Und so erhielt das Mädchen, zu seiner Freude, bald Unterricht im Singen, Notenlesen und Klavierspielen.



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Schlagwörter

Kabarett, Extra, Moderne

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2011-10-27 21:41:08
Letzte Änderung am 2011-10-28 14:36:06


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