• vom 09.12.2011, 15:30 Uhr

extra

Update: 09.12.2011, 15:38 Uhr

Mondfinsternis

Astronomisches Wunderkind




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Pinter

  • Anlässlich der aktuellen Mondfinsternis eine Erinnerung an Johannes Müller (1436-1476), der als "Regiomontan" ein berühmter Himmelsforscher wurde - und elf Jahre in Wien verbrachte.

Zwölf Sonnen- und Mondfinsternisse aus Regiomontans Kalendarium aus dem Jahre 1476, darunter auch jene von 1504 (linkes Blatt, rechts unten).

Zwölf Sonnen- und Mondfinsternisse aus Regiomontans Kalendarium aus dem Jahre 1476, darunter auch jene von 1504 (linkes Blatt, rechts unten).© Pinter Zwölf Sonnen- und Mondfinsternisse aus Regiomontans Kalendarium aus dem Jahre 1476, darunter auch jene von 1504 (linkes Blatt, rechts unten).© Pinter

Wenn der Mond am späten Nachmittag des 10. Dezember 2011 über den Wiener Horizont klettert, erleben wir den Ausklang einer Mondfinsternis mit: Etwa gegen 16.10 Uhr macht man den Erdbegleiter sehr tief im Nordosten aus, zunächst als schmale Lichtsichel. Er befreit sich langsam aus dem Erdschatten und reift bis 17.18 zur vertrauten Vollmondscheibe heran.


Johannes Müller hätte dieses Schauspiel sicher enthusiastisch mitverfolgt. Er verließ Wien vor genau 550 Jahren, um einer der wichtigsten Gelehrten des 15. Jahrhunderts zu werden.

Johannes Müller wird am 6. Juni 1436 im fränkischen Königsberg geboren, vermutlich als Spross einer wohlhabenden Müllersfamilie. Rasch entpuppt er sich als Wunderkind. Schon mit elf studiert er an der Universität Leipzig, nennt sich latinisiert "Molitoris" (lateinisch für: Müller) oder "Johannes de Regio Monte", also "Johannes aus Königsberg". Der Reformator Philipp Melanchthon wird später rückblickend vom großen "Regiomontan" sprechen.

Mathematisches Talent
Johannes verblüfft die Leipziger Professoren mit seiner mathematischen Begabung. Auf der Suche nach versierten Lehrmeistern übersiedelt er im Februar 1450 nach Wien, wo Georg von Peuerbach unterrichtet. Der renommierte Oberösterreicher macht den fränkischen Studenten mit der Wiener Instrumentenbaukunst vertraut.

Am 3. September 1457 verfolgen die beiden Gelehrten eine Mondfinsternis mit. Sie wissen: Alle Betrachter, wo immer sie auch weilen mögen, sehen deren Phasen gleichzeitig. In Wien endet die Finsternis knapp vor Mitternacht; für weiter im Westen weilende Betrachter ist es dann aber erst später Abend. Im fernen Osten graut hingegen schon bald der Morgen. Finsternisse erlauben es daher, die jeweilige geografische Länge abzustecken; ein Glücksfall für Astronomen und Kartografen.

Seit langem schon vermessen die beiden Männer den Lauf der Wandelgestirne. Das ist keineswegs selbstverständlich. Allzu lange hat man die Wahrheit fast ausschließlich in Büchern gesucht. Aber auch die beiden Humanisten blättern ganz begeistert in den Schriften alter Meister. Häufig stoßen sie dabei auf Fehler, die sich beim mehrfachen handschriftlichen Kopieren oder beim Übersetzen eingeschlichen haben. Bei der Fahndung nach dem antiken Wissensschatz wollen die Gelehrten daher möglichst zu den Originalen vordringen.

Flüchtlinge aus dem untergegangenen Byzantinischen Reich bringen alte Handschriften mit. 1453 ist Konstantinopel gefallen. Zuvor hat man eine bisher unbekannte griechische Abschrift der Mathematike Syntaxis entdeckt und nach Rom gebracht: In diesem Lehrbuch aus dem 2. Jh. n. Chr. hielt Claudius Ptolemäus den Wissensstand der antiken Astronomie fest. Die Araber nannten es Almagest. Auch das Weltbild des 15. Jh. fußt noch darauf: Alles kreist tagtäglich um die vermeintlich im Zentrum des Kosmos ruhende Erde. Doch von diesem grundlegenden Werk des Ptolemäus existieren nur unzureichende Übersetzungen. Daher ersucht Kardinal Bessarion den Astronomen Peuerbach um einen fachgerechten Auszug.

Der Oberösterreicher stimmt zu, stirbt aber schon 1461. Magister Johannes Müller will den Auftrag vollenden. Deshalb verlässt er Wien im Herbst 1461, nach mehr als elfjährigem Aufenthalt. Nirgendwo wird er noch so lange verweilen können. In Rom trifft er herausragende Humanisten und kopiert Handschriften in der reichen Privatbibliothek des Kardinals. Er stellt den Auszug aus dem ptolemäischen Almagest fertig und widmet sich dann der Berechnung von Dreiecken - auf dem ebenen Zeichenblatt ebenso wie an der Himmelskugel. In Ungarn erweitert er die berühmte Bibliothek des Königs Matthias Corvinus, die über 5000 Werke umfassen wird. Nach Aufenthalten in Ofen (ungarisch: Buda), Gran (Esztergom) und Pressburg zieht es ihn aber wieder in seine fränkische Heimat.

"Zentrum Europas"
Dort fällt die Wahl auf das an Privilegien reiche Nürnberg, das für Müller "gleichsam das Zen- trum Europas" bildet. Die "Weltläufigkeit" seiner vielen Kaufleute verspricht leichten schriftlichen Gedankenaustausch mit Gelehrten anderer Metropolen. Nürnbergs mächtige, alles überragende Burg erinnert an jene Zeit, als die Kaiser noch von Ort zu Ort zogen und gleichsam "vom Sattel aus" regierten. Selbst die Reichskleinodien werden hier aufbewahrt; "für alle Zeiten", wie verfügt ist. Später landen sie dennoch in der Wiener Schatzkammer.

Wie Johann Gabriel Doppelmayr 1730 rückblickend festhält, macht sich Müller in Nürnberg "wegen seiner besonderen Gelehrsamkeit gar bald sehr beliebt". Der Patrizier Bernhard Walther, ein "Mann von großen Mitteln", ist ebenfalls ein Freund der Sterne. Er wohnt am Hauptmarkt, wo auch Müller Quartier bezieht. Hier ragt damals bereits der Schöne Brunnen auf: Er sieht aus, als wolle er eine Kirchturmspitze imitieren. Ein Teil seiner 40 prächtig bemalten Figuren symbolisiert die Sieben Freien Künste, deren Studium Johannes Müller in Wien abgeschlossen hat. Die Figur des Ptolemäus steht etwa für die Himmelskunde, jene des Euklid für die Geometrie.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-12-09 13:54:22
Letzte Änderung am 2011-12-09 15:38:31



Werbung




Werbung


Werbung