"Wiener Zeitung": Herr Landeshauptmann, sollen wir mit Politik beginnen, oder gibt es Themen, die Sie mittlerweile mehr interessieren? Die Jagd zum Beispiel? Oder Ihre Familie?
Luis Durnwalder: Meine Familie ist mir sehr wichtig und die Jagd gefällt mir auch, aber obwohl ich demnächst in Pension gehe, erfüllt mich die Politik noch immer mit Leidenschaft. Wenn ich schon morgen gehen müsste, würde ich heute noch einen Baum pflanzen, selbst wenn jemand anderer die Ernte einfährt.
Ihr politisches Talent hat sich sehr früh gezeigt, u.a. waren Sie Präsident der Südtiroler Hochschülerschaft. Haben Sie schon als junger Mensch mit einer politischen Karriere spekuliert?
Ich habe mich nicht auf eine politische Tätigkeit vorbereitet, ich bin hineingewachsen. Parteipolitik hat mich höchstens als Mittel zum Erreichen politischer Ziele interessiert. Erst als ich Bürgermeister wurde, bin ich in die SVP eingetreten. Ich bin kein Partei-Ideologe und kann es nicht ausstehen, wenn Lösungen zerredet werden, deshalb habe ich mich geweigert, Parteiobmann zu werden. Wichtig war mir immer die praktische Verwaltung, die Regelung und Lösung von Problemen. Und Probleme hat es in Südtirol viele gegeben.
Sie sind seit 1989 Landeshauptmann. Haben sich Ihre Erwartungen und politischen Pläne erfüllt?
Es ist vieles geschehen, was ich nicht zu träumen gewagt hätte, und wir haben viel erreicht, was nach dem Abschluss des Autonomie-Paketes mein Vorgänger Magnago und Co. nicht umsetzen konnten. Als ich angetreten bin, war Südtirol noch Uganda, wir hatten nichts, es gab Entwicklungskonzepte aus Deutschland für unsere Region. Unter den 100 italienischen Provinzen lagen wir wirtschaftlich an 92. Stelle. Heute sind wir die Nummer eins. Es ist uns gelungen, die Abwanderung aus den ländlichen Gebieten weitgehend zu verhindern, den Bauern Nebenerwerbs-Einkommen zu verschaffen, die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Wir konnten das Zusammenleben von drei Sprachgruppen - Deutsch, Italienisch, Ladinisch - auf friedliche und für alle befruchtende Weise regeln. Natürlich war das nur im Rahmen der Autonomie möglich - und man muss sehr aufpassen, dass dieser in der derzeitigen ökonomischen Krise nicht wieder enger geschraubt wird.
Dazu braucht es Verhandlungsgeschick. Sie sind ja ein begeisterter Kartenspieler. Dabei ist die Psychologie ein wichtiger Faktor. Gehört auch Bluffen zum politischen Geschäft?
Es ist wichtig zu wissen, wann man einen Trumpf ausspielt, einen solchen habe ich meistens im Ärmel. In der Politik, nicht beim Kartenspielen. Bei allen politischen Verhandlungen tritt man zuerst mit einer Maske an, wägt ab, was möglich ist, legt nicht gleich alles offen. Wenn die wichtigsten Punkte ausgehandelt und die vorrangigen Ziele erreicht sind, kommt das Gespräch oft auf eine zwischenmenschliche, offenere Ebene. Dabei obliegt es immer dem Ranghöheren, als Erster die Maske abzunehmen. Mit Regierungschef Mario Monti habe ich eine gute Gesprächsbasis. Wenn ich von Verhandlungen auch nicht mit einem Freibrief zurückkehre, die ganze Liste unserer Forderungen durchsetzen zu können, so wird es dennoch akzeptable Annäherungen geben.
Was macht Ihren politischen Instinkt aus?
Ich kann mein Gegenüber schon in den ersten Minuten eines Gespräches gut einschätzen, habe einen ziemlich genauen Blick für seine Stärken und Schwächen, merke schnell, wo die Empfindlichkeiten liegen. Und ich spüre sofort, wo ein Weg offen ist und wo ich auf Stein beiße. Das ist wichtig, um Verhandlungen in eine zufriedenstellende Richtung zu lenken.
In Österreich wird der Mangel an herausragenden Politikerpersönlichkeiten oft auf die Sozialpartnerschaft zurückgeführt. Man ist konfliktscheu bzw. trägt nur noch Konflikte aus, deren Ausgang man ohnedies kennt. Wie gehen Sie mit Konflikten um?
Wer sich scheut, Konflikte auszutragen, der erstarrt, wird politisch inaktiv und erpressbar. Ich habe die Repressalien der 1960er und 70er Jahre gegenüber der österreichischen Minderheit in Italien miterlebt. Für mich war es meine vorrangige Aufgabe, die Errungenschaften des Autonomie-Paketes praktisch umzusetzen. Ohne Konfliktbereitschaft wäre das nicht möglich gewesen. Es braucht in der Politik den Mut, Entscheidungen zu treffen, selbst auf die Gefahr hin, dass man dabei Fehler macht. Wer nie Entscheidungen trifft, macht gar nichts richtig.
Denken Sie jetzt gegen Ende Ihrer politischen Karriere über Fehler nach?
Ja, aber geänderte Einschätzungen ergeben sich oft aus dem Wandel der Zeit. Man muss lernfähig sein, sich den Entwicklungen anpassen, sonst geht es einem wie bei der Evolution, man stirbt aus. Es gibt Themen, wo ich vom Saulus zum Paulus geworden bin, zum Beispiel bei der Universität in Bozen. Früher war ich wegen der Tiroler Landeseinheit dagegen, jetzt bin ich ein eifriger Befürworter, sie hat viele positive Entwicklungen gebracht. Ich bin auch dafür, dass unsere deutschstämmigen Kinder so früh wie möglich Italienisch lernen. Wenn sich die Umstände ändern, kommt man oft zu neuen Erkenntnissen.
Haben Sie in Ihrer politischen Laufbahn neue Erkenntnisse über das Thema Macht gewonnen?


