
Carla Del Ponte: Nein, ich halte Vorträge, an Universitäten in Basel, Genf. Es gibt ja nicht viele, die internationales Strafrecht aus der Praxis kennen. Aber heute beim Frühstück habe ich mir gedacht, ich muss aufhören, sonst wird das nichts mit dem Ruhestand. Ich will die Zeit schließlich genießen.
Fahren Sie noch Autorennen, wie früher mit dem Sportwagen auf dem Hockenheimring?
Ein Freund von mir hat sich einen neuen Porsche gekauft und wollte mich Probe fahren lassen. Da wusste ich: Das ist mir zu schnell, das war eine Sache meiner Jugend. Jetzt habe ich einen Volkswagen, musste allerdings schon Strafe zahlen wegen überhöhter Geschwindigkeit.
Hat Ihnen Ihr Mut zum Risiko geholfen, gegen Kriegsverbrecher wie den serbischen Präsidenten Slobodan Miloević zu ermitteln?
Ich habe das nie als Mut empfunden. Ich habe mein Leben lang ermittelt und das durchgezogen. Natürlich musste ich kämpfen, aber das war kein besonderes Verdienst, eher großes Glück.
Verfolgen Sie noch, was am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag geschieht?
Ich interessiere mich sehr für "mein" Tribunal. Es sind ja noch meine Anklageschriften, die in den Prozessen zur Anwendung kommen.
Der angeklagte General Mladić, verantwortlich für das Massaker von Srebrenica, ist angeblich schwerkrank. Nehmen Sie ihm das ab oder glauben Sie, er will sich vor der Verantwortung drücken?
Nein, die Jahre auf der Flucht haben ihm schon sehr zugesetzt. Das habe ich mehrere Male erlebt. Als Zdravko Tolimir, Offizier der bosnischen Serben, verhaftet wurde, hieß es, der liegt im Sterben. Aber jetzt geht es ihm gut, auch Mladić hat die besten Ärzte, genießt die beste Pflege, die er je hatte. Ich hoffe, dass er bald zu Wort kommt.
Denken Sie, dass er aussagen wird?
Irgendwann reden alle. Die Prozesse dauern sehr lange, und die Angeklagten können sich nur schwer zurückhalten. Das Erstaunliche an der Strafprozessordnung ist, dass sie schwören, die Wahrheit zu sprechen. Die, die ich erlebt habe, haben alle gelogen, dass sich die Balken biegen. Aber das gehört dazu, das sind Kriminelle.
Sie sagten einmal, Sie hätten Miloević dafür bewundert, wie er Zeugen befragte.
Er wusste, wie er sich als Präsident in Szene zu setzen hatte. Die Opfer waren einfache Leute, sie hatten Angst vor ihm. Das hat er ausgenützt. Die hohen serbischen Beamten wiederum kannte er alle, in der Befragung hat er gezielt ihre Glaubwürdigkeit untergraben. Miloević hatte mehr im Kopf als andere, deswegen ist er so weit gekommen. Solche Leute können ihre Fähigkeiten im Guten wie im Schlechten entwickeln. Miloević hat sich für das Schlechte entschieden.
Wie war das, als Sie von seinem Herztod in der Gefängniszelle erfuhren?
Ich werde mich immer an diesen Anruf erinnern, es war der 11. März 2006. Ein Samstag, ich war gerade im Tessin. Ich war wütend. Wegen der Opfer, mir kamen sofort die Mütter von Srebrenica in den Sinn, wie sie seit Jahren Gerechtigkeit forderten, und nun war alles umsonst. Persönlich war ich natürlich auch wütend, weil ich mein fast fertiges Plädoyer in die Tonne treten konnte.
Aktueller Fall Libyen. Können Sie verstehen, dass Leute ihren Diktator lieber lynchen als vor ein internationales Gericht zu bringen?
Das bereitet mir physisches Unbehagen. Das hatte ich schon bei Ceauşescu, als er nach fünf Minuten Prozess exekutiert wurde. Gaddafi haben sie noch schneller erledigt, gefangen genommen und getötet. Man hätte ihn zu den Fakten anhören, ihm eine Verteidigung gewähren müssen. Zumal Gaddafi bis vor kurzem noch überall als Staatschef empfangen wurde. Gewalt ruft immer nach neuer Gewalt, sein Tod ist ein herber Rückschlag für die internationale Justiz.
Was halten Sie davon, dass seinem Sohn Saif in Libyen der Prozess gemacht werden soll?
Ich kenne die libyschen Verhältnisse nicht, aber ich kann mir schwer vorstellen, dass so schnell eine unabhängige Justiz zusammenkommt. Am besten wäre es, wenn er nach Den Haag käme, dann wären wir sicher, dass sein Recht auf Verteidigung gewahrt bleibt. Das wird nicht passieren, Europa wird keinen Druck ausüben, niemand wird das.
In einem Aufsatz zitieren Sie Robert Jackson, den amerikanischen Ankläger bei den Nürnberger Prozessen. Er sagte, dass "nach dem gleichen Maß, mit dem wir die Angeklagten heute messen, auch wir morgen von der Geschichte gemessen werden".
Dieser Satz fasst alles zusammen, was ich denke. Wir müssen strikt dem Gesetz folgen, als Staatsanwälte dürfen wir uns keinen Fehler erlauben, niemals.
Ist Jackson ein Vorbild für Sie?
Nicht direkt. Die Prozesse von Nürnberg kennen wir aus der Schule, aus den Filmen, ich durfte auch einmal in diesem Gerichtssaal einen Vortrag halten, was mich sehr bewegt hat. Aber meine Vorbilder sind eher Leute, mit denen ich zusammengearbeitet habe.
Als Sie noch Staatsanwältin in der Schweiz waren, haben Sie an der Seite des Mafia-Jägers Giovanni Falcone ermittelt.